in good company

In diesem Sommer war Les Enfants Terribles-Gründerin Marion King zu Gast im Podcast IN GOOD COMPANY der „Academy of Labour“. Das Gespräch mit Gastgeberin Tanja Jacquemin war so bereichernd, dass wir den Gegenbesuch anboten – und das Angebot wurde angenommen. Wir sprechen mit ihr über ihre Arbeit als Aufsichtsrätin, Aufgaben von Betriebsräten und über kollaboratives Arbeiten.

Du arbeitest bei der “Academy of Labour”. Wer oder was ist das genau? Was macht ihr dort? Und was machst DU dort?

Die “Academy of Labour” (AoL) ist ein gewerkschaftsnaher Bildungsanbieter. Zur Zeit bieten wir einen Bachelorabschluss im Bereich Business Administration (Personal und Recht) in Kooperation mit der Steinbeis-Akademie an. Unser Ziel ist die Gründung einer eigenen Universität, an der wir Bachelor- und Masterstudiengänge mit explizitem Schwerpunkt auf Mitbestimmung und Arbeitsbeziehungen durchführen wollen. Eine solche Universität wäre im deutschen und auch europäischen Raum nahezu einmalig.

Außerdem richten wir Seminare für und mit unterschiedlichsten Non-Governmental Organizations (NGO), Gewerkschaften und Unternehmen aus. Wir sind dabei offen für alle Menschen, die unsere Werte wie Solidarität, Fairness, Gerechtigkeit und Menschlichkeit teilen. Die AoL sieht sich hier als Austauschplattform und “Labor”, um Ansätze und Meinungen über die bestehenden Grenzen von Unternehmern und Gewerkschaftern hinweg zu diskutieren.

So können Wege gemeinsam beschritten werden – denn wir sind überzeugt, dass es wesentlich mehr Schnittmengen gibt, als allgemein angenommen.
Da wir noch im Aufbau sind, haben alle im Team vielfältige Aufgaben. Ich konzipiere in erster Linie Seminare und Veranstaltungen und bin verantwortlich für die Pflege und Erweiterung unseres Referentennetzwerks.

Wie siehst Du das Thema “Persönlichkeitsentwicklung”: Was brauchen Menschen, um sich selbst zu verändern, um sich vielleicht auch verändern zu wollen. Was macht ihr in der Academy, um die Teilnehmenden in ihrer Entwicklung zu unterstützen?

Ich denke, dass es einer gewissen Neugier jedes und jeder Einzelnen bedarf. Diese Neugier ist grundsätzlich vorhanden, vielleicht manchmal ein bisschen verschüttet. Als Bildungsanbieter können wir über interessante Themen die Neugier wieder erwecken und ihr Nahrung geben.
Natürlich darf man auch nicht träge sein – die Lust, etwas anzupacken und zu verändern, sollte vorhanden sein. Da mache ich mir bei den Menschen, die zu uns kommen, allerdings keine Gedanken. Sie brennen für ihre Werte und Ideen und sind offen für Neues. Das kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung mit Sicherheit sagen. Die AoL bietet dafür vielschichtige Themen aus unterschiedlichen Perspektiven und eine grundsätzliche Offenheit für den Austausch von Meinungen.

Dein Thema ist die Mitbestimmung. Wie ist es dazu gekommen und warum ist Dir das so wichtig?

Ich war schon immer überzeugt davon, dass die Beschäftigten im Unternehmen eine Stimme haben müssen. Sie sind elementarer Bestandteil für den Erfolg einer Unternehmung und es ist durch nichts zu rechtfertigen, dass die Investoren das alleinige Sagen haben. Letztlich haben doch alle, die in eine Unternehmung eingebunden sind, das gleiche Ziel – den langfristigen Fortbestand und damit die Sicherung von ökonomischem Erfolg und Arbeitsplätzen.

