ich so: doch!

René Träder ist Psychologe, Journalist und Autor. Ich verfolge die Arbeit von René seit einiger Zeit. Unter Anderem ist er Gastgeber des 7Mind-Podcast, in dem er anwendungsorientiert und lebensnah über Achtsamkeit und Resilienz in Beruf und Alltag spricht.

Deswegen war ich auch ziemlich neugierig auf sein Buch, das er mitten im Corona-Jahr 2020 veröffentlich hat: „Das Leben so: NEIN!, ich so: DOCH! – Wie du besser mit Stress, Krisen und Schicksalsschlägen umgehst“. Das Buch enthält neben wissenschaftlich-theoretischen Hintergründen zum Thema „Resilienz“ auch viele Übungen und Methoden, die uns helfen können, mit Stress, Krisen und Schicksalsschlägen besser umzugehen.

Ich dachte bisher, Resilienz bedeutet einfach anpassungsfähiger zu werden, wie ein Gummiball. Ein- und Aufschläge besser und schneller wieder auszugleichen und quasi immun gegen Stress, hohe Belastungen und Schicksalsschläge zu sein. Und wenn ich von „Ausbildungen zum*r IHK geprüften Resilienztrainer*in“ lese, denke ich: Boahh, jetzt sollen wir auch noch lernen, wie wir besser dem ganzen Stress und den Widrigkeiten der Welt Stand halten sollen? Wie wir trotz schlechter Verhältnisse und Bedingungen bei der Arbeit noch mehr leisten können? Echt jetzt? Ich war da bisher eher bei Claudia Keller, die im Tagesspiegel vor einigen Jahren schrieb: „Gewerkschaften helfen gegen miese Jobs – nicht Resilienztrainer“.

Aber ein genauerer Blick lohnt, um meine Vorurteile zu entkräften. Resilient zu sein bedeutet, dass wir trotz großer psychischer Belastungen gesund bleiben und uns nach Krisen wieder erholen. Die Resilienzforschung geht der Frage nach, warum manche Menschen mit Krisen und Schicksalsschlägen besser umgehen können und eine Art Schutzschild zu haben scheinen – und andere daran zerbrechen und mit Angst und Depressionen reagieren.

Offenbar ist aber nicht das Aufbauen eines kompakten Schutzschildes der Weg zur Resilienz, sondern das genaue Gegenteil: Sich berühren lassen und ein aktiver und achtsamer Teil dieser Welt zu sein, führt offenbar zu mehr Stabilität und Resilienz im Beruf und im Leben. Die gute Nachricht für mich: Gewerkschaften und Resilienztraining schließen sich also gar nicht aus, ganz im Gegenteil.

In seinem Buch beschreibt René acht Resilienz-Bausteine, die für Stabilität im Leben sorgen:

  1. Verantwortungsübernahme
  2. Akzeptanz
  3. Zukunftsorientierung
  4. Lösungsorientierung
  5. Netzwerkorientierung
  6. Optimismus
  7. Selbstwirksamkeit
  8. Erholung

Zu jedem Baustein beschreibt er Hintergründe und schlägt Methoden und Übungen für das Training vor. Ich habe mit René unter anderem darüber gesprochen, ob wir Resilienz trainieren können. Und wenn ja, wie? Und was ist der Unterschied zwischen Achtsamkeit und Resilienz und ist das alles auch für Systeme, Teams und die Arbeitswelt brauchbar?

 

René, Achtsamkeit ist in aller Mund, Resilienz entwickelt sich in meinem Umfeld zu einem weiteren Trend. Wie grenzt sich das voneinander ab?

Das Resilienz-Konzept konzentriert sich sehr darauf, wo kriege ich eigentlich meine Kraft her, was mache ich, wenn es mir nicht gut geht, was mache ich, wenn was Schlimmes passiert ist? Das hat Achtsamkeit in der Endkonsequenz auch, aber Achtsamkeit ist häufig als Wellbeing verschrien.

Im Resilienz-Konzept stecken noch mehr Dinge, die es in den reinen Achtsamkeits-Methoden so nicht gibt, bzw. Dinge, die hier noch einmal deutlicher angesprochen werden und die gerade in einer Krisenzeit noch einmal mehr Handwerkszeug bieten. Und das Leben besteht ja aus vielen Krisenzeiten, die wir dann im besten Fall mit Hilfe des Resilienz-Handwerkzeugs meistern.
Bei Resilienz geht es auch darum, dass ich mir meine Probleme bewusst anschaue, darin steckt ja sehr viel Achtsamkeit. Ich verdränge eben nicht, sondern würdige auch das, was gerade in meinem Leben ist. Auch das Negative. Das hat sehr viel mit Achtsamkeit zu tun.

