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Der Frühling steht vor der Tür und viele Landwirte schauen besorgt auf die kommenden Wochen und Monate: Wird das Frühjahr wieder so trocken und heiß wie im vergangenen Jahr? Steht uns wieder ein Super-Sommer mit extrem hohen Temperaturen bevor? Der Klimawandel ist da und mit ihr die große Herausforderung, ihm mit guten Ideen zu begegnen. Aber die Corona-Pandemie hat auch das Brennglas auf andere Lebens- und Arbeitsbereiche gerichtet, in denen es Veränderung braucht.

Wir möchten euch in dieser Reihe eine mögliche Antwort auf drängende Fragen vorstellen: die Permakultur. Im ersten Teil sprechen wir mit Volker Croy und Marit Marschall, die Permakultur in verschiedenen Lebensbereichen leben. Sie erzählen, wie Permakultur nicht nur unsere Landwirtschaft wieder auf einen gesunden Weg bringen, sondern auch als „soziale Permakultur“ unsere Beziehungen stärken kann.

Lieber Volker, liebe Marit, Permakultur kann landwirtschaftlich, aber auch aus einer spirituellen und sozialen Perspektive betrachtet werden. Was ist eure Perspektive und wie definiert ihr aus ihr heraus Permakultur?

Volker: Persönlich lehne ich die spirituelle Ebene ab, da aus diesem Bereich nicht viel außer Träumen kommt. Viele Mythen der Permakultur erschweren den Weg für die rationale Permakultur und die Anerkennung in breiteren Bevölkerungskreisen. Wenn wir die Grundlagen der Permakultur gut und pragmatisch anwenden, können wir die Landwirtschaft und auch das Zusammenleben der Menschen verbessern. Aber dazu darf es nicht nur eine kleine Gruppe sein.  

Marit: Permakultur ist für mich wie eine Landkarte. Eine Landkarte mit genug Spielraum für komplexes, individuelles, sinnvolles Leben. Dazu gehört für mich, sowohl Lösungen für mein ganz praktisches Leben zu finden, als auch für meine Seele, für meine Bedürfnisse und mein Sehnen. Sie zeigt mir, wie es geht, sich wie ein intaktes Ökosystem zu verhalten. Sie ist die Methode, nach der alle Ökosysteme der Erde so andauernd und selbstorganisiert leben, wie sie es tun. 

Volker Croy ist seit 2011 selbstständiger Planer mit den Schwerpunkten Essbare Gärten/Landschaften, „Naturnahes Gärtnern“, Obstbaumschnitt und Permakultur. Zuvor ließ er sich zum Facharbeiter für Zierpflanzenbau ausbilden und schloss ein Gartenbau-Studium an der HTW Dresden sowie ein Masterstudium in „Produktionsmanagement in Gartenbau und Agrarwirtschaft“ ab.
Seit 2014 übernimmt er die fachliche Beratung in den Gemeinschaftsgärten Dresdens. Zu seinen aktuellen Projekten gehören u. a. „Essbares öffentliches Stadtgrün“ für die Zukunftsstadt Dresden und „Alte Gärtnerei“ im UFER-Projekte e.V.

 

Eine Tatsache, weswegen unser aktuelles System so anfällig, instabil und sogar destruktiv ist, also sich selbst abschaffen möchte, erklärt uns eine Aussage der Permakultur:

„Ein (Öko-) System ist dann stabil, wenn es aus mindestens drei vernetzten Elementen besteht.“

Mir scheint, im Moment sind wir Menschen – ein Ökosystem mit ziemlich viel Einfluss – nur auf zwei vernetzte Elemente beschränkt: Kopf und Körper. Unsere Seele oder unser Herz wird im Moment viel zu wenig in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse miteinbezogen. Das schwächt das große System, die Erde, und jedes kleine System darauf, also das Wasser, die Luft, die Tiere, Pflanzen, Pilze, den Boden und natürlich auch uns. Wir Menschen sind auch ein Ökosystem. Das können wir uns gar nicht bewusst genug machen. Wir sind ein Ökosystem, das in jeder Situation sein Denken, Fühlen und Handeln in Echtzeit an die entsprechenden Umstände anpassen kann und will.

