Solidarisches Handeln

„Wirklich solidarisches Handeln beginnt bei der Wahrnehmung.“

Ein Interview mit #inside5, dem Bildungsmagazin der IG Metall:

„Achtsamkeit ist eine Grundvoraussetzung für Solidarität und wurzelt in verschiedenen Kulturen und Geistesströmungen. Sie stellt heute ein beliebtes Konzept für Personal Coaches und OrganisationsentwicklerInnen dar.

Marion King ist die Gründerin von Les Enfants Terribles, einer Schule, Initiative und Community für gutes neues Arbeiten. Sie hat uns erklärt, wie Achtsamkeit und Solidarität zusammenhängen – und uns Tipps gegeben, worauf man bei der Implementierung in Lehrangebote achten sollte. Ein Interview.

 

Liebe Marion, danke, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast! Bitte lass’ uns ganz vorne beginnen: Was ist „Achtsamkeit“ überhaupt?

Ungeachtet der verschiedenen Etymologien und Traditionen ist „Achtsamkeit“ für mich zunächst einmal eine Form der bewussten Selbstwahrnehmung, die sehr intensiv und ganzheitlich ist. Gefühle und Motivationen spielen eine große Rolle.

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist das Prozessuale: das Achtsam-Bleiben in bestimmten Situationen. Es geht in diesem Punkt darum, die Selbstbeobachtung auch dann und gerade dann aufrecht zu erhalten, wenn beispielsweise am Arbeitsplatz starke Belastungen auftreten oder ich vor wichtigen Entscheidungen stehe. Gerade in Krisenzeiten oder wenn wir überlastet sind, neigen wir dazu, unsere Achtsamkeit aufzugeben.

Drittens hat Achtsamkeit auch mit der Wahrnehmung meiner Umwelt und meiner Mitmenschen zu tun: Warum verhalten sie sich wie? Was sind ihre Motivationen? Stimmt zwischen uns die Kommunikation? Als eine Art Schirm gibt es über all dem noch eine Meta-Perspektive, die mein Leben als Ganzes beleuchtet: Wo möchte ich eigentlich hin? Wie möchte ich leben? Und wie gestalte ich das Zusammenleben mit den Anderen? Achtsamkeit ist also ein extrem vielschichtiges Wahrnehmungs- und Handlungskonzept.

Wozu dient es? Was soll damit erreicht werden?

Im Humanismus beispielsweise bildet die Ausbildung von Achtsamkeit eine wichtige Station in der Persönlichkeitsentwicklung. Respekt, Unvoreingenommenheit und Akzeptanz gehören zur Achtsamkeit untrennbar dazu. Sie bezeichnet eine ethische Grundhaltung gegenüber den anderen Menschen und der Natur.

Selbst in Situationen, in denen ich als Unternehmensberaterin fungiere, dienen mir Konzepte wie „Achtsamkeit“ oder etwa auch „Resilienz“ nicht in erster Linie oder ausschließlich zur Leistungssteigerung des Kunden – unser Wirtschaftssystem ist ja ohnehin schon viel zu sehr auf Effizienz getrimmt und fokussiert. Mir geht es eben auch um das Glück, die Erfüllung und die Selbstverwirklichung von Beschäftigten und Teams. Wenn das betreffende Unternehmen dadurch erfolgreicher wird – dann finde ich das toll. Vorrangig geht es mir aber um Lebens- und Arbeitsbewältigung – und nicht um schneller, weiter und höher.

Was ist in der Corona-Phase eigentlich mit der Achtsamkeit passiert? Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl äußerte kürzlich gegenüber Monopol: „Der Wirklichkeitszerfall, den wir gerade erleben, geht mit einer erhöhten Beobachtungsintensität einher…“.

Dadurch, dass sich vieles, wenn auch nicht alles, entschleunigt und reduziert hat, sind wir auf uns selbst zurückgeworfen worden. Wir wurden gewissermaßen zur Achtsamkeit gezwungen. Der normale Trott und das Arbeitssystem, in dem wir uns bewegen, wurden plötzlich wie durch eine Lupe von außen beobachtbar und die Probleme traten deutlicher zutage. In meinem Umfeld gab es viele Personen, denen plötzlich aufgefallen ist, wie gestresst sie eigentlich durchs Leben gehen. Und dass sie für eine solche Situation nicht gewappnet sind. In puncto Home-Office hat sich aber auch gezeigt, dass viele Menschen alles andere als achtsam mit sich umgehen – obwohl sie ihren Arbeitstag dort ja vielleicht selbstbestimmter gestalten können.

Das trifft einen wichtigen Punkt: Achtsamkeit ist eine geistige und körperliche Fähigkeit, über die wir zwar grundsätzlich verfügen, die aber geschult und ausgebaut werden muss. Und sie hat viel mit Verantwortungsübernahme zu tun: Es geht um die bewusste und sorgsame Gestaltung meines Lebens sowie um das aufmerksame Interesse an meinen Mitmenschen. In diesem Sinne bildet Achtsamkeit auch die geistige oder ethische Grundlage für Solidarität.

Könntest du das bitte etwas erläutern?

Der Begriff der Solidarität hat ja immer so etwas leicht „Erhabenes“ und „Unantastbares“. Es wird immer vorausgesetzt, dass sie für die „Empfänger“ richtig und gut ist. Sie wird es aber erst, wenn sie in der Einfühlung, im Ton und in der Umsetzung sorgsam ist. Daher denke ich, dass wirkliches solidarisches Handeln ohne die geistige und perzeptive Basis der Achtsamkeit gar nicht möglich ist.

