Filming for Change

Das Gute ist da, es muss nur sichtbar gemacht werden. Die Filmemacher Stefan Marks und Sebastian Rost treffen Menschen, besuchen Veranstaltungen und gehen da hin, wo zukunftsweisende Ideen in tollen Projekten umgesetzt werden. Wir sprachen mit Stefan über ihre Plattform „Filming for Change“, Selbstverantwortung und gute Nachrichten.

Zunächst einmal die Frage: Wie definiert ihr „Change“? 

Ich verstehe Wandel als einen Zustand, welcher sich über die letzten Jahrhunderte – in der Evolutionsgeschichte wahrscheinlich schon seit Anbeginn der Zeit – immer wieder neu erfunden hat und aus Alt Neu macht. Jede Generation glaubte und glaubt, es wäre ihre Zeit gekommen, sie müssten nun den Aufbruch in eine neue Zeit vorantreiben und die nächste Revolution anzetteln oder in Meditation alles ertragen, damit alles anders werde. Und genau dieser menschliche Wille zur Veränderung hat uns hierher ins Jetzt gebracht und wird uns auch weiter in ein Morgen der Möglichkeiten bringen.

Nicht alles war per Definition ein “positiver Wandel”. Vieles Schreckliche ist passiert in der Geschichte der Menschheit und darf sich nicht wiederholen und viele von uns werden in ein kollektives Trauma hineingeboren und merken es kaum, da sie zu abgelenkt sind von anderen Dingen. Und da ist er wieder: der immerwährende Wunsch nach Veränderung, nach Wandel, nach einer Zeitenwende, die nicht nur einseitig gedacht werden darf, sondern der Kompetenzen aller Menschen bedarf. Wandel muss partizipativ und skalierbar sein, das heißt es ist wichtig, dass jeder versteht, dass er bzw. sie mitmachen darf und muss. Und skalierbar, weil ein Politiker mehr Einfluss als Frau Huber von nebenan hat … doch die Verantwortung für uns alle ist für jeden gleich und wir sollten sie ernst nehmen. 

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Wann seid ihr mit dem Projekt „Filming for Change” gestartet und was war der Anlass? Und wer steht hinter dem Projekt ?

Sebastian Rost und ich haben das Projekt Filming for Change vor fünf Jahren gegründet. Zum einen, um eben jene vorher erwähnte Verantwortung als Filmemacher zu übernehmen und unsere Kompetenzen dem “positiven Wandel” zu widmen – in der Hoffnung, dass unsere Filme hier auch positiv beitragen können. Denn es ist schwer, Menschen in der heutigen Zeit mit “guten Nachrichten” zu begeistern, zum Anschauen, Mitmachen oder Nachahmen zu bewegen. 

Zum anderen war und ist es für mich auch ein sehr eigennütziges, ich will fast sagen egoistisches Projekt. Ich lerne durch unser Projekt Menschen kennen, die mit ihrer ganzen Energie Projekte aus dem Boden stampfen und verwirklichen. Sie sind Vordenker einer Welt, in der Kooperation und Gemeinwohl gelebt und Entscheidung nicht mehr demokratisch sondern soziokratisch – in allen Belangen – gemeinsam erarbeitet werden. Sie experimentieren und leben bereits jetzt in einer möglichen Zukunft, die durch sie bereits ein Stück weit Realität geworden ist.

Und das ist und bleibt auch mein Antrieb. Diese Menschen zu treffen, mich mit ihnen auszutauschen, von ihnen zu lernen, mich inspirieren zu lassen und ihre Ideen durch mein Können zu verbreiten. Denn das sind die “guten Nachrichten”, die unsere Gemeinschaft von Menschen so dringend braucht.  

Und wie wählt ihr die Themen für eure Videos aus?

