Kann das weg? Nein!

… Gewerkschaften in Zeiten von New Work.

Gewerkschaften gelten schon immer als Schützerinnen der Mitarbeiterrechte, vertreten kollektive Interessen aller Angestellten und bestimmen die Geschicke eines Unternehmens durchaus mit. Ist das in heutigen „New Work“-Organisationen noch zeitgemäß? Ist die institutionelle Mitbestimmung immer noch nötig oder eher sogar ein lähmender Klotz am Bein?

Wenn alles soziokratisch, holokratisch und irgendwaskratisch schön sortiert ist und Mitbestimmung systemimmanent, Individualisierung mitgedacht, jede*r im Unternehmen Gehör findet, Feelgood-Management für Wohlbehagen sorgt und New-Pay-Konzepte wie z. B. Betriebsbeteiligungen die finanzielle Teilhabe regeln – wozu bitte schön braucht es denn da einen Betriebsrat?

Oder beschleicht uns nicht manchmal das Gefühl, dass Teilhabe und persönliche Entfaltung bei der Arbeit nicht automatisch durch den Wechsel des Betriebssystems in der Welt sind und vielleicht erst die institutionell geregelte Mitbestimmung durch einen Betriebsrat Entscheidungen auf Augenhöhe aller Beteiligten möglich macht?

Sind Gewerkschaften die Wegbegleiterinnen und vielleicht sogar DIE Wegbereiterinnen für gutes neues Arbeiten?

Kann das doch bleiben? Muss sogar?

Zusammen mit Tanja Jacquemin von der Academy of Labour haben wir unseren GOOD ENFANTS TERRIBLES-Tag #mitbestimmung am 20.11.2021 gestaltet. Und hier kommt unsere Zusammenfassung und unser Fazit dazu:

 

Unsere Speaker*innen und Panelisten:

Tanja Jacquemin ist Referentin und Dozentin an der Academy of Labour. Betriebswirtin, Gewerkschaftssekretärin, Aufsichtsrätin (z. Zt. bei thyssenkrupp) und Expertin für Unternehmensmitbestimmung.

Maren Borggräfe, CEO von autenticon – consulting in context und Managing Partner der Flourister Deutschland GmbH, begleitet als Systemische Beraterin und Coach seit über 15 Jahren organisationale Veränderungen, hat mit der EVA Bildung und Beratung GmbH die EVA Betriebsträte-Akademie für Betriebsrät*innen der Deutschen Bahn entwickelt und aufgebaut.

Sven Franke ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter von CO:X, Mit-Initiator/Mitglied des Kernteams AUGENHÖHE und AUGENHÖHEwege. Experte zu Partizipation und Kooperation. Und Mit-Autor des Buches „New Pay“.

Manfred Kloiber ist freier Radiojournalist, Solo-Selbständiger und Gewerkschafter aus voller Überzeugung.

Annalena Kraus ist Betriebsrätin und Sachbearbeiterin bei der Robert Bosch GmbH, und absolviert zur Zeit ein berufsbegleitendes Studium in Personal und Recht bei der Academy of Labour. Sie ist ehrenamtliche IG Metall Funktionärin.

Oliver Mauer ist Betriebsratsvorsitzender der Siemens AG Bad Neustadt/S. Er hat 23 Jahre Erfahrung in der Interessensvertretung, davon 12 Jahre als Mitglied im Gesamtbetriebsrat der Siemens AG. Und absolviert zur Zeit ein berufsbegleitendes Studium bei der Academy of Labour.

 

Der Einstieg, ein Impuls zur Historie der Gewerkschaften

Unser Tag startete mit einem Impuls-Vortrag von Tanja Jacquemin. Sie berichtete über die Geschichte der Gewerkschaften, die Grundprinzipien und was das Ganze aus ihrer Sicht mit der New-Work-Bewegung zu tun hat.

Die gewerkschaftlichen Grundwerte Solidarität, Fairness, Respekt und Gerechtigkeit und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, sind ihrer Meinung nach die gleichen Grundwerte auf denen die „New Work“-Bewegung fußt. Sie möchte als Gewerkschafterin Brücken schlagen zwischen den Gewerkschaften und der „New Work“-Welt.

Als Tanja die ersten Publikationen zu „New Work“ las, war sie begeistert: Da gibt es eine moderne, fortschrittliche Bewegung, die die gewerkschaftlichen Grundwerte teilt. Doch gleichzeitig wunderte sie sich, dass die Gewerkschaften in dem Kontext so gut wie keine Erwähnung finden. Das erscheint besonders seltsam, da Frithjof Bergmann, der Begründer der „New Work“-Bewegung, seine Ideen ja aus Sicht der Arbeiterschaft entwickelt hat.

