#Enkeltauglich

Stephan Grabmeier beschreibt in seinem neuen Buch “Future Business Kompass”, warum und wie wir unser Wirtschaftssystem  neu denken und organisieren müssen, damit es zukunftsfähig wird. Mit uns sprach über seine Idee von Future Business.

Lieber Stephan, du setzt dich für ein besseres Wirtschaftssystem ein. Was war dein persönlicher Auslöser, der dich zum Nach- und Neudenken brachte?

Ich habe das Buch “Future Business Kompass” geschrieben, weil ich mir große Sorgen mache, ob wir Menschen den Wandel schaffen. Und weil ich es satt habe. Ich habe es satt, dass wir in einem Wirtschaftssystem voller Egoisten leben. In einem Wirtschaftssystem, das ausschließlich auf Profitmaximierung programmiert ist. Codiert von Wirtschaftswissenschaften, die keine neuen ökonomischen Modelle denken. Beeinflusst von Industrie-Vertretern, die ihr Terrain eisern verteidigen. Regiert von Politikern, die sich in Parteienzwist aufreiben, anstatt alles für die Lösung unserer Probleme zu tun. Ich habe es satt, dass viele zuerst an sich denken und nicht an ihr Umfeld und an die Umwelt. Dass sich zu wenige Gedanken machen, was ihr eigenes Handeln bewirken kann und die sich darauf zurückziehen, dass sich zuerst alle anderen ändern müssen und nicht sie selbst.

Ich habe zwei Kinder und mache mir viel Gedanken, wie wir unsere Welt den nächsten Generationen übergeben. Ich kämpfe dafür, dass die beiden eine Zukunft auf dieser Welt haben. Dass sie in Würde leben können, Gerechtigkeit üben und selbst gerecht behandelt werden. Das ersehne ich für meine und für alle Kinder dieser Welt.

Diese Gedanken treiben mich schon sehr lange. Nun habe ich einige davon aufgeschrieben, um über das Buch den Diskurs zu besserem Wirtschaften zu fördern. Auch weil ich von der teilweise substanzlosen New-Work-Bewegung enttäuscht bin, die auf Konferenzbühnen in ihrer Filterblase gerne große Systemveränderungen diskutieren, aber es meist nichts weiter als belangloses Geschwätz ist.

In deinem „Future Business Kompass” sprichst du von einer enkelfähigen Zukunft. Wie sieht die für dich aus?

Mir geht es darum Zukunftsräume auszuloten. Und so ein Bild zu entwickeln, in das sich Future Business einpassen kann. Wir haben alle Technologien und Methoden dazu. Gibt es eine fertige Lösung? Nein. Müssen wir sie entwickeln. Ja. Wir müssen ein neues institutionelles Design unserer Wirtschaft und Gesellschaft schaffen. 

Es geht vor allen Dingen darum, dass Menschen den Ernst der Lage verstehen. Und sich nicht empört echauffieren, wenn Jugendliche auf die Straße gehen und für das eintreten, was uns die letzten Generation(en) durch ihre Wohlstandsmaximierung eingebrockt haben. Wenn man den Titel liest, kann man sich schon die Frage stellen. Was soll das bitte sein: “Future Business”? Geht es hier um das nächste große Ding, die erstaunlichste technische Innovation, den nächsten heißen Scheiß? Ja, auch das, hier und da. Aber es geht um viel mehr. Es geht um die Grundlagen für eine neue Art zu wirtschaften, in der die Versöhnung der wirtschaftlichen Wertschöpfung mit sozialen Fragen und der Ökologie gelingt. Haben wir nicht schon das beste aller Systeme? Ist nicht schon alles entdeckt? Ich glaube nicht.

Wir müssen unser Wirtschaftssystem, auf das wir seit rund 250 Jahren in kaum veränderter Weise vertrauen, in eine neue Balance bringen. Dazu gehören eine Überprüfung der makro- und mikroökonomischen Zustände und ihrer Ursachen, sowie eine Momentaufnahme des laufenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umbruchs: Themen, Programme und Initiativen rund um Purpose und Werteorientierung, nachhaltige Entwicklung und Umwelt, digitale Transformation und New Work, soziale Bewegungen und Kapitalismuskritik sowie neue Messgrößen und Steuerungsansätze. 

