In weiter Ferne, so nah!

oder: Versuch einer Ortsbestimmung oder: Wie geht Nähe auf Distanz?

I. Räumliche Synkopen

“Und dann war da dieser eine Platz, an dem du sicher warst.
An dem du die Schatten deiner Vergangenheit vergessen konntest und zuhause warst.
Einer der Plätze, an denen es nicht um Gutsein ging.
An dem jede*r willkommen war.
Jede*r glitzern konnte. 

Aber auch dort erhielten die Konventionen, Traditionen und Bewertungskriterien Einhalt.
Auch dort wurde festgeschrieben, wer Tunte ist und wer nicht.”
(Heißkleberin)

Das Wort „Synkope“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „Ausfall“ oder „Zusammenbruch“. In der Medizin wird eine kurze Ohnmacht als Synkope bezeichnet, in der Musik eine rhythmische Verschiebung im gewohnten Betonungsmuster. Die quer zur metrischen Ordnung gesetzten Taktschwerpunkte verleihen der Musik Spannung. Spannung erzeugen auch die räumlichen Synkopen, die wir seit dem ersten Lockdown im März vergangenen Jahres erleben. Mit der Quasi-Stilllegung des öffentlichen Lebens ist auch unsere gewohnte Raumordnung zusammengebrochen. Innen und Außen, Drinnen und Draußen, Nähe und Distanz, Privatheit und Öffentlichkeit – all diese Begriffe funktionieren irgendwie nicht mehr. 

Beispiel Zuhause: Bis zum 16. März 2020 war Zuhause für mich der Ort, an dem mein Privat- und Intimleben stattfand. Hier war oder wähnte ich mich sicher, geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit und dem Zugriff der Welt. Seit mein Zuhause auch Arbeits-, Konferenz- und Freizeitraum, Klassenzimmer, Turnhalle und Einkaufscenter ist, ist es dichter (auch enger) und die Grenze zur Außenwelt durchlässiger geworden. Der Online-Unterricht holt die Mitschüler*innen ins Kinderzimmer, die Videokonferenz gibt Kund*innen und Kolleg*innen Einblicke in mein Wohnzimmer, das umgekehrt wiederum in die Sphäre des Öffentlichen hineinreicht. 

Die Erosion der räumlichen Ordnung hat nicht erst mit Corona begonnen. Bereits in den 1980er Jahren wurde der Verlust des öffentlichen Raumes angesichts von Privatisierung, Stadtflucht, Leerstand und Segregation beklagt. Das Internet schien dieser Leerstelle anfangs eine neue, inklusive Agora entgegenzusetzen. Doch auch die digitale Revolution fraß ihre Kinder und den tradierten Begriff des Öffentlichen und Privaten gleich dazu. Die Pandemie beschleunigt den Erosionsprozess und macht ihn damit ungleich sicht- bzw. spürbarer. Was das langfristig mit uns als Individuen und als Gesellschaft macht, weiß ich nicht. Aber dass er etwas macht, steht wohl außer Frage. Dabei müssen neue Formen von Privatheit und Öffentlichkeit nicht notwendigerweise schlechter sein. Die aktuelle Situation ist es aber für viele. Für sie bedeutet die Schließung der (halb-)öffentlichen Räume Vereinsamung oder sind gar eine Gefahr für Leib und Leben. Vor allem Frauen* und Kinder werden in ihrem Zuhause nicht nur (wie das „Du“ im eingangs zitierten Gedicht) von “Konventionen, Traditionen und Bewertungskriterien” malträtiert, sondern von ihren Nächsten. Schule, Arbeitsplatz, Bibliothek, Jugendclub, Bar und Café boten wenigstens temporär Schutz; nun gibt es kein Entkommen mehr.

Wenn wir im Privaten und in der Arbeitswelt von „New Normal“ reden, davon Raum und Räume neu zu denken und zu entwerfen, dürfen wir das nicht aus dem Blick verlieren – unabhängig von Dauer und Ausmaß der Pandemie. 