Wir sind ein sensibles Wesen, das immer in der Lage, ist zu interagieren und auch erwartet, dies zu dürfen. Sein Inneres mit dem Äußeren abzugleichen. Jede Sekunde unseres Lebens ist existenziell von den unzähligen Kreisläufen auf der Erde abhängig. Wir Menschen bilden eine große Lebensgemeinschaft mit allem, was auf diesem Planeten lebt. Unsere Lebensbedürfnisse sind komplett der Natur angepasst und wir sind ihr in allen Abläufen unseres Daseins ausgeliefert. Wir sind in absoluter Abhängigkeit von ihr. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht etwas essen, das in der Sonne und auf der Erde gewachsen ist und vorher von Insekten bestäubt wurde. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mehrmals ein Bedürfnis nach Wasser haben, das vom Himmel auf die Erde gefallen ist und in den Bächen und Flüssen der Erde ins Meer fließt, und ohne dass es gar kein Leben gibt auf der Erde. Es vergeht keine Sekunde, in der wir nicht die Luft ein- oder ausatmen, die die Pflanzen und der Ozean für uns atembar gemacht haben. 

Die Permakultur („permanent“ und „agriculture„) wurde von den Australiern Bill Mollison und David Holmgren in den 1970er Jahren entwickelt. Das Ziel war, mit wissenschaftlichen Methoden eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu entwickeln, die u. a. die Artenvielfalt und die Bodenfruchtbarkeit schonten und bestmöglich stärkten – und dabei möglichst wenig Abfall produzierte. Heraus kam ein Konzept, in dem die Landwirtschaft im Einklang mit der Natur betrieben wird und in dem natürliche Ökosysteme das Vorbild sind. 1981 erhielt Bill Mollison dafür den Alternativen Nobelpreis.
Ihre Inspiration holten sie sich von Naturvölkern, alten Kulturtechniken und Vorbildern wie Masanobu Fukuoka. Aus der Vision einer nachhaltigen Landwirtschaft entwickelte sich mit den Jahren das Konzept einer umfassenden Kultur der nachhaltigen Lebensweise und Landnutzung. Die Permakultur umfasst ethische Grundsätze und Leitsätze, die die Basis für die vielen unterschiedlichen Permakultur-Systeme sind. Die theoretischen Grundlagen und die praktische Anwendung lässt sich in Permakultur Design-Kursen erlernen.
Heute gibt es auf der ganzen Welt Praktiker*innen, Initiativen und Betriebe, die die Permakultur in privaten Gärten, öffentlichen Projekten oder (zunehmend) in der gewerblichen Landwirtschaft einsetzen.

 

Wir Lebewesen teilen uns diesen Planeten samt seiner Atmosphäre, alles was darauf wächst, alles was in der Luft lebt und alles, was im Wasser schwimmt. Wir tragen in uns die gleichen Bedürfnisse an das Leben, wie die meisten Lebensformen um uns herum. Wir wollen kommunizieren, essen, trinken, dazugehören, uns fortpflanzen, wir sind neugierig, wir mögen Schönheit, wir werden müde, wir suchen Schutz vor Kälte, vor Regen und vor Gefahr. Unser Lebenswille ist immens groß. Wir sind ein untrennbarer Teil dieses Organismus Erde. Dies hat für mich dazu geführt, daß ich “landwirtschaftlich” oder “wirtschaftlich” und “spirituell” nicht mehr trennen kann, es sind unterschiedliche Pfade auf den gleichen Berg, den Berg unseres Lebens.

Und wie seid ihr zur Permakultur gekommen?

Volker: Bei mir ist das durch ein Projekt gekommen, wo die Frage aufkam, ob ich nicht nur naturnahes Gärtnern mache, sondern auch „Permakultur“. Dann habe ich mich mit dem Thema beschäftigt und bin erst einmal auf der Suche gewesen, da in Sachsen kaum Projekte existierten. Bis ich wirklich permakulturelle Menschen gefunden habe, hat es etwa zwei Jahre gedauert. 

