Drei Bücher von … Martin

Wir möchten euch in dieser Ausgabe drei Bücher ans Herz legen, die uns inspiriert haben und begleiten. Dieses Mal von Martin A. Ciesielski:

Jenny Odell – How to do nothing – Resisting the Attention Economy

Einige von euch wissen bestimmt, dass ich mich im wahrsten Sinne des Wortes für Nichts interessiere. Diese Art des anregenden Desinteresses führte mich vor gut zwei Jahren zur Gründung von the school of nothing, wodurch ich zwischenzeitlich vielen wundervollen Menschen und Projekten begegnet bin, die die Philosophie von the school of nothing bereicherten, fortlaufende Ideen und Impulse hineingaben, aber auch Ideen und Inspirationen für die eigenen großen und kleinen Nichtigkeiten mitnehmen konnten.

Umso schöner, als ich vor einigen Monaten auf dieses ebenfalls sehr inspirierende Buch der kalifornischen Designerin Jenny Odell gestoßen bin.

Darin beschreibt sie einerseits ihre sehr persönlichen, eigenen Momente des Müßiggangs und Nichtstuns (im Park oder beim Bird Watching – oder bei beidem gleichzeitig) – entwickelt daraus aber auch Gedanken dazu, wie wir im digitalen Zeitalter kontemplative Zustände erreichen, die eine Leere erzeugen, in der sich tiefe Einsichten und emotionale Erfahrungen ereignen können. Erlebniswelten, die von der digitalen Welt nicht zwangsläufig hervorgebracht oder unterstützt werden, teilweise sogar verhindert werden.

Wie können wir es schaffen, uns all den Angeboten um uns herum, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren, zu entziehen? Wie können wir zu einer positiven Haltung des Nichttuns kommen, solange wir einen Zwang zum Produktivsein spüren? Wie könnten wir zu einem Recht auf Nichtstun gelangen?

Gerd Scobel – Nicht Denken

Wer kennt ihn nicht, den guten Scobel. Gert Scobel mit seinen Beiträgen zum Denken, zur Philosophie und dem Menschsein in all seinen Facetten?

Doch was ist der Mensch, wenn er nicht denkt? Was kann ein Nicht Denken überhaupt sein? Kann unser Gehirn nicht denken? Oder ist es wie mit der Kommunikation, bei der wir ja bekanntlich nicht nicht kommunizieren können.

Scobel geht es in diesem Buch weniger um die Frage, ob wir unser Gehirn quasi ausschalten können, sondern vielmehr darum, ob wir andere Zustände und Qualitäten unseres Denkens bislang nicht ausreichend trainiert und entwickelt haben.

Qualitäten, die wir unter anderem durch Meditation erfahren können. Qualitäten, die es uns ermöglichen, in den ebenfalls in fernöstlichen Philosophien beschriebenen Zustand des Wu Wei einzutreten. Das Tun, ohne zu Tun. Das Eintreten in Flow-Zustände und die Kunst des Loslassens. Somit geht es in diesem wundervollen Buch weniger um das Denken, das nicht stattfindet, als um das Denken, das das Nichts denken kann und sich somit für andere und tiefere Formen des Denkens und Erkennens öffnet. Gut zu lesen, wenn man sich mal wirklich Nichts vornehmen will.

Clarice Lispector – A Breath of Life

Anni Lattunen, eine Bewegungskünstlerin aus Finnland brachte mich im Rahmen unserer Zusammenarbeit für the school of nothing mit dieser atemberaubenden Schriftstellerin zusammen.

Während meine anderen Buchtipps eher Sachbücher sind (auch wenn Jenny Odell in „How to do nothing“ sehr persönlich schreibt und viele anschauliche Geschichten erzählt), so ist dieser Roman von Clarice Lispector eine kraftvolle, poetische Reise in das menschliche Sein und Nicht-Sein.

Eine sprachliche Reise in unser innerstes Selbst, die so wunderbare Worte findet, dass es mir manchmal schwer fiel, mehr als ein bis zwei Seiten am Stück zu lesen.

Was ist Fiction, was Realität, wer denkt und wer ist erdacht, wird bis zum Schluss in der Schwebe gehalten und dadurch zu einem intensiven Mit-Erleben zutiefst menschlicher Fragen und Gefühlszustände. Im Angesicht der Schönheit und des Schreckens des Nichts.

In Ruhe Nachklingen lassen und das gelegentliche Augenschließen gehört zu dieser Lektüre dazu. Eine schreckliche Schönheit.


Bereits in der Serie „Drei Bücher von …“ vorgestellt:

3 Bücher von … Marion
3 Bücher von … Franziska
3 Bücher von … Gerhild

Mehr Buchempfehlungen findet ihr hier.

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MARTIN A. CIESIELSKI

von

Hi, ich bin Martin, und enfant terrible bei LES ENFANTS TERRIBLES ;) Als leidenschaftlicher Wirtschaftsnarr, suche ich nach digitalen Wahrheiten, finde analoge Verrücktheiten und spiele, wenn es drauf ankommt, bis zum Abwinken Improvisationstheater. Für mich wurden Bücher und Geld erfunden, Kinofilme über Paten und dunkle Ritter gedreht und Berlin-Neukölln erbaut. Momentan beschäftige ich mich ausgiebig mit: NICHTS.