starting a revolution

Frauen wirtschaften anders und handeln anders. Das macht sie unter dem Hashtag #femaleempowerment gerade zur Hoffnung einer neuen Art des Führens und Arbeitens. Lisa Jaspers und Naomi Ryland gehen in ihrem Buch „Starting a revolution“ der Frage nach, wie Frauen die Business-Welt gestalten und wie wir damit die Zukunft der Arbeitswelt gestalten können. Mit Naomi haben wir über ihre Beweggründe gesprochen.

Liebe Naomi, bei euch beiden gab es den Moment, in dem ihr das Gefühl hattet, aus dem System ausbrechen zu müssen. Könnt ihr die Situation erklären?

Naomi: Wir saßen gemeinsam auf der Couch. Ich hatte mal wieder einen schlechten Tag hinter mir und habe mich bei Lisa ausgeheult. Ich war überfordert und fühlte mich nicht gut dabei, die typische “Chefin”-Rolle einnehmen zu müssen. Ich hatte auch eine sehr herausfordernde Funding-Runde hinter mir und das hat mich auch nicht glücklich gemacht. In beiden Kontexten musste ich mich gefühlt sehr verstellen. Ich konnte nicht einfach “Naomi” sein und musste immer meine Maske aufziehen, um in die Schlacht zu ziehen. Die Konkurrenzgedanken, Turbo-Wachstumslogik, permanente Ego-Pflege und “professionelle” Distanz haben mich fertig gemacht.

Auch Lisa hatte ähnliche Erfahrungen hinter sich. In diesem Moment haben wir beschlossen, es muss anders gehen. Es kann nicht sein, dass wir – und so viele andere auch – sich so unglücklich machen im Job. Selbst im eigenen Unternehmen. Wir sind also auf der Suche nach echten Vorbilderinnen gegangen, die Business as Usual abgelehnt haben.

Wie sollte denn das future business aussehen?

Eine andere Definition von Erfolg ist dringend notwendig. Eine, die tatsächlich mit echter Freude und Gesundheit vereinbar ist. Und zwar für alle. Für alle Mitarbeiter*innen, für alle Menschen in der Lieferkette, und für den Planeten. Wir beide haben damals soziale bzw. nachhaltige Unternehmen gegründet – soweit waren wir schon. Wir wussten, dass wir nicht auf Kosten von anderen uns selber bzw. irgendwelche Shareholder bereichern wollten.

Wir haben aber nicht gewusst, wie man aber anders arbeitet und führt, mit welchem Verständnis von Macht, Selbstvertrauen und Selbstkenntnis man handeln muss, um wirklich menschenzentriert zu arbeiten. Das haben wir gelernt und im Buch weitergegeben. 

Warum haltet ihr Frauen für die besseren Vorbilder für ein zukunftsfähiges Arbeiten?

Es geht nicht um besser oder schlechter. Uns hat schlichtweg die Perspektive von Frauen in der Business-Welt gefehlt. Schaut man sich die Business Bücher an, findet man ganz wenige Autorinnen. Auch in der Management-Etage von den großen Konzernen und unter den Unternehmern: wenig Frauen. Dabei haben wir gemerkt, dass wir und viele andere Frauen tatsächlich anders wirtschaften, anders führen und anders arbeiten als im Mainstream.

Angesichts der Tatsache, dass die Wirtschaft aktuell wenige Antworten darauf geben kann, wie wir mit den aktuellen Krisen umgehen können, sehen wir den dringenden Bedarf nach weitere Perspektiven und Ideen. 

Keine Angst, dass Männer sich angegriffen fühlen?

Das kommt vor. Viele Männer verstehen nicht, warum es wichtig ist, die Perspektiven von Frauen und übrigens auch anderen Bevölkerungsgruppen, die wenig Gehör finden, im Wirtschaftsdiskurs mehr Raum zu geben. Ich glaube vor allem, weil sie sich oft nicht vorstellen können, wie anders die Welt für Menschen ist, die immer das Gefühl haben, irgendwie nicht rein zu passen, nicht dazu zu gehören.