Marit: Das erste Mal habe ich von Permakultur 1995 in der Sierra Nevada gehört. Eine Engländerin erzählte mir von Masanobu Fukuoka, der die “Nichts-tun-Landwirtschaft” in Japan entwickelt hat. Ich war inspiriert von dieser Idee, daß die Samen einer gesunden Pflanze natürlich am Besten wissen, wann der beste Zeitpunkt und der beste Ort für ihr Keimen ist. Und uns Menschen, genau wie den Tieren und Pflanzen, auf der Erde das Essen “wie von selbst” in den Mund wachsen kann, wenn wir wissen wie. Seitdem lerne ich.

Welche Rolle spielt Permakultur in eurem Alltag?

Volker: Ich bin ehrenamtlich in einem Projekt tätig, welches Permakultur-Elemente und -Ansätze praktisch umsetzt und biete Planungen und Designs mit Permakultur an. Das heißt, Permakultur ist Teil meiner Freizeit. Zusätzlich versuche ich die soziale Permakultur in meinen Umgang mit Menschen einfließen zu lassen und habe viele Bekannte, die diesem Ansatz folgen. 

Kannst du uns ein Beispiel dafür geben, wie du soziale Permakultur in deinen Alltag einfließen lässt?

Vorzugsweise mit Achtsamkeit gegenüber meinen Mitmenschen und ihren Bedürfnissen und Wünschen, natürlich auch mit Zuhören und Aufbau langfristiger/nachhaltiger Verbindungen. Netzwerken im positiven Sinne (also nicht zu meinen Gunsten oder zu Gunsten einer kleinen Gruppe, sondern für alle im Netzwerk) und dort immer gern neue Kontakte aufnehmen.  Aber auch Entscheidungen im Konsens zu treffen (ist außer bei krankhaftem Widerwillen praktisch immer möglich) durch Diskussion, Kompromisse und das Mitnehmen der anderen. In der Gruppe auf die individuellen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen eingehen, ohne dort zu diskriminieren, herabzuwürdigen und schlechter zu stellen. Ziel der sozialen Permakultur sind wachsende Systeme mit glücklichen Menschen.

Wertschätzung kann viele Menschenleben positiv verbessern. Dazu gehört auch Projekte zu unterstützen, die einem selbst “nichts bringen”. Ich brauche nicht nur Menschen, die meine Verbündeten sind und “am gleichen Strang ziehen”, sondern unterstütze auch welche, die in die gleiche Zukunfts-Richtung laufen. Manchmal ist ein guter Tipp am Projektanfang, etwas Material oder Wissen viel wert. Das Digitale bringt dabei Vorteile, weil Wissen weitergegeben werden kann und das an viele verschiedene Nutzer.

MaritIch berate neben Menschen, die ihren Garten permakulturell gestalten und bewirtschaften wollen auch Gemeinschaften und Projekte bei ihrem “Keimen, Wachsen und Frucht bringen”, also permakulturelle Beratung für soziale Systeme. Die Permakulturprinzipien sind sehr einfach und sehr einfach auf unser Leben zu übertragen. Sie helfen dabei, naheliegende Lösungen zu finden, die eine hohe Identifikation fördern. Außerdem forsche ich ständig auf dem mir anvertrauten Stück Land, wie ich noch weniger eingreifen kann und dennoch den Ertrag erwirtschafte, den ich mir wünsche.

Marit Marschall lebt als Permakulturdesignerin und Kindertherapeutin mit ihrem Mann und ihren 6 Kindern in Süddeutschland. Auf der Suche nach den „native Europeans“ und innerhalb ihrer Ausbildung zur Permakulturdesignerin hat sie den Baumplan entwickelt, weil sie empfindet, damit als Europäerin gut in Kontakt mit der Erde zu kommen. Und vielleicht eine Kultur zu etablieren, die es auch uns Europäern ermöglicht, integriert zu leben und krisenfest zu sein. Und aus dem Nicht-Handeln für unsere Welt in das so wichtige bewusste Handeln zu kommen. Sie begleitet mit dem Baumplan seit Jahren Menschen, die lebendige Prozesse erleben und Permakultursysteme erschaffen.