Meistens ist es einfach eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Uns interessiert erstmal alles. So springen wir oft einfach ohne viel zu recherchieren ins Interview und sind teilweise überrascht, was dabei rauskommt. Und oft werden wir von einem Interviewpartner gleich zum nächsten interessanten Gesprächspartner weiter empfohlen – so bleiben wir zwar auch ein wenig in dieser “Changemaker-Bubble”, aber ich kann versichern – es gibt Schlimmeres! Trotzdem schauen wir auch über den Tellerrand und verlassen gern unsere Komfortzone. Und wir haben auch ein paar Lieblingsthemen, wie Bildung, neue Möglichkeiten des Bauens und Gemeinschaften.   

Wir sind keine Journalisten, die Spezialisten auf nur einem Gebiet sind. Wir sind Filmemacher und haben dieses breite Spektrum an Themen gewählt, da es in allen Bereichen viel zu tun gibt. Die Experten sind bei uns unsere Protagonisten und Gesprächspartner. Und diese zeigen, wie es geht und dass es geht. Und das gibt mir Hoffnung.

Gibt es etwas, was die inspirierenden Menschen, die ihr trefft und filmt, eint?

Ja, das denke ich schon. In erster Instanz ist es der feste Glaube, dass wir alle gemeinsam die Grundlagen für ein menschliches Zusammenleben kreieren können. Und dazu gehört Vertrauen und auch Mut. Und wir dürfen uns glücklich schätzen, diese wunderbaren Menschen zu treffen, denn sie leben und lieben beides. Das tiefe Vertrauen in unsere wundervolle Gemeinschaft von Menschen und sich mutig einzusetzen für eine Welt, in der ALLE Kinder als freie Menschen geboren werden, sich Fische in den Meeren tummeln, Bienen von Blüte zu Blüte tanzen und Wolken Regen bringen. 

Ja, es ist der feste Glaube an das Urvertrauen in das Leben und dass wir alles daran setzen, es zu schützen und zu erhalten.

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Im März startete eure Serie „Change Daily“. Erzählt doch mal, was die Idee dahinter ist.

Ganz kurz zusammengefasst: Sebastian stieß auf Facebook auf eine Video-Serie namens NAS Daily. Die Mission des Protagonisten Nas war es, jeden Tag ein Video für eine Welt zu machen, in der er leben möchte. Der Inhalt und die Qualität seiner Videos haben uns schwer beeindruckt und so entstand die Idee zu Change Daily, die es vorsieht,  über einen gewissen Zeitraum jeden Tag ein Video zu machen. Auch bei diesem neuen Format bleiben wir unserer Mission treu. Wir besuchen Changemaker*innen, um ihre Projekte, ihre Ideen und Visionen filmisch festzuhalten. Unsere Zuseher*innen auf allen Kanälen sind somit Mitreisende und erfahren tagesaktuell gelebten Wandel in Echtzeit. Abschließend sollte dann aus dem gesammelten Material ein Dokumentarfilm entstehen, der den Wandel in Deutschland und auch Europa zeigt.

Wie funktionierte das Filmen und Reisen unter den Lockdown-Bedingungen?

Wir haben unser Konzept von Change Daily ziemlich verändert und den Start durch den Ausbruch von Corona nach hinten verschoben und wussten erstmal gar nicht, ob unsere Kampagne und die Dreharbeiten überhaupt stattfinden werden. Es war ja nicht möglich, unsere Interviewpartner*innen persönlich zu treffen.

Zoom-Interviews waren dann eine mögliche Alternative, aber auch nicht wirklich geeignet für den anvisierten Dokumentarfilm, ein Road-Movie. Ein Roadmovie ohne Road? Schwer zu realisieren. So haben wir uns erst auf Berlin konzentriert und dann doch erstmal auch ein paar Zoom-Interviews geführt, aber dann ging es irgendwann los, mit der Bahn und e-Falträdern zu den Menschen und Orten des Gelingens, die bereit waren, uns zu empfangen. Und inzwischen haben wir 58 Kurzepisoden abgedreht und arbeiten weiter am Film, der dann später als geplant fertiggestellt wird. Anvisiert ist derzeit März/April 2021.  

