Eine kleine Auszeit für unsere Community

Im Januar waren wir zusammen mit der Les-Enfants-Terribles-Community für zwei Tage auf einer Auszeit für Reflexion. Hier kommt ein kleiner Bericht darüber, was wir dort gemacht und erlebt haben.

16 Enfants Terribles sind mit zu unserer ersten gemeinsamen Auszeit gekommen, in ein wunderschönes großes Haus mit Zugang zum See im Süden Berlins.

Vorab

Wir hatten uns lange überlegt, wie wir die Tage von Donnerstag bis Samstag gestalten wollen, wie viel wir als Community-Team schon vorplanen oder vorgeben; haben wir dann aber nicht wirklich. Jede*r konnte Themen, Fragestellungen, Ideen oder Methoden mitbringen. Die Agenda für die zwei Tage haben wir gemeinsam Donnerstagnachmittag erstellt und jeden Morgen feingeplant. Zwei Tage lang haben wir gespielt, uns bewegt, geredet, gedacht, geweint und gelacht, sauniert, meditiert und prächtig gegessen.

Das einzige, was wir vorgeplant hatten, waren der gute Ort und die Verpflegung – der Raum und Rahmen für unsere Zeit miteinander. Für das Essen während der gesamten Auszeit war Susanne Stenger verantwortlich. Susanne hat für uns wundervolle Mahlzeiten zusammengestellt: sehr sehr lecker, wahnsinnig nährend und wohltuend. Zusätzlich erzählte sie uns in einem Vortrag mehr über Qualitäten und Wirkungen einzelner Lebensmittel und Zutaten.

Donnerstag

Am Donnerstagnachmittag war erstmal Ankommen und großes „Hallo“. Wir hatten uns zum Teil schon sehr lange oder manche auch noch nie gesehen. Das heißt, wir haben zum Start einen Check-In, Kennenlernen und Haus- und Gelände-Erkunden gemacht. Dann konnte jede*r seine Themen für die Tage nennen und wir haben die ersten Zeiten geplant. Am Abend gab es ein köstliches erstes Essen von Susanne. Und noch jede Menge Gespräche bis in die Nacht.

Freitag

Gestartet sind wir dann am Freitagmorgen nach einem gemeinsamen Frühstück mit einer Aikido-Session mit Michael Weber.

Aikido ist eine defensive japanische Kampfkunst, in der wir lernen, mit Angst und Gewalt umzugehen und in einem Konflikt die eigene Freiheit zu bewahren.
Was Aikido mit „New Work“ zu tun hat, das konnten wir in drei Impulsen, die Michael uns mitgebracht hat, selbst ausprobieren:

  1. Im Hier und Jetzt sein: Wir spüren unseren Körper, wie wir stehen und atmen, lockern die verspannten Schultern und werden präsent für den Augenblick
  2. In Kontakt sein – Führen & Folgen: In einer Kontaktübung in Zweiergruppen probieren wir aus, wie es sich anfühlt, wenn die Führungsrolle klar definiert ist, und was passiert, wenn wir die festen Rollen aufgeben und Führung nur noch situativ aus der Dynamik der Bewegung heraus entsteht.
  3. Mit Konflikten umgehen: Am Beispiel eines gegriffenen Handgelenkes probieren wir aus, welche Stressmuster in uns stecken, wenn wir plötzlich blockiert werden (Flucht, Angriff, Totstellen?). Wir versuchen (erfolglos), den gegriffenen Punkt zu bewegen und lernen dann eine Möglichkeit aus dem Aikido kennen, durch eine Veränderung des eigenen Standpunktes, den gegriffenen Punkte ganz ohne Kraft zu bewegen.

Mehr über Aikido findet Ihr noch hier unter diesem Link.

 

In der nächsten Session sammelten wir Ideen für die Les-Enfants-Terribles-Community – was brauchen/wünschen wir uns voneinander, was wollen wir gemeinsam tun? Der Austausch untereinander ist ein großes Thema und offensichtlich einer der wichtigsten Gründe bei der Les-Enfants-Terribles-Community dabei zu sein und ein großes Bedürfnis, welches in der Auszeit formuliert wurde.