Die Ansätze der Permakultur verbinde ich auch mit meiner Arbeit als Kindertherapeutin, was sehr gut zusammenpasst. Kinder sind wie kleine Gärten oder junge Bäume. Ich möchte auch bei ihnen herausfinden, wie ich mit so wenig Eingreifen wie möglich den besten Ertrag für diese Menschen ermöglichen kann, wie ich am Besten die vorhandenen Ressourcen und Selbstorganisation und Resilienz fördere. Außerdem habe ich ein Buch über soziale Permakultur geschrieben, das gerade beim Verlag liegt und auf seine Veröffentlichung wartet. Überhaupt finde ich die Prinzipien der Permakultur in allen Bereichen meines Lebens und erfahre sie als große Bereicherung um mein Denken, Fühlen und Handeln einem sehr ökonomischen und ökologischen Korrektiv anzuvertrauen.

Wie würdet ihr die Rolle des Menschen in der Permakultur beschreiben?

Volker: Die drei Grundethiken sind ja “Earth Care”, “People Care” und “Fair Share”. Grundsätzlich sind das Kümmern um die Menschen (die wollen, wir zwingen niemanden), das Miteinander und das Teilen die Grundelemente der Permakultur. Und viele der Prinzipien lassen sich auch gut für den Umgang mit Menschen nutzen. Permakultur bedeutet immer, der Mensch in der Natur, ohne Mensch wäre es ja keine “Kultur”. Wir schaffen Gärten und Bereiche, wo die Natur und die Menschen sich gegenseitig unterstützen, Orte wo wir uns nicht als Feinde gegenüberstehen. 

Marit: Die Spielregeln auf unserer Erde, in lebenden Systemen, und der ganze Planet ist eines, sind ausgelegt auf die absolute Kooperation jedes Mitspielers, dazu gehören wir auch, wir können uns gar nicht separieren, auch wenn wir das häufig denken oder dachten. Alles ist ausgelegt auf den Ausgleich von Verbrauch und Nachwachsen der Ressourcen. Ausgelegt auf das Wissen der einzelnen Mitspieler, dass sie nur gemeinsam das Spiel spielen können oder gar nicht.

Wir erleben derzeitig ein Ungleichgewicht, dass dazu führt, daß sich die Natur in einem Wandel befindet. Arten sterben aus, die bisher, jede Einzelne, zum Erhalt und Gedeihen unserer Ökosysteme beigetragen haben. Unsere Luft, ein lebenswichtiges Gut, ist nicht mehr rein, unser Wasser, das größte Ökosystem auf diesem Planeten, wird unerbittlich ausgebeutet und misshandelt. Unser Klima verändert sich. Unsere Böden sind zum Teil nur noch vertrocknetes leeres Substrat, und kein vor Leben strotzender Organismus.

Wir Menschen haben unsere Kompetenz vergessen und sind nicht mehr fähig, unsere eigene Lebensgrundlage zu erhalten. Und wir wissen, daß das völlig irre ist. Wir haben höchstwahrscheinlich die Schwelle überschritten, oder zumindest erreicht, an der unser Gleichgewicht kippen kann. Jetzt sollten wir uns fragen: Wollen wir wirklich einfach nur dabei zu sehen, oder zu beschäftigt sein, um irgendetwas dagegen zu unternehmen? Wir sind Lebewesen mit Bewusstsein und tragen die Verantwortung für unsere Handlungen. Wenn wir unsere Verantwortung ernst nehmen, brauchen unsere Handlungen jetzt eine Korrektur. Unsere Handlungen brauchen wieder die Ausrichtung auf die Spielregeln, die auf der Erde gelten. Unsere Handlungen sind die Wegbereiter der Zukunft. Wir sind im Moment sehr viele. Deswegen haben unsere Handlungen auch so große Auswirkung.

