new work im elchtest

new work auf dem land

Katja Thiede ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von juggleHUB Coworking. Ihr Leben in Berlin hat sie 2019 zurückgelassen, um zurück in der Heimat in Mecklenburg Vorpommern zu wirken. Damit ist sie nicht die einzige, denn viele Menschen kehren in weniger belebten Landstriche zurück oder entdecken sie neu für sich. Was ist der Reiz daran? Und wie könnte „New Work“ auf dem Land aussehen und welche Rolle spielt dabei Coworking? Wir haben mit Katja darüber gesprochen.

Liebe Katja, du bist im Juni 2019 nach Mecklenburg zurückgekehrt, ich bin im Juli nach Brandenburg „heimgekehrt“. Neun Monate später gingen wir alle das erste Mal in den Lockdown. Hast du es auch als erleichternd wahrgenommen, dass du auf dem Land mehr Raum hattest als in einer Großstadt wie Berlin?

Ja, absolut. Gerade der erste Lockdown war für viele Menschen in meinem Umfeld sehr hart, weil auch Freiflächen, wie Spielplätze, in der Stadt nicht mehr zugänglich waren. In dieser Situation haben wir es als riesiges Glück empfunden, einen großen Garten zu haben und Wald und See gleich um die Ecke. Auch in den nachfolgenden Corona-Wellen konnten wir uns so recht unkompliziert mal mit Freunden treffen, indem wir vieles nach draußen verlagert haben. Das ist hier sehr viel einfacher als in unserem alten Kiez in Berlin. 

Was waren ansonsten die Beweggründe für dich, zurückzukehren? Es grenzt ja fast an Hochverrat, die trubelige Szene hinter sich zu lassen, um Kleinstädte aus dem Dornröschenschlaf zu reißen. 

Ich muss zugeben, dass ich gar nicht die treibende Kraft war, sondern mein Mann. Er ist in Berlin nie so richtig glücklich gewesen. Vor drei, vier Jahren haben wir dann angefangen, uns gezielt nach einem Haus in Brandenburg umzusehen. Fast jedes Wochenende waren wir draußen und ich habe es total genossen. Ich konnte mir immer besser vorstellen, rauszuziehen, aber wir haben lange nicht das Richtige gefunden.

Als wir merkten, dass wir mit Brandenburg nicht weiterkommen, haben wir den Radius auf Meck Pomm ausgedehnt – und dort genau das gefunden, wonach wir gesucht haben. Rückblickend war es gut, dass es genauso gelaufen ist. Auch wenn ich immer gesagt habe “Ich gehe niemals wieder nach Meck Pomm zurück”, bin ich jetzt sehr froh, genau hier zu sein.

„Unsere Familien sind hier und immer mehr Freunde kehren ebenfalls zurück.“

Überall tut sich was und das Land entpuppt sich als ebenso kreativer Spielplatz wie die große Stadt. Immer mehr Menschen erkennen zudem die Chancen und den Freiraum, die ihnen das Leben abseits der Großstadt bietet. Ich denke, viele Innovationen werden zukünftig im ländlichen Raum gemacht. Und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass Menschen eben nicht, so wie ich damals, unbedingt weg und nie wieder hierher zurück wollen, sondern sich hier eine Zukunft vorstellen können, in der sie mitgestalten und sich verwirklichen können. 

Coworking im juggleHUB in Berlin…

Der Place to Be der Coworking-Szene ist die Uckermark. Was passiert gerade in Sachen Stadt- und Wirtschaftsentwicklung in Neustrelitz? Kommt jetzt die Mecklenburgische Seenplatte?

Die Coworking-Szene wird in ganz Meck Pomm immer sichtbarer. In allen Ecken des Landes gibt es Menschen, die Coworking Spaces gründen wollen. Das ist eine tolle Entwicklung! In Neustrelitz haben wir mit dem Kiez-Büro einen sehr gut laufenden Space. Erste Institutionen, wie aktuell das Landesinstitut für Erneuerbare Energien (LEEA), greifen das Thema auf und wollen Coworking-Angebote bei sich integrieren.