Uns geht es mit unserem Buch nicht darum zu behaupten, dass nur Frauen gute Unternehmer*innen sein können. Wir haben nur selbst die Erfahrung gemacht, dass diese Geschichten und Learnings kaum Platz finden in der Narrativen was Erfolg ist und wie Unternehmer*innen zu sein haben. 

Wie habt ihr die Gesprächspartnerinnen für euer Buch gefunden?

Ganz unterschiedlich: Naomi hat von ihren Eltern ein Buch über Stephanie Shirley geschenkt bekommen und ist so auf sie gestoßen. Catherine Mahugu ist eine Handelspartnerin von Lisas Unternehmen Folkdays, Joana kennen wir beide schon lange aus der Berliner Social Impact-Szene. Außerdem haben wir im Crowdfunding-Video für die erste Version des Buchs, die wir selbst verlegt haben, dazu aufgerufen, uns auch Frauen vorzuschlagen. So sind wir bspw. auf Anna Yona und ihr tolles Unternehmen Wildling gestoßen. 

Gibt es eine Eigenschaft oder Erfahrung, die alle eint?

Alle diese Frauen haben sehr viel Zeit darein investiert, sich selbst gut kennenzulernen. Herauszufinden, was sie antreibt, was ihre Stärken und ihre Schwächen sind. Was ihnen Stabilität gibt. Oft mit externer Unterstützung durch einen Coach und/oder Therapeut*in. Wir beiden übrigens auch. 

Ihr habt selbst beschrieben, dass ihr als „Chefinnen“ zunächst unbemerkt wieder in alte Rollen verfallen seid. Habt ihr einen Tipp für unsere Leser*innen, wie sie den ersten revolutionären Schritt machen können?

Um genau zu sein haben wir 11 Tipps, die wir sehr gerne bekommen hätten, bevor wir gegründet haben. Das hätte uns viel Leid und Frust erspart. Wir nennen sie unsere 11 Prinzipien für eine revolutionäre Arbeitswelt und das hier sind sie: 

  1. Trau dich, du selbst zu sein.
  2. Hinterfrage alle Business-Tipps, die du bisher bekommen hast.
 Befolge nur die Ratschläge, die sich für dich richtig anfühlen.
  3. Lebe deine Werte.
  4. Sei menschlich bei allem, was du tust.
  5. Nimm deine „Chef*innen-Maske“ ab.
  6. Mache dich verletzlich, um mutige Entscheidungen treffen zu können.
  7. Ziehe Selbstvertrauen aus deinem Sinn, erkenne wann dein Ego dir dabei in die Quere kommt.
  8. Hilf deinen Mitarbeiter*innen, ihre eigenen Bestimmungen zu finden.
  9. Belohne auch unsichtbare Arbeit in deinem Unternehmen.
  10. Überdenke deine Vorstellung von Wachstum.
  11. Finde Freude in deiner Arbeit.

 

Danke für das Gespräch und eure Initiative!
Und: Leute, lest dieses Buch!


Naomi Ryland (li.)und Lisa Jaspers (re.) (@Lena Scherer)

Naomi Ryland lebt seit 2008 in Berlin und ist Gründerin von tbd*, der Karriere-Plattform für Menschen, die sich auf Sinnsuche befinden. Naomi hat Germanistik und Intercultural Conflict Management studiert und ist Gründungsmitglied von SEND (Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland).

Lisa Jaspers ist mit „Folkdays“ angetreten, das angestaubte Image von Fair-Trade-Produkten aufzupolieren. Lisa hat Politik und Entwicklungsökonomie studiert und arbeitete als Beraterin u.a. für Oxfam, wo sie Naomi Ryland kennenlernte.


Eine Anmerkung zu unseren Buchempfehlungen: wir sind sehr dafür, dass Bücher beim kleinen Buchladen um die Ecke oder auch bei Shops wie Buch7 (die mit 75% ihres Gewinns soziale Projekte unterstützen) gekauft werden. Wir benutzen hier aus praktischen Gründen Links zum Amazon-Shop, weil wir dann u.a. die Buchtitel im Rahmen des Partnerprogramms zeigen dürfen. Das heisst noch nicht, dass Ihr darüber auch bestellen müsst, aber wenn Ihr das tut, verwenden wir die Einnahmen daraus (5% auf jede Bestellung) für die Community-Arbeit von LES ENFANTS TERRIBLES.