transformative bildung

Soziale Krise, ökologische Krise. Und jetzt die Sinnkrise. „Jetzt fahren wir vor die Wand, auf allen Ebenen“, sagte Margret Rasfeld, die Frau für klare Worte, Bildungsinnovatorin, Gründerin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) und Gründerin der Initiative Schule im Aufbruch. Im März trafen wir uns zum digitalen GOOD ENFANTS TERRIBLES-Tag. Thema: Die gute neue Schule. Und die treibende Frage war: Wie kommen wir ins Tun? Margret hielt einen bewegenden Vortrag, der darauf einige Antworten gab.

Für Margret ist die transformative Bildung eine absolute Bedingung, um alle weiteren Probleme unserer Gegenwart zu lösen – und auch um gutes neues Arbeiten möglich zu machen.

„Die Zukunft der Arbeit beginnt mit der Zukunft der Bildung“,

sagt sie. Und Recht hat sie.

Wir leben in einer erschöpften Arbeitswelt, aber auch in einer erschöpften Schulwelt, sagt sie. Und deshalb braucht es keine Anpassungen im bestehenden System, sondern es braucht einen Haltungswandel, nicht weniger, aber gern mehr.

Wir müssen das kritische Denken, die Kreativität, Kooperation und Kommunikation stärken, mutig, emphatisch, lösungsorientiert und solidarisch vorgehen. Verantwortung übernehmen, für uns, für andere und für den Planeten.

Gutes neues Arbeiten beginnt in der Schule

In vielen Schulen zählt noch der „heimliche Lehrplan“, wie es Margret Rasfeld nennt. Hier geht der Stoff vor dem Menschen, was die Schulpolitik aktuell bestens vorzeigt, wenn sie von einer verlorenen Generation spricht, nur weil die Schüler*innen in den letzten Monaten etwas weniger Stoff gelernt haben.

Es wird auf allen Ebenen des Schulsystems auf Kontrolle statt Vertrauen gesetzt, Schüler*innen werden bewertet, anstatt gewertschätzt. Der Blick geht immer zuerst auf die Defizite, anstatt auf die Potenziale. Schüler*innen lernen in engen, getakteten und nicht aufeinander abgestimmten Fächer-Korsetts, die der Komplexität unserer Wirklichkeit gar nicht gerecht werden können. Und es gibt nicht zuletzt eine enorme Fehler-Angst, wo es doch eigentlich Mut bräuchte.

„Dabei kommen Menschen heraus, die Angst vor Fehlern haben, was für New Work ein echtes Hemmnis ist“, so Margret. Der Mensch wird unter der Normierung und Standardisierung zum Objekt gemacht – das kennen wir auch aus vielen Unternehmen, oder?

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Und wie lange predigen wir jetzt schon, dass es Vernetzung braucht, echte Beziehungen, Kollaboration und ein achtsames Umfeld, um gut arbeiten zu können? Aber wie bitte schön sollen das die zukünftigen Generationen leben, wenn es in der Schule im Konkurrenz geht, um Einzelarbeit und Einzelnoten?

„Lernen muss sich substanziell, tiefgreifend und radikal verändern. Es braucht eine Kultur der Potenzialentfaltung und eine Vision“.

Aber diese Vision einer transformativen Bildung müsse aus der Gesellschaft kommen, sagt sie, denn die Kulturministerien seien nicht visionsfähig. In ihrem Vortrag spricht Margret auch die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung an, die Sustainable Development Goals (SDGs), die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurden.

Unter dem vierten Ziel „Quality Education“ finden sich im Endeffekt alle Forderungen an eine gute neue Schule, die Menschen alles an die Hand gibt, um zu lernen, wie sie die Welt zum Besseren verändern können. Und tatsächlich hat Deutschland diese Agenda 2017 auch mit einem Nationalen Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung auf deutscher Ebene verankert. Es ist alles da, sagt Margret, wir müssen nur noch machen.

