Prinzipienreiterei

Gutes neues Arbeiten lässt sich überall umsetzen. Das zeigt auch das Beispiel des Kreisjugendrings (KJR) München-Land, der seine Werte lebt und – wie sich gerade zeigt – mit einer prinzipiengetriebene Haltung gut auf Herausforderungen vorbereitet ist. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer und Enfant Terrible Marcus Fink.

Lieber Marcus, du bist Geschäftsführer des Kreisjugendrings (KJR) München-Land, einem Träger für Jugendarbeit im Landkreis München. Prinzipien wie Selbstverantwortung, Partizipation und Nachhaltigkeit bilden seit Jahrzehnten die Grundlage für die soziale Arbeit mit Jugendlichen und Kindern. Dass bedeutet aber nicht bis in letzter Konsequenz, dass Einrichtungen solche Werte auch innerhalb des Unternehmens leben. Beim KJR ist das der Fall. Was war der Ausgangspunkt, die Ursache, für diese Entwicklung?

Wir hatten vor rund sieben Jahren eine starke Wachstumsphase. Aus diesem Grund haben wir einen Organisationsentwicklungsprozess gestartet und dabei wurde auch die Frage gestellt, für wen und wofür wir eigentlich unsere Arbeit machen. Wir hielten u.a. ein Zukunftsatelier ab. Da saßen wir am Abend zusammen und glichen unsere Grundsatzziele mit den Zielen für die Zukunft ab. Das passte soweit.

Monate später im Prozess, kam in einer Runde die Frage auf, was denn die Prinzipien der Jugendarbeit sind. Es war erstaunlich, dass adhoc niemand die Frage danach beantworten konnte. So wurde die Diskussion zu den Prinzipien nochmal aufgegriffen und vertieft. Was bedeutet denn eigentlich Partizipation? Dass wir Möglichkeit A oder B zur Auswahl vorgesetzt bekommen? Oder ist es doch mehr? Wir planten zu diesem Zeitpunkt auch Angebote im Ganztagsschulbetrieb. Da kam die Frage auf, ob solche Angebote unserem Prinzip der Selbstbestimmung entsprechen, denn schließlich müssen die Jugendlichen in einer Ganztagsschule eigentlich mitmachen, ob sie wollen oder nicht.

Es war dann schnell klar, dass wir die Prinzipien, die wir den jungen Menschen vermitteln, auch konsequent in unserer internen Organisation leben wollen. Seither wachsen die Bereiche Pädagogik und Verwaltung immer mehr zusammen. Nachdem wir mit diesem Prozess begonnen haben, kamen auch die ersten neuen Konzepte in der Arbeitswelt auf. In den ersten Jahren gab es Begriffe wie „Happy Working People“, sozusagen die Vorläufer von der heutigen New Work-Bewegung und der Idee der Neuen Arbeit. Seither tauschen wir uns als Jugendorganisation und außerschulischer Bildungspartner immer wieder mit Unternehmen aus, die auch Prinzipien wie Selbstverantwortung und Partizipation in ihren Organisationsformen leben. Das sind sehr inspirierend Gespräche und Kooperationen.

Wer und wie habt ihr eure Grundsatzziele und Prinzipien erarbeitet?

Die aktuellen Prinzipien wurden in einem sehr partizipativen Prozess mit Beteiligungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Formaten erarbeitet. Nachdem klar war, dass wir unsere Prinzipien selber besser verstehen und aktiv einbringen möchten, entstand ein Entwurf für ein neues Leitbild, das mit den Fachgremien abgestimmt wurde. Dieser Entwurf wurde dann online gestellt, so dass alle Mitarbeitenden ihn kommentieren konnten. Anschließend wurde er noch einmal überarbeitet. Und dann, nachdem wir die Leitlinie beschlossen hatten, ging die Arbeit erst richtig los.

Wie meinst du das?

Jetzt wussten wir relativ gut, was wir mit Selbstverantwortung, Nachhaltigkeit oder auch Partizipation meinen.  Nun musste es aber auch gelebt werden. Es verändert sich etwas in der Zusammenarbeit und in der Gemeinschaft, die Menschlichkeit als Haltung tritt in der täglichen Arbeit stärker in den Fokus. In regelmäßigen Fortbildungen erkunden wir dieses neue Arbeiten. Zuletzt hatten wir einen Workshop mit einem Philosophen, bei dem auch die Frage aufkam, ob Wertschätzung Grenzen hätte. Es wird also durchaus auch einmal sehr intensiv.