II. Die Gunst der an sich traurigen Stunde

“Technologie ist weder gut noch böse,
sie ist nicht Werkzeug von abstrakten Mächten,

sie ist politisch und gesellschaftlich verhandelbar
und damit ein Teil der Kultur“.

(aus: Georg Diez und Emanuel Heisenberg;
Power to the People. Wie wir mit Technologie die Demokratie neu erfinden)

D21-Digital-Index 2019 / 2020

Obwohl sich die Außenwelt in meinen vier Wänden immer breiter macht und die Vereinbarkeit von Home-Schooling und -Office sich tendenziell als unmöglich erweist, kann ich den “räumlichen Synkopen” durchaus etwas abgewinnen. Denn sie lassen das emanzipatorische Potenzial des Internets wieder sichtbar werden, das unter all den Skandalen und Fehlentwicklungen der letzten Jahre, den Lügen und dem Hass, aus dem Blick geraten ist. Der remote-Modus führt mir wieder vor Augen, dass diese Entwicklungen nicht, wie es mitunter schien, naturgegeben sind, sondern menschengemacht und damit verhandel- und gestaltbar. 

Mit der Raumordnung geraten auch festgefahrene Machtgefüge ins Wanken und machen ein anderes, ein besseres Leben im Internet wieder vorstellbar. Beim Videoconferencing etwa verschwinden die “feinen Unterschiede” (Pierre Bourdieu), mutieren die klassischen Insignien der Macht zum Treppenwitz. 

Der edle Business-Look entfaltet im Bruststück-Format ebenso wenig Wirkung wie der 1a-Workout-Body.

„Die luxuriöse Chefetage verflacht am Bildschirm zur potemkinschen Hintergrundkulisse und das dezent verjüngte Botox-Gesicht gibt es qua zoom-Filter jetzt immer für alle umsonst.“

Auch die Standortfrage wird in der virtuellen Zusammenarbeit im New Normal unserer Arbeitswelt bedeutungslos. Egal ob München, Mailand oder Berlin, selbst vom Katamaran im Mittelmeer aus lassen sich Projekte und Teams steuern, vorausgesetzt mensch hat Internet – womit ein anderes Problem adressiert ist: die ungleichen Zugangsvoraussetzungen, die ganze Regionen und Gruppen abhängen (siehe Grafiken). Aber das ist ein anderes wichtiges Thema. 

D21-Digital-Index 2019 / 2020

Die Gunst der an sich traurigen Stunde sollten wir nutzen. Sie wieder dem Zufall zu überlassen wie in der ersten Ära der Digitalisierung, wäre grob fahrlässig. Heute wissen wir, dass auch Technologie schlecht sein kann, wenn böswillige Menschen sie als Werkzeug für ihre Zwecke nutzen. Heute wissen wir, dass falsch verstandene Freiheit die Dinge nicht zum Guten wendet, sondern – im Gegenteil – bestehende Probleme verschärft oder neue schafft. Heute ist das Internet kein Neuland mehr, sondern Altlast. 

Der Netztheoretiker Michael Seemann vergleicht es mit dem London des späten 19. Jahrhunderts: „London ist mit der Industrialisierung wahnsinnig schnell gewachsen und die Strukturen und kulturellen Praktiken konnten nicht mithalten. Es gab noch kein Bewusstsein für Umweltverschmutzung, kein Verbot von Kinderarbeit, kaum organisierte Arbeiterschaften und alle traten sich auf die Füße und gingen sich auf die Nerven. Und ähnlich wie es damals zu Gegenbewegungen gekommen ist, die die Industrialisierung versuchten menschlicher zu gestalten, so werden auch heute Strukturen gefunden werden, die das Leben im Internet wieder erträglicher machen.” 

Jetzt ist ein guter Moment, um Strukturen und Praxen zu etablieren, die das Leben im Internet erträglicher machen. 

III. In weiter Ferne, so nah!

“Wir lesen gern Geschichtsbücher und Biografien,
glauben an einen Fortschritt
– denken bevorzugt linear, nicht räumlich.”