Was allerdings allzu oft unter dem Begriff „New Work“ stattfindet, ist „Lohnarbeit im Minirock“: Arbeit ein bisschen hübsch gemacht, aber eben oft nicht substanziell an die Bedürfnisse der Menschen und der sich rasant ändernden Arbeitsrealitäten angepasst.

Im Gegenteil: Die Umsetzung von „New Work“ führt nicht selten zur Entgrenzung der Arbeit und treibt oftmals die Spaltung der Belegschaft voran. Auf der einen Seite die Wissensarbeiter*innen, die sich ihre Arbeitswelt frei gestalten können (Homeoffice, freie Gestaltung der Arbeitszeiten etc.) und auf der anderen Seite die Mitarbeiter*innen, die an einem festen Ort zu festen Zeiten arbeiten und von den scheinbaren Segnungen der neuen Arbeitswelt ausgeschlossen sind.

Aber zurück zu den Gemeinsamkeiten, die Tanja in den Ideen der New-Work-Bewegung und den Grundpfeilern der Gewerkschaften sieht:

  1. Der Mensch steht im Mittelpunkt jeglichen Handelns.
  2. Beteiligung aller bei der radikalen Veränderung von Arbeit.
  3. Demokratische Prinzipien durch Legitimierung der Betriebsrät*innen durch Wahlen.
  4. Geschütze Räume und Unterstützung für die Entwicklung der Menschen.

Geschütze Räume haben die Gewerkschaften längst geschaffen und diese sind auch gesetzlich geregelt im Betriebsverfassungsgesetz. Warum diese nicht nutzen? Die Beschäftigten haben eine Stimme und diese Stimme muss laut Gesetz auch gehört werden.

Wäre das nicht die ideale Mitbestimmung- und Arbeitswelt? New Work auf dem Fundament des Betriebsverfassungsgesetzes? Im besten Fall einer modernisierten Form? Das sollte Stoff und eine gute Grundlage für die spätere Panel-Diskussion werden.

 

Die Betriebsräte-Akademie und „New Work“ – ein Praxis-Bericht

Im Anschluss an Tanjas Impuls berichtete Maren Borggräfe über ihre Zusammenarbeit mit der Betriebsräte-Akademie EVA für Betriebsrät*innen der Deutschen Bahn: Wie kann gutes neues Arbeiten auf Augenhöhe gestaltet werden?

In der Akademie werden Betriebsrät*innen in verschiedenen Bereichen von „New Work“ geschult. Inhalte sind dabei Projektmanagement und Führung, Grundlagen Wirtschaft, Verhandlungsführung, Umgang mit Konflikten und Change Management. Begleitet wird die Ausbildung durch ein persönliches Coaching jedes*r Teilnehmers*in.

Marens Erfahrungen zeigen, dass wir weg müssen von dem „Wir gegen Die“, und hin zu einer Organisation mit sozialen Partnern, die gemeinsam eine leistungsfähige Organisation erschaffen und gestalten.

In der Akademie treffen dabei sehr diverse und bunte Gruppen von Menschen aufeinander, die zusammengebracht voneinander lernen und sich im besten Fall gegenseitig bereichern. Ziel ist es, die oftmals noch vorherrschenden patriarchalen Strukturen aufzubrechen und verschiedenste Sichtweisen zu sehen und zu beachten. Es sind eben nicht nur Wissensarbeiter*innen und Schreibtischtäter*innen, sondern auch Lokführer*innen und Stellwerksmitarbeiter*innen dabei. Alle sind meist im besonderen Maße intrinsisch motiviert und ehrenamtlich gewerkschaftlich tätig und bringen wertvolle Impulse aus der Praxis mit, wie gutes neues Arbeiten aussehen kann.

 

Unsere Panel-Diskussion mit unterschiedlichen Expert*innen

In der darauffolgenden von Sven Franke moderierten Panel-Diskussion waren neben Maren und Tanja, Manfred Kloiber, Annalena Kraus und Oliver Mauer unsere Gäste.

Hier sind die im Panel diskutierten Themen und Aspekte in der Übersicht:

  • Betriebsverfassungsgesetz von 1952: Braucht es eine modernere Fassung? Wie definiert sich heutzutage ein Betrieb?
  • Was ist gute Arbeit?: Der Mensch steht im Mittelpunkt, Mehrwert für alle durch Förderung des Individuums, faire Bezahlung, flexible Arbeitszeitmodelle, Gesundheitsförderung.
  • Gewinnung von jungen Leuten für die betriebliche Mitbestimmung: ein Appell an die „Alten“: Vergesst die Jugend nicht.
  • Veränderung der Arbeitswelt in den letzten Jahren: permanenter Wandel und Schnelllebigkeit, Digitalisierung, mehr Druck durch wirtschaftliche Zwänge, Notwendigkeit von permanenter Weiterbildung.
  • Ausdifferenzierung der Beschäftigungsverhältnisse: Soloselbständige, freie Mitarbeiter*innen, Sub-Unternehmen – wie geht man mit ihnen in „New Work“-Zeiten gut um.
  • Unausgewogene Machtverhältnisse: 400 Führungskräfte vs. 5 Betriebsrät*innen, mehr Führungskräftetraining für Gewerkschaftler*innen wären gut.
  • Brauchen Betriebsrätinnen andere Kompetenzen als Führungskräfte?: Kommunikation, Empathie, Zuhören, Unterscheidung Funktion/Person, Reflexionsfähigkeit, Werte, Purpose, Habe ich als Betriebsrat mehr Möglichkeiten, außer mich auf das Betriebsverfassungsgesetz zurückzuziehen? Oder kann und will ich mitgestalten?

