ökonomie nachhaltig verändern

ökonomie nachhaltig verändern

Jule und Lukas sind die Autoren des Buches “ÖKOnomie – so retten führende Unternehmensaktivist*innen unsere Zukunft”. Im Buch gehen sie der Frage nach, wie die Wirtschaft als Ganzes zum Teil der Lösung planetarer Herausforderungen werden kann und stellen Organisationen und Projekte vor, die Ökonomie nachhaltig denken. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, wie nachhaltige Produkte den Weg in den Mainstream finden können und wie Organisationen es mutig vormachen.

Hallo Jule und Lukas, es könnte eigentlich ganz einfach sein: Wir konsumieren weniger und tun dem Planeten etwas Gutes. Warum funktioniert das nicht?

Lukas: Tatsächlich wissen wir spätestens seit 1972, als der Club of Rome seinen Bericht zu den “Grenzen des Wachstums” herausgebracht hat, dass wir etwas ändern müssen, dass wir UNS ändern müssen. Und trotzdem ist seitdem in Sachen Konsum, Umweltverschmutzung, CO2 Ausstoß, Versauerung der Ozeane, Artensterben und so weiter, eigentlich fast alles immer schlimmer geworden.

Und das obwohl der Trend zu nachhaltigeren Lebensweisen zumindest im urbanen Raum sehr präsent ist. Im globalen Maßstab läuft er allerdings in eine vollkommen andere Richtung! Nun gibt es ja die Stimmen, die immer wieder betonen, wie klein und unbedeutend beispielsweise “unser deutscher Fußabdruck” ist, gerade im Vergleich zu … – und dann zählt man auf, wer denn noch schlimmer ist und versucht daraus zu schließen, dass eben jene ja viel größeren Handlungsbedarf hätten. “Würden die doch mal…”, “Da wäre es viel wichtiger…” Und das passiert nicht nur weltpolitisch, sondern auch in der Wirtschaft zwischen verschiedenen Branchen. Keine dieser Schuldzuweisungen, keiner dieser Konjunktive bewegt irgendetwas.

Jule: Auch auf individueller Ebene geht es viel zu langsam voran. Einerseits gibt es wirklich nachhaltige Angebote in den allermeisten Lebensbereichen überhaupt nicht. Man denke an Bio-Gurken in Plastikverpackung – irgendwas macht man immer falsch. Andererseits haben viele Menschen vollkommen andere Probleme, als den Grad der Nachhaltigkeit ihres persönlichen Lebensstils zu erhöhen.

Und selbst wenn man sich vollkommen umstellen wollte, dauern Verhaltensänderungen unglaublich lange, die Wissenschaft geht von bis zu 10 000 Stunden aus – das ist ein Vollzeitjob für 5 Jahre! Wir sind genetisch bedingt träge Gewohnheitstiere. Als wäre das nicht schon genug, gibt es wieder andere, die wehren sich außerdem vehement gegen jede Form der Veränderung, die irgendwie nach Verzicht klingen könnte – ich sag nur, Tempolimit und Co.

In eurem Buch stellt ihr Organisationen und Projekte vor, die aber genau das bewirken: Sie sind erfolgreich und das nachhaltig. Wie schaffen sie es?

Jule: Sie wechseln die Perspektive! Sie fragen sich: wenn wir es scheinbar nicht schaffen, die Menschen, also uns selbst, schnell genug zu ändern, was könnten wir dann tun? Jakob Berndt, einer der Gründer des nachhaltigen Banking Startups tomorrow, hat im Interview für unser Buch einen wirklich passenden Slogan für diese Art zu denken geteilt:

“If you want to save the world, you need to throw a better party than those destroying it!”

Und Milena Glimbovski, die Gründerin des Zero-Waste-Supermarkts Original Unverpackt nennt es “Nachhaltigkeit sexy machen”. Nachhaltigkeit schüttelt sich also gerade ordentlich und wirft das für viele auch abschreckende ‚Öko-Image‘ ab, das ihr lange anhaftete. Letztendlich geht es dann darum, durch nachhaltige Angebote mehr Lebensqualität, Genuss und Spaß zu ermöglichen!

