Neues Wirtschaften

Wir fragen uns in letzter Zeit immer mehr, ob „New Work“ eigentlich ausreicht, um das Thema „Arbeit“ so zu verändern, dass alle Beteiligten (und damit meinen wir wirklich alle „Beteiligten“ im Sinne von „People-Planet-Profit“) zu einem guten nachhaltigen Arbeiten kommen. Oder ob wir nicht viel mehr über „Neues Wirtschaften“ nachdenken, uns damit beschäftigen, auseinandersetzen und uns dafür engagieren müssten.

Die Frage ist, ob wir eine Veränderung weg von diesem „Höher-Schneller-Weiter“ erreichen, wenn die Rahmenbedingungen von Wirtschaft, Politik und Finanzsystemen so bleiben, wie sie sind. Und dann ist da auch noch das Thema Klima und Nachhaltigkeit. Es ist komplex. Wo müssten oder könnten wir anfangen? Antworten und Ansätze geben Konzepte wie die Gemeinwohl– oder die Solidarische Ökonomie, Degrowth oder die Purpose Economy. Die Initiative „Netzwerk Ökonomischer Wandel“ (NOW), die versucht, diese ganzen Konzepte miteinander zu verbinden und die entsprechenden Menschen zusammenzubringen, ist dazu sehr spannend.

„Längst hat sich ein Gefühl von Zeitenwechsel in unsere Wahrnehmung von der Welt eingeschlichen. Unsere Gegenwart wirkt zerbrechlich, während unsere Zukunft unaufhaltsam auf jene Szenarien zuzulaufen scheint, die wir aus Weltuntergangsfilmen kennen.“

Wir haben uns also auf die Suche nach einem Einstieg in die Thematik gemacht. Dafür würden wir Euch gerne unter anderem das neu erschienene Buch von Maja Göpel empfehlen: „Unsere Welt neu denken“. Am Ende dieses Textes findet Ihr weitere Buchempfehlungen und auf der Webseite von NOW gibt es ebenfalls viel Information.

Ein wirklich (gutes!) Enfant Terrible

Wir haben uns für Majas Buch entschieden, weil es nicht nur eine gute Einführung und Gedankenanregung ist, um sich mit der Thematik zu beschäftigen, sondern weil Maja Göpel eine bemerkenswerte Frau, ein wirkliches (gutes!) Enfant Terrible ist. Abgesehen davon, dass sie sehr viel Knowhow zu Nachhaltigkeits- und Wirtschaftsthemen hat, schätze ich ihre inspirierende Art sehr.

Maja ist eine klare Denkerin und Handlerin. Wann immer ich sie treffe, sie auf Konferenzen und Panels sehe/höre, vertritt sie ihre Themen mit einer wunderbaren Mischung aus Geradlinigkeit und klarer Haltung, viel Kraft und Entschlossenheit und dabei jederzeit und mit allen sehr respektvollen, ganz ruhigen und freundlichen Ausstrahlung. So habe ich auch die Zeit in Erinnerung, als wir uns das erste Mal getroffen haben: Ich hatte vor langer Zeit einen Zufluchtsort in einem wirklich winzigen Zimmer im „Chateaux Fou“, einem der ersten Co-Working Spaces, gegründet von Yasmine Orth („The Lovers“). Maja hatte dort einen Schreibtisch und von Zeit zu Zeit haben wir uns zu ihrer und meiner Arbeit unterhalten. Les Enfants Terribles war gerade in der Gründung.

Mittlerweile ist Maja die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und u. a. eine der Mitgründerin der Initiative „Scientists for Future“. Sie spricht auf zahlreichen Konferenzen und Panels und ist zu einer der wichtigsten Fürsprecherin geworden.

