New Work vs. Zoom Fatigue?

Jetzt ist es sogar amtlich: Wer in seinem Homeoffice-Alltag zu viele Videokonferenzen plant, der wird müde. Das könnte für Unternehmen der Anlass sein, Homeoffice und Remote-Arbeiten grundsätzlich in Frage zu stellen. Also: New Work und nun Rolle rückwärts? Nein, sagt Prof. Dr. Jutta Rump. Sie forscht am Institut für Beschäftigung und Employability IBE und hat das Phänomen »Zoom Fatigue« in den vergangenen Monaten verfolgt. Wir sprachen mit ihr.

Liebe Frau Rump, von was sprechen wir eigentlich bei »Zoom Fatigue«?

Darunter versteht man eine Art von Online-Müdigkeit, einem Zustand der Erschöpfung, der zunehmend in virtuellen Meetings wahrgenommen wird. Dieses Phänomen war vorher auch schon bekannt, aber vor allen Dingen bei Youtubern und anderen jungen Menschen, die sich sehr viel im Virtuellen aufhalten. Sie klagten dann darüber, dass sie nach ihren stundenlangen Aufnahmen vor dem Bildschirm sehr erschöpft sind. Mit der steigenden Anzahl an Menschen, die im Homeoffice arbeiten, nehmen wir diese Erschöpfung nun auch bei Arbeitnehmer*innen wahr.

Stehen ist das neue Sitzen

Wenn ihr langes Arbeiten am Rechner etwas gesünder gestalten möchtet, dann solltet ihr euch einen Stehtisch oder einen höhenverstellbaren Schreibtisch zulegen.
Wer zu lange sitzt, der erhöht das Risiko für allerlei Erkrankungen (Thrombose, Schlaganfall, Rückenschmerzen etc.). Und wer öfter mal steht, der versorgt sein Gehirn mit mehr Sauerstoff, außerdem kann die Produktivität durch Stehen um 46 % gesteigert werden. Die Skandinavier haben das schon erkannt. Dort bieten über 80% der Unternehmen Stehtische an, in Dänemark sind sie bereits Pflicht. Also warum nicht zum nächsten Zoom-Meeting aufstehen und den Kaffee und virtuellen Plausch im Stehen genießen?

Und wer keinen neuen (meist teuren) höhenverstellbaren Tisch kaufen möchte, der kann auch hier auf Workhacks zurückgreifen. Z.Bsp. durch den einfachen Stehschreibtisch Monkey Desk oder den von Harmoni Desk.

Wie sind Sie auf dieses Lockdown-Phänomen gestoßen?

Ich wurde von einer Journalistin des Handelsblatts darauf aufmerksam gemacht und ich fand es spannend.  Direkt nach dem Einsetzen des ersten Lockdowns ab Mitte März führten wir Interviews mit Menschen aus der deutschen Wirtschaft durch, um zu erkunden, wie die Erfahrungen und Reaktionen auf Zoom Fatigue sind.

Zwischen April und Juni kam dann stark zum Vorschein, wie anstrengend die große Anzahl an Online-Meetings und vor allem die strenge Taktung von virtuellen Terminen ist. Nach den Interviews haben wir im September das erste Mal eine empirische Untersuchung zu Zoom Fatigue durchgeführt, im Dezember befragten wir insbesondere die Teilnehmer*innen der ersten Befragung noch einmal zu ihren Erfahrungen. So lässt sich eine Entwicklung erkennen.

Wenn wir es ganz, ganz pessimistisch betrachten, könnte man sagen, dass die virtuelle Zusammenarbeit als New Work-Aspekt damit gescheitert ist. Sprechen Ihrer Meinung nach die Ergebnisse für eine Weiterführung der Präsenzkultur in deutschen Unternehmen?

Nein, man muss aus den Ergebnissen jetzt nicht schlussfolgern, dass man in die alte Welt zurückkehren kann und muss. Das wäre logisch betrachtet nicht der richtige Weg und das soll die Untersuchung auch gar nicht aussagen. Die Erfahrungen, die Teilnehmer*innen während des Lockdowns im Homeoffice gemacht haben, können nämlich nicht als echtes mobiles Arbeiten betrachtet werden. Wenn wir davon ausgehen, dass es kein Homeschooling gibt und alle technischen und organisatorischen Voraussetzungen für mobiles Arbeiten gegeben sind, dann lassen sich damit tatsächlich Produktivitätssprünge machen. Anstatt vier Meetings im Büro kann man sechs kurze Online-Meetings pro Tag ansetzen, es gibt keine Wegezeiten. Diesen Produktivitätssprung erkauft man sich jedoch zunächst mit der Konsequenz des Zoom Fatigues.

Was schlagen Sie vor?

