re:publica ist jetzt online

In diesem Jahr sind viele Konferenzen, Workshops und andere tolle Events ausgefallen, auf die wir uns alle wahnsinnig gefreut haben. Noch viel schlimmer als uns Besucher*innen trifft es aber die Macher*innen, die viel Zeit und Energie in die Vorbereitung eines Events setzen und dann vor der Frage stehen: Lassen wir es ausfallen, verschieben wir den Termin oder setzen wir unsere Veranstaltung online um? Das Team der re:publica entschied sich für die dritte Variante und erarbeitete in sehr kurzer Zeit ein komplett neues Konzept für eine digitale re:publica. Wir haben uns gefragt, ob das nur eine vorübergehende Lösung eines akuten Problems war oder ein ausbaufähiges Konzept ist. Wir sprachen dazu mit re:publica-Direktorin Jeannine Koch.

Liebe Jeannine, die re:publica ist eine Konferenz, die digitale Medien und digitale Kommunikation zum Kernthema hat. Wie schwer war es denn aber wirklich, mitten in der Planung eines realen Events auf ein Online-Format umzuswitchen?

Das Umdenken – ausgehend von den Planungen zur großen re:publica in Berlin 2020, auf der wir an drei Veranstaltungstagen knapp 25.000 Teilnehmer*innen erwarteten – auf das rein digitale Format, welches wir am 7. Mai erstmals als #rpREMOTE durchgeführt haben, war ein spannender, intensiver und lehrreicher Prozess für alle Beteiligten. In nur 36 Werktagen haben wir gemeinsam im Team komplett neue Formate entwickelt, die auf der dafür geschaffenen Plattform re-publica.tv ganztägig live gestreamed wurden. Vier unterschiedliche Kanäle mit durchgehendem Programm von morgens bis abends: Das gesamte Unterfangen war eine der größeren Herausforderungen der letzten Monate!

Es gab hierfür keine Blaupause; einzig der Wunsch etwas Partizipatives, Abwechslungsreiches und Diverses zu gestalten, schwebte uns von Anfang an vor. Wir wollten wegkommen von der zu dieser Zeit bereits recht “abgenutzten” Optik der simplen Video-Kachel-Fenster, mit denen bis dahin zahlreiche Menschen aus ihren Home Offices zuletzt intensiv konfrontiert waren. Wir wollten eine Plattform schaffen, die dazu anregt, mitzudenken und mitzudiskutieren.

In der Kürze der Zeit haben wir versucht alles an “Trauer” über die verschobene analoge Veranstaltung erst einmal Beiseite zu schieben, um uns mit frischen Gedanken und motiviert in die Gestaltung der digitalen re:publica zu stürzen. Offen gestanden, waren das im Rückblick zwei der arbeitsintensivsten und lehrreichsten Monate der vergangenen Zeit, die von vielen Video-Konferenzen und verworfenen Ideen begleitet wurden. Doch die Arbeit hat sich am Ende gelohnt.

Die #rpREMOTE verzeichnete an diesem Tag über 100.000 Teilnehmer*innen auf unserem YouTube-Kanal, wir hatten ein wahnsinnig tolles Programm, mit unglaublich relevanten Themen und herausragenden Sprecher*innen. Das Programm-Team, unter der Leitung von Alexandra Wolf, hat hier Überragendes geleistet und wurde durch die großartige Arbeit von unserer Kommunikationsleiterin Rebecca Krum auch noch durch eine sehr hohe und reichweitenstarke mediale Aufmerksamkeit belohnt. Alles in allem, war der Switch von analog zu digital doch ein großer Gewinn für uns. Wir konnten damit zudem auch zeigen, dass die Event-Branche an diesen Stellen nun kreativ werden und umdenken muss. 

Was habt ihr als Team aus den vergangenen Corona-Wochen als Learnings und Erfahrungen mitgenommen? Hat sich bereits jetzt etwas nachhaltig – zum Positiven oder Negativen – verändert?

Was wir alle gelernt haben ist, dass wir auch sehr gut und effizient von Zuhause/ remote arbeiten können. Dass trotz der fehlenden physischen Nähe dennoch eine absolute Zuverlässigkeit vorhanden war und wir es als Team geschafft haben, in einer derart kurzen Zeit etwas Sinnstiftendes und Neues auf die Beine zu stellen. Die unglaublich hohe Motivation im Team hat mich jeden Tag aufs Neue extrem begeistert und beeindruckt. Ohne dem, wäre dieser Prototyp einer Digital-Konferenz nicht möglich gewesen. 