Es ist außerdem nicht klug, die Beschäftigten nicht in Entscheidungen einzubinden. Sie sind diejenigen, die die Strukturen, Prozesse und Produkte am besten kennen und verstehen und damit die besten Experten und Expertinnen, die es in diesem Zusammenhang gibt. Da können alle Externen und in der Regel auch Vorstände und Investoren gar nicht mithalten.

Aus dieser Überzeugung heraus bin ich schon während meiner Berufsausbildung in die Gewerkschaft eingetreten und habe mich zur Wahl für die Jugend- und Auszubildendenvertretung gestellt. 2003 bin ich schließlich hauptamtlich zur IG Metall gewechselt und war einen Großteil meiner Zeit dort für die Themen rund um die Unternehmensmitbestimmung (Gesamt-, Konzern- und Europäische Betriebsräte sowie Aufsichtsräte) verantwortlich.

Was findest Du, ist die Rolle von Gewerkschaften und Betriebsrät*innen im Kontext von New Work, von vor allem guter(!) neuer Arbeit?

Gewerkschaften beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Frage, was “Gute Arbeit” bedeutet, was es dafür braucht und wie diese umgesetzt werden kann. Ich wundere mich sehr darüber, dass diese Expertise in der aktuellen Welt der Neuen Arbeit so wenig genutzt wird und möchte mich dafür einsetzen, hier Brücken zu schlagen. Die DGB-Gewerkschaften haben zusammen fast sechs Millionen Mitglieder und stellen somit ein riesiges Netzwerk über die gesamte Wirtschaft in Deutschland dar.

Unsere Betriebsräte sind das Sprachrohr der Belegschaften, sind gewählte Vertreter*innen und genießen somit das Vertrauen der Beschäftigten. Sie wissen, wo der Schuh drückt, welche Qualifikationen notwendig sind. Außerdem sind sie geübt als Mittler und Verhandler, wissen, wie man sich Gehör verschafft und sind in ihrer Rolle geschützt. Wir stecken mitten in massiven Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft und ich kann eigentlich nur dringend raten, die Betriebsräte im Unternehmen in die aktive Gestaltung einzubeziehen.

Du bist ja nicht nur bei der “Academy of Labour”, sondern Du bist auch schon seit vielen Jahren Aufsichtsrätin – im Moment bei der thyssenkrupp AG. Wie bist Du dazu gekommen? Und was macht man genau als Aufsichtsrätin? Erzähl’ uns über die Aufgaben, die Du dort hast.

Das Mitbestimmungsgesetz sieht für deutsche Kapitalgesellschaften ab einer gewissen Größe die Beteiligung der Arbeitnehmer*innen im Aufsichtsrat vor. Zwei bzw. drei dieser Mandate werden über die im Unternehmen vertretenen Gewerkschaften besetzt. Die Kandidaten und Kandidatinnen werden dann alle fünf Jahre von den Beschäftigten im Unternehmen gewählt. So bin ich zu diesem Mandat gekommen.

Der Aufsichtsrat überwacht die Geschäfte des Vorstands, stellt die Mitglieder für den Vorstand ein (und entlässt diese auch) und stimmt über Geschäfte ab, die ein gewisses Volumen übersteigen. Außerdem genehmigt er den Jahresabschluss und verabschiedet die Strategie des Vorstands. Ein Aufsichtsratsmandat ist sowohl inhaltlich anspruchsvoll als auch eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Alle Aufsichtsratsmitglieder sind in erster Linie dem Wohl des Unternehmens verpflichtet. Die Vertreter*innen der Arbeitnehmerseite (das sind bei thyssenkrupp 10, ebenso gibt es 10 Vertreter*innen auf der Kapitalseite) bringen dabei die Sicht aus den Betrieben ein und suchen nach guten Lösungen für die Beschäftigten.

Im Aufsichtsrat der thyssenkrupp AG herrscht eine gute Diskussionskultur. Standpunkte werden respektvoll ausgetauscht und gemeinsam nach besten Lösungen für das Unternehmen und die Beschäftigten gesucht. Dass es gerade momentan leider auch schmerzhafte Entscheidungen zu treffen gibt, ist sicherlich nicht verwunderlich.