Liebe Marit, du hast gerade davon gesprochen, dass wir Menschen unsere Kompetenzen vergessen hätten. Ist denn Permakultur eigentlich eine völlig neue Art zu wirtschaften oder nutzen wir einfach nur wieder altes, verlorengegangenes Wissen?

MaritAus meiner Erfahrung ist es eine Mischung aus Alt und Neu. Die Menschen konnten in den Zeiten, in denen sie in engerem Kontakt mit dem Ökosystem Erde, also dem Boden, den Pflanzen und Tieren waren, viel intuitiver und naheliegender mit den Veränderungen und Anforderungen umgehen, die sie in den jeweiligen Jahreszeiten oder Klimazonen vorfanden. Gleichzeitig glaube ich, dass wir heute dazu in der Lage sind, viel mehr Informationen zu verknüpfen und schneller und vielfältiger auf Veränderungen zu reagieren. Dadurch erleben wir einen anderen Handlungsspielraum. Die Erfahrung unserer Ahnen, in Einfachheit und Nachhaltigkeit auf der Erde zu arbeiten, ist altes Wissen, daß wir uns wieder aneignen sollten. Ebenso sollten wir wieder direkt forschen und uns einlassen, neue Erfahrungen selbst und direkt zu sammeln.

„Wir sollten uns zutrauen, Verantwortung für dieses Leben und die Lebensräume, die uns anvertraut sind, zu übernehmen, dann würden wir unserer Kompetenz auch wieder gerecht werden.“

Wir sind nämlich als Menschen in diesem Organismus Erde eingeplant mit unseren vielen Fähigkeiten, wir haben aber anscheinend vergessen, wie.

Volker: Vor zehn Jahren hätte ich noch über “verloren gegangenes Wissen” gelacht, aber leider erlebe ich das immer mehr. Die Zusammenhänge fehlen, warum wir die Dinge tun, die wir tun. Wir streiten uns um das “Wie”, aber das “Warum” ist weg.
Das Wissen, auf dass sich die Gründer der Permakultur bezogen, ist das, welches bis zum Aufkommen der Chemischen Landwirtschaft in den 1940er Jahren noch als “rationelle Landwirtschaft” bezeichnet wurde und der Vorläufer der jetzigen “konventionellen” Landwirtschaft ist. Aber rational mit Naturbeobachtung und Naturwissenschaft herangehen, passiert heute in der Landwirtschaft kaum noch. Alles ist voller Ideologie und fraglichen Annahmen.

Permakultur ist die naturwissenschaftliche, aber langsame Herangehensweise – von der Natur lernen, nicht sie in die Knie zwingen und dann etwas aus den Trümmern aufbauen.

Ein schönes Negativbeispiel ist die Stickstoffdüngung. Diese ist nötig, damit die Pflanzen gut wachsen, wenn aber zu viel gegeben wird, werden die Pflanzen eher von Pilzen und Läusen befallen. Da wäre ja der Zusammenhang eigentlich: weniger Stickstoff = weniger Schäden, bei etwas weniger Ernte.  

Aber stattdessen verkaufen die Verkäufer und Lobbyisten von Stickstoff-Überdüngung, auch die Pflanzenschutzmittel, für die Schäden, die ihr eigener Dünger verursacht. Und die Lobby ist so gut, dass in vielen Bundesländern die Empfehlungswerte für die Stickstoffversorgung der Böden einfach zu hoch angesetzt sind, es immer zu viel Stickstoff im Boden gibt, meistens in Form von Gülle und Dung.     

Und zum Thema altes Wissen: Wo die Römer und Perser ihr Getreide angebaut haben, sind heute immer noch Wüsten. Der Humus, den wir heute so schätzen, ist meist keine 200 Jahre alt, denn im Mittelalter waren die Böden weit mehr kaputt. Deswegen wachsen auch nur so wenige seltene Pflanzen aus dem Mittelalter auf unseren Feldern – die sind einfach zu gut genährt und oft zu humos. 

Wenn ihr Menschen zu Permakultur-Projekten beratet, was sind denn dann häufige Beweggründe, um auf dem eigenen Balkon, Garten oder Stück Land permakulturell zu gärtnern oder wirtschaften?