Start with Why. Und alles beginnt mit dem Purpose, dem Sinn und Zweck unseres Handeln und Tuns. Seit Monaten suche ich nach der Antwort auf meine Frage „Was ist der Purpose von Deutschland“? Bisher konnte mir das keiner beantworten. Leider: niemand aus Wirtschaft, niemand aus Politik. 

Allerdings, Purpose ist der Ordnungsrahmen, der Komplexität reduziert und über den wir Veränderungen entwickeln können. Solange uns als Nation nicht klar ist, wofür wir etwas tun, tun wir irgendwas. Das ist der erste Punkt, an dem ich ansetzen will, an dem wir gesellschaftlich ansetzen müssen.

In deinem Buch präsentierst du Kopföffner für alle, die den Willen zur Veränderung haben. Was denkst du: Wo fangen wir am besten an? Bei uns selbst? Oder braucht es zunächst einen Wandel in Politik und Wirtschaft? 

Jeder, wirklich jeder ist gefragt. In meinem Buch habe ich vier Kompassrichtungen untersucht: Unternehmen, die Gesellschaft (Politik), Individuen und die Bildung. Alles hängt zusammen und voneinander ab. Was mich in den aktuellen Diskussionen traurig stimmt, ist die Verantwortungslosigkeit. Jeder schiebt es auf andere, um selbst nichts an sich zu ändern. Individuen sagen: wenn ich nicht fliege, weniger Fleisch esse oder kein Plastik einkaufe ändert sich doch nichts. 

Die Wirtschaft redet sich oft heraus, indem sie erwähnt, wie wenig ein einzelnes Unternehmen denn die Welt verändern kann. Und die Politik weist darauf hin, dass Deutschland im globalen Vergleich ja wenig dazu beitrage und selbst wenn wir klimaneutral wären, dies alles nicht reichen würde. 

Bei dem institutionellen Design der Politik geht es primär um Wiederwahlen und Partei-Egoismen und nicht um eine nachhaltige Zukunft. Es geht nicht um große Umbrüche. Das Ego ist dort leider immer noch größer anstatt der Wille, Deutschland über die nächste Legislaturperiode und gegen Industrie-Lobbyisten zukunftsfähig zu gestalten.

Wenn alle 7,6 Mrd. Menschen der Welt so handeln, ändert sich rein gar nichts. Jeder, egal wie groß sein beruflicher, politischer oder privater Wirkungskreis ist, muss beginnen zu verzichten, anders zu leben und Verantwortung für die Enkelfähigkeit unseres Planeten zu übernehmen.

Unternehmen empfiehlst du eine Sustainable Business Transformation. Was sind die ersten Schritte?

Ich denke und betrachte die Wirkung eines Unternehmens sehr systemisch. Alles beginnt mit dem Purpose eines Unternehmens – dem Sinn und Zweck, warum es ein Unternehmen gibt und welche Wirkung das Unternehmen erreichen möchte. Der Purpose ist mehr als eine Vision, Mission oder die Unternehmensstrategie. Und viel mehr als ein bisschen New-Work-Anstrich an der Oberfläche. Bei den meisten Unternehmen steht dieser nicht fest, ist nicht sichtbar oder noch nicht gefunden. 

Purpose wird gefunden, nicht erfunden. Es ist die tief zu Grunde liegende DNA eines Unternehmens. Vom Purpose leitet sich systemisch alles weitere ab. Welche Services und Produkte stellen wir her? Welche Verfahren, Ressourcen und Lieferbeziehungen nutzen wir dazu? Wie sehen unsere zirkulären Business Modelle aus? Welche Märkte und Kunden bedienen wir (und welche nicht)? Welche Organisation designen wir dafür? Welchen Impact haben wir damit auf die Gesellschaft, auf den Menschen und auf den Planeten? 

Wenn diese vereinfacht skizzierte Wirkungskette basierend auf dem Purpose klar ist, dann spreche ich von einer Sustainable Transformation. Der Weg zu einem besseren Wirtschaften – zu Purpose getriebenem Business.

Du hast in vielen Managementpositionen in Konzernen gearbeitet. Was sind in Unternehmen die größten Hürden zu einem nachhaltigen Wirtschaften?