Es ist aber auch mal ganz spielerisch in Form der „Prinzipienreiterei“, wie wir es nennen. Es wurde irgendwann der Ruf laut, dass wir uns mehrmals täglich unsere Haltung bewusst machen sollten, sozusagen als tägliche Übung. Und dann begann diese Prinzipienreiterei mit einem kleinen Geschenk, dass u.a. auch eine Kollegin in ihrem Fach vorfand. Es war ein Abrisszettel, wie man ihn manchmal an Bäumen oder am schwarzen Brett findet. Darauf stand die Frage: „Was brauche ich, um etwas freiwillig zu tun?“

Sie war erst etwas konsterniert, was denn dieser Zettel in ihrem Fach zu bedeuten hat. Da fragte ich sie, was denn ihre Antwort darauf sein würde. Und sie schoss sofort aus dem Bauch heraus zu antworten. Dann wurde es still, ich lächelte, sie lächelte und dann rief sie freudestrahlend „Das ist gut, das nehme ich gleich mit in mein Team!“. So funktioniert Prinzipienreiterei.

Und wie zeigt sich eure Haltung in der täglichen Arbeit?

Das lässt sich in der aktuellen Corona-Krise sehr gut beobachten. Die Prinzipien wirken als Orientierung und auch mal als Korrektiv. So haben wir unsere Einrichtungen für Jugendliche bereits geschlossen, bevor die Behörden es offiziell angeordnet hatten. Das hat einige Kooperationspartner sehr irritiert und teilten uns das auch deutlich mit. Aber wir schauen bei Entscheidungen immer auf unsere Prinzipien und es gibt immer einen der sagt: „Eigentlich müssen wir es jetzt so machen“. Und dann machen wir es so.

Jetzt sehen wir, wie wertvoll und praktisch unser prinzipiengetriebes Handeln ist. Wir sind alle im Homeoffice und wir haben ein internes Beratungstelefon gestartet. Hier bieten Kolleg*innen Unterstützung zu spezielle Themen an, beispielsweise zur Einrichtung und dem Arbeiten im Homeoffice oder Resilienz. Ende März haben wir eine bundesweite Konferenz online abgehalten, da zeigte sich, wie gut wir aufgestellt sind.

Auch die Jugendarbeit läuft weiter, wir haben eine Jugend-Onlineberatung ins Leben gerufen. Die wird vor allem auch nach der Wiedereröffnung der Schule wichtig. Für viele Schüler*innen ist die Zeit zu Hause belastend, ihnen fehlt ihr soziales Umfeld. Wir gehen bereits jetzt davon aus, dass es nach etwa vier bis sechs Wochen in der Schule zu Leistungsabfällen und Auffälligkeiten kommen wird, wir versuchen dahingehend bereits jetzt präventiv zu wirken.

Ein Träger für Jugendarbeit ist ja nicht gerade wie eine Digitalagentur oder ein Startup in Berlin Mitte: Wie haben eure Mitarbeiter*innen, aber auch eure Mitglieder, auf diese Veränderung reagiert?

Die Prinzipien lebten unsere Kolleg*innen ja bereits in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Dass auch das Organisationshandeln danach ausgerichtet wird, musste natürlich, auch wenn gewollt, erstmal realisiert werden. Unter dem Motto: „Und dürfen wir das jetzt wirklich?“, „Ja, ist sogar erwünscht.“

Das zeigte sich sehr schön an unseren Fachtagen 2018 zum Thema „Freiräume“. Meine Kolleg*innen kamen mit einer interessanten Idee auf mich zu, der ich spontan zustimmte. Wir luden zu dem Fachtagen ein und es meldeten sich rund 60 Personen an. Sie haben ein Heft mit Denkanstößen und einen Stift erhalten, zu dem genauen Ablauf, kündigten wir an, melden wir uns zu einem späteren Zeitpunkt. Und dann sagten wir ihnen kurz vor dem Start: Ihr bekommt an diesem Tag Freiraum für euch. Ihr dürft frei machen.

Wir haben zudem drei Treffpunkte im Raum München und ein Online-Chat angeboten, wo sie zusammenkommen und sich zu dem Thema austauschen konnten. Ganz wenige haben vor Schreck abgesagt, insgesamt sind etwa 50 Personen in den Austausch gegangen. Andere lagen auf der Couch und haben darüber nachgedacht, was dieser Freiraum ihnen bedeutet. Dieser besondere Fachtag hat lange in uns nachgehallt und unser Prinzip der Selbstverantwortung gestärkt. Als wir wegen der Coronakrise ins Homeoffice übergingen, kam vereinzelt das Thema auf, wie das denn in Bezug auf Vertrauen und Verantwortung gehen sollte. Das sagte ich nur: „Wir haben es doch geübt“ – und alle erinnerten sich an den Freiräume-Fachtag. Dann war die Sache klar.