Ich bin gespannt, wie sie das umsetzen werden. Trotzdem gibt es in Neustrelitz nach wie vor viel Leerstand. Meinem Empfinden nach fehlt es der Stadt an einer klar erkennbaren Vision und einer “Politik der offenen Tür”. Die Strukturen wirken, von dem, was ich bisher so gehört und erlebt habe, ziemlich eingestaubt. Mit Ansätzen von Kollaboration, Transparenz, Partizipation und Offenheit scheint man hier immer noch der Exot oder die Exotin zu sein.

…Dreharbeiten im Kiez-Büro in Neustrelitz mit Gründer Björn Budack (rechts).

Es gibt aber tolle Gemeinden ringsherum mit sehr fortschrittlichen und neugierigen Bürgermeister*innen, die sich trauen, neue Wege zu gehen und kreative Ideen zu unterstützen. An denen orientiere ich mich in erster Linie, auch in meiner Arbeit für die CoWorkLand Genossenschaft. 

Meine Wahrnehmung ist, dass es ein unheimlich großes Geschenk ist, außerhalb einer Großstadt – insbesondere in Ostdeutschland – zu leben. Hier gibt es Platz um Neues zu kreieren, Gestaltungsfreiräume. Ist das auch dein Eindruck und wenn ja, wie gestaltest du mit?

Das empfinde ich genauso. Gleichzeitig geht genau diese Aufbruchstimmung auch an Investor*innen nicht vorbei, die – so wurde mir gesagt – gerade massiv Flächen und Gebäude kaufen. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, wenn sie die Flächen dann auch sinnvoll bespielen oder Menschen zur Verfügung stellen, die etwas daraus machen. Und damit meine ich nicht das tausendste Hotel oder einen weiteren Ferienhaus-Komplex, um drei Monate im Jahr möglichst viel Geld herauszupressen.

„Kommunen sollten jetzt nicht den Fehler machen, ihre Flächen und Gebäude meistbietend zu verkaufen, sondern das Ganze immer auch an ein Konzept knüpfen, das auf die gesamte Entwicklung der Region einzahlt.“

Wir können so viel mehr als Tourismus! Coworking-Konzepte bringen vielleicht nicht sofort den großen Gewinn, aber wenn man ihnen ein bisschen Zeit gibt und die Gründer*innen mal machen lässt, können diese Orte eine wahnsinnige Strahlkraft entwickeln und ganze Regionen dauerhaft voranbringen. Das haben wir in Brandenburg gesehen und das kann auch für Meck Pomm funktionieren. Hier bin ich mit vielen unterschiedlichen Menschen im Gespräch, um für genau diese Themen zu sensibilisieren. Gleichzeitig unterstütze ich Gründer*innen dabei, Coworking im ländlichen Raum umzusetzen. 

Was sind denn aus deinem Praxis-Blickwinkel für Gründer*innen auf dem Land die höchsten Hürden?

Coworking auf dem Land ist noch ein relativ neues Konzept und für viele Menschen erklärungsbedürftig. Das betrifft potentielle Nutzer*innen ebenso wie Gemeinden, die lokale Politik oder andere Förderinstitutionen. Nicht überall ist Offenheit da, etwas Neues zu probieren, zumal wenn es den Stempel “digital” trägt oder einen englischen Namen, den man vielleicht nicht sofort versteht. Hier ist also tendenziell mehr Überzeugungsarbeit nötig als in der Großstadt.

Für Coworking-Orte, die gut an die Großstädte angebunden sind, wie Neustrelitz, ist die Ausgangslage relativ gut, an anderen, eher abgelegenen Orten kommen dann ganz praktische Hürden hinzu, wie Erreichbarkeit, Mobilitätsangebote und auch Zugang zu schnellem Internet.

Viele Gründer*innen beschäftigen sich daher (gezwungenermaßen) nicht nur mit ihrer Kern-Idee, sondern auch mit anderen Themen, die eigentlich Teil der Daseinsvorsorge sein sollten. In vielem sind sie Pioniere, brauchen Durchhaltevermögen und ein gutes Gespür dafür, wie sie ihr Geschäftsmodell sinnvoll aufbauen, sodass es auch im ländlichen Raum funktionieren kann. Das ist grundsätzlich spannend, aber eben auch sehr herausfordernd. 