Schauen wir auf die Ergebnisse der ersten und zweiten Untersuchung, so lassen sich bereits Lerneffekte erkennen. Die Betriebe haben nach ein paar Monaten Homeoffice ihre Meetings besser organisiert und die technischen Voraussetzungen sind viel, viel besser geworden. Unternehmen lernen gerade, dass weniger manchmal mehr ist. Die Meetings werden folglich kürzer, sie machen Pausen und es gibt eine*n Moderator*in, der*die mit Struktur und Leichtigkeit durch das Meeting führt.

Was aber interessant ist: Je mehr alle erforderlichen Voraussetzung geschaffen sind, desto stärker treten die Schwierigkeiten im interpersonalen Bereich her. Das bedeutet beispielsweise, dass deutlicher wird, dass den Menschen die nonverbale Kommunikation, das Zwischenmenschliche fehlt.

Zoom-Hacks aus der Plan W-Redaktion

„Im März jährt sich nun mein Homeoffice-Dasein und ich gebe zu, dass der Plausch auf dem Flur oder die Kaffeepause in der Cafeteria nicht 1:1 zu ersetzen sind. Aber es gibt Alternativen: Mir hilft eine kurze Plauderei am Telefon genauso wie ein aufmunterndes GIF bei Slack oder eine Videokonferenz, in der anfangs kurz über die schöne Lampe im Hintergrund gesprochen wird. Was noch helfen kann, ist die eigene Mimik und Gestik. Mein Lieblingssatz der Woche stammt von Stefan Verra, Experte für Körpersprache: „Eine gute Videokonferenz sieht aus wie ein Metallica-Konzert“. Was er damit meint? Man solle nicht immer steif und ernst vor der Kamera sitzen, sondern seine Mimik nutzen und das Gegenüber aufrichtig wahrnehmen. Für Verra bedeutet richtiges Zuhören, zu signalisieren: ‚Ich habe verstanden. Lächeln, Augenbrauen heben und vor allem Nicken.‘“

(Susann Wenk, Plan W)

Es geht also nicht nur remote?

Ja. Aber auch wenn wir alles richtig machen, bleibt das Bedürfnis nach dem Zwischenmenschlichen. Es braucht trotzdem Zeit gemeinsam in einem stationären Raum zu sein. Wenn Mitarbeiter*innen zu 100 % Remote arbeiten, geht das Zusammengehörigkeitsgefühl, der Teamspirit verloren. Und das wiederum ist schlecht für das Teambuilding. Denkbar wäre eine 50/50 Lösung, um das Beste aus allen möglichen Szenarien herauszuholen.

Werden Sie die Entwicklung weiterverfolgen?

Ja, wir werden eine dritte Befragung durchführen, wenn wir uns wieder in einem normalen Bereich außerhalb des Lockdowns bzw. ohne Beschränkungen bewegen. Wir gehen aktuell davon aus, dass das ab September 2021 der Fall sein wird.

 

3 Enfants Terribles-Tipps für Zoom und ähnliche

  1. Check-In: Wir starten jedes noch so kleine Meeting und natürlich unsere Workshops und Learning-Sessions mit einem Check-In. Das holt nicht nur alle Teilnehmer*innen ins Jetzt und Hier und ist ein guter gemeinsamer Start, es gibt auch jedem*r Raum und jede*r wird schon mal gehört. Bevor wir mit dem Check-In starten, schauen wir meist nochmal sehr bewusst in die Runde, in die Gesichter, einzeln auf die vielen kleinen „Kacheln“, um uns wirklich wirklich zu sehen. Und natürlich schließen wir jede Session immer mit einem Check-Out gut ab.
  2. Kamera aus: Eigentlich sind wir sehr dafür, dass alle ihr Video in den Online-Meetings an behalten, damit wir wenigstens darüber gut in Kontakt sind. Wir machen aber z. B. vor unserem Check-In oder -Out die Kameras bewusst einen Moment aus, um kurz durchzuatmen, uns zu fokussieren und besser bei uns zu sein.
  3. Walk-to-Talk: Raus gehen – so oft es geht! Dafür eignet sich das Format „Walk-to-Talk“ sehr gut: zu zweit auf einen Spaziergang, Handy mitnehmen, ein Thema aussuchen, über das man sinnieren will. Jede*r spricht abwechselnd 7 Minuten über seine Gedanken und Ideen; dazwischen ist jeweils 2 Minuten Stille. Kein Unterbrechen, keine Fragen. Raum und Zeit fürs Eigene. Okay, ganz am Ende kann man darüber dann ja nochmal ins Gespräch kommen 🙂

Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Außerdem  ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen IBE. Seit 2007 gehört sie zu den „40 führenden Köpfen des Personalwesens“ (Zeitschrift Personalmagazin) und zu den acht wichtigsten Professoren für Personalmanagement im deutschsprachigen Raum.