ein wirklich netter

Ingo Nommsen hat lange Jahre als Moderator u.a. im Frühstücksfernsehen des ZDF die Sendung „Volle Kanne“ moderiert. Vor einiger Zeit ist er dort ausgestiegen und hat ein Buch mit dem Titel „Hilfe, ich bin zu nett!“ veröffentlicht. Wenn man Ingo so in der Öffentlichkeit sieht, kommt man nicht wirklich auf die Idee, dass „Nett sein“ sein Problem sein könnte… Das Buch zeigt die Geschichte hinter dem Buchtitel, die wahrscheinlich bei vielen von uns Resonanz findet: Wie gut kenne ich meine eigenen Bedürfnisse und bin in der Lage, sie zu leben, sie zu vertreten. Und was vor allem braucht es, dass ich mich auf den Weg zu meinem „eigenen Leben“ mache.

Ingo, Du hast gerade ein Buch mit dem Titel “Hilfe, ich bin zu nett!” geschrieben. Was ist denn die Definition von “nett sein”? Und was bitte ist die Definition von “ZU nett sein”? Gibt es das überhaupt?

Nett zu sein hat mir in vielen Bereichen meines Lebens geholfen. Einen angenehmen Umgang mit anderen zu haben, fördert aus meiner Sicht ein gutes und entspanntes Miteinander. Zu nett ist man aus meiner Sicht dann, wenn man immer wieder Dinge für andere tut, die einem selbst schaden. Hinter denen man selbst so nicht stehen kann. Die man selbst vielleicht gar nicht will. Dann ist man anderen gegenüber zu nett, sich selbst gegenüber aber nicht. Das ist auch das Problematische: Wenn ich meine eigenen Bedürfnisse immer hinter die Bedürfnisse der anderen stelle, dann geht es mir auf die Dauer schlecht. Denn ich bin verantwortlich dafür, dass es mir gut geht. Dass ich auf Grenzen achte. Genau darum geht es. Auf sich selbst achten. Und dann gern auch etwas für andere tun und auf sie eingehen. Denn wenn ich nicht gegen meine eigenen Prinzipien und Kräfte agiere, kann ich mich auch viel besser um andere kümmern.

Ich finde es wichtig, dabei achtsam mit sich und anderen umzugehen. Bei mir war die Frage, wie schaffe ich es aus dieser Nettigkeitsfalle rauszukommen, um meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse wieder wahrzunehmen oder überhaupt erst zu erkennen. Um endlich auch wieder nett zu mir selber zu sein. Mir hat dabei unter anderem eine Warteliste geholfen, die Leitplanken zu definieren. Diese Klarheit hilft mir, auch in Konfliktsituationen freundlich zu bleiben. Harmonie finde ich immer noch super, aber ich weiß auch, dass ich dafür meine Träume und Bedürfnisse nicht hintenüber fallen lassen darf.

In Deinem Buch geht es ja nicht “nur” ums “Nett sein”, sondern eigentlich viel mehr darum, dass sich Menschen bewusst Gedanken über ihr Leben, ihre Lebensgestaltung machen sollen. Der Tod Deines Vaters war ein Auslöser, Dich dazu auf den Weg zu machen. Du hast u. a. Deinen sehr erfolgreichen Moderationsjob im Fernsehen erstmal aufgegeben. Es ist ja schon verrückt, dass es oft so große, einschneidende Erlebnisse braucht, dass wir uns Gedanken machen.
Was hat Dir geholfen, Dich auf den Weg zu machen, Dich zu verändern oder überhaupt erst einmal festzustellen, dass “Nett sein” Dein “Problem” ist? Wie hat Deine “Reise” ausgesehen, was hast Du gelernt und erfahren?

Der Auslöser, mich einmal intensiver mit meinem Leben auseinandersetzen, war der Tod meines Vaters. Dabei zu sein, als der Mensch geht, von dem ich dachte, er ist immer für mich da, hat mein Leben verändert. Zu sehen, wie das Leben von einem Moment auf den anderen plötzlich aus einem geliebten Menschen verschwindet, macht uns auch die eigene Endlichkeit deutlich. Neben der Trauer hat das bei mir viele wichtige Fragen ausgelöst: Wo stehe ich? Wer bin ich – und was will ich noch vom Leben?

Wer sich diesen Fragen ernsthaft stellt, hat die Chance, sein Leben positiv zu verändern. Ich habe mein Leben nach dem Tod meines Vaters auf den Prüfstand gestellt und bin gestärkt aus diesem Prozess hervorgegangen.

Ich habe in kleinen Schritten begonnen, Grenzen zu ziehen, mal Nein zu sagen und meine Träume einfach in Angriff zu nehmen. Ein Monat in New York brachte mich plötzlich auf die Stand Up-Bühnen am Broadway und ich merkte, was passiert, wenn du dich auf Unplanbares einlässt. Und wer einmal erlebt, was passiert, wenn du Dinge anders machst, tankt Selbstbewusstsein, das auch in anderen Bereich auszuprobieren.

Ich fühle mich am aktuellen Punkt meiner Reise zu mir selbst viel erwachsener als an ihrem Beginn vor rund vier Jahren. Ich habe Verantwortung für mein Leben übernommen, weil ich auch negative Erfahrungen als Möglichkeiten zu wachsen, angenommen habe.

Ich kann mit Konflikten und Problemen ganz anders umgehen als früher. Ich bin einfühlsamer geworden und kann mich auch in andere besser hineinversetzen. Was zu einem emphatischeren Umgang mit mir und meinem Umfeld führt, der das Miteinander sofort entspannter macht. Ich bin zufriedener geworden, weil ich eine ungeahnte Klarheit im Hinblick auf mein Leben bekommen habe.

Die Entscheidung meine Fernsehvertrag nicht mehr zu verlängern, war vor dem Hintergrund letztendlich wohl eine logische Entscheidung, die ich bis heute richtig finde.

Du sprichst im Buch auch über Burnout, Erschöpfung, über Getriebensein, darüber, ständig auch über die eigenen Grenzen zu gehen. Das geht ja vielen so in ihrem Job. Wie kommen wir als Arbeitsgesellschaft zu einem neuen Verständnis von Arbeit? Was können wir tun, damit Menschen nicht im Burnout landen? Und was würdest oder machst Du heute anders?

Bei mir war es so, dass ich einfach nie gelernt hatte, mit Konflikten vernünftig umzugehen. Harmonie stand in meiner Familie über allem. Glaubenssätze wie „Wir wollen keinen Streit“ hatte ich aus meinem Elternhaus mit ins Erwachsenenleben genommen. Die Konflikte, die ich im Außen vermied, musste ich lange mit mir selbst ausmachen. Ich wollte nicht anecken und zu allen immer nett sein, habe dann aber gemerkt, dass das auch auf meine Kosten geht.

Ich hatte viele Gefühle, mit denen ich einfach nicht umgehen konnte. Oft habe ich den einzigen freien Tag im Monat frustriert mit Chips, Eis und Schokolade vor dem Fernseher verbracht. Oder ich war krank. Erst seit ich weiß, woher diese Gefühle kamen, mit denen ich zu kämpfen hatte, konnte ich auch damit umgehen lernen.

Ich finde eine Arbeitsumgebung wichtig, in der wirkliche Offenheit herrschen darf. Und nicht jeder versucht so zu sein, wie er glaubt, dass andere ihn gerne hätten.

Du sagst an einer Stelle, dass es darum geht, was einen als ganze Person ausmacht. In Unternehmen sollen wir ja funktionieren; Gefühle oder Ängste sind da ja nicht so gefragt; da ist nix mit “ganzem Menschen”. Wie könnten wir da zu einem neuen Verständnis in Organisationen kommen? Hast Du eine Idee?

Ich glaube, dass ein wirkliches Interesse an der Person und den Qualitäten, die Einzelne mit ins Unternehmen einbringen, nicht schaden kann. Gerade in einer Welt, die aktuell so viel Wandel und Veränderung mit sich bringt, sind kreativer Input und neue Skills gefragt. Doch viele Talente von Menschen schlummern im Verborgenen. Die sollten geborgen werden. Den Raum und die Möglichkeiten dazu sollten Unternehmen schaffen – auch im eigenen Interesse. Eine angstfreie Umgebung, in der sich Personen trauen, auch mal aus der Rolle zu fallen, um neue Facetten zu entdecken und auch entdecken zu lassen, kann da ein guter Anfang sein.

Du sprichst über Selbstverantwortung. Ich mag ja sehr gerne den Begriff der Selbstwirksamkeit, weil es ein Handeln mit einbezieht. Kannst Du damit etwas anfangen?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass jeder bei sich selbst ansetzen kann: Wenn ich mich kenne, kann ich auch meiner Umgebung zeigen, wie ich wirklich bin. Ich bin mir sicher: Der Mut, wirklich Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, wird belohnt.

Ich habe ja selbst erlebt, was in den letzten vier Jahren mit meinem Leben passiert ist. Als ich mich veränderte, veränderte sich plötzlich mein komplettes Leben. Dinge entwickelten sich und ein Stein brachte den nächsten ins Rollen. Dass dabei in kurzer Zeit unter anderem zwei Bücher, ein eigener Podcast und ein Live-Programm entstanden, hätte ich nie gedacht. Und jetzt bin ich sogar Familienvater. Viele meiner Träume haben sich erfüllt. Es ist faszinierend zu sehen, welche Türen sich im Leben öffnen, wenn Du offen dafür bist.

Wir, bei Les Enfants Terribles, beschäftigen uns gerade viel mit dem Thema #NewMen, “neue Männlichkeit”. Wir glauben, dass wir für die Veränderung unserer Arbeitswelt hin zu einer “mensch-zentrierteren”, nachhaltigeren Arbeit entsprechende Qualitäten brauchen, die eine solche Transformation gestalten können. Und da immer noch mehr Männer als Frauen in Entscheider-Positionen sind, sind Männer eine wichtige Zielgruppe. Kannst du etwas mit dem Begriff “neue Männlichkeit” anfangen? Ist Dein Buch vielleicht sogar ein Plädoyer dafür?

In jedem Fall ist es ein Plädoyer dafür, sich einmal intensiver mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Und sich klar zu werden, wer ich überhaupt bin und was ich in diesem Leben will. Alleine dadurch wird sich schon eine Menge verändern.

Wenn “Neue Männlichkeit” bedeutet, durchaus auch Schwächen zuzulassen und das vermeintlich Schlechte nicht mehr auszublenden, finde ich das einen wichtigen Schritt. Für mich ist das Leben viel entspannter geworden, seit ich auch zu meinen Schwächen stehe.

Der gesamte Prozess, den ich im Buch beschreibe, hat mich zu einem Menschen gemacht, der auf eine mir bisher unbekannte Art mit sich im Reinen ist. Seit ich achtsamer mit mir bin, habe ich auch ein viel besseres Gespür für die Befindlichkeiten anderer bekommen. Das strahlt aus.

Was sind für Dich gute männliche Eigenschaften?

Ich würde lieber über gute menschliche Eigenschaften sprechen. Die Dinge, die uns vereinen und zusammen bringen. Füreinander da sein, gut miteinander umgehen und fair zueinander zu sein. Schwache nicht auszugrenzen, sondern unterzuhaken und zu unterstützen.

Bist Du eigentlich ein Enfant Terrible?

Die Mantras meiner Mutter waren  “Kinder, wir wollen doch keinen Streit” und “bitte schön brav bleiben”. Diese Sätze meiner Kindheit habe ich auch mit ins Erwachsenenleben genommen. Für mich persönlich habe ich deshalb lange Schwierigkeiten gehabt, Konflikte klar auszusprechen und anzugehen.

Geht es allerdings um eine Fernseh-Show oder einen Event, den ich moderiere, konnte ich schon immer sehr gut den Finger in die Wunde legen, um das Produkt für Zuschauerinnen und Zuschauer noch attraktiver zu machen. Das kostet zwar mitunter Kraft, macht die Arbeit allerdings am Ende besser. Und was das Schönste ist: Mir macht meine Aufgabe als Moderator dann noch mehr Freude.

Und wie ist jetzt der “neue” Ingo? Gibt es den so?

Im Prinzip habe ich den alten Ingo wieder entdeckt. Der einfach Dinge ausprobiert, weil er Freude daran hat. 2021 ist mein Jahr des Ausprobierens. Talk-Ideen einfach auf Instagram umsetzen, bei Open Mics auf die Bühne gehen – und im eigenen Soloprogramm plötzlich auch eigene Songs mit Gitarre zu singen. Das macht großen Spaß.

Es erinnert mich an die Zeiten, in denen ich in den Bavaria Filmstudios einfach an jede Tür geklopft habe, bis man mich als Praktikant oder Kameravolontär einfach mitmachen ließ. Jahre, in denen ich täglich früh morgens nach München oder Garmisch-Partenkirchen getrampt bin, um Film oder Radio zu lernen. Teilweise fuhr ich mit Räumfahrzeugen im Winter zu meiner Morgensendung im Radio. Das war kalt und im Rückblick beschwerlich, doch damals hat es für mich einfach dazu gehört, um meinen Weg zu gehen.

Und wenn ich heute mit meinem Car-Sharing-Auto eine Stunde zu einer Comedy-Mix