Volker: Häufig erlebe ich den Ansatz, wieder etwas selber machen zu wollen. Aber auch sichere, eigene Lebensmittel oder der Kontakt zur Natur kommt öfters vor. Einige hoffen auch auf mehr Erträge bei weniger Arbeit als die konventionelle Landwirtschaft. Weniger Arbeit geht, mehr Ertrag eher nicht. Aber weit weniger Arbeit und weit mehr Ertrag als die meisten Hobbygärtner. Das ist auch mein Ansatz: Mit der Natur gemeinsam gärtnern. Viele Mechanismen und ökologische Zusammenhänge kann ich ausnutzen, um mir und meinen Pflanzen das Leben leichter zu machen.

Permakulturelles Gärtnern kann ich den nachdenklichen, “faulen” Menschen empfehlen. Die hektischen, überstürzten Gärtner werden das nicht mögen oder müssen sich erst wieder an die Langsamkeit gewöhnen. Gleiches geht für diese mit übertriebenem Ordnungs- und Kontrollzwang. Permakultur arbeitet mit der Natur und lenkt sie in gewünschte Bahnen, wir kontrollieren sie nicht. 

Marit: Genau hier besteht die Möglichkeit, unser Bedürfnis nach Hinwenden zu sinnvollem Tun und Beobachten des Lebendigen, zu stillen. Auch unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Verbundenheit mit dem Leben wollen wir so stillen. Experimentierfreude führt uns dazu, uns mit Gärtnern zu beschäftigen. Ein Garten, und sei er auch noch so klein, ist außerdem der geduldigste Arbeitsplatz und gibt uns ehrliches, direktes Feedback. Im Moment führt aus meiner Sicht auch ein Wunsch nach Resilienz und Unabhängigkeit dazu, uns wieder im Gärtnern auszubilden. Viele Menschen spüren, daß es Veränderungen gibt, daß unsere Nahrungsmittelsouveränität im bestehenden System nicht gewährleistet ist. Außerdem teilen viele Menschen die Sehnsucht, die Landwirtschaft grundlegend zu verändern und wieder ihrer ursprünglichen Form anzunähern: Sie als eine Kooperation mit der Natur zu betreiben und nicht als Ausbeutungsmethode.

Mein Eindruck ist manchmal, dass Permakultur die nächste Sau ist, die durch das Dorf getrieben wird. Wo im Management Change Management, Agilität oder Transformation tolle Buzzwörter waren – und teilweise noch sind–, ist die Permakultur jetzt etwas, für was es auf Instagram gerade viele Likes gibt. Nehmt ihr das auch so wahr und wenn ja, warum ist Permakultur gerade jetzt so angesagt? 

Volker: Teilweise erlebe ich das auch so. Meine ersten Kontakte zur “Szene” waren “Trend-Folger”. Aber das ist Permakultur nicht nur. Über das Internet ist die Verbreitung der Ideen besser vorangekommen. Natürlich gibt es Menschen mit übertriebenen Erwartungen, Heilsuchende in dieser verrückten Zeit oder solche, die auf den “Trend” aufspringen, aber auch viel Bewegung durch die höhere Bekanntheit. Zum Beispiel die „Aufbauende Landwirtschaft“ und die Agroforst-Kampagne um mal zwei größere, positive Beispiele zu nennen. Und in den Entwicklungsländern ist permakulturelle Landwirtschaft noch besser, denn sie verhilft zu Landwirtschaft ohne Chemie- und Düngemittel-Konzerne. Es kommt wirklich Bewegung ins Sachen, die lange nicht zu bewegen waren, weil einfach mehr Menschen das unterstützen und davon wissen. Das war ja bei Bio nicht anders.  

Marit: Meine Wahrnehmung und meine Hoffnung ist, dass die natürliche, immer wieder stattfindende Selbstregulierung in Ökosystemen nun dazu führt, daß sich ihre Prinzipien wieder durchsetzen, bevor es zu spät ist. Das Leben folgt ja immer dynamischen Prozessen, in denen es auch zu Ausbuchtungen in Richtung Übertreibung kommen kann, bevor es wieder zum Ausgleichen kommt. Diese Methode macht Ökosysteme so erfolgreich.