Das Buch ist eine Einladung

Im Moment gibt es ja viele „Klimabücher“ – dies soll laut Maja explizit keines sein. Gleich zum Einstieg schreibt sie, sie sei Gesellschaftswissenschaftlerin und eben keine Klimaaktivistin. Sie beschäftigt sich mit Transformationsforschung, mit den Auswirkungen unseres Handelns und in diesem Buch vor allem mit Denkbarrieren. In erster Linie interessiert sie, welche Konzepte sich durchsetzen, welche nicht und warum (nicht).

Es geht in diesem Buch in erster Linie darum, Zusammenhänge und Auswirkungen von Ökonomie erstmal überhaupt zu verstehen. Wie hängen Wirtschaftswachstum, soziale und finanzielle Ungleichheiten, technologischer Fortschritt und Ressourcenverbrauch zusammen? Maja zitiert dabei verschiedene Wissenschaftler und Vordenker, Ökonomen, Wirtschaftsethiker, Soziologen, Psychologen etc. Darunter Adam Smith, Jeremy Bentham, Thomas Piketty oder Hartmut Rosa. Sie beleuchtet das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven der handelnden Akteure und Player wie Digitalkonzerne und Unternehmen, des Agrarrohstoffhandels, aber auch Unternehmungen, die sich mit Bio-Lebensmitteln und ökologischem Landbau beschäftigen. Gleichzeitig geht es darum, was die Rolle des Staates und von staatlicher Regulierung ist, wo und wie soll/muss Politik eingreifen und regeln?

Es gibt jede Menge an Beispielen, Studien, Forschungsergebnissen und v. a. auch an historischen, vor allem globalen Ereignissen und Entscheidungen, die uns in den Stand von heute gebracht haben. So haben z. B. die Vereinten Nationen schon in den 1980ern ein Projekt gestartet, um sich mit der Wachstumsthematik zu beschäftigen.

Es geht um den Blick auf eine bis dato scheinbar verlässlich funktionierende Welt, bei der es in den letzten Jahren von allem (Energie, Nahrung, Fortschritt etc.) immer mehr gab. Und „Wachstum“ eines unserer größten Mantras war. Dass wir dabei durch Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch und die Erhöhung industrieller Produktion an unsere planetaren Grenzen gekommen sind, hatten wir über lange Strecken nicht wirklich im Blick.

„Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form heißt Klimawandel.“

Maja sagt, wir haben uns die letzten 50 Jahre in einer „Scheinrealität eingerichtet“. Wir haben uns als Menschen von unserer „Um-Welt“ abgetrennt, als wären wir nicht ein Teil davon. Wir sind weggekommen von Verbundenheit und einem „lebendigen Ganzen“. Mensch und Natur sind in den vorrangigen Wirtschaftsmodellen aussen vor.

Ganz abgesehen davon, dass die Arbeits- und Organisationskonzepte, die unsere aktuelle Wirtschaft und Unternehmen in der Regel bestimmen, gut an die 150 Jahre alt sind. Die Menschen haben die Wirtschaft nicht als „Kreislauf, sondern als (ein) gigantisches, inzwischen „weltweit installiertes Förderband“ organisiert, so Maja. Und ein zentraler Punkt ist, dass wir für ein komisches Menschenbild des „Homo oeconomicus“ kultiviert haben. Der Mensch als unersättlicher Egoist, im Kampf jede*r gegen jede*n.

Wie betrachten wir also das Thema „Arbeit“? Wie findet Wertschöpfung statt und was ist das überhaupt? Was ist gerechte Verteilung und was wäre ein „gesellschaftlich wünschenswertes Ergebnis von Wertschöpfung“? Geht es nur darum, dass wir „Humankapital“ für die Unternehmen sind und wir dafür unsere Freizeit und unser Leben „opfern? Oder könnten wir das Thema auch ganz neu betrachten und Arbeit als die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung, als Verbindung mit anderen Menschen und natürlich als sinnvoller! Beitrag für unser Dasein sehen? Frithjof Bergmann hat es mit seinem „Neuen Arbeiten“ vorgedacht. Maja nennt das eine „Tätigkeitsgesellschaft zur Sicherung von allgemeinem Wohlergehen“.