Denn wir müssen uns doch immer erst fragen: Was ist überhaupt meine Motivation, solidarisch zu sein? Was möchte ich damit bewirken und verändern? Braucht die betreffende Person das wirklich so? Wie vermeide ich die Projektion meiner Vorstellungen auf andere?

Solidarität unter dem ethischen Vorzeichen der Achtsamkeit heißt auch: Hilfe zur Selbsthilfe. Es geht darum, die betreffenden Menschen so zu unterstützen und zu stärken, dass sie sich irgendwann selbstständig auf den Weg machen können.

Du hast gesagt, dass man Achtsamkeit „weiterbilden“ muss. Kann man sie auch „lehren“? Wie macht ihr das in euren Schulungen genau?

Wir bieten eine Ausbildung zum/r New-Work-Professional an, in der Achtsamkeit eine Station auf der Inner Journey der Teilnehmenden bildet. In diesem Kontext unterstützen wir diese darin, ihr Selbstwahrnehmungs- und Einfühlungsvermögen zu schulen und sich über ihre Emotionen und Motivationen klar zu werden. Gleichzeitig unterstützen wir in diesem Modul auch die guten Kommunikations- und Dialogfähigkeiten.

Wichtig ist, dass das Ganze nicht nur rein kognitiv im Kopf stattfindet, sondern dass die Emotionen und das Körperbewusstsein miteinbezogen werden – eben der Mensch als Ganzes. Auf diese Weise sollen sich die Teilnehmenden darüber klar werden, wie sie leben und arbeiten möchten. Wir geben ihnen zwar unterschiedliche Tools und Methoden an die Hand, aber sie müssen sich ihre Lebensmodelle selbständig erarbeiten, abhängig von der jeweiligen Situation, in der sie sich befinden.

Weißt du, wie die Erfahrungen eurer Absolventen aussehen, wenn sie in die Alltagswelt entlassen werden? Kollidiert das mit der Wirklichkeit? Oder kann man das gut mit hinübernehmen und im Job implementieren?

Es läuft ja meistens so, dass einzelne Menschen zu uns kommen und sagen: „Ich möchte so nicht mehr arbeiten.“ Sie möchten besser arbeiten, gemeinschaftlicher oder selbstorganisierter arbeiten. Sie möchten ihr Arbeitsumfeld an die Herausforderungen der Digitalisierung und einer komplexen und schnellen Welt anpassen. Bei uns können sie unter anderem ihre Wahrnehmung schärfen und wir bringen sie in Kontakt mit Menschen, die Arbeit schon anders gestaltet haben und bei denen das gut funktioniert. Das reicht bis zu alternativen Vergütungssystemen. In diesem Prozess werden ihnen dann oft die spezifischen Missstände im eigenen Wirkkreis erstmal noch viel deutlicher. Sie bekommen von uns viele Konzepte, Tools und Methoden mit, die ihnen dabei helfen, ihren Arbeitsalltag und die Teamarbeit neu zu gestalten. Auf diese Weise arbeiten wir an individuellen Lösungen. Es gibt aber durchaus auch Teilnehmende, die ihre Ausbildung bei uns abbrechen, weil sie erkannt haben, dass ihr Unternehmen kein wirkliches Interesse an Veränderungen hat.

Viele Unternehmen schmücken sich zwar derzeit gerne mit New-Work-Projekten, um auf Digitalisierung, Komplexitätszunahme oder Transformation zu reagieren, das geschieht aber sehr oft nur halbherzig ohne einen echten strukturellen oder arbeitsorganisatorischen Wandel.

Wir zählen auch große Konzerne zu unseren Kunden. Sie wenden sich oft auf Initiative der Führungsebene an uns, weil sie das Thema Achtsamkeit wichtig finden. Wir schulen dann die betreffenden MitarbeiterInnen in unseren Workshops und geben ihnen Methoden und Work-Hacks an die Hand, um ihre eigene Arbeit und die Teamarbeit im Unternehmen verbessern zu können.

Wir gestalten das so, dass die Teilnehmenden selbst selektieren können, was für sie gut ist und ihrem Wirkkreis entspricht.

Eine letzte Frage: Wie entsteht euer Bildungsangebot zur Achtsamkeit eigentlich? Worauf legt ihr bei der Konzeption und Ausgestaltung besonderes Augenmerk?

Also zunächst versuchen wir immer, das Bildungsangebot nutzerzentriert zu gestalten – völlig unabhängig davon, um welche Materie es geht. Wenn wir solche Programme aufsetzen, führen wir erst einmal ganz viele Interviews durch, um herauszufinden, was die Menschen tatsächlich brauchen. Das gilt auch für die Methodik. Und auch die Definition, was Achtsamkeit im jeweiligen Kontext bedeuten soll, ist gemeinschaftlich entwickelt worden, also unter Einbeziehung der Nutzer.

Dann stellen wir Materialien und Praktiken zur Verfügung, die nicht nur den Intellekt, sondern auch das Körperbewusstsein mit einbeziehen. Achtsamkeit ist eben nur als ganzheitliches Konzept zielführend!

Und zuletzt klären wir immer bereits vorab, wie viel individuellen Support es für die Teilnehmenden geben soll. Wir bieten beispielsweise oft ein gemeinsames Grundprogramm in Verbindung mit einem Kontingent an Einzelstunden an, die bei den Personal Coaches eingelöst werden können. Unsere Coaches haben unterschiedliche Spezialisierungen, so dass von den Teilnehmenden durch die Auswahl individuelle Schwerpunkte gesetzt werden können.“

Dieses Interview erschien zuerst in #inside5, dem Bildungsmagazin der IG Metall zum Thema „Solidarität“. Vielen Dank für die tolle Möglichkeit!