Als Schulleiterin der Evangelische Schule Berlin-Zentrum (ESBZ) hat Margret ganz viele Elemente einer transformativen Bildung umgesetzt, hier nur ein paar Anregungen.

  • Jahrgangsmischung und eine Schule für Alle
  • Lehrer*innen werden zu Lernprozessbegleiter*innen: Einzelcoachings sind fest im Schulalltag verankert
  • Kollaboration: Schüler*innen arbeiten altersübergreifend zusammen
  • Weisheit der Vielen statt Expertentum: Jeder kann etwas beitragen, alle sind gleichberechtigt
  • Selbstorganisiert lernen: Es gibt einen Jahresplan, der zur Orientierung da ist. Die Schüler*innen entscheiden, wie und wann sie sich Wissen und Skills aneignen.
  • Demokratische Elemente wie Klassenrat und Schulversammlung
  • Achtsamkeitspraktiken wie Theater, Tanz und Meditation

Schule im Aufbruch-Formate

Projektbasiertes Lernen

Ein Tag in der Woche wird an einem Projekt gearbeitet, das jeweils auf sechs Wochen ausgelegt ist. Die Schüler*innen erarbeiten sich die Inhalte selbst, befragen Expert*innen, bewegen sich außerhalb der Schule. Die Ergebnisse werden dann auf verschiedenen Wegen – vom Straßentheater, der Ausstellung bis hin zur Podiumsdiskussion – der Schülerschaft vorgestellt.

@Jan Konitzki

Lehrfach „Verantwortung“

Schüler*innen widmen sich zwei Stunden in der Woche ökologischen oder sozialen Aufgabe im Gemeinwesen, z. B. Vorlesen in Kitas, Nachhilfe in Schulen, Urban Gardening, Computerkurse für Senioren oder Besuche im Alten- oder Flüchtlingsheim.

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Herausforderung

Die Schüler*innen sind drei Wochen lang mit 150 Euro in der Natur unterwegs. Sie lernen Konflikte zu lösen, müssen im Team arbeiten und ohne Komfort zurecht kommen. Die Jugendlichen beschreiben es als ein tiefes Naturerleben und ein Kennenlernen und Überwinden ihrer persönlichen Grenzen.

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Eine Begleitperson Ü18 ist immer dabei, oft sind es angehende Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen und Erzieher*innen. Wer auch einmal diese Aufgabe übernehmen will, kann sich gern hier melden.

Erste Schritte zur guten neue Schulen

Um überhaupt ins Machen zu kommen, hat Margret Tipps parat, die die klassischen Muster brechen. Außerdem haben unsere weiteren Speaker*innen ihre Projekte für eine transformative Bildung vorgestellt.

Schüler*innen machen Lehrerfortbildung

Die Schüler*innen zeigen Lehrer*innen, wie gutes neues Lernen aussehen kann und zeigen an ihrem eigenen Beispiel, was das bewirken kann. Die Jugendlichen kommen dazu in die Schulen und machen kleine Workshops, sie gehen aber auch auf Roadshows durch ganz Deutschland.

FREI DAY

Auf unserem GOOD ENFANTS TERRIBLES-Tag hat Tobias Feitkenhauer den FREI DAY vorgestellt, der von der Schule im Aufbruch ins Leben gerufen wurde.

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Es ist wie ein Mini-Aufbruch zur guten neuen Schule: Vier Stunden pro Woche – in der Kernunterrichtszeit – widmen sich die Schüler*innen einer jahrgangsübergreifenden Projektarbeit, die sich mit Zukunftsfragen beschäftigt. Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Feminismus – die Jugendlichen und Kinder sind frei darin, sich ihr Thema und ihre Herangehensweise auszusuchen. Projekt können sie in der Schule, in Zusammenarbeit mit der Gemeinde oder Stadt durchführen. „Sie lernen: das was ich hier jeden Tag tue, hat einen Einfluss auf die Welt“, bestätigt Tobias.