Am schwersten tun sich am Kapitalmarkt gelistete Unternehmen. Die Manager dieser Unternehmen arbeiten für ihre Kapital-Shareholder und nicht für ihre Stakeholder. Das ist das erste, was man ändern muss. Daher gibt es auch signifikante Unterschiede zu inhabergeführten Unternehmen und deren nachhaltige Verantwortung. Glücklicherweise ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft zu 97 Prozent mittelständisch. 

Die größten Hürden sehe ich in der Sozialisierung der Manager und den damit verbundenen Glaubensbekenntnissen. Die unflexiblen wissenschaftlichen Modelle, die Gier am Kapitalmarkt und die seit über 250 Jahre ausgerichtete Ideologie von linearem Wachstum hat uns in das Dilemma geführt, in dem wir heute stecken. All das war für einen bestimmten Zeitraum gut. Jetzt ist es das nicht mehr. Dies ändern wir nur, wenn sich die Glaubensbekenntnisse bei jedem von uns ändern. 

Um enkelfähig zu wirtschaften, brauchen wir nachhaltig denkende Manager und Unternehmer. Es geht um ein ausgewogenes Verhältnis von Geld verdienen sowie sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Daran müssen wir arbeiten. Die Kopföffner in meinem Buch sind Charaktere, die mehr wollen als nur Geld verdienen. Es sind Menschen, die Verantwortung für sich und andere übernehmen. Menschen, für die das WIR größer ist als das ICH. Sobald diese Kopföffner mehr werden und Vorbild für andere, glaube ich auch daran, dass wir besseres Wirtschaften mehr und mehr verankern können.

Ich begleite Unternehmer und Manager auf dem Weg dazu und es gibt immer mehr, die bereit sind, ihren Teil dazu beizutragen. Das stimmt mich positiv. Jeder Mensch der Kinder hat, sollte sich Gedanken machen, welchen Planeten er den nächsten Generationen hinterlassen will und beginnen, sein Leben und seine Arbeit danach zu gestalten.

Was tust du selbst, um dein Business enkelfähig zu gestalten?

Ich kämpfe seit meiner Schulzeit gegen Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft und tue das auch weiterhin. Soviel und so gut ich kann. Als Schüler, das war zu Zeiten der “Atomkraft? Nein, danke”-Bewegung, stand ich erstmals auf der Straße und habe in den Ostermärschen oder in Wackersdorf Mitte/Ende der 80er-Jahre gegen den Aufbau der Wiederaufbereitungsanlage demonstriert. Ich habe als Schülersprecher am Gymnasium den großartigen Hoimar von Ditfurth, einen Vorreiter der Klimabewegung an die Schule geholt, um meine Mitschüler und die Lehrer zu inspirieren und viele Aktionen für ein besseres Klima und gegen eine ausbeuterische Wirtschaft gestartet. 

Wer mich in der New-Work-Szene kennt, weiß auch, dass ich mich seit Ende der 90er-Jahre holistisch für ein neues System „Arbeit“ engagiere und nicht einen leider oft substanzlosen Filterblasen-Trend einer selbstreferenzierenden New Work Szene unterstütze.

Mein Business habe ich auf enkelfähiges Wirtschaften ausgerichtet. Ich berate Unternehmer und Vorstände in der Sustainable Business Transformation. Dazu spreche ich auf vielen Konferenzen, um Menschen für die Veränderung zu inspirieren. Mein Buch “Future Business Kompass” habe ich geschrieben, um den Diskurs für besseres Wirtschaften auf ein breiteres Niveau zu bringen. Ich freue mich über viele Leser und eine breite Unterstützung des Diskurses.


Stephan Grabmeier berät Unternehmen und Organisationen zu Themen wie Nachhaltigkeit, Purpose Business, New Work und Innovation. Seit August 2019 arbeitet er als Partner von Hans Reitz, seiner Agentur circ und Prof. Muhammad Yunus (Friedensnobelpreisträger 2006) im Grameen Creative Lab. 2018 gründete er die Stiftung und Bildungsinitiative Next Entrepreneurs, die bundesweit Startup-Formate mit Schüler*innen und Unternehmen realisiert. 2020 startet er einen Call to action für Purpose driven Business und möchte so viele Menschen dazu bewegen, aus dem Diskurs in Handlung zu kommen.

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