Und wie geht es Dir mit dieser Aufgabe? Was erlebst Du, was lernst Du?

Gerade in der momentanen Lage der Gesamtwirtschaft und der speziellen von thyssenkrupp ist die Ausübung des Mandats nicht immer vergnüglich. Es bedeutet viel Arbeit, eine hohe Taktung der Sitzungshäufigkeit, Vor- und Nachbereitung. Und das Treffen von Entscheidungen, die nicht glücklich machen. Aber neben den immer wieder wechselnden Inhalten lerne ich dort auch, unterschiedliche Blickwinkel nachzuvollziehen und Zwänge zu erkennen, denen man nicht ausweichen kann. Dabei ist es wichtig, für seine eigene Rolle einzustehen und die Entscheidungen des Gremiums am Ende auch mitzutragen.

Seit einiger Zeit machst Du den Podcast “In Good Company” der “Academy of Labour”. Wie kam es zu dem Projekt? Was erlebst Du dabei? Und was sind Deine wichtigsten Learnings seit dem Start?

Die Idee entstand – wie so vieles momentan – durch den Lockdown. Die AoL musste ihre Seminare absagen oder auf unbestimmte Zeit verschieben und wir haben uns überlegt, wie wir unsere Ansätze trotzdem in die Welt bringen können. Bei der Auswahl der Gesprächspartner*innen habe ich versucht darauf zu achten, dass ich eine gute Mischung von Wissenschaft und Praxis zusammen bekomme. Außerdem habe ich bewusst auch nach Menschen gesucht, die bisher noch nicht so eng mit Gewerkschaften gearbeitet haben.

Inhaltlich habe ich bei jedem Gespräch etwas dazu gelernt. Vor allem wurde ich mal wieder darin bestätigt, dass Menschen generell wahnsinnig spannend sind und eigentlich jeder und jede etwas zu erzählen hat. Und, dass viele meine Werte und Ansätze teilen. Das will ich nutzen, um entsprechende Netzwerke für die AoL aufzubauen – und andere Netzwerke zu unterstützen.

„Das gute Miteinander findet im täglichen Miteinander statt. Wer Zimmer an Zimmer sitzt und nicht ins Gespräch kommt, der nimmt sich einige Chancen“. Im Podcast #inGoodCompany spricht Marion mit Tanja über die Zukunft des Arbeitens, über Selbstverantwortung und den Circle of Influence. Hier gehts zum Podcast.

Gibt es eine*n Lieblingsinterviewpartner*in, mit dem*r Du unbedingt und auf jeden Fall gerne mal sprechen würdest? Es ist alles erlaubt! 🙂

Ich finde es toll, wenn Prominente ihre Status nutzen, um sich politisch und gesellschaftlich zu positionieren. Da fallen mir direkt Meryl Streep, Pink oder Megan Rapinoe, die Kapitänin der US-amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft, ein.

Wenn Du Dir etwas für unsere Arbeitswelt wünschen könntest, was wäre das?

Ich wünsche mir mehr Offenheit für neue Ansätze, mehr Transparenz in den Unternehmen und vor allem Respekt im Umgang miteinander. Wir brauchen, gerade in Zeiten der Veränderung, den Austausch von Beschäftigten und Management, ernsthafte Zusammenarbeit und gute Lösungen für alle Betroffenen.


Tanja Jacquemin ist Fachreferentin und Dozentin für den Forschungs- und Lehrbereich „Aufsichtsräte und Unternehmensmitbestimmung“ an der Academy of Labour in Frankfurt. Bis Anfang 2020 war sie in verschiedenen Funktionen im IG Metall Vorstand tätig, seit 2016 ist sie Aufsichtsratsmitglied bei thyssenkrupp AG. Sie kuratiert den In Good Company-Podcast der Academy of Labour. Und ausserdem ist sie Teil der Community von Les Enfants Terribles.