Wie können die „Kreativen“ aus dem Urbanen die Kleinstädte bereichern – oder funktioniert es vielleicht eher umgekehrt?

Ich denke, es funktioniert in beide Richtungen. Kreative gibt es überall. Rings um Neustrelitz sind schon vor Jahren tolle Projekte und Initiativen entstanden. Ich denke an die Solawi in Trebbow, das Kunsthaus hier in Neustrelitz oder den Kulturstall in Userin. Der Kulturkosmos in Lärz mit dem Fusion Festival ist international bekannt und die Alte Kachelofenfabrik hier in der Stadt eine Institution, wenn es um alternative Kulturangebote geht.

Es gibt überall viel zu entdecken und tolle offene Menschen. Das gilt für andere Ecken des Landes auch. Natürlich gibt es auch Regionen, die weitaus strukturschwächer sind und wo man tatsächlich noch eine echte Pionierin ist, wenn man dort etwas Neues startet. Ob es funktioniert, steht und fällt dann zum einen mit einer guten Infrastruktur, wie schnellem Internet und Mobilitätsangeboten, aber auch mit der Offenheit auf allen Seiten. Beide sind die Basis für die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in der Stadt und auf dem Land.

Gleichwertig heißt dabei nicht identisch. Ich finde es schwierig, Modelle aus der Großstadt 1:1 hierher verpflanzen zu wollen. Ich denke, es ist sinnvoller, erstmal zu gucken und hinzuhören, wie die Menschen hier ticken und sie einzuladen, gemeinsam Ideen, die vielleicht in der Großstadt entstanden sind, angepasst auf die lokalen Gegebenheiten weiterzuentwickeln. 

Das habe ich auch so wahrgenommen. Anschließende Frage: Was können wir New Work-Enthusiast*innen, Wissensarbeiter*innen und Organisations-Expert*innen von den Menschen auf dem platten Land lernen?

Dass wir das Netzwerken nicht erfunden haben. Vieles auf dem Land funktioniert hier schon immer, indem die Menschen einander unterstützen. 

Ich empfinde es jeden Tag wieder als Herausforderung, zwischen der Bubble und dem „Real Life“ zu unterscheiden. Ganz platt gesprochen: Das Öko-Prenzlberg, nicht mal der immer wieder aufstrebende Wedding, aber auch nicht das Leben in München oder Hamburg City ist das, was ein überwiegender Teil der Bevölkerung als Lebensrealität verstehen würde. Das trifft ja auch auf das Thema „New Work“ zu: Wo Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungen der Durchschnitt sind, ist es doch schwerer, die Idee des guten Arbeitens zu vermitteln. Nimmst du das auch so wahr oder wie gehst du diese Aufgabe an?

Das ist tatsächlich eine große Herausforderung, die ich auch sehe und eine Frage, die mich sehr umtreibt. Wie kann man Orte gestalten, die nicht nur auf dem Papier offen für alle sind, sondern wo sich die Menschen auch wirklich trauen hinzugehen, wenn sie eben nicht aus der “Bubble” kommen.

Ein Hebel kann sein, mit bestehenden Initiativen, wie z.B. Vereinen, zusammenzuarbeiten, und sie in einen Coworking Space zu integrieren. Auch bin ich eine große Befürworterin von mehrgenerationalen und Misch-Konzepten. Am Ende kann ein Coworking Space so etwas wie eine “neue Dorfmitte” (oder Stadtmitte) sein, an der die Menschen zusammenkommen, um dort zu arbeiten oder eine Veranstaltung zu besuchen, aber auch um regional einzukaufen oder eine Mitarbeiterin aus dem Amt zu sprechen.

Wenn die Mitarbeiterin im Coworking Space sitzt, entsteht ein erster Kontaktpunkt mit einem “New Work”-Umfeld, das man sonst eventuell nicht kennengelernt hätte. Dann ist es Aufgabe eines guten Community Managements mit den Menschen ins Gespräch zu gehen und zu fragen: Wer bist du? Was kannst du gut? Hast du Lust was zu lernen oder anderen etwas beizubringen? Ob nähen, backen, einen Fahrradschlauch reparieren – jede eigene Fähigkeit kann für eine andere Person wertvoll sein. Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenzubringen und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken ist der Kern des Coworking-Gedanken, wie ich ihn verstehe und leben möchte. 

