Drei Bücher von … Gerhild

Wir möchten euch in dieser Ausgabe wieder drei Bücher ans Herz legen, die uns inspiriert haben und begleiten. Dieses Mal von Gerhild Vollherbst.

Marge Piercy: Er, sie und es. 

Dieses Buch hat Marge Piercy, eine US-amerikanische Schriftstellerin und Feministin, vor 30 Jahre geschrieben und ich habe es in dieser Zeit drei Mal gelesen – immer wieder habe ich neue Anknüpfpunkte darin gefunden, die mich zu dieser Zeit gerade bewegten. Diesmal ist es vor allem das Verhältnis Mensch – Maschine. Und, wieder einmal, die Möglichkeitsräume von Verbindung und Resonanz zwischen Menschen, insbesondere in einer technisierten Welt. 

Es ist ein Roman mit zwei Erzählsträngen: Der eine erzählt vom Leben im jüdischen Ghetto im Prag des 16. Jahrhunderts. Rabbi Judah Löw befürchtet ein neues Pogrom durch die christliche Stadtbevölkerung und beschließt einen Golem zu schaffen, zum Schutz der jüdischen Bevölkerung. Ein Golem ist, kurz gefasst, ein auf mystische Weise aus Lehm geschaffenes menschenähnliches Wesen, das große Kraft besitzt, und im Auftrag des Schöpfers handelt.

Der andere Erzählstrang handelt von einer Welt in der Zukunft: Im Jahre 2050 ist die Erde aufgeteilt in riesige Slumgebiete, Konzernenklaven und einzelne freie Städte, die um ihr Überleben kämpfen. So auch die Stadt Tikva, die sich gegen Viren, Cyber-Angriffe und Schimären im alles-umspannenden Netz schützt. Angesichts der Angriffe der Cyber-Konzerne entwickelt hier ein Forscher eine Mensch-Maschine mit großer Kraft und überragender Intelligenz, die im Auftrag ihres Schöpfers die Stadt beschützen soll…

Diese Gegenüberstellung der Golems in ihrer jeweiligen Form und vor allem die Verbindungen der Menschen zum jeweiligen Golem und ihre Verbindungen unter einander, ihre Auseinandersetzungen mit Gender, Menschlichkeit, Liebe, Ethik finde ich sehr spannend und gedanken-anregend.

Das zweite Buch ist soziologische Theorie – und nimmt das Thema Mensch in der technisierten Welt von einer ganz anderen Perspektive auf.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit.

Hier geht es um die Beziehung, die der Mensch zur Welt hat, wie ein menschliches Wesen sich zur Welt verhält, zu ihr in Kontakt, in Verbindung tritt. Die kapitalistische Moderne, ist, so Rosa, Soziologie-Professor in Jena, angetrieben davon, immer mehr Welt in ihre Reichweite zu bringen: sie zu erschließen, zu nutzen, zu durchdringen und zu kontrollieren, sich die Welt verfügbar zu machen. Je mehr wir Menschen darin erfolgreich sind, desto mehr verlieren wir damit jedoch die Verbindung zur Welt – sie wird verfügbar, aber stumm, auf Distanz. Gleichzeitig brauchen wir als soziale Wesen den Austausch, fühlend und denkend, emotional und taktil. Wir brauchen die Resonanz. 

Der Unterschied zwischen Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, die Notwendigkeit von Un-Verfügbarkeit für das Entstehen von Resonanz, von Lebendigkeit und Verbindung – das sind Gedanken, die mich immer wieder beim Beobachten meiner Handlungen und der Welt um mich herum beschäftigen.

Um Bedürfnisse von Menschen, vor allem in der Arbeitswelt, geht es dann auch nochmal konkret und handfest im dritten Buch:

Stephan Pfob, Janett Triskiel, Benjamin Dageroth: Wertschätzung. Ein Praxisbuch für Führungskräfte und Mitarbeiter*innen.

Ich vermute, dass nicht nur ich das Wertschätzungs-Phänomen in meiner Arbeit mit Teams in unterschiedlichen Organisationen und Unternehmen wahrnehme: der Begriff Wertschätzung hat Hochkonjunktur. Ich höre oft, dass Menschen Wertschätzung vermissen, dass sie sich nicht (genug) wertgeschätzt fühlen. Der Vorwurf wird gerichtet an Kolleg*innen, Vorgesetzte, die Geschäftsführung, das Unternehmen. 

Das Buch hilft, das Buzzword zu entmystifizieren; es bietet Definitionen, Hintergrundwissen aus wissenschaftlichen Studien, zahlreiche Literaturhinweise und schließlich ganz praktische Tipps und Übungen. Dabei geht es nicht nur um Wertschätzung an sich, sondern um etliche Faktoren für gutes Miteinander-Arbeiten – die Haltung sich selbst und anderen gegenüber, die Möglichkeiten zu lernen und kritikfähig zu sein, sich gutes Feedback zu geben oder welche Rolle z.B. Vertrauen und Sichtbarkeit in der Zusammenarbeit spielen. 

Ein lohnendes Praxisbuch, finde ich, nur eines stößt mir auf: der Begründungszusammenhang dafür. Dieser verweist nämlich wieder auf die kapitalistische Idee des Schneller-Höher-Weiter, des Sich-die-Welt-verfügbar-Machens: Nach der Lektüre könne man, so wird eingangs versprochen, „die Leistung, Motivation und Zufriedenheit am Arbeitsplatz nachhaltig (…) fördern“, und zwar mit „schnell umsetzbaren Tipps oder Ideen“, „psychologisch fundiert“. Schade eigentlich. Trotzdem hilfreich für alle, die mit und in Teams arbeiten.


Bereits in der Serie „Drei Bücher von …“ vorgestellt:
Drei Bücher von … Marion
Drei Bücher von … Martin
Drei Bücher von … Franziska

Mehr Buchempfehlungen findet ihr hier.


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