Lukas: Im Grunde ist Nachhaltigkeit schon immer in diesem Sinne hedonistisch, da könnte man jetzt bis an den Wortstamm hedone und zu den altgriechischen Philosophen, aber zum Beispiel auch zu Kants kategorischem Imperativ ausholen… Kurz gefasst geht es dabei immer um die Frage, wie wir als Einzelne und als Gesellschaft leben wollen. Gut natürlich!

Und wie wir diese oder sogar eine bessere Welt auch unseren Kindern und Kindeskindern hinterlassen können. Wenn man es auf diesen grundsätzlichen Punkt bringt, stellt man fest, dass Menschen, egal welcher sozialen Herkunft oder politischen Position, hier eigentlich alle relativ ähnlich gepolt sind. Und doch stehen wir eben leider immer noch an einem ziemlich kritischen Punkt der Rat- und Tatenlosigkeit.

Wenn wir wollen, dass alle mitmachen, wir also vom Nischentrend in den Mainstream kommen wollen, müssen nachhaltige Lösungen schlichtweg in allen Belangen besser sein, also spaßvoller, praktischer und je nachdem worum es sich handelt, auch günstiger als die weniger nachhaltigen. So verändern wir nicht das Verhalten an sich, sondern dessen Resultate.

Gibt es ein Beispiel für diese “hedonistische Nachhaltigkeit” in Unternehmen?

Lukas: Na klar, unzählige! tomorrow haben wir schon erwähnt – das ist eine Banking-App, die genauso hip und “designy” ist wie die anderen “Neobanken”. Die Nutzungserfahrung ist digital, schnell, unkompliziert und kostenlos. Doch die Wirkung, die das Geld, das auf den Konten liegt, in der Welt erzeugt, unterscheidet sich massiv von den anderen Anbietern: es wird nicht in Waffen, Atomkraft oder andere schädliche Industrien investiert, sondern ausschließlich nach strengen und transparenten Nachhaltigkeitskriterien.

Die Nutzer*innen müssen sich in ihrem Verhalten hier nicht anpassen, müssen auf nichts verzichten und trotzdem ist der Effekt, den es auf den Planeten und die Gesellschaft hat, fundamental anders. Genau darum geht’s! Ein weiteres Beispiel, das wir auch im Buch näher beschreiben ist CopenHill – eine hochmoderne Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen.

Nie würde man davon ausgehen, dass sich Bewohner*innen eines Stadtteils über eine neue Fabrik freuen könnten, doch das war der Fall, als CopenHill eröffnet wurde. Denn die Fabrik hat auf ihrem Dach eine Skipiste, ein Naherholungsgebiet und eine Veranstaltungsfläche mit bombastischem Blick über die Stadt. Sie erfüllt nicht nur ihre Funktion der nachhaltigen Energieproduktion, sondern zusätzlich gleich mehrere Bedürfnisse, die die Anwohner*innen davon unabhängig hatten und steigert damit die Lebensqualität im Viertel enorm.

copenhill neues wirtschaften

CopenHill (@Press/CopenHill, Ehrhorn Hummerston)

Jule: Die Gestaltungsmuster, die hinter solchen Lösungen liegen, sind hochinteressant, denn sie stellen so einiges auf den Kopf, was wir bisher über Nachhaltigkeit dachten. Ein weiterer Punkt sind gerade die Kosten. Wir glauben heute immer noch fest daran, dass Nachhaltigkeit für Unternehmen und Konsument*innen immer zwangsläufig teurer ist. Unabhängig davon, dass diese Annahme rein logisch in Frage gestellt gehört, gibt es unzählige Beispiele, die zeigen, dass nachhaltige Angebote sogar um ein Vielfaches günstiger sein können, als die herkömmlichen.

Denn nachhaltige Produkte und Services verkaufen sich oft auch ohne einen großen Marketing-Rucksack oder viel Werbung, da sie für sich selbst sprechen und immer mehr Menschen gezielt nach solchen Alternativen suchen. Und sogar die Rohstoffe, aus denen sie gefertigt sind, sind an sich teilweise günstiger als bei den bisher verbreiteten Produkten. Nachhaltigkeit ist reif für den Mainstream!