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Mein Beobachten der Gegenwart macht mich aus dieser Perspektive also sehr zufrieden. Denn genauso wie ein “gutes Virus” seinen Wirt nicht tötet um weiter existieren zu können, so spüren wir in unserem innersten, instinktiven Überlebenswillen, daß wir unser Verhalten jetzt besser regulieren. Aus dieser Sicht ist es also mehr als eine Modeerscheinung. Und ich kann nur jedem wünschen, sich ganz vertraut zu machen mit den Permakulturprinzipien, die in allem Leben stecken, denn es ist eine wunderbare Achtsamkeitsübung und Entwicklungsmöglichkeit, uns in Verbundenheit mit dem großen Leben zu spüren, uns zu ermächtigen und selbstorganisiert zu orientieren. In meinem Leben habe ich der Kompetenz, die Prinzipien überall wieder zu erkennen, sehr viel zu verdanken.

In der letzten Ausgabe von mittwochs.online sprachen wir mit einer Wissenschaftlerin über die Trennung der Arbeit vom restlichen Leben. Das war Anfang des 19. Jahrhunderts , als immer mehr Menschen für Lohn in Fabriken und Büros arbeiteten und nicht mehr den ganzen Tag auf dem eigenen Hof wirtschafteten. Heute gibt es wieder Graswurzelbewegungen, die Arbeit und Leben wieder zusammenbringen möchten. Würdet ihr mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass in der Permakultur Natur und Mensch wieder zusammenkommen? Dass Menschen wieder den Rhythmus der Jahreszeiten spüren und ihrer Intuition trauen, wenn sie spüren, dass das Spritzmittel gegen Braunfäule die Tomaten nicht gesünder machen wird? 

Marit: Ich stimme dir zu. Das naheliegende an den Prinzipien der Permakultur ist genau dieser Ansatz. -Integriere, eher als zu trennen; -staple und vernetze; -kurze Wege; sind nur einige der Prinzipien, die uns zeigen, daß wir unser Leben und Arbeiten nicht trennen sollten, geschweige denn können. Wir sind ja auch während der Arbeit Lebewesen und können nicht einfach ausblenden, dass wir Bedürfnisse haben. Und wir wünschen uns Arbeitsbedingungen, die uns erlauben, ganz Mensch zu sein, mit Neugier, mit Erfüllung, mit Sinn und Erfolg. Aber auch jenseits der Landwirtschaft können wir die Arbeit wieder den Prinzipien der Permakultur anpassen.

Volker: Da ich selbstständig bin, sind Arbeit und Privatleben nicht vollständig zu trennen und das möchte ich auch nicht. Ich möchte mit den Dingen, die ich privat gern mache, auch Geld verdienen. 

Wie oben schon gesagt, basiert viel in der Permakultur auf Naturbeobachtungen und daraus zu lernen. Das ist aus meiner Sicht eher das Gegenteil von Intuition. Ich erlebe immer wieder Menschen die Intuition und Irrglauben als Basis des Gärtnerns sehen. Ich habe viele Menschen erlebt, die der Natur mystische Fähigkeiten zusprechen und wenn die Realität dann nicht dazu passt, wird sie ignoriert oder beschönigt. 

Das ist dann keine Permakultur, die ich vertreten kann. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen “es funktioniert” = überprüfbarer Zusammenhang und “ich glaube, dass es funktioniert” = Hoffnung, Glaube. Hier sind Hoffnung und Glaube schlechte Berater, wenn ich Essen anbauen will, um davon zu leben. Wer im Garten mit Pflanzen spielen möchte, kann diese Berater nutzen, aber nicht wer wirklich Landwirtschaft betreiben will.  

