permakultur im unternehmen

reni meyza

Im letzten Teil unserer Permakultur-Serie sprechen wir mit Thomas Diener, Geschäftsführer von FairWork. Er zeigt uns, wo Permakultur und gutes Arbeiten in Organisationen aufeinandertreffen und wie eine permakultur-getriebene Wirtschaftswelt aussehen könnte.

Lieber Thomas, in den vergangenen Ausgaben von mittwochs.online haben wir die Grundsätze und Prinzipien der Permakultur entdeckt, geschaut und wie die soziale Permakultur zu einem besseren Miteinander beitragen kann. Du hast dir Gedanken darüber gemacht, wie Permakultur in Unternehmen Anwendung finden kann. Wie bist du darauf gekommen?

Das war ein langer Weg. Über das praktizieren von AIKIDO habe ich als Jugendlicher angefangen, mich mit Daoismus auseinander zu setzen. Dabei ist mir auch ein Buch von Masanobu Fukuoka in die Hände gefallen und ich habe angefangen, mich mit Permakultur zu beschäftigen.

In meiner Ausbildung in Prozessorientierter Psychologie bin ich dann von einer anderen Seite mit den gleichen – mittlerweile vertrauten – Prinzipien in Berührung gekommen. Meine Abschlussarbeit hat sich mit dem Thema “Prozessarbeit in Organisationen” beschäftigt und daher lag es nahe, der Verbindung zwischen “lebendiger Organisationskultur” und Permakultur nachzugehen. 

Viele unserer Leser*innen dürften eher mit Prozessorientierter Psychologie vertraut sein als mit Permakultur… Vielleicht kannst du einmal anreißen, inwiefern es diese Berührungspunkte gibt? 

In der Prozessarbeit – zumindest so wie sie von Arnold Mindell verstanden wird – geht es in erster Linie darum, mit dem Prozess und nicht gegen ihn zu arbeiten. Dem, was natürlicherweise abläuft, wird eine Art von Intelligenz attestiert. Einer der Hauptprinzipien der Permakultur ist es, mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten.

diversität unternehmen

Mehr Diversität, weniger Monokultur: Im Gewächshaus wie auch in Organisationen.

Auch hier wird in der natürlichen Dynamik eine Art von Intelligenz gesehen, deren Entfaltung von uns unterstützt werden kann. Es geht in beiden Konzepten mehr um Bewusstsein, um Wahrnehmen, um Begleiten und Unterstützen und weniger darum, einem Garten oder einem anderen Menschen ein eigenes Konzept überzustülpen. 

In welchen Lebensbereichen hast du selbst Erfahrungen mit der Permakultur gemacht?

Ich lebe in einem Co-Housing-Projekt und bin seit vielen Jahren in der Gemeinschaftsbewegung engagiert. Dabei habe ich viele Gemeinschaften besucht oder bei deren Entstehung mitgewirkt. Die meisten Gemeinschaften  betreiben – im kleinen oder grösseren Stil – Gartenbau und verfolgen dabei oft Designprinzipien, die aus der Permakultur stammen. 

Wie würdest du die Prinzipien der Permakultur auf eine Organisation übertragen?

Sobald die Permakultur den Garten verlässt, reduziert sie sich zu einer Philosophie. Es ist eine Arbeit mit Analogien. Viele Prinzipien der Permakultur können jedoch bruchlos auf die Organisation eines Unternehmens übertragen werden.

Zum Beispiel das Prinzip, dass jedes Element mehrere Funktionen hat und sich die Elemente dadurch in einem möglichst dichten Netzwerk gegenseitig unterstützen. Ein Mensch, der in seiner Gesamtheit gesehen und nicht auf eine einzige Funktion reduziert wird, der sich frei entwickeln kann und der mit seinem Umfeld in einem intensiven und reichen Austausch steht, fühlt sich nicht nur wohler, sondern wird auch produktiver.

Permakultur im Unternehmen

„Integrate Rather Than Segregate“ (8. Prinzip der Permakultur) – Lebensraum, Kühlung der Umgebungsluft, Sauerstoffproduktion durch Wasserpflanzen: Allein ein Teich erfüllt viele Funktionen gleichzeitig.

Die Praxis der Organisationsberatung hat sich schon lange von mechanistischen Theorien gelöst. Das Bild einer Organisation als komplizierte Maschine steckt jedoch nach wie vor in den Köpfen vieler  und verstellt dort oft unbewusst den Blick auf organischere – und aus meiner Sicht funktionalere – Modelle. Wir stehen wahrscheinlich in einem epochalen Umbruch der zugrundeliegenden Ontologien. Ob wir eine Organisation als ein großes „Uhrwerk“ verstehen oder sie eher als eine lebendige Struktur wahrnehmen, macht in unserem Denken und Handeln einen großen Unterschied.

