Liberating Structures

Anja Ebers bringt Menschen ins Gespräch und nutzt dafür scheinbar einfache Mittel, die aber eine ungemeine Kraft haben. Wir sprachen mit ihr über die Herangehensweise der Liberating Structures. 


Liebe Anja, du unterstützt Gruppen in Unternehmen oder Projekten dabei, miteinander anstatt gegeneinander zu arbeiten. Welche Herausforderungen in der Teamarbeit und der Kommunikation nimmst du dabei immer wieder wahr?

In meiner Arbeit habe immer wieder erlebt, dass mehrere Menschen zusammen einfallsreiche, überraschende und kraftvolle Lösungen entwickeln können. Dafür braucht es Momente, in denen man zusammenkommt – a.k.a. Meetings. 

Das deckt sich aber nicht mit dem Erleben dieser Momente. Hier ein Screenshot, wie Google den Halbsatz “Meetings sind… “ vervollständigt:  

In der Folge werden diese Momente, in denen Zusammenarbeit und Miteinander entstehen kann, vermieden – denn wer möchte schon gern seine Zeit vergeuden, das Miteinander vergiften oder unproduktiv sein? Der notwendige Austausch wird mehr schlecht als recht in andere Kanäle oder Plattformen ausgelagert, die aber durch ihre Asynchronizität gar nicht dazu geeignet sind, fokussiert die Kenntnis und den Einfallsreichtum aller für gemeinsame Lösungen zu nutzen. Eine Flut von Mails an immer größere Verteiler, zerfaserte Gedankenfetzen in ewig langen Threads auf Slack oder anderen Plattformen sind die Folge.

Das kann soweit führen, dass die gesamte Kommunikationskultur auf den Hund kommt, sich Menschen aus dem Weg gehen, die Hoffnung darauf aufgeben, dass man jemals zusammen auf einen gemeinsamen Nenner kommt und langsam ausbrennen oder abstumpfen.

Du nutzt in deiner Arbeit Liberating Structures. Ist es Methode? Ist es Philosophie? Kannst du uns etwas zur Idee dahinter erzählen?

Liberating Structures sind einfache soziale Techniken, die Partizipation streuen, indem sie alle gleichzeitig einbinden – insofern stimmt Methode oder Werkzeugkasten. Das Repertoire der 33+ Strukturen ist mit derselben Logik und mit der gleichen Intention zusammengestellt – nämlich die Vielfalt, Verschiedenheit und Widersprüchlichkeit, die immer dann entsteht, wenn mehrere Menschen zusammenkommen, produktiv zu nutzen, ohne zu simplifizieren oder Bereiche, die nicht ins Bild passen, auszublenden. Bevor eine Struktur in das Repertoire aufgenommen wurde, haben die beiden Kuratoren der Strukturen – Henri Lipmanowicz und Keith McCandless – sichergestellt, dass sie befördert, wie die beiden menschliches Miteinander ausgestalten möchten. Insofern stimmt Philosophie oder vielleicht besser Haltung auch.

Prinzipien der Liberating Structures

Es gibt insgesamt 33+ Liberating Structures, die Gruppen einsetzen können, um miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu vernetzen. Kannst du uns ein Beispiel solcher Strukturen geben? 

Das Schweizer Taschenmesser unter den Strukturen ist 1-2-4-All.  Zu jeder Struktur gibt es einen Satz, der zusammenfasst, was sie in Gruppen hervorbringt. „Beziehe alle ein, um Fragen, Ideen und Vorschläge zu generieren“, heißt es zu 1-2-4-ALL.

  • 1
    [Viele sind zunächst nur physisch im Raum und brauchen ein paar Minuten, um im Thema anzukommen.]
  • 2
    Wenn wir beim Zuhören wirklich hören und nicht reagieren (müssen), entsteht Raum zum Wahrnehmen von anderen Sichtweisen und auch von Gemeinsamkeiten.
  • 4
    Durch die vergleichende Sicht auf die Beiträge treten Muster und Gemeinsamkeiten hervor, vielleicht zeichnet sich sogar eine Tendenz ab.
  • ALLE
    Ernte und Schaffen einer gemeinsamen Basis für nächste Schritte 

Lassen sich die 33 Structures irgendwo nachlesen?

Den Ausgangspunkt bildet das Buch “The Surprising Power of Liberating Structures“. Die Strukturen selbst sind online über eine Creative Commons Share-alike Lizenz verfügbar gemacht. Es gibt eine lebendige Community, die ein ganzes Ökosystem an weiteren Websites in verschiedenen Sprachen entwickelt hat. Das exponentielle Wachstum der Gemeinschaft der Praktiker und das Fehlen von so etwas wie Governance machen den Einstieg momentan etwas unübersichtlich. Ich empfehle, bei der englischsprachigen Website liberatingstructures.com einzusteigen und sich von da aus weiterzuhangeln.

Was denkst du, welche Vorteile Liberating Structures gegenüber anderen Formaten haben? 

Die einfach verständliche Systematik, mit der jede Struktur beschrieben ist, machen die LS auch für Menschen anwendbar, die wenig oder keine Erfahrung mit der Gestaltung von Gruppenprozessen haben. Man kann einfach beim nächsten Meeting einmal etwas ausprobieren – niemand braucht eine Liberating-Structures-Einführung.