Grundsätzlich war der Schritt hin zu einem partizipativen Haltung einfacher, weil viele Kolleg*innen am Prozess in unterschiedlicher Art und Weise beteiligt waren. Hinzu kam, dass wir während des Prozesses weiter gewachsen sind und neue Kolleg*innen die Organisation nur so kennen. Die Vollversammlung mit unseren Mitgliedsverbände und der Vorstand sind unsere höchsten Gremien. Beide arbeiten ehrenamtlich. Also ganz im Sinne von Frithjof Bergmann, tun sie Dinge, die sie wirklich, wirklich wollen. Das ist ein Aspekt, der die Organisation sowie die hauptberuflichen Kolleg*innen sehr prägt.

Ihr holt die Menschen schon beim Onboarding ab. Erzähl doch einmal etwas dazu.

Um die Prinzipien in der Arbeit und im Miteinander gut umsetzen zu können, muss man sich damit entsprechend befassen. Früher war das Onboarding in einem 2-tägigen Format angelegt. Alle wurden begrüßt und es gab eine sehr, sehr umfangreiche Übersicht zu Prozessen und Regeln. Das haben wir verändert und nun gibt es nach einem Kick-Off über das erste Jahr verteilt mehrere Treffen, bei denen sich die neuen Kolleg*innen, angeleitet von einer*m Mentor*in, intensiv mit jeweils einem der sechs Prinzipien auseinandersetzen. Das können Fragestellungen wie „Was heißt für dich Wertschätzung, für deine pädagogische Arbeit und für die Zusammenarbeit?“ sein.

In den Gruppen kommen Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen zusammen, von Pädagoginnen über Verwaltungsmitarbeiter bis hin zur Fachreferentin bringen alle Beteiligten ihre eigenen Perspektiven mit, woraus sich oftmals spannende Fragen und Gespräche entwickeln.

Hat sich durch eure Arbeit im Inneren auch die Arbeit im Äußeren, d.h. mit den Jugendlichen verändert? Nehmen sie euch anders wahr?

Dies zu messen ist immer ein schwieriges Unterfangen. In Situationen mit Jugendlichen erfahre ich schon, dass Kolleg*innen sehr positiv wahrgenommen werden. Gerade mit Blick auf die Erfahrungen im formalen Bildungssystem, also der klassischen Schule, beschreiben junge Menschen sehr klar, dass sie sich bei den Kolleg*innen mit ihrer Haltung, die den Prinzipien entspringt, wohl fühlen.

Wie nehmt Ihr wahr, wie sich die Einstellung von Jugendlichen zu Arbeit verändert? Was sind Deine Prognosen?

Jungen Menschen wird ja oft vorgeworfen, dass sie unselbstständig und uninteressiert sind. Allerdings wachsen sie in einer Gesellschaft auf, die nicht zu viele Möglichkeiten bietet, wirklich selbstbestimmt zu sein.

Dagegen wehren sich die jungen Menschen inzwischen immer mehr. Ob das politische Themen betrifft, denken wir an Friday for Future, ihr Wertebild, bei dem nach den aktuellen Studien Menschlichkeit und Gerechtigkeit ganz oben steht oder eben auch bei der Idee, wie gutes Arbeiten aussieht. Bei unserer letzten Befragung mit über 2000 Jugendlichen, stand der Sinn der Arbeit mit 74 Prozent als sehr wichtig, der Frage wie wichtig viel Geld verdienen ist, mit 43 Prozent gegenüber. Das hat vor ein paar Jahren noch ganz anders ausgesehen.

Wie ist deine Einschätzung: Steht ihr in eurem Tätigkeitsfeld mit eurem Anspruch an gutes Arbeiten noch allein da oder gibt es eine Bewegung unter den freien Trägern, die Außenstehende vielleicht gar nicht unbedingt wahrnehmen?

Die Jugendarbeit ist ein Arbeitsfeld, dass, mit der Grundlage der genannten Prinzipien, seit jeher stärkenorientiert arbeitet. Inzwischen gibt es immer mehr Organisationen, die die Verbindung von neuem gutem Arbeiten und der Jugendarbeit sehen. Entsprechend verändern sich diese Organisationen und entwickeln mit diesem Fokus auch ein Bildungsangebot, das den Prinzipien der Jugendarbeit und dem Mindset von New Work entspricht. Junge Menschen werden so auf eine zukünftige Gesellschaft und Arbeitswelt gut vorbereitet, um daran teilzuhaben und diese aktiv mitzugestalten zu können.


Marcus Fink ist seit 2014 Geschäftsführer des Kreisjugendrings München-Land. Seitdem begleitet er in dieser Position den Prozess des KJR hin zu einer prinzipiengetriebenen Organisation. Jugendarbeit sieht er als eine gute Orientierung für Führungsarbeit in Organisationen und Unternehmen. Im Sommer 2019 erschien das Buch „Achtsamkeit in Arbeitswelten“ (Spriner Gabler) in dem er über die achtsamkeitsbasierte Mitarbeiterfühurng im Setting der Sozialen Arbeit schreibt.