Als lebendige Struktur ist eine Organisation auch nicht mehr hierarchisch steuerbar. Selbstorganisation wird ja spätestens seit Frederic Laloux’s Bestseller „Reinventing Organizations“ zum Glück wieder breiter diskutiert.

Du hast an anderer Stelle auch die Nachteile von Permakultur benannt: Wer im Garten Vielfalt lebt, der kann keine Höchsterträge wie der konventionelle Bauer nebenan erwarten. Ein gewagter Vergleich von mir: im Kapitalismus, wo es um schnelles und großes Wachstum geht, ist auch kein Platz für eine solche Vielfalt. Befinden wir uns in einer postkapitalistischen Zeit, die – auf dem Feld und in der Organisation – Platz für Permakultur macht?

Ein schöner Gedanke.

Der Kapitalismus hat erstaunlich lange überlebt, aber als System stößt er mittlerweile  total an seine Grenzen. Dabei steht nicht nur der Kapitalismus zur Disposition, sondern teilweise auch die Marktwirtschaft. Planwirtschaft ist keine gangbare Alternative, es gibt jedoch eine viel ältere Wirtschaftsweise, die sich über Jahrtausende bewährt hat und auch heute noch einen großen Teil der weltweiten Wertschöpfung ausmacht: Die Bedarfswirtschaft in der das, was wir zum täglichen Leben brauchen, in unseren lokalen Gemeinschaften hergestellt wird.

Es macht Sinn, dass wir als einzelne Menschen nicht direkt und total von mittlerweile globalisierten Märkten abhängig sind, sondern in irgendeiner Weise auch noch eine Form von Subsistenzwirtschaft betreiben.

Tatsächlich sehen wir das gut in der Landwirtschaft: Bauernbetriebe, die den Empfehlungen der Agrarlobby gefolgt sind, haben sich spezialisiert, unterliegen dem Wachstumszwang, haben sich verschuldet, müssen immer mehr arbeiten und die Arbeit macht gleichzeitig immer weniger Spass.

nachhaltig wirtschaften

Auch nachhaltiges Wirtschaften mit Ressourcen lässt sich aus der Permakultur ableiten.

Andere Betriebe haben sich dafür entschieden, dabei nicht mitzuspielen. Sie sind klein und vielfältig geblieben und dadurch für die Großverteiler uninteressant. Wenn ich jedoch zu meiner Selbstversorgung anbaue und die Überschüsse auf dem lokalen Markt verkaufe, kommt mir die Vielfalt entgegen.

Oft ergänzen solche Betriebe ihr Angebot dadurch, dass sie Produkte auch veredeln (Säfte, Konfitüren, Brotaufstriche usw.) oder sie pflegen neben der Landwirtschaft auch noch ein touristisches Angebot. Auch hier sehen wir wieder ein Prinzip aus der Permakultur: Vielfalt, mehrere Funktionen, sich ergänzende Elemente.

Im Handwerk kann ich mir das auch noch vorstellen. Aber meinst du, das kann auch in anderen Branchen funktionieren? Und was müsste sich dafür konkret ändern?

Ein großer Industriebetrieb – der ohne lokale Anbindung und allein auf die Funktion reduziert, möglichst billig zu produzieren, als ein Alien in der Landschaft steht und einer  rein marktwirtschaftlichen Logik, bez. einem kurzfristigen Profitdenken folgt, können wir mit einer Monokultur in der industriellen Landwirtschaft vergleichen.

Übertragen wir Permakultur-Prinzipien auf dieses Unternehmen, wird es an seinem Standort hoch integriert sein. Es wird Lebensmittel für seine Betriebskantine von regionalen Anbietern beziehen, seinen Mitarbeitern vielleicht die Möglichkeit geben, in der Infrastruktur des Unternehmens auch eigene Projekte zu verwirklichen, falls nötig eine Kinderkrippe in den Betrieb integrieren und sich auf lokaler Ebene vielfältig vernetzen und verwurzeln.

Diese Verwurzelung ist eine Ressource. Es kann auf die Motivation und Loyalität der Mitarbeitenden zählen. Die Integration verhindert auch, dass das Unternehmen, nur weil es anderswo ein paar Cent billiger produzieren könnte, sofort abwandert. 

Und wie könnte eine Wirtschaftswelt aussehen, die von permakulturellen Prinzipien geleitet wird?

