enfant terrible! 5 fragen an: tanja jacquemin

In unserer Serie „Enfant Terrible! 5 Fragen an: …“ stellen wir euch die wunderbaren Menschen unserer Les Enfants Terribles-Community vor … Dieses Mal befragten wir Tanja Jacquemin, die als Fachreferentin und Dozentin für den Forschungs- und Lehrbereich „Aufsichtsräte und Unternehmensmitbestimmung“ an der Academy of Labour in Frankfurt tätig ist. Außerdem leistet sie seit 2021 als Aufsichtsratsmitglied bei thyssenkrupp AG eine großartige Arbeit.

Liebe Tanja, was glaubst du, haben Unternehmen aus 2020 gelernt?

Sie haben gelernt, dass Dinge, die sie zuvor für unmöglich hielten, tatsächlich funktionieren können. Zum Beispiel, dass das Unternehmen nicht zusammenbricht, wenn eine Großzahl der Beschäftigten im Homeoffice arbeitet. Oder, dass Termine nicht immer vor Ort durchgeführt werden müssen – sondern dass man mit Unterstützung der modernen Technik miteinander reden und interagieren kann, ohne hunderte von Kilometern zurückzulegen.

Ich glaube, dass die aktuelle Situation die Führungskräfte “zwingt”, mehr Vertrauen in den einzelnen Mitarbeiter und die einzelne Mitarbeiterin zu setzen. Darin, dass sie ihren Job erledigen, auch wenn sie nicht unter dem direkten Zugriff durch räumliche Nähe stehen. Und das funktioniert und tut meines Erachtens beiden Seiten gut. Es fördert Eigenverantwortung, Emanzipation, Selbstbewusstsein und Kreativität.

Haben Gewerkschaften deiner Meinung nach in der Corona-Krise gewonnen oder verloren?

Meines Erachtens geben die Betriebsräte in dieser Krise ein sehr starkes Bild ab. Arbeitssicherheit, alternative Arbeitsformen wie Homeoffice oder Wechselbesetzungen und Regelungen zur Reduzierung von Arbeitszeit standen und stehen in vielen Unternehmen durch die aktuellen Rahmenbedingungen im Fokus. Betriebsräte haben gemeinsam mit den Gewerkschaften praktikable und gute Lösungsansätze erarbeitet und sind starke und umsichtige Verhandlungspartner. Ich bin überzeugt davon, dass Deutschland, wie auch schon in der letzten Krise, aufgrund des starken Mitbestimmungssystems auch dieses Mal relativ gut über die Zeit kommen wird. Ich hoffe sehr, dass diese wichtige Rolle der Gewerkschaften auch entsprechend anerkannt wird. 

Was treibt dich an, diese Arbeitswelt zu gestalten und wann wäre sie für dich gut?

Ich möchte gerne meinen Beitrag dazu leisten, dass es den Menschen gut geht. Dafür braucht es Arbeit, die unter guten und gesunden Bedingungen stattfindet. Arbeit, die so bezahlt wird, dass man mit vertretbarem Einsatz davon leben kann. Arbeit, die niemanden diskriminiert oder ausgrenzt. Es braucht ein System, das jedem Menschen einen Zugang ermöglicht, das fair und sozial gerecht ist. Wenn wir das erreicht haben, bin ich zufrieden.

Was kann jeder einzelne tun, um sich sinnvoll in Veränderungsprozesse einzubringen und gehört zu werden?

Viele nutzen die momentane Umgebung dazu, in sich selbst reinzuhören und herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist. Diese innere Aufmerksamkeit ist wichtig, um Dinge gestalten zu können. Denn verändern kann man in erster Linie sich selbst. Dann braucht es eine Gemeinschaft, mit der man sich gemeinsam auf den Weg machen kann. Netzwerke mit Gleichgesinnten sind elementar wichtig und machen stark.

Auf was freust du dich in 2021?

Am meisten freue ich mich auf das, worauf sich vermutlich auch alle anderen freuen: endlich wieder Menschen im realen Leben treffen und Freunde in den Arm nehmen. Aber auch darauf, dass uns einige positive Aspekte aus der Corona-Zeit erhalten bleiben werden – wie die verstärkte Nutzung von Online-Veranstaltungen, die Reduzierung von Reisetätigkeiten und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Vielen Dank für die Einblicke, liebe Tanja!


In dieser Serie ist bereits erschienen:

5 Fragen an Isabel Viramo von Roon
5 Fragen an Bernhard Vierling
5 Fragen an Aileen Moeck
5 Fragen an Michael Munke