Und zu der Frage mit der Braunfäule – willst du die mit dem Mittel essen oder lieber keine oder aus dem Laden, wo du nicht weißt, was die gespritzt haben? Oder sollten wir uns mit dem “Warum” und der Natur beschäftigen und somit dem Schadpilz, um herauszufinden, wie er arbeitet und wie wir unsere Pflanzen schützen, ohne Gift nehmen zu müssen?    

Tomaten baue ich schon sehr lange und mit großem Erfolg selbst an – ohne Dünger und ohne Braunfäule. 🙂 Permakultur hat sich mittlerweile zu einer ganzheitlichen Lebensweise weiterentwickelt. Ist es in euren Augen trotzdem möglich, permakulturell zu gärtnern und den SUV vor der Tür stehen zu haben?

Volker: Das ist eine einfache Antwort: Nein. Es ist möglich, Elemente der Permakultur ins Gärtnern einzubauen, aber den Klimawandel massiv beschleunigen und sich dann beim Gärtnern über den trockenen, heißen Sommer zu beschweren, wäre schon sehr schizophren und nicht dem Permakultur-Gedanken entsprechend. 

Marit: Viele nähern sich über das Gärtnern den Permakulturprinzipien an und entdecken erst Jahre später, daß jeder Lebensbereich von diesen Zusammenhängen durchdrungen ist. Dann wäre es zumindest aus aktuellem Zeitgeschehen heraus eine Weile nachvollziehbar, wenn jemand permakulturell gärtnert und den SUV vor dem Haus stehen hat. Wenn wir gerechtes Teilen und Sorge tragen für die Natur wirklich verstehen, werden wir unser Handeln auf alle Lebensbereiche übertragen wollen und können.

Trotzdem ist es ja unseren blinden Flecken geschuldet, daß wir so eine Welt haben, wie im Moment. Wir brauchen uns schonungslos miteinander, um diese blinden Flecken aufzulösen. Wir dürfen uns gegenseitig daran erinnern, daß wir den SUV nicht brauchen. Wir beschneiden damit auch nicht unsere Freiheit, wir erlangen sie dadurch erst. Wir werden nämlich verantwortungsvolle, reife Menschen.

Kann Permakultur – größer gedacht – eine Antwort auf die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit sein? 

Volker: Sie ist es schon, wir müssen sie nur anwenden. Permakultur bedeutet auch, uns vorher zu überlegen, was wir tun, damit wir nicht aufwendig Schäden reparieren, die wir selber angerichtet haben. 

Marit: Ich habe da persönlich die größte Hoffnung. Permakultur ist gerade durch ihre Komplexität ein geniales Werkzeug. Buckminster Fuller hat gesagt: “Wir sind die Designer der Zukunft, nicht ihre Opfer.” Wir Menschen haben richtig Mist gebaut und jetzt können wir es besser machen. Aus der derzeitigen globalen Krise kommen wir heraus, wenn wir uns der Lösung zuwenden. Bill Mollison, der Gründer der Permakultur hat für uns die Prinzipien extrahiert, die die Ökosysteme so erfolgreich machen, auch in Krisen. Wir Menschen sind auch ein Ökosystem, das auf diesem Planeten jeden Lebensraum nutzen und feiern kann. Wir können auch resilient, ressourcenschonend und voller Lebenslust auf der Erde leben, im Überfluss und ohne es auf Kosten anderer Lebewesen zu tun!

Permakulturdesign ist die Methode, um für uns Menschen ein Design zu entwickeln, wie wir als intaktes Ökosystem der Erde leben können. Ein Design, das wir sowohl auf unseren Garten, und was noch viel wichtiger ist, auf unsere innere Landschaft anwenden. Wir können unseren Impact auf den Planeten nur verändern, wenn wir unser Innerstes verändern. Wenn wir uns verbinden. Mit der Permakultur kommen wir in die Annäherung an dieses wichtige Empfinden. Ich wünsche mir, daß wir Menschen diese Prinzipien viel mehr verinnerlichen und auf unser Lebensumfeld anwenden. Dann hätten wir schon sehr viel verändert in Richtung Nachhaltigkeit und Gesundheit aller Erdenbewohner.

 

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