Der Anteil der Vorsorgungswirtschaft gegenüber der globalisierten Marktwirtschaft wäre definitiv wieder größer. Betriebe wären überwiegend Orte, in denen sich Menschen in ihrer Arbeit verwirklichen. Dabei können sie natürlich auch intelligente Produkte oder Dienstleistungen für den Weltmarkt herstellen, das wäre jedoch nicht der alleinige Zweck der Organisation. Das lokale Netzwerk aus Sozialkontakten, Kultur, Kreativität, Bildung, Freizeitaktivitäten und Arbeit, also die dörfliche Struktur, würde wieder mehr ins Zentrum rücken.

kollaboration new work

Zukunftsfähige Unternehmen verstehen sich auf kollaboratives Zusammenarbeiten.

Ist das dann nicht dieses New Work?

Ich habe Frithjof Bergmann nie gefragt, ob er einen Bezug zur Permakultur hat. Dass sich verschiedene Ansätze jedoch in ihrer Struktur gleichen, ist kein Zufall. Es liegt am oben erwähnten ontologischen Umbruch. New Work ist wie die Permakultur ein Teil einer Ontologie, die Lebendigkeit und Freiheit ins Zentrum stellt, ohne das feine Geflecht der gegenseitigen Abhängigkeiten zu negieren.  

Wo siehst du noch Hinweise auf eine ontologische Wende und was erwartest du dir davon?

Sobald unsere Konzepte anfangen integrativer, lebendiger, dialogischer, empathischer, leichter, humorvoller, organischer, komplexer und freier zu werden, bewegen wir uns in unserem Denken und Empfinden in eine Ontologie hinein, die sich aus einem erstarrten mechanistischen Weltbild gelöst hat.

Natürlich kann man auch Permakultur oder New Work zu einem starren System machen, verfehlt damit aber den Kern der Sache. Weil diese neue Ontologie eben gerade kein starres System ist, lässt es sich auch nicht abschließend beschreiben, sondern nur in der Zusammenschau vieler – in sich unperfekter – Elemente erahnen.

Ich könnte jetzt eine lange Liste aufzählen, glaube jedoch, dass du selber merkst, welche Konzepte und Bewegungen mit den oben beschriebenen Adjektiven in Resonanz sind. Ich glaube auch, wir werden die riesigen Herausforderungen unserer Zeit nicht bewältigen, wenn wir nicht auch das “Betriebssystem” unseres Denkens in diese Richtung weiter entwickeln. 

Glaube ich auch. Kennst du Beispiele für Unternehmen, die nach permakulturellen Grundsätzen arbeiten?

Viele Betriebe, die im Kontext von New Work genannt werden oder auch im Buch von Laloux erwähnt werden, arbeiten – zumindest teilweise – nach diesen Grundsätzen.
Welche Überzeugungen die jeweiligen Betriebe dazu bringen und ob sie sich explizit auf die Permakultur beziehen, ist aus meiner Sicht nicht relevant.

1988 war ich in der Schweiz Projektleiter für ein Adressbuch im Ökologiebereich. Ich habe dadurch Betriebe kennen gelernt, für die die Sinnfrage, Ökologie oder fairer Handel wichtiger waren, als wirtschaftlicher Erfolg. Eine Organisation kann wirtschaftlich tragfähig sein, ohne Gewinnmaximierung als oberstes Ziel zu haben. Oft sind es auch hybride Organisationen z. B. im Bereich 2. Arbeitsmarkt, die sich über Produkte/Dienstleistungen UND über Transferzahlungen finanzieren, die in ihrer Struktur und Kultur eine Verwandtschaft zur Permakultur aufweisen. 

Hast du Leseempfehlungen für Leser*innen, die sich tiefer mit diesem Thema befassen möchten?

Da kann ich interessierten LeserInnen natürlich die Bücherliste meiner Homepage ans Herz legen. Auf der Liste findet sich unter anderem auch “Der Große Weg hat kein Tor” von Masanobu Fukuoka, “Anweisungen für den Koch” von Bernard Glassmann (ein wunderbares Buch, das ganz aus der oben erwähnten Ontologie heraus geschrieben wurde und die Entstehung eines erfolgreichen Unternehmens aus diesem Geist heraus beschreibt) und Frederic Lalouxs “Reinventing Organizations”. Erwähnen würde ich auch mein eigenes Buch “Tu, was du wirklich, wirklich willst – Die Alchemie der Berufsnavigation” mit einem Vorwort von Frithjof Bergmann.


@Robert Six

Thomas Diener ist seit 1989 Geschäftsführer der FairWork GmbH. Er ist Coach, Supervisor (ÖVS) und Laufbahnberater mit über 30 Jahren Beratungserfahrung. Sein Kernthema ist die (co-kreative) Gestaltung von Zukunft. Folgerichtig ist er auch als Moderator von Zukunftswerkstätten, Future – Search – Konferenzen, Strategieworkshops und als Social Entrepreneur tätig.

 

Dieser Beitrag ist Teil unserer Permakultur-Serie:

Seed it / Permakultur I
Soziale Permakultur
Digitale Permakultur