Wie hat sich dein persönliches Arbeiten seit dem Umzug verändert?

In Berlin habe ich jeden Tag in unserem Coworking Space juggleHUB gearbeitet, war also immer umgeben von Menschen: von meiner Mitgründerin und unserem großartigen Team, aber auch von unserer Coworking-Community. Als wir umgezogen sind, bin ich zunächst gependelt und war vier Tage in Meck Pomm und drei Tage in Berlin. Mit dem ersten Lockdown bin ich zu 100 Prozent ins Home Office gewechselt.

In dieser Zeit habe ich angefangen, mich in der Region zu vernetzen und zu schauen, wie man den Coworking-Gedanken hier umsetzen kann. Berlin rückte vom Gefühl her in immer weitere Ferne, auch wenn der juggleHUB und das Team mir gefehlt haben. Meine Mitgründerin Silvia und ich haben dann irgendwann festgestellt, dass die Stadt-Land-Achse auch für die Weiterentwicklung des juggleHUB durchaus spannend ist. Sie und das Team kümmern sich nun um den Berliner HUB, während ich mich auf die Arbeit hier in Meck Pomm fokussiere. Seit August bin ich “ganz offiziell” die Ansprechpartnerin für das Thema Coworking in Meck Pomm unter dem Dach der CoWorkLand Genossenschaft.

Silvia und ich sind nach wie vor in engem Austausch und sehen uns regelmäßig, mindestens einmal im Monat, Entweder fahre ich nach Berlin oder sie kommt her. Bei ihrem kürzlichen Besuch haben wir das Gutshaus in Zahren besucht, wo ein ganzer Komplex aus Coworking, Übernachtungsmöglichkeiten und Maker Space inmitten wunderschöner Natur entsteht. Das hat uns schwer begeistert. 

coworking meckpomm

Anne-Laure von Fuchs, Inhaberin des Gutshaus Zahren (links) und Katja auf der Baustelle für den neuen Coworking Space im ehemaligen Pferdestall.

Bei diesen Besuchen von Gründer*innen und Betreiber*innen entdecke ich mein Heimatbundesland auch nochmal ganz neu. Grundsätzlich mag ich die Mischung und vor allem die Freiheit, mir meinen Arbeitsort jeden Tag aufs Neue zu wählen. 

Wie stellst du dir Mecklenburg-Vorpommern als perfektes „CoWorkLand“ vor?

Ich wünsche mir, dass alle, die grundsätzlich mobil arbeiten könnten, die Möglichkeit haben, sich ihren Arbeitsort nach ihren Bedürfnissen zu wählen: heute im Home Office, morgen im Büro, übermorgen im Coworking Space. Dafür brauchen wir zum einen eine entsprechende Dichte an Coworking-Orten, aber auch einen Kulturwandel in Unternehmen.

„Es ist einfach nicht sinnvoll, Menschen jeden Tag ins Büro zu bestellen, wenn sie ihre Arbeit auch wunderbar von woanders erledigen können und so Zeit sparen und die Umwelt schonen.“

Jeder Mensch, der nicht rauspendelt, ist ein Gewinn für ein Dorf oder eine Stadt. Jeder nicht gefahrene Autokilometer macht die Region lebenswerter. Und jede Begegnung von Menschen, die etwas voneinander lernen können, bereichert ihr Leben. In einem perfekten “CoWorkLand” ist all das unkompliziert möglich. 


Katja ThiedeKatja Thiede ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von juggleHUB Coworking, Mitgründerin des ParentPreneurs-Netzwerks für Elterngründer*innen und freie Autorin für die Themen „Neues Arbeiten“ und „(Social) Entrepreneurship“. Seit 2021 berät sie unter dem Dach der CoWorkLand eG Coworking-Interessierte in ihrer alten und neuen Heimat Meck Pomm. Als Impulsgeberin, Mentorin und Speakerin unterstützt sie alle, die eine menschenfreundliche Arbeitswelt anstreben und den Austausch mit Gründer*innen suchen. Ihr Ansatz: Weniger reden, mehr zuhören. Und dann: einfach mal ausprobieren.