„Das Erstaunen darüber, dass diese Epoche einmal enden könnte, der Widerstand, den der bloße Gedanke auslöst, und die Ratlosigkeit, was danach kommen könnte, zeigen, wie sehr wir uns an diesen Zustand gewöhnt haben, für wie normal wir ihn halten.“

Das Buch ist eine kleine Reise durch ganz unterschiedliche Aspekte unseres Wirtschaftens, unseres Zusammenlebens. Maja beleuchtet mit ihrem weitreichenden Wissen ganz unterschiedliche Aspekte des Themas. Es ist kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern einfach und leicht verständlich geschrieben; eher für ein breiteres Publikum, was ich gut finde. Am Ende jedes Kapitels gibt es z. B. einen kleinen Text mit einem Fokusgedanken aus dem jeweiligen Abschnitt. Und am Ende des Buches gibt es ein großes Kapitel mit dem Titel „Wer weitermachen will“; Plattformen, Autoren, Bücher, Initiativen, über die man sein Wissen und Informationen weiter vertiefen und sich vor allem auch engagieren kann.

 

Das Buch ist wirklich eine Einladung

Es lädt dazu ein, sich dem Thema zu öffnen, sich damit zu beschäftigen, tiefer einzusteigen. Es geht um unsere Werte, unsere Haltung und um unser Menschenbild. Wir sollen über unsere Begriffe und Wertvorstellungen nachdenken. Die Einladung ist, pro-aktiv eine wünschenswerte Zukunft zu gestalten, frühere Lösungen hinter uns lassen, unsere Denkmuster auf die Tauglichkeit von heute anzupassen, die Welt neu zu denken und Werkzeuge zu erkunden. Alles ist eine Frage der eigenen Betrachtung und deren Bewertung.

„Die Zukunft ist das Ergebnis unserer Entscheidungen.“

Sie macht immer wieder klar, dass wir JETZT handeln müssen und, dass es dabei nicht um „klein-klein“, sondern um Konsequenz geht. Es geht ihr um „einen neuen Gesellschaftsvertrag für hohe Lebensqualität bei niedrigem ökologischen Fußabdruck“.

„Geht es nicht ein bisschen kleiner? Leider nein.“

 

Das Buch zeigt, dass es auch, wie bei „New Work“, nicht die eine Lösung, Handlungsanweisung oder Blaupause gibt, sondern dass es in erster Linie darum, sich mit der Thematik zu beschäftigen, und vor allem kritisch zu denken. Es geht um Hinterfragen, um Experimentieren, sich in einen Suchprozess zu begeben. Und dann in seinem Wirkkreis zu handeln.

„Um die Welt neu zu denken, genügt es manchmal schon, nur eine einzige Sache anders zu bewerten als bisher.“

 

Es lohnt sich, Maja Göpel nicht nur zu lesen, sondern vor allem, sie sprechen zu hören. Auf Youtube gibt es jede Menge ihrer Vorträge oder Paneldiskussionen. Eines der neuesten Gespräche ist das mit Richard David Precht, das ihr Euch hier anschauen könnt.

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Wer sich weiter mit dem Thema „Neues Wirtschaften“ beschäftigen will, dem empfehlen wir auch die folgenden Bücher, die wir gerade lesen:

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 


Eine Anmerkung zu unseren Buchempfehlungen: wir sind sehr dafür, dass Bücher beim kleinen Buchladen um die Ecke oder auch bei Shops wie Buch7 (die mit 75% ihres Gewinns soziale Projekte unterstützen) gekauft werden. Wir benutzen hier aus praktischen Gründen Links zum Amazon-Shop, weil wir dann u.a. die Buchtitel im Rahmen des Partnerprogramms zeigen dürfen. Das heisst noch nicht, dass Ihr darüber auch bestellen müsst, aber wenn Ihr das tut, verwenden wir die Einnahmen daraus (5% auf jede Bestellung) für die Community-Arbeit von LES ENFANTS TERRIBLES.