Gopf nochmal!

Wenn man keine Strategie hat – ist das nicht auch eine Strategie? Kafi Freitag ist ein Schweizer Enfant Terrible, das scheinbar macht, was es möchte und damit Erfolg hat. Wir befragten sie zu ihrer Strategie, die scheinbar keine ist, ihrer Idee von guter Arbeit und Figg Di-Armbänder.

Liebe Kafi, du liebst Autos, Udo Jürgens ist dein Lieblingssänger und du fluchst wie ein Henker. Dein Vorname ist echt, du siehst dein ADHS als Superkraft und du redest immer Klartext. Du bist ein klassisches Enfant Terrible. Ist das angeboren oder hat dich etwas dazu gemacht?

Schwer zu sagen, ob ich es in die Wiege gelegt bekommen habe, aber solange ich denken kann, hat diese Art zu mir gehört. Ich konnte früh und deutlich nein sagen und wusste, was ich wollte und was nicht. In der Schule hatte ich keinen einfachen Stand, ich war sehr anders und wurde deswegen stark ausgegrenzt. Ich hätte mein Eigensein aufgeben müssen, um dazuzugehören, dieser Preis war mir aber zu hoch.

Als ich in der Schweiz lebte, habe ich deine Serie „Frag Frau Freitag“ kennen gelernt und war gleich sehr verliebt. Wie kam es zu dieser denkwürdigen Serie? Ein genialer Marketing-Coup oder die Lust, auf teilweise skurrile Fragen zu antworten?

Es war die reine Lust zu schreiben. Lange Jahre hatte ich den Prinzessinnentraum geträumt, dass mich jemand entdecken und engagieren würde, irgendeine Zeitung oder ein Magazin. Dann wachte ich auf und merkte, dass das zum einen nicht passieren würde und ich das auch gar nicht brauchte – die Zeit der Blogs war gekommen.

Das Frage-Antwort-Format war kein Marketing-Coup, sondern reine Faulheit. Mir war klar, dass ich Themen brauchen würde, wenn ich das Format regelmäßig bedienen würde und mir war auch klar, dass mir das früher oder später Mühe bereiten würde. Darum hab ich die Themensuche kurzerhand outgesourct.

Eine extrem weise Entscheidung, wie ich erst später realisierte; ich schreibe dann am besten, wenn ich ein Gegenüber habe und mich haben die Fragen der Leserschaft gefesselt. Ich wurde zur Briefkastentante der Nation und erhielt täglich mehrere Dutzend Fragen zu Themen wie Erziehung, Job, Liebe, Sex und auch Fragen mit weitreichenden Folgen wie zu Abtreibung. “Was würde Frau Freitag dazu sagen” wurde zu einem Bonmot, der Blog war sehr erfolgreich.

Frage-Antwort-Formate gab es viele, aber niemand brachte sich und seine eigene Erfahrung ein, wo andere sich hinter theoretischen Abhandlungen versteckten, stand ich mit meiner Meinung hin. Sehr polarisierend und manchmal unpopulär, immer authentisch und ehrlich.

Deine Serie hast du mittlerweile beendet, wenn ich mich recht erinnere, in etwa mit der Begründung „alles schon einmal gehört und gesehen, jetzt mal was anderes“. Und dann kam der Podcast „Kafi am Freitag“ mit deiner Freundin und Kollegin Sara Satir. Ist das auch deine Art, berufliche Entscheidungen zu treffen: Ich mache jetzt einfach mal, was ich möchte?

Der Blog Frag Frau Freitag war bereits einer der meistgelesenen in der Schweiz, als ich nach zwei Jahren bei watson.ch gestartet bin und ihn dort als Kolumne führte. 3 Jahre lang konnte ich dort mit dem Blog Geld verdienen, mein einzig festes Engagement. Dann wechselte die Leitung der News-Plattform und damit auch die Atmosphäre und Kultur. Ich durfte mich plötzlich nicht mehr zu politischen Fragen äußern, man hatte mir die Freiheit eingeschränkt und mir gesagt, für welche Zielgruppe ich welche Themen beackern sollte; das ging mir gegen den Strich.

Ich kündigte das einzige feste Einkommen was ich hatte und schrieb den Blog wieder eigenständig und ohne Honorar. Das war wirtschaftlich gesehen eine sehr ungünstige Entscheidung, aber ich kann meine Überzeugungen nicht verkaufen und darum war es richtig. Nach dem Weggang von watson.ch war aber auch der Druck weg und das Format verlief sich etwas.