Make your school

Michael Weber stellte uns das Projekt „Make your school“ vor. Die Idee: An einem zwei- bis dreitägigen Hackday üben Schüler*innen eigenständig und selbstbestimmt an ihren Projekten zu arbeiten, die das Beste aus digitalen Kompetenzen und kollaborativer Zusammenarbeit zusammen bringen. Das Herzstück des praktischen Teils bildet das Make-Your-School-Materialkoffer-Set mit Sensoren, Aktoren, Werkzeugen, Mikrocontrollern und vielen weiteren Materialien für die Konzeption und das Hacking. Heraus kommen an einem solchen Hackday beispielsweise ein Tintenpatronen-Nachfüllautomat, ein Streusalzroboter oder ein Binden-Tampon-Automat. Alles geht, nichts muss.

Come together

Eine der drängendsten Fragen auf dem GETT war, was denn Eltern konkret tfür eine transformative Bildung tun können. Auf jeden Fall nicht auf eine der begehrten privaten Schulen ausweichen, in denen die gute neue Schule schon Wirklichkeit ist, sagt Margret „Wenn immer mehr ins Private abwandern, was bleibt dann übrig für die Regelschulen? Die soziale Spaltung wird größer, davon halte ich gar nicht viel, das sich Eltern, die es sich leisten können, ein Zweitsystem aufmachen.“

Sie plädiert dafür, ein Treffen mit anderen Eltern zu organisierten, sich darüber auszutauschen, wie jeder Einzelne die Schule wahrnimmt, was er sich wünscht. Holt auch Lehrer*innen dazu, die für einen Austausch offen sind. Und dann wird nach und nach etwas passieren, verspricht Margot, vielleicht sei die eigene Schule dann in zehn Jahren nahe an der guten neue Schule dran, sagt sie lächelnd, „es geht nur über die Herzebene“. It’s a long way, das merken wir an diesem Tag. Aber alle sind bereit, es anzugehen.

Über Grenzen hinweg vernetzen

Es gibt sie ja, die Bildungsaktiven. Aber wo sind sie und was machen sie? Enfant Terribles Anna Papadopoulos hat 2020 edusiia gegründet, das Netzwerk für Bildungsaktivist*innen. Wir haben hier mit ihr über das Projekt gesprochen, auf unserem GETT stellte sie edusiia 2.0 vor, an dem sie aktuell mit ihrem Team arbeitet.

Es soll noch mehr Möglichkeiten der Kollaboration geben, den digitalen Austausch von analogen Communities, Videochats und gemeinsame Boards. So kann edusiia ein tolles Werkzeug für Elterninitiativen sein, die über die Plattform kommunzieren und sich austauschen. Wie Margret so schön sagt: Es ist alles da, wir müssen nur anfangen.

Der #guteneueschule-Working out loud

Nachdem wir die letzten GETT-Teilnehmer*innen veranschiedet hatten, saßen wir noch bei einer virtuellen Kaffee Tasse zusammen und waren wie die anderen auch ganz energetisiert. Wir fragten uns: Wie machen wir jetzt weiter, wie nutzen wir diese Energie, die gerade in uns steckt?

Und dann hatten wir den wunderbaren Einfall, ein Mini-Working out Loud-Projekt für transformative Bildung anzustoßen (Wir haben schon hier und hier darüber geschrieben.). Es ist die perfekte Methode, um sich zu vernetzen, Projekte anzustoßen und ins Machen zu kommen. Ich habe gerade erst meinen ersten Working out loud-Circle, den Enfant Terrible Katharina Krentz und ihr Team zum Thema #frauenstärken initiierten, hinter mir und meine Erfahrungen sind noch frisch.

Jetzt, Mitte April, startete unser kleines Pilot-WOL, an dem drei Gruppen teilnehmen. Wir sind total gespannt, wie die Arbeit in den Circles in den nächsten Wochen vorankommt, wie wir unterstützen können und ob daraus noch etwas Größeres entsteht. Wir müssen nur anfangen.