Was ist eure Einschätzung: Hat sich die Stimmung in Bezug auf den Willen zum Wandel mit der Corona-Pandemie ins Positive oder Negative gewandelt?

COVID-19 hat uns bisher ganz gut aufgezeigt, dass ein unglaublich schneller Wandel möglich ist, wenn die Menschheit in einer gemeinsamen Sache vereint ist. Keines der Probleme unserer Welt ist schwer zu lösen; nur Uneinigkeit der Menschen steht dem im Weg. Wenn wir als Menschheit zusammen handeln und unsere kreativen Kräfte voll ausschöpfen, dann sind auch die Möglichkeiten grenzenlos. So sehe ich zwar einiges problematisch an der Pandemie, wie z. B. die Einschränkung mancher Grundrechte wie der Versammlungsfreiheit und die mediale Panikmache. Es sterben viele Menschen und Corona soll auch ernst genommen werden und so wird der positive Effekt, nämlich dass wir erkennen, geeint sehr schnell einen Wandel global herbeiführen zu können, durch die vielen Toten weltweit getrübt.

Dennoch: Wir werden auch Corona überstehen und dürfen gerade jetzt auf keinen Fall die vielen anderen Herausforderungen der Gegenwart vergessen. Mehr noch, wir müssen aus der gegenwärtigen Krise lernen und die Macht dieses gemeinsamen Willens nutzen und auf alle Themen wie der Klimakrise, dem Artensterben, Hungersnöte und Kriege – um nur ein paar zu nennen – anwenden.    

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Was braucht es für den Wandel, was könnte der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt?

Wie ich oben bereits erwähnt habe wird der Prozess von Veränderung nie aufhören. Und auch wenn die Menschheit die gewaltigen Herausforderungen, vor der sie steht, nicht meistert, wird es eine neue Spezies geben, die sich auf der Erde entwickeln darf und irgendwann auch den Wunsch nach Veränderung spüren wird. 

Zugegeben, das ist ein sehr pessimistisches Bild der Zukunft, aber darauf steuern wir im Moment zu. Wir erschaffen gerade selbst – in vollem Wissen – die Möglichkeit unseres Aussterbens. Und deshalb müssen wir nun möglichst schnell handeln und drastische Maßnahmen ergreifen. Wie der Historiker Vijay Prashad sagt: “Wir dürfen nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem.” 

Wir haben uns lange Zeit über die Natur gestellt,  wir sind aber ein Teil davon. Wir sprechen von Umwelt, obwohl es Mitwelt heissen sollte. Viele indigene Völker denken sieben Generationen voraus und richten ihr Zusammenleben danach aus. Dies sollten wir uns zum Vorbild nehmen und das wäre für mich der Tropfen an Medizin, der das Fass nicht zum Überlaufen bringt sondern befrieden kann.

Beginnen wir jetzt, an einer Welt zu bauen, in der nicht Profitgier, Ausbeutung und Konkurrenz an erster Stelle steht, sondern Kooperation, Empathie und vor allem Friede. Und abschließend darf ich noch ein optimistisches Bild geben, denn es gibt viele gute Ansätze, Projekte und Vorhaben, die uns schon jetzt eine gute Zukunft vorleben. Und ein paar davon haben wir besucht und diese sind auf www.filmingforchange.net zu sehen und zu erleben.


Stefan Marks ist Filmemacher, Veränderungs-Erforscher und Miterfinder von FILMING FOR CHANGE. Auf der Online-Plattform www.ffch.net geben er und Sebastian Rost den guten Nachrichten ein Zuhause und dem Wunsch nach Veränderung ein Gesicht. Ständig auf der Suche nach neuen, bewegenden Geschichten und Orten des Gelingens.