In deinem Job als Human Interaction Designerin gestaltest du Zusammenarbeit in Unternehmen und Gremien. Wie startest du, wenn du in eine neue Gruppe kommst und wie reagieren Teilnehmer*innen im ersten Moment?

Nach Möglichkeit gestalte ich den Raum so, dass sich alle frei bewegen können und schaffe mit einem menschlichen Spektrogramm zum jeweiligen Thema einen Überblick, wer alles da ist. Bei einem Netzwerktreffen zu Bildung habe ich z. B. dazu eingeladen, sich nach der Nähe zu den Schülern aufzustellen – von „lehrend“ bis hin zu „die Rahmenbedingungen von Bildung gestaltend“. 

Nachdem dadurch jede*r einen Eindruck von der Gruppe im Raum hat, kann gut mit einem Impromptu Networking weitergemacht werden, in dem in drei schnellen Austausch-Runden das Thema aufgemacht wird und neue Verbindungen entstehen.

Ich beobachte, dass durch das Aufstehen und sich aufeinander Zu-Bewegen meist die größte Hürde genommen ist und das Miteinander von da an wie von selbst geschieht.

Lassen sich Liberating Structures auch in anderen Kontexten anwenden?

Entwickelt wurden die LS für die Ausgestaltung unseres tagtäglichen Miteinanders – für Austausch- und Abstimmungsrunden, Strategiesitzungen, Ideenfindung, unter Kollegen, die sich gegenseitig Unterstützung geben, für das Formulieren von Anforderungen, für Mitbewohner, Familien, Paare… Ich habe zum Beispiel im Familienkreis gute Erfahrungen mit Wise Crowds (Thema: Mithilfe im Haushalt) oder Conversation Café (Thema Handynutzung!) gemacht.

In meiner Arbeit muss ich mit dem Widerspruch umgehen, dass ich etwas anleite, wofür es eigentlich keiner Anleitung bedarf – die Struktur ist die Ermöglicherin. Ich handhabe das für mich so, dass ich die Gruppenprozesse, die ich anleite, weitestgehend mit den LS ausgestalte und neben der Erarbeitung von Ergebnissen auch immer den Anspruch habe, Impulse für eine andere Art des Miteinanders zu geben. Beim Kunden suche ich mir Sparringspartner, die die Formate weiter in das Unternehmen tragen.

Wie kann jemand, der sich für Liberating Structures interessiert, am besten direkt in medias res starten? Hast du Empfehlungen?

Kommt zu einem Treffen einer Usergroup und erlebt die Strukturen in Aktion. Eine Übersicht der Gruppen in Deutschland findet ihr hier

Oder macht mit zwei Kollegen oder Freunden ein Troika-Consulting zu einem Thema, das Euch alle herausfordert (z. B: Healthy Habits). Den Ablauf einer Konsultationsrunde könnt ihr hier einmal exemplarisch sehen. Weitere Ideen, wie  ihr sofort loslegen könnt, habe ich  hier beschrieben.

Einen Schnellstart bekommt ihr in einem Immersion Workshop. Am 19./20. März machen zwei Liberating-Structures-Pioniere in Berlin Station auf ihrer Europatour. Mehr dazu hier: http://www.bit.ly/LSberlin2020. Mitglieder der Les Enfants Terribles Community bekommen 50 Euro Nachlass auf das Standardticket. Für den Rabattcode einfach eine Mail schicken: hallo@enfants-terribles.org.


Anja Ebers begleitet den Workshop als Forscherin und Weiter-Entwicklerin. Sie hat ein Lernjournal für die Begleitung der LS Praxis entwickelt, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und verbreitet die Liberating Structures als Co-Organisatorin des Liberating Structures Lab Berlin. Sie ist selbstständige Prozessbegleiterin und Facilitatorin und unterstützt Menschen seit 2001, ihr Bestes in der Zusammenarbeit zu geben. Dabei schöpft sie aus ihrer Erfahrung als Manager und Account Director für digitale Kommunikationsdienstleistungen und aus der Begleitung von Unternehmen in der Transformation. 

Eine Anmerkung zu unseren Buchempfehlungen: wir sind sehr dafür, dass Bücher beim kleinen Buchladen um die Ecke oder auch bei Shops wie Buch7 (die mit 75% ihres Gewinns soziale Projekte unterstützen) gekauft werden. Wir benutzen hier aus praktischen Gründen Links zum Amazon-Shop, weil wir dann u.a. die Buchtitel im Rahmen des Partnerprogramms zeigen dürfen. Das heisst noch nicht, dass Ihr darüber auch bestellen müsst, aber wenn Ihr das tut, verwenden wir die Einnahmen daraus (5% auf jede Bestellung) für die Community-Arbeit von LES ENFANTS TERRIBLES.

Hallo! Ich bin Christiane und unterstütze Les Enfants Terribles mit frischen Texten, Ideen und Konzepten für analoge und digitale Präsenzen. Ich lebe in Berlin und Brandenburg, liebe Brecht, Borchert und zamonische Dichter. Meine Hashtags: #DigitalMarketing #SocialMedia #EmployerBranding #Workshops.