Ich gab mir ein Jahr Zeit um herauszufinden, ob ich den alten Drive (ich hatte 5 Jahre lang 3 Fragen pro Woche beantwortet) wiederfinden würde. Das tat ich nicht und darum beschloss ich, den Blog auf dem Peak des Erfolgs zu schließen. Zu dieser Zeit war er der meistgelesene Blog der Schweiz und das Unverständnis in der Branche groß. Mir war aber die Begeisterung abhanden gekommen und die ist mein Motor. Ohne diese kann ich nichts bewegen.

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Und dann kam der Podcast.

Ja, genau. Das neue Format, der Podcast KAFI AM FREITAG wuchs nicht auf meinem Mist. Meine engste Freundin und Geschäftspartnerin Sara hat ihn mir geschenkt weil sie mehr Zeit mit mir verbringen wollte. Ich war an schwer erkrankt und hatte nach schweren Operationen gerade die Radiotherapie begonnen. Die erste Episode nahmen wir einen Tag nach der ersten Chemotherapie auf; eine sehr perverse und gleichzeitig großartige Idee! Sara kennt mich, wie sonst niemand. Sie wusste, dass ich etwas brauchen würde, worauf ich mich jede Woche freuen konnte und wofür ich mich zusammenreißen müsste. Es hat funktioniert.

Der Podcast war ab Woche 1 in den Charts auf Spotify und konnte sich dort seither halten. Wir tun genau das, was uns Freude macht: jeweils am Freitag zusammen Kaffee trinken und über Themen reden, die uns umtreiben. Und genau wie ein Gespräch zwischen Freundinnen, besprechen wir diese Themen nicht vor, schneiden nichts heraus und haben kein zeitliches Limit. Es dauert solange es dauert, manchmal bis 2 Stunden. Meistens hören wir auf, wenn Sara Hunger hat 😉 Bis dahin reden wir über Gott und die Welt. Ein irrer Mix von Tiefgang und Oberflächlichkeit.

Aus Marketingsicht machen wir alles falsch, was man falsch machen kann. Wir haben keinen Jingle, kein Konzept, reden uns um Kopf und Kragen und das viel zu lang. Dennoch hören uns knapp 80% bis zum Ende durch, Marketingfachleute werden regelmäßig feucht, wenn sie das hören!

Du warst Anlageberaterin, Assistentin eines Generaldirektors einer internationalen Grossbank und du hast mal den laden einer Modekette geschmissen. Heute bist du Coach, machst Schmuck und hast einen Podcast. Gab es immer direkte Auslöser für die Richtungswechsel oder ist das deine Art zu leben?

Ich funktioniere nach dem Lustprinzip. Meine Zeit ist mein kostbarstes Gut, ich will diese mit Jobs und Menschen verbringen, die mir gut tun. Wenn ich beruflich das mache, was ich gern tue, dann bin ich erfolgreich. Es ist ziemlich einfach.

Was ist für dich gutes Arbeiten und Leben?

Wenn ich möglich selbstbestimmt entscheiden kann, mit wem ich was mache. Das kann man als selbständig Erwerbende besser, als wenn man angestellt ist. Gleichzeitig bedeutet es auch die Verantwortung, seine Brötchen zu verdienen.

Ich kann diese Verantwortung gut stemmen, wenn ich mich im Gegenzug nicht verbiegen muss und die Dinge so anpacken kann, dass sie mir entsprechen. Durch mein ADHS habe ich oft eine andere Herangehensweise an Themen, in einem Betrieb würde ich damit anecken, auf eigene Rechnung ist es meine größte Kraft.

Zu den neuesten Schöpfungen im Kafi-Universum gehören ein Shop, in dem du „Figg Di“ Armbänder oder „Gopf“-Halsketten verkaufst. Kann ich es mir so vorstellen, dass du abends mit der Heißklebepistole und den Perlen auf der Couch sitzt und das handarbeitest? Und wenn ja, warum?