Es geht also auch anders, nur müssen wir dafür grundlegend an den Geschäftsmodellen, Produkten und auch an unserem Menschenbild arbeiten. Wie das genau aussehen kann, haben wir im Buch anhand vieler Beispiele beschrieben und helfen außerdem in unserer Beratungstätigkeit Unternehmen bei der Entwicklung sowie der strategischen Umsetzung von “öko-nomischen” Innovationen und Geschäftsmodellen, also solchen, die Nachhaltigkeit und Business-Erfolg vereinen – und zwar in einem sich gegenseitig bestärkenden Wachstum.

Habt ihr zum Abschluss noch drei Tipps für Menschen aus Organisationen, die den ökonomisch nachhaltigen Weg möchten und erste Orientierung in diesem Bereich suchen? Wie startet man?

Jule: Gerne! Bei drei möglichen Startpunkten differenziere ich einfach mal zwischen unterschiedlichen Ebenen, an denen wir im Kontext von Organisationen etwas tun können. Erstens bei Mindset und Sprache. Die meisten Organisationen, wie wir sie heute kennen, haben nicht das Ziel, einen gemeinnützigen Zweck zu erfüllen.

Entsprechend sollten wir, wenn wir nachhaltige Ideen umsetzen wollen, moralische Appelle am besten vollkommen sein lassen und stattdessen auf das massiv disruptive Potenzial der Nachhaltigkeitstransformation in unseren Argumentationen setzen: schon längst ist Weltretten ein valides Kundenbedürfnis und auch gesetzliche Rahmenbedingungen werden sich eher kurz- als langfristig stark in Richtung Nachhaltigkeit drehen. Wer voran geht, hat also massive Wettbewerbsvorteile.

Und wenn unsere Unternehmen nicht voran gehen, werden es andere tun! Der zweite Ansatzpunkt ist das Geschäftsmodell. Wir arbeiten mit unseren Kunden immer stärker auch an Nachhaltigkeitshebeln im Kerngeschäft, also an der Frage: was ist das ökologische Kernproblem darin? Um dann Antworten zu entwickeln, die die Lösung des Kernproblems zum neuen Kerngeschäft oder zumindest zu einem neuen Geschäftsfeld machen. In beiden Fällen ist der Startpunkt ein Perspektivwechsel.

Lukas:

Und nun noch die Ebene individueller Handlungen:

„Anstatt monatlich 30 Minuten vor dem Zahnbürstenregal zu verzweifeln und das schlechte Gewissen mit drei Metern imaginärem Washi-Tape mundtot zu machen, weil man zum Freitagsstreik im Meeting sitzt, wäre es doch das sinnvollste, den größten Hebel umzulegen, den wir alle haben: unsere Jobs.“

Die, die wir haben, die, die wir kündigen und die, die wir als Arbeitgeber*innen erschaffen. Wir müssen die notwendigen Fragen an uns selbst und Verantwortungsträger*innen stellen, unbequeme, aber zukunftsentscheidende Gespräche führen. Für was für ein Unternehmen arbeite ich? Für welche Unternehmen arbeitet mein Unternehmen? Wie sieht die Lieferkette aus? Welche Standards setzen wir bei Zulieferern an? Woher kommt unser Strom? Und das Essen in der Kantine? In welche Aktien sind wir investiert? Wie informiert und engagiert sind meine Kolleg*innen? In welchen Bereichen werden neue Jobs geschaffen und in welchen nicht? Welche Rolle wird das Unternehmen in Zukunft einnehmen? Und ganz grundsätzlich: Wie werden wir von der Ursache der Misere zum maßgeblichen Teil ihrer Lösung?

Jule: Wir haben das mal salopp „Schreibtischaktivismus“ genannt. Das mag nicht sexy klingen. Doch er könnte neben dem individuellen Konsum, der vergleichsweise beschränkte Effekte hat, und natürlich unserer Wahlentscheidung und dem eigenen politischen Engagement, zum größten Hebel für die Verwirklichung von Umweltzielen werden, den jede*r einzelne von uns hat.


neues wirtschaftenJule Bosch und Lukas Bosch sind selbständige Innovationsberater und helfen Unternehmen, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen. Als waschechte Unternehmens-Aktivisten haben sie außerdem das StartUp Holycrab! gegründet, das sich der Lösung eines Problems im Bereich der Biodiversität widmet, nämlich invasiven Arten. Ihr Buch findet ihr hier.

 

 

Mehr Buchempfehlungen findet ihr auch noch hier in unserer Bücherliste.

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