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Warum eigentlich nicht ein Magazin gründen? Warum keine Bäum pflanzen? Und warum eigentlich nicht ein Café Karsten nennen? Alles geht, nichts muss – so geht das bei Benjamin Fredrich und seiner Greifswalder Crew, der mit dem Magazin „Katapult“  statistische Zahlen sexy macht.

Lieber Benjamin, du hast in Greifswald studiert und dort auch 2015 das Magazin „Katapult“ gegründet. Kannst du kurz beschreiben, warum du es gegründet hast und was das Programm ist?

Ich wollte schon während meiner ganzen Studienzeit ein eigenes Magazin herausgeben. Mich hat es genervt, dass andere Leute darüber entscheiden, ob meine Artikel zum Beispiel in der taz oder in der Zeit veröffentlicht werden. Als ich einen Programmierer im Schwimmverein in Greifswald gefunden hatte, konnte ich starten und die ersten Karten auf einer eigenen Internetseite veröffentlichen.

Greifswald war deshalb geil, weil hier die Gründerszene sehr klein und hilfsbereit ist. Ich hatte sofort Profis gefunden, die mit mir einen Förderantrag ausgefüllt haben. Leider gehört dazu auch ein lästiger Geschäftsplan. Hat mir keinen Spaß gemacht, aber es hat am Ende geklappt und wir haben die Förderung bekommen.

Du promovierst aktuell zu dem Thema „Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten“. Ist so ein Magazin wie Katapult für dich eine Möglichkeit, deine Vorstellung von Demokratie zu verwirklichen, in dem ihr Fakten ungeschönt auf den Tisch legt bzw. visualisiert?

Meine Dissertation und die Arbeit bei Katapult sind sehr verschieden. Ich kann die beiden Bereiche nur selten verbinden, weil das eine politische Theorie ist und das andere Journalismus – also etwas Praktisches. Im Konkreten ist Katapult also nicht die Verwirklichung meiner Dissertation oder meiner Vorstellungen, aber die Politikwissenschaft an sich ist es schon. Denn sie wurde in Deutschland mit dem Ziel gegründet, sowas wie den Nationalsozialismus nie wieder entstehen zu lassen. Es ist also eine parteiische Wissenschaft – sie ist demokratisch und sucht nach Lösungen, autoritäre, menschenverachtende Systeme zu verhindern.

Das ist die einzige politische Richtung, die Katapult vertritt. Wir sind gerne abwechselnd liberal, grün, links, sozialdemokratisch, konservativ, aber auf keinen Fall rechts! Das lässt die Politikwissenschaft meiner Meinung nach nicht zu.

Wo bekommt ihr eure Themen her?

Zu 30% von Wissenschaftlern, die bei uns veröffentlichen, zu 60% von unseren Redakteuren und zu 10% von unseren Lesern.

Ihr seid aktuell 25 Leute im Team. Was ist das für eine Mischung? Habt ihr eine hohe Fluktuation oder seid ihr eine eingeschworene Truppe?

Eindeutig eingeschworene Gruppe. Wir wachsen schnell und haben im letzten Jahr zehn Leute eingestellt. Abgänge sind selten. Deshalb fühlt sich das Team schon nach kurzer Zeit an, wie ein eingespieltes Team. Die alten Hasen sind aber mittlerweile auch eine sehr eingeschworene Gruppe – viel geht ohne Absprachen. Diskussionen gibt es natürlich trotzdem ständig.

Die meisten sind Redakteure. Darunter studierte Politologen, Psychologen, Juristen, Linguisten, Journalisten. Dann haben wir noch drei Grafiker, drei Programmierer und zwei Projektleiter und zwei Köche.

Ihr werdet in den sozialen Medien oftmals angefeindet, die Hass-Zitate veröffentlicht ihr teilweise. Wie erklärst du es dir, dass Menschen auf offensichtlich gut recherchierte Fakten so reagieren?