Ja, genau so. Einfach ohne Heissleim. Der Shop ist fast so alt wie der Podcast, also Ende 2018 entstanden. Ich war krankgeschrieben, ich konnte nicht arbeiten, mir war langweilig. Mein Kopf hat reduziert funktioniert, meine Hände aber bestens. Eines Tages habe ich für mich ein Figg Di-Armband angefertigt, was ich fortan getragen habe. Leute haben es auf meinen Fotos gesehen und wollten es auch haben, Kaficandy war geboren.

Die Herstellung und der Verkauf haben mich schlußendlich finanziell etwas durch die Zeit getragen. Ich bin – wie viele Selbständige – heillos unterversichert. Als ich krank und über viele Monate nicht in meiner Coachingpraxis arbeiten konnte, kam keine Versicherung für meinen Ausfall und die Miete auf. Meine Schmuckproduktion hat mir ein klein wenig Geld eingebracht in dieser Zeit, aber geplant war das nicht.

Es heißt eigentlich immer, dass man sich als Selbstständiger oder Freelancer einen Expertenstatus aufbauen und nicht den Bauchladen vor sich herschieben soll. Da gehst du ja einen ganz anderen Weg und machst völlig losgelöst voneinander verschiedene Dinge. Hattest du niemals Angst, dass es dir schaden könnte, als Coach Schmuck zu designen?

Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Aber ich weiß, dass andere Menschen Angst hätten. Man hat mich eindringlich gewarnt, als ich gleichzeitig meine Coachingpraxis aufgebaut und den Blog gestartet habe. Man könne nicht gleichzeitig ein Business aufbauen, was auf Vertraulichkeit und Diskretion baut und gleichzeitig lauthals seine Meinung raushauen.

In meinem Kopf gibt es keine “man kann nicht”, niemals. Mich interessiert nicht, was MAN kann und was nicht. Ich kümmere mich darum, was ICH kann. Und das ist vieles wie Du siehst und alles befruchtet sich gegenseitig. Ist ja alles made by KAFi und insofern ist das mein Expertenstatus; mich sein und das machen, was mir Freude bereitet.

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Dein Engagement reicht weit über Mitten in der Corona-Krise hast du die Plattform binenand.ch gegründet. Hier können völlig fremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Denkst du, dass politisches und gesellschaftliches Engagement, das Brötchen verdienen und ein glückliches (Privat-)leben immer miteinander verbunden sein sollten?

Nein, ich mache mir darüber keine Gedanken. Binenand.com ist zusammen mit meinem Mann entstanden. Er ist ein begnadeter Coder und wir haben während des Lockdowns daran rumgewerkelt und es hat uns Freude gemacht und uns erstklassig abgelenkt. Ich denke nicht in Marketingstrategien, das bin nicht ich.

Ich folge meiner Lust und schaue, wohin sie mich führt. Manchmal führt das Ganze dann zu Brötchen, manchmal aber auch nicht. Wer von den Brötchen her denkt kann nichts von dem auf die Beine stellen, was ich auf die Beine gestellt habe. Es sind Herzblut-Formate, nicht Brötchenfabriken.

Hast du eine Idee davon, wie die Zukunft der Arbeit aussehen sollte? Was wünschst du dir für die Generation deines Sohnes?

Mehr Sinn und weniger Hamsterrad. Den Mut, den eigenen Weg zu gehen und sich gegen “man kann doch nicht…” von außen abzugrenzen. Viele Menschen gehen mit Selbstzweifeln durch die Welt und scheitern daran, sich etwas zuzutrauen und zu erlauben. Ich wünsche meinem Sohn und seiner Generation, dass sie sich davon nicht anstecken lässt, sondern eigenes Vertrauen entwickelt und darauf baut.

✨Zum Schluss: Was macht ein Enfant Terrible aus und wie wird man eines?✨

Eigene Spielregeln fürs Leben definieren vermutlich. Damit man das schafft, braucht es viel Selbstliebe.


Kafi Freitag führt in Zürich ihre Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und gibt unter ihrem eigenen Label Tribute Workshops und Seminare für Frauen und Firmen. Außerdem kreiert sie eigenen Kafi Candy Schmuck und ist Teil des Podcasts „Kafi am Freitag“.

Hallo! Ich bin Christiane und unterstütze Les Enfants Terribles mit frischen Texten, Ideen und Konzepten für analoge und digitale Präsenzen. Ich lebe in Berlin und Brandenburg, liebe Brecht, Borchert und zamonische Dichter. Meine Hashtags: #DigitalMarketing #SocialMedia #EmployerBranding #Workshops.