4mal im Jahr haben wir ja den Good Enfants Terribles-Tag, bei man sich zwar nicht nur innerhalb der Community sehen kann, aber dort gibt es auch die Möglichkeit, eigene Themen einzubringen oder vorzustellen. Außerdem gibt es mehrere Slack-Kanäle und eine geschlossene Facebook-Gruppe.

Der Austausch in der Offline-Welt ist neben dem digitalen Austausch unter den Les Enfants Terribles wichtig und wurde in der Auszeit in mehreren Ideen formuliert:

  • regelmäßige offline Treffen (gerne im Open Space-Format)
  • ein jährliches Treffen der Community
  • einen Ort in Berlin für’s Zusammenkommen auch ohne Agenda mit einem festen Gastgeber*in
  • „Meet & Eat“ als unkompliziert-unorganisiertes Treffen (z.B. im Rahmen von Veranstaltungen, Messen und Konferenzen)
  • Impulse zum Mitmachen und News aus der Community im Newsletter
  • und gerne ein Haus am See 🙂

Zum Zeitpunkt unserer Auszeit war an diese allumfassenden Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens, wie wir sie jetzt mit Corona haben, ja noch gar nicht zu denken. Zwischenzeitlich haben wir schon einen wöchentlichen digitalen Check-In etabliert, der von Community-Mitgliedern geplant und moderiert wird und wir haben in unseren Community Slack Channels spezifische Corona-Kanäle eröffnet. Auch hier gehen wir mit dem mit, was gut ist für die Community.

Leider erstmal vertagen bzw. umplanen müssen wir unsere Ideen für das Format „LET lokal“, welches wir in der Auszeit für Konstanz und Nürnberg konkretisiert hatten. Wir möchten die Good Enfants Terribles-Tage, die bisher nur in Berlin stattfinden, auch in andere Städte übertragen. Das wird jetzt eben etwas später nachgeholt oder anders umgesetzt werden müssen.

Wir planen dann mal und freuen uns wahnsinnig auf die Zeit nach den Ausgangsbeschränkungen.

Am Freitag-Nachmittag spielten wir außerdem das Rot-Blau-Spiel, dass Sonja Umstätter mitbrachte. Das wollten wir alle zusammen ausprobieren.

Das Spiel geht so:
Die Gruppe teilt sich in zwei Teams auf. Jedes Team geht in einen eigenen Raum. Beide Teams haben je eine Botin oder einen Boten, die die Spielzüge der Teams austauschten.

Die Regeln sind einfach: Es gibt zehn Spielrunden. Die Aufgabe der Teams besteht darin, in jeder Runde entweder Blau oder Rot zu wählen und die Boten*innen loszuschicken und die Farbwahl an die andere Gruppe zu übermitteln. Das Ziel des Spiels ist es, am Ende ein positives Ergebnis zu erzielen. Mehr wussten die beiden Teams nicht bzw. gab es nicht an Input.

Je nach Wahl der Farbe beider Gruppen werden Punkte vergeben:

Team A Team B
Rot +100 Rot +100
Rot -200 blau +200
Blau +200 Rot -200
Blau -100 Blau -100

Also: nehmen beide Teams Rot, dann bekommt jedes Team 100 Punkte, ein Team nimmt Blau und eines Rot, dann wird dem Team, welches Blau gewählt hat 200 Punkte gutgeschrieben und dem Team mit der Wahl Rot werden 200 Punkte abgezogen. Nehmen beide Teams in einer Runde gleichzeitig Blau, werden jeweils 100 Punkte abgezogen.

In der vierten (kann) und achten (muss) Spielrunde schickt jedes Team ein Teammitglied in die Verhandlung mit der anderen Gruppe.

Nach jeder Runde und am Ende wird addiert.

So einfach, oder?

Bei uns passierte dann Folgendes:
Die Fragen zu Beginn in den Teams: Was ist ein positives Ergebnis für uns und wie finden wir einen gemeinsamen Standpunkt in der Gruppe, wenn viele verschieden positive Ergebnisse möglich sind?

Für Team A war es ein positives Ergebnis, wenn beide Teams gemeinschaftlich möglichst viele Punkten am Ende sammeln. Sie hatten für sich entschieden, dass sie in jeder Runde „Rot“ sagen (und haben das in der ersten Verhandlungsrunde auch so mitgeteilt) und hofften darauf, dass Team B genauso handeln wird.

Team B wählte für sich nach anfänglicher längerer Diskussion und Austausch eher den Spaß am Spiel als positives Ergebnis. So wählte B zu Beginn auch „Rot“ und schwenkte dann zu „Blau“, um mal auszuprobieren was passiert.

Nach der ersten Verhandlungsrunde war klar, dass Team A immer rot sagen wird. Diese Nachricht verursachte bei Team B den „die Luft ist raus“-Effekt. Der Spaß am Spielen und Kräftemessen stieß auf keine Resonanz bei A. Der Wunsch nach Kooperation von A wiederum fand keinen Widerhall bei B.

Die Verhandlungen haben nicht dazu geführt, dass man sich auf ein gemeinsames positives Ergebnis hätte einigen können. Auch weil wir das gar nicht für das jeweilige andere Team formulierten und irgendwie auch nicht in Erwägung zogen. Was wäre am Ende vielleicht die Kooperation gewesen? Was wollt Ihr, was wollen wir? Finden wir einen ein gemeinsames positives Endergebnis und wollen wir das überhaupt?

Das hat Spaß gemacht, frustriert und mehr – und hat am Ende zu einer sehr schönen Diskussion geführt.

Die Diskussionen und der Austausch innerhalb der Teams und mit den anderen ist dann in ein gemeinsames Abendessen gemündet.

Samstag

Der Samstag startet mit einer Meditations- und Aikido-Runde und einem gemeinsamen Frühstück.

In einer weiteren Session stellten wir uns dann die Frage, wie Les Enfants Terribles mit seiner Initiative und Arbeit noch mehr Menschen erreichen, im Arbeitskontext „glücklich machen“ kann und wie wir noch mehr zu Aktivist*innen für gutes neues Arbeiten werden können. Wir tauschten Erfahrungen aus unseren Organisationen aus und schauten uns sowohl Community- als auch neue Business-Ideen an.

Ein Thema konnten wir an dem Tag dann leider nicht mehr anschauen: Das Bullet Journaling; eine Achtsamkeits- und Produktivitätsmethode in einem. Es ist eine Art, ein Tagebuch zu führen, die eigenen Aufgaben zu planen und dabei achtsam mit sich selbst zu bleiben, warum man das tut, was man tut. Katja Kruschwitz hat vier Wochen später eine digitale Session dazu gemacht. In unserer nächsten Ausgabe von mittwochs.online berichten wir mehr über die Methode.

Unsere gemeinsame Retrospektive am Ende der Tage zeigte, dass wir das alle ziemlich gut fanden und auf jeden Fall mehr davon wollen. Gemeinsam haben wir gesammelt, was wir gut fanden und was nicht so und welche Ideen wir noch so haben.

Und unsere liebste Idee ist, die Auszeit für die Community jedes Jahr am ersten Wochenende des Januars zu veranstalten. Der Termin für 2021 steht schon.

Vielen Dank allen für diese Auszeit der Reflexion und das Beisammen sein!


@Annika Nagel Photography

Sabine ist Kauffrau mit über 15 Jahren Erfahrung als Büroleiterin und Assistenz auf Vorstandsebene in der Kreativ- und Kulturbranche. Zur Zeit wieder Studierende der Bildungswissenschaften. Und bei Les Enfants Terribles für die Organisation und Community zuständig.