(Martina Löw)

Derzeit finde ich das Leben im Internet ziemlich anstrengend, und zwar weniger weil wir uns alle auf die Füße treten und auf die Nerven gehen (noch trägt eine gute Unternehmenskultur). Die Anstrengung rührt von der unausgewogenen „Sinneskost“ (Hurrelmann). Ich kann den Kaffee und das Parfüm meines Bildschirm-Gegenübers nicht riechen, den Raum, in dem sie/er sitzt, nicht wahrnehmen, keine Bewegungen und Stimmungen spüren. Stattdessen bin ich permanent und pausenlos im Technikstress – “Hört man mich?”, “Du bist noch gemutet”, “Ist mein Bildschirm zu sehen?”– und muss gleichermaßen aktiv zuhören wie genau hinsehen, um am Ende völlig erschöpft doch keinen richtigen Draht zu meinem Gegenüber zu kriegen. 

Schon von Angesicht zu Angesicht ist es schwer, hinter die Fassade eines Menschen zu blicken. Remote ist es doppelt schwer, denn hier müssen wir die mediale und die performative überwinden. Und dabei stehen uns nur Seh- und Hörsinn zur Verfügung. Wie kann ich mir sicher sein, ob die über ihre lärmenden Kinder lachende Kollegin wirklich so heiter ist? Ob es der durch Krankheitsausfälle stark geforderte Mitarbeiter wirklich so gelassen so nimmt? Oder droht hinter den Fassaden vielleicht der unmittelbare Kollaps? Um das wahrnehmen zu können, braucht es leibliche Präsenz. Doch die ist remote nicht verfügbar. Was also dann?

Antworten auf diese Frage kommen aus zwei Metiers, die komplementärer nicht sein könnten: die der Hassrede und der Seelsorge. Beide bedienen sich Formaten und Methoden, um über die physische Distanz hinweg digital Nähe und Verbundenheit herzustellen. Die einen tun dies, um menschenverachtende Einstellungen zu verbreiten und Hass zu schüren, die anderen, um dem einzelnen Menschen Geborgenheit zu geben und Liebe zu verbreiten (Jürgen Ziemer beschreibt Seelsorge als einen “kommunikativen Vorgang zwischenmenschlicher Hilfe mit dem Ziel einer konkreten Stärkung und Hilfe für Glauben und Leben.“ (Seelsorgelehre 2008, S.45)).

Dabei bedienen sie sich beide gleichermaßen bekannter Tools und Techniken, wie Livestreams, Podcasts oder Memes, Hashtags und Gifs, Stories, Postings und Instant-Messaging. Sie laden via Social Media zu gemeinsamen Ritualen ein und reden sich in Chatrooms wahlweise in Rage oder die Sorgen von der Seele. Während rechte Hetzer langjährige Übung haben, fangen die kirchlichen Vertreter*innen gerade erst an die digitalen Möglichkeiten für sich zu entdecken. Mensch kann das als sträfliche Vernachlässigung verurteilen und/oder von und mit ihnen lernen, im Internet “eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen sich geborgen fühlen und Zuversicht gewinnen“

IV. Mit Engelsblick

„Ich schaue nicht mehr so viel in den Spiegel;
denn die Augen, mit denen man sich selber anschaut,
sind nicht die Augen, in denen man am besten aufgehoben ist.“

(Hanna Schygulla)

Der Begriff der Atmosphäre stammt aus der Phänomenologie und Ästhetik und lässt sich grob als Stimmungsqualität übersetzen. In den 1990er Jahren gewinnt er in Architektur und Stadtplanung handlungspraktische Relevanz. Raum wird nicht mehr rein funktional verstanden (z. B. als Parkfläche, Durchgangs-, Gewerbe- oder Wohngebiet), sondern als Ort, “in dem sich Menschen aufhalten und am eigenen Leib erfahren” (Gernot Böhme). So gesehen ist Raumgestaltung immer auch “Stimmungsmache”.