Das Betriebsverfassungsgesetz von 1952 stand im Mittelpunkt unserer Diskussionen. Die Arbeitswelt ändert sich schnell, ein Gesetz zu ändern, dauert zumeist lang. Können Betriebsrät*innen individuelle betriebliche Lösungen finden, um die Begrenzungen des bestehenden Betriebsverfassungsgesetzes aufzulösen? Oftmals sind die neuen Anforderungen, die durch die Veränderungen entstehen, schwer mit den gesetzlichen Bestimmungen zusammen zu bringen.

 

Vertiefungsrunden – Welche Kern-Erkentnisse haben wir gewonnen?

Im Anschluss an unser Panel haben wir mit allen Teilnehmenden gemeinsam diskutiert und haben hier die wesentlichen Erkenntnisse zusammengefasst:

Betriebsrät*innen sind keine Gefahr für die Arbeitgeber*innen sondern eine Chance auf Kooperation. Alle an einem Unternehmen Beteiligten sollten sich als Partner*innen fühlen und auf Augenhöhe agieren können.

Dafür braucht es Unterstützung durch Weiterbildungen, Trainings und gemeinsame Workshops von Geschäftsführung und Betriebsrat.

Die bestehenden Ängste auf allen Seiten, Macht und Einfluss zu verlieren, führt oft zu verhärteten Fronten und Auseinandersetzungen. Die Haltung muss sich verändern, weg von Kampf und Verhandlungen, hin zur Kooperation und gemeinsamem gestalten.

Jede*r darf und kann Verantwortung in einer Organisation übernehmen und „mitbestimmen“.

Transformation ist ein laufender und stetiger Prozess. Der Perfektionsanspruch an die Ergebnisse von Prozessen und Verhandlungen ist oft zu hoch, auf allen Seiten. Hier können „New Work“-Methoden (z.Bsp. Workshopen statt verhandeln, den eigenen Wirkkreis kennen, moderne Vergütungsmodelle, alternative Organisationstrukturen, New Leadership und agile Arbeitsmethoden) helfen, den Fokus auf gelingende Prozesse zu legen, statt nur die Fehler zu sehen.

Die Kommunikation und die Beziehungen zwischen Mitarbeitenden, Betriebsrat und Arbeitgeber*innen können durch gemeinsame Workshops, Townhallmeetings, Mediationen und Befragungen/Umfragen verbessert werden. Der Erfahrungsaustausch aller Beteiligten ist elementar.

Wie wird sich die Beziehung zwischen Human Resources und Betriebsrat in Bezug auf New Work in Zukunft verändern und welche Rolle wird die HR-Abteilung zukünftig haben? Zum Beispiel kann sie Prozesse hin zu mehr Selbstorganisation von Teams und Abteilungen fördern und gemeinsame Projekte und Beteiligungsprozesse anstoßen und die gesamte Unternehmenskultur im Sinne von New Work unterstützen und Räume für Austausch schaffen.

Und nicht zuletzt sollte das alte Bild von Gewerkschaft modernisiert werden. Da sitzen eben nicht nur mehr verstaubte ältere Herrschaften, die auf ihrer Macht beharren und Streiks organisieren, sondern ein gewähltes Gremium der Mitarbeitenden, das auf Augenhöhe mitgestalten kann und will und gutes Arbeiten ermöglicht.

Das Betriebsverfassungsgesetz und die betriebliche Mitbestimmung sind eine sehr gute Basis, um als Fundament eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu ermöglichen.

 

Hier kann bestimmt einiges weg, aber sicher nicht die Gewerkschaft als Vertreterin der Arbeitnehmer*innen und die betriebliche Mitbestimmung als Fundament eines gemeinsamen Weges für uns alle, als arbeitende und an der Gesellschaft teilnehmende und gestaltende Wesen.

Am Ende möchte ich Sven Franke zitieren:

„Ich bin parteiisch: für Kooperation!“

Wir hatten einen sehr spannenden Tag, der so unterschiedliche Aspekte und Facetten, aber die Herausforderung von Mitbestimmung in Zeiten wie diesen gezeigt hat. Danke an alle, die dabei waren!