Als Beispiel: Einer der acht Resilienz-Bausteine ist „Erholung“. Gerade Erholung ist so wahnsinnig wichtig. Denn gerade, wenn wir Stress haben, dann glauben wir ja häufig, wir müssen erst einmal alles abarbeiten, bevor wir dann mal in die Entspannung gehen können. Aber eigentlich ist es ja so, dass Pausen immer ein Teil der Arbeit sein sollten und Achtsamkeit kann ein Prinzip sein, meine Batterien, meinen Energielevel immer wieder zu checken. Wie geht es mir gerade, was brauche ich im Moment, was sind meine Bedürfnisse und wenn wir das berücksichtigen, dann leben wir sehr schnell resilient.

Und Menschen, die gerade akut in der Krise sind (Corona, Beziehungsprobleme, Konflikte bei der Arbeit, eigene Unzufriedenheit, Motivationslosigkeit im Job), sollten sich die Situation genau anschauen und auch würdigen. Ich glaube, dass Achtsamkeit und Resilienz Hand in Hand gehen können und wie Bruder und Schwester sind. Und wenn die beiden zusammenarbeiten, dann ist man ganz gut aufgestellt fürs Leben.

Im Titel deines Buches kommt der Begriff „Resilienz“ nicht vor. Warum nicht?

Das war eine bewusste Entscheidung. Einerseits kennen viele den Begriff noch gar nicht. Das war übrigens auch eine große Motivation das Buch zu schreiben. Andererseits kann der Begriff „Resilienz“ auch abschrecken, denn es gibt schon so viele Bücher dazu und für die Zielgruppe des Buches könnte das eventuell eher abschreckend sein.

Mir war wichtig, etwas an die Hand zu geben, was vielleicht noch einmal etwas anders ist. Ich war auch leicht eingeschüchtert, als ich in der Buchhandlung war und gesehen habe, da gibt es ja schon Einiges zum Thema „Resilienz“. Braucht die Welt denn meins auch noch?

Aber die meisten Bücher zum Thema sind entweder sehr wissenschaftlich und setzen psychologisches Wissen voraus und andere sind sehr übungsorientiert, haben dafür aber keinen theoretischen Teil. Ich wollte einen Mix anbieten. In meinem Buch zeige ich, was man machen kann und auch, warum das funktioniert und erkläre hintereinander die acht Resilienz-Bausteine.

Es ist ein Buch für Menschen, die sich zum ersten Mal mit dem Thema auseinandersetzen, feststellen dass man selbst etwas tun kann für sein Glück und das eigene Leben. Das kann sein, wenn man jung ist, es kann aber auch sein, dass das erst mit 50 soweit ist. Die Leistung des Buches ist es eine Theorie anwendungsorientiert zu machen, etwas nutzbar zu machen. Das tue ich ja auch in meinem Workshop als Coach. Wissen und Theorie nutzbar zu machen.

Ich habe junge Leute als Hauptzielgruppe, da die Jugend und Kindheit eine der hauptverletzlichsten Phasen in unserem Leben sind. In dieser Zeit haben wir laut Statistik die höchste Wahrscheinlichkeit psychisch zu erkranken.

„Junge Menschen haben oft noch nicht genügend erprobte Methoden und Ressourcen, um mit Krisen umzugehen. Die Kindheit und das junge Erwachsenenalter besteht außerdem aus großen Umbrüchen und Krisen.“

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir Strategien und durchleben Krisen. Der vierte Liebeskummer ist dann nicht mehr ganz so hart, wie der erste. Aus den überstandenen Krisen kommen wir gestärkt hervor. Wir erfahren, dass man auch mit schwierigen Situationen umgehen kann.

Man kann auch im Alter jung auf dieses Thema schauen. Es gibt viele Leute, die zeit ihres Lebens noch nie bewusst auf ihr Leben geschaut haben. Die in eine Opferhaltung gegangen sind und den eigenen Wirkkreis nicht gesehen haben. Und die, aus welchen Gründen auch immer, dann „aufwachen“ und sich dafür entscheiden, ein bewusstes Leben zu führen.

Du sprichst mit deinem Buch einzelne Menschen an. Könnnen wir Resilienz im Beruf anwenden? Eignen sich die Methoden und Tools, die du im Buch beschreibst auch dazu, sie als Team anzuwenden?

Ja, auf jeden Fall. Die Methoden lassen sich auch auf ein System übertragen, zum Beispiel die Familie, das Team bei der Arbeit oder andere Gruppen.