Wie können wir den virtuellen Raum so stimmen, dass wir uns darin gut und gerne aufhalten? Eine Antwort könnte in der Art und Weise liegen, wie wir einander anblicken. Denn Blicke sind leibliche Berührung, wie die Soziologin Gesa Lindemann schreibt: “Nehmen wir ein Beispiel: Zwei Menschen sehen einander an. Dabei macht es einen Unterschied, ob mich jemand anlächelt oder grimmig anschaut. […] Ich fühle mich willkommen oder abgelehnt.”

Aber geht denn das überhaupt? Können wir uns durch eine Kamera liebevoll anblicken? Das fragte auch Henri Alekan den Fotografen und Filmemacher Wim Wenders zu Beginn der Dreharbeiten zu ihrem Film “Der Himmel über Berlin”. Darauf soll der Regisseur so entschieden wie naiv geantwortet haben: “Ja, es geht. Es muss gehen. Wir müssen dieses Liebevolle nur selbst investieren.” Sicher, das mit dem Ansehen ist so eine Sache im sogenannten Zoomiverse. Die Webcam verhindert, dass wir uns direkt in die Augen schauen können und wir sehen nicht nur die Anderen, sondern immer auch uns selbst. Doch darin liegt womöglich auch eine Chance.

„Die permanente Spiegelung könnte uns lehren so zu schauen, dass auch wir selbst gut aufgehoben sind in unseren Augen.“

Wenders ist ein Großmeister auf dem Gebiet des kamera-vermittelten liebevollen Blicks. In seiner verspäteten Antrittsrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Fribourg erzählt er mit wohltemperierter Stimme in adagio davon, wie das “unmögliche Unterfangen eines improvisierten Films mit Schutzengeln in der Hauptrolle” gelang. Seine einzige Regieanweisung sei eben jener liebevolle Blick gewesen. „Du liebst die Menschen mit Deinem ganzen Wesen. Du schaust ihnen einfach liebevoll zu“, habe er Otto Sander gesagt, als dieser von ihm wissen wollte, wie er denn einen Engel spiele solle. Aller Skepsis zum Trotz habe sich die Filmcrew dann mit jeder Einstellung aufs Neue im liebevollen Blicken versucht, erzählt Wenders und verweist auf den doppelten Wortsinn der Einstellung als (1) Folge von Einzelbildern und (2) Haltung einer/eines Einzelnen. “Unsere Haltung war sozusagen der bedingungslose Versuch das Sehen und damit das Zeigen in jeder Einstellung liebevoll zu gestalten. Mit einer liebevollen Einstellung.” 

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Von hier lässt sich der Bogen zurückschlagen zur Seelsorge. Die Lai*innen-Profession ist eine Praxis des liebevollen Blicks oder wie der Theologe und Pfarrer Albrecht Grözinger sagt “eine Kunst der Wahrnehmung für alle”. Mensch muss weder christlich noch überhaupt gläubig sein, um bei ihr in die Schule zu gehen. Wir könnten den Seelsorger*innen einfach liebevoll bei ihrer Arbeit im Internet über die Schulter blicken und mit und von ihnen lernen, wie die Engel in Wenders Film zu schauen. Dann bekommt vielleicht auch unsere Webcam – so wie einst Alekans Kamera – Flügel und das Internet wäre für den Moment ein schönerer Ort.  

Indre Zetzsche ist Moderation und Prozessgestalterin mit Schwerpunkt Open Innovation, Change, Digitalisierung, Dialog und Beteiligung. Die studierte Kulturwissenschaftlerin war als Führungskraft in verschiedenen inhabergeführten Beratungsunternehmen tätig; seit 2019 arbeitet sie bei der ]init[ AG, wo sie u. a. die Digitalisierung der Verwaltung im Rahmen des Onlinezugangsgesetzes begleitet. Daneben ist sie als Moderatorin und Trainerin (www.izetzsche.de) und für die Mobilitäts- und Verkehrswende aktiv. Indre Zetzsche lebt mit ihrer Familie in Berlin und betreibt zu ihrem eigenen Erstaunen seit mehr als 10 Jahren das Blog M i MA.