Für diese Leute ist die bloße Auswahl von Quellen schon der Fehler. Es wird diese Menschen immer geben. Mit dem Aufkommen von Pegida und AfD hatte das Hass-Level bei uns seinen Höhepunkt erreicht. Derzeit nimmt der Trend wieder etwas ab. Es ist aber auch abhängig vom Thema und vom sozialen Medium. Bei Facebook gibts die meisten Homophoben und Waffenfreunde, bei Instagram sind die Hater meist sehr jung.

Entgegen dem Trend arbeitet ihr nicht mit Freelancern zusammen. Das lässt sich immer schön beobachten, wenn ihr eine Stelle ausschreibt und sich auf Instagram die Fragen häufen, ob man das auch aus Berlin oder einer anderen Stadt aus kann. Aber nein. Greifswald ist ein Muss. Hat das nur praktische Gründe oder auch das Teil des Programms?

Es hat praktische Gründe. Mit vielen Freien zu arbeiten, ist unfassbar anstrengend – vor allem kommunikativ. Wir wollen hier eine stabile Gemeinschaft bauen, mit den Leute reden, sie sehen und feiern gehen – das ist wesentlich produktiver und macht viel mehr Spaß, als zerstreut zu arbeiten.

Wie sieht für euch gutes Arbeiten aus?

Vom Büro zum Strand in fünf Minuten! Das ist der Vorteil Greifswalds. Im Büro ist für mich das Wichtigste, dass meine Leute selbst denken und selbst handeln. Wir brauchen selbstbewusste Journalisten, Programmiererinnen, Grafiker und Projektleiterinnen – weil ich nicht mit allen alles besprechen kann. Ich muss selbst auch noch produktiv arbeiten können und will nicht nur Entscheidungen fällen.

Ihr habt auch eine Grafik herausgebracht, die zeigt, dass Magazine und Zeitschriften wie Spiegel, Stern und taz nicht auf Recyclingpapier gedruckt werden. Du hattest in dem Vorwort der letzten Ausgabe erzählt, dass du nach dem Erscheinen der Grafik viele Anrufe von erbosten Verlagsmenschen bekommen hattest, die sich über diese darstellung ärgerten, nach dem Motto „aber wir wollen doch…“. Macht euch das Druck oder ist diese Art der Konfrontation gewollt?

Ich freue mich, wenn wir wahrgenommen werden und wenn diesen Verlagen nicht alles scheißegal ist. Einige wollen ihr Verhalten wirklich ändern. Das ist gut. Der Druck besteht lediglich darin, dass wir sauber recherchieren müssen. Das müssen wir aber auch ohne diese Kontakte.

Euer Team hat sich auch damit auseinander gesetzt, auf welchem Papier das Magazin gedruckt wird. Eine Konsequenz daraus war, dass ihr den Katapult-Wald ins Leben gerufen habt. Jeder kann Geld spenden, so einen Baum kaufen, den ihr dann pflanzt. Wie weit seid ihr in der Planung?

Wir kaufen Ende Juli das erste Grundstück für die Baumschule. Wenn wir dort die ersten Setzlinge gezüchtet haben, gehts weiter und wir kaufen einen Acker, um den echten Wald zu pflanzen.

Katapult ist gemeinnützig, neben dem Magazin baut ihr Wälder und ihr plant, einen Verlag aufzubauen. Das Magazin scheint so nur eine mögliche Facette von vielen Projekten zu sein. Was sind eure langfristigen Ziele, was kommt als nächstes?

Gewächshäuser für unser neues Café Karsten, ein Katapult-Kiosk mit Food-Truck, ein eigenes Redaktionshaus neben der Baumschule und eine Eislaufbahn in Greifswald – ist ja klar.


Benjamin Fredrich, geboren 1987, ist Katapult-Chefredakteur. Er studierte Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Greifswald, wo er 2015 Katapult gründete. Aktuell promoviert er im Bereich der Politischen Theorie zu dem Thema „Die Theorie der radikalen Demokratie und die Potentiale ihrer Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten“. Zu seinen Schwerpunkten zählen Globalisierung und Politische Theorie.

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