Ein Beispiel: Ich lade in dem Buch die Leser*innen ein, sich mit ihrem Wertesystem zu beschäftigen und sich zu überlegen, nach welchen Werten sie leben möchten. Und dann schauen wir nach welchen Werten leben sie denn tatsächlich aktuell? Da gibt es ja oft eine große Schere, zwischen gelebter Realität und Wunsch.

„Welche Werte bestimmen denn eigentlich mein Handeln? In meinen Coachings frage ich die Klienten oft, welche Werte ein Außerirdischer sehen würde, wenn er sie für eine Woche begleiten würde und nur darauf schaut, wie sie sich verhalten oder handeln.“

Welche Werte stecken denn eigentlich hinter dem Tun? Und bin ich mir dessen bewusst? Und das kann sich auch ein Team regelmäßig anschauen. Nach welchen Werten wollen wir zusammenarbeiten und handeln und wie agieren wir in Wirklichkeit. Ist das deckungsgleich oder muss da was neu verhandelt werden.

So könnte man jeden einzelnen der acht Resilienz-Bausteine aus dem Buch durchgehen und auch auf ein Team oder andere Systeme anwenden. Noch ein Beispiel: Der achte Baustein „Erholung“, den man sehr gut auf eine Arbeitssituation anwenden kann. Wann schreibt die Führungskraft Emails? Ist das schon morgens um 6 Uhr oder am Wochenende? Da geht es ja schon mal los. Das ist doch ein falsches Leitbild. Und am Ende tun einem Team resiliente Teammitglieder gut. Man darf also ruhig auch erst einmal beim Einzelnen anfangen und sich selbst stärken.

Was bedeutet Vulnerabilität (Verletzlichkeit) in Zusammenhang mit dem Resilienz-Konzept und ist das nicht eigentlich ein Gegensatz?

Resilient sein heißt nicht unverwundbar zu sein, sondern dass man an einer Verletzung nicht zerbricht. Resilient sein bedeutet nicht, dass nichts Schlimmes mehr passiert oder, dass Krisen und Verletzungen einen kalt lassen und nicht mehr berühren.
Was Resilienz aus meiner Sicht leisten kann ist, dass Menschen mit Krisen besser umgehen können. Mit den Verletzungen und Wunden, die sie haben und sich schützen können für nächste Krisen.

Resilienz ist die Stärkung des psychischen Immunsystems. Genauso wie ich zum Beispiel durch gesunde Ernährung und Sport mein physisches Immunsystem stärken kann. Es ist aber eben keine Garantie, dass ich nicht krank werde. Allerdings überstehe ich mit einem guten Immunsystem bestimmte Krankheiten besser, erhole mich schneller und bekomme vielleicht auch nicht jede Erkrankung. Mit einer resilienten Psyche kann ich achtsamer Nein sagen und Stress vermeiden, und wenn die Krise da ist, vielleicht besser wieder aufstehen.

Um noch einmal auf ein resilientes Team zurück zu kommen. Das ist vermutlich nicht frei von Fehlern, aber kann achtsam und bewusst mit Fehlern und Krisen umgehen und nicht daran zerbrechen. Und dann doch auch die Kraft der Krise nutzen.

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Und was unterscheidet denn resiliente Menschen von nicht resilienten?

Es ist immer ein Machen. Ein Buch lesen reicht nicht, wir müssen ins Tun kommen. Was ist gut im Schlechten, was lernen ich aus Krisen, wie erarbeite ich mir eine optimitische Weltsicht?
Ein resilienter Mensch oder ein resilientes System ist kein Stehaufmännchen. Nach einer Krise ist man nämlich nicht der oder die Gleiche. Narben und Verletzungen bleiben zurück. Die Art auf unser Leben zu schauen, unsere Werte und unser Kompass ändern sich durch Krisen.

„Resilienz ist eben nicht die einfache happy holy confident Methode und dann sind alle glücklich.“

Zum Beispiel können das Meditieren oder andere Achtsamkeitsübungen vor einem Meeting ein toller erster Anfang sein, um achtsam in ein Meeting zu starten. Es darf aber nicht zu einem bloßen und leeren Ritual verkommen, ohne Substanz oder gar als Aushängeschild für eine achtsame Organisation dienen. Es gibt dafür kein Sternchen, keine Note und keine Beförderung.

Am Anfang können Übungen stehen, aber am Ende ist eine Haltung sich selbst, dem Leben und den Anderen gegenüber wichtig. Ein bewusstes Aufeinandertreffen von Menschen. Und davon sind wir doch noch weit entfernt, dass alle Unternehmen eine achtsame Haltung gegenüber ihrer Umwelt und den Menschen haben.

In meiner Arbeit als Coach in Unternehmen bin ich oft überrascht, wie wenig über Achtsamkeit bekannt ist und dass das oft mit Esoterik verbunden wird. Nach meinen Workshops sind die Menschen dann auch meist erstaunt, was Achtsamkeit eigentlich sein kann. Die Arbeit fängt dann nach den Workshops oft auf individueller Ebene an, mit Übungen und Ritualen, die sie sinnvoll finden, die Freude machen und den Gedanken von Achtsamkeit weiter tragen im Unternehmen.

Für mich ist das eigentlich auch kein Trend, für mich sollte Achtsamkeit ein Normalzustand im Leben sein. Wir leben ja eigentlich in einer perversen Welt, in der wir viel zu viel online sind, sowohl privat als auch bei der Arbeit, und den Bezug zu Dingen und den Bezug zur Zeit verloren haben.

Ich beobachte bei meinen Coaching Klient*innen oft, dass so Dinge wie Streaming-Dienste und soziale Medien eine Flucht vor der eigenen Realität darstellen und dass die Menschen durch die Serien ein Parallel-Leben leben. Sie leben dort so viele Emotionen, die sie im eigenen Leben nicht spüren. Es gibt Leute, die gucken die ganze Staffel einer Serie oder auch die ganze Serie an einem Tag durch und weg. Wann findet denn eigentlich das eigene Wahrnehmen statt? Und wenn ich sie dann frage, warum sie das tun, dann höre ich oft, dass man die eigenen Gefühle nicht spüren möchte, und eigentlich auch nicht mehr damit klar kommt, wenn man sie spürt.
Achtsamkeit, ein achtsames Leben und das Wahrnehmen meiner Selbst und der Welt sollte die Nulllinie sein. Und das betrifft alle Lebensbereiche: Schlafen, Essen, Beziehungen, Arbeit, Kreativität etc.

„Achtsamkeit ist eine Antwort auf die Überforderung, die wir haben und Resilienz könnte eine Antwort auf die Krisen sein, die wir durchleben müssen.“

Emotionen haben eine Funktionen und wir sollten achtsam damit sein und sie nicht betäuben. Sie weisen nämlich auf etwas hin und geben uns Energie zum handeln.

Wie siehst du in die Zukunft, auch bezüglich Corona?

Ich glaube, dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann, die Arbeitswelt positiv zu verändern. Plötzlich sind Dinge möglich, die vorher nicht umgesetzt wurden, wie zum Beispiel Home-Office. Natürlich liegen auch hier wieder Gefahren und Belastungen für die Menschen. Die Arbeitswelt kann sich kurzfristig und schnell wandeln. Ich glaube, dass viele Menschen gerade feststellen, dass sie Dinge tun, die sie vielleicht gar nicht gerne tun und ihre Arbeit auf eine Art und Weise erledigen, die nicht gut tut.

Ich habe auch das Gefühl, dass Corona es möglich macht, dass Menschen, zumindest in meiner Bubble, über psychische Belastungen sprechen und feststellen, dass Psyche wichtig ist und wir auf unsere psychische Gesundheit achten können.

Lieber René, vielen Dank für das Gespräch!


@Jessi Geib

René Träder (Jahrgang 1979) ist Psychologe und Journalist. Seit rund 20 Jahren steht er für verschiedene Radiosender hinter dem Mikrofon. Darüber hinaus ist er auf YouTube aktiv und moderiert die beiden Podcastformate  7Mind- Podcast und Ganz schön krank, Leute.
Als Psychologe begleitet René Träder zudem seit rund 10 Jahren Veränderungsprozesse von Einzelpersonen, Teams und Unternehmen im Rahmen von Coachings, Workshops und Vorträgen. Seine zentralen Themen sind: Achtsamkeit & Resilienz, Kommunikation & Konflikte sowie Innovationen & Kreativität.

Eine Anmerkung zu unseren Buchempfehlungen: wir sind sehr dafür, dass Bücher beim kleinen Buchladen um die Ecke oder auch bei Shops wie Buch7 (die mit 75% ihres Gewinns soziale Projekte unterstützen) gekauft werden. Wir benutzen hier aus praktischen Gründen Links zum Amazon-Shop, weil wir dann u.a. die Buchtitel im Rahmen des Partnerprogramms zeigen dürfen. Das heisst noch nicht, dass Ihr darüber auch bestellen müsst, aber wenn Ihr das tut, verwenden wir die Einnahmen daraus (5% auf jede Bestellung) für die Community-Arbeit von LES ENFANTS TERRIBLES.