Das ist am Ende jedoch irgendwie auch die Kehrseite der Medaille! Denn, auch wenn das alles sehr gut via Video-Konferenzen und Projektmanagement-Tools funktioniert, fehlt doch das Miteinander! Ein Kaffee auf dem Balkon, ein gemeinsames Mittagessen oder einfach das Zuraunen von einem Tisch zum Nächsten. Die Interaktionen, die Mimik und Gestik fehlen und man muss sehr genau aufpassen, dass in solchen Prozessen nicht der Empathie-Part auf der Strecke bleibt, denn manche Zwischentöne sind – gerade in großen virtuellen Meetings – nicht immer leicht wahrnehmbar. 

Wir sind immer noch weitestgehend im Home Office, denn Covid-19 ist noch nicht vorbei. Ab und an gibt es nun wieder ein paar physische Treffen mit einer kleineren Anzahl an Kolleg*innen. Und das ist schön und hat gefehlt. 

Welches Fazit habt ihr aus der Erarbeitung der Online-Version der re:publica gezogen? Gibt es klare Vorteile einer digitalen Konferenz?

Die Vorteile liegen ja ein wenig auf der Hand: Man erreicht theoretisch nun noch mehr Menschen über die digitalen Kanäle, zudem gibt es quasi keine “Zugangsbeschränkungen” hinsichtlich der Anzahl der Teilnehmer*innen mehr, mit der man bei analogen Veranstaltungen ja qua der Kapazitätsgröße eines Veranstaltungsortes planen muss. Dennoch muss man sich natürlich genau überlegen: wen möchte man mit seinen Inhalten erreichen und wie müssen diese aufbereitet sein? Stichwort: barrierearm!

Das heißt wir wollen nicht unnötige Datenabfragen vornehmen bei irgendwelchen Registrierungsprozessen, wir möchten, dass man auch über Audio-Spuren an den Inhalten teilnehmen kann, Inhalte sollen auch per Transkription nachvollziehbar sein und generell möchten wir natürlich auch mit unseren Teilnehmer*innen und Sprecher*innen eine hohe Diversität erreichen.

Das schafft man digital zum Teil nun noch viel internationaler, denn mögliche Speaker müssen nun nicht mehr extra anreisen, sondern können remote dazugeschaltet werden. Man spart also nicht nur Reisekosten, sondern auch CO2! Das sind auf jeden Fall einige Vorteile, die man nun künftig in der gesamten Event- und Messe-Branche noch intensiver unter die Lupe nehmen wird. 

Wird es in Zukunft, zusätzlich zur live-re:publica, auch immer das Format re-publica.tv geben?

Wir sind stets dabei, uns weiterzuentwickeln und neue Formate und Ideen zu entwerfen. re-publica.tv war die “aus der Not geborene“ Plattform, die für uns ein fantastisches Vehikel war, um die Lücke zwischen den physischen Treffen zu schließen. Inwiefern wir diese Plattform weiterhin nutzen werden, wird die Zukunft zeigen. Uns schweben aktuell aber auch noch viele andere Dinge vor, die wir bei Gelegenheit umsetzen möchten. Es bleibt also weiterhin spannend im Hause re:publica.

Danke für das Gespräch!

re:publica Campus

Der September 2020 steht im Zeichen des #rpCampus: Vier Themenwochen widmen sich vom 6. September bis zum 4. Oktober 2020 jeweils unter einem Schwerpunktthema den aktuellen Debatten unserer Zeit. (Werk)täglich, jeweils von 17-20 Uhr, wird auf der Online-Plattform campus.re-publica.com sowie auf YouTube ein kostenfreies digitales Programm mit live-gestreamten Kurzvorträgen, Panel-Diskussionen, Interviews und Tutorials präsentiert. In digitalen Diskussionsräumen, den Deep Dives finden Q&As mit den beteiligten Sprecher*innen statt.

Jede Themenwoche endet mit einem Werkstatt-Tag, an dem das digitale Programm um ein analoges Format ergänzt wird: im Rahmen einer Corona-konformen, hybriden Veranstaltung, für die sich interessierte Teilnehmer*innen anmelden können, werden Diskussionen zusammengeführt und Synergien zwischen den Teilnehmer*innen und den Akteur*innen des Programms hergestellt.
Der re:publica Campus startet mit dem „Martin-Roth-Symposium – MuseumFutures“, das in Kooperation mit dem ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) veranstaltet wird. Hier gibt es mehr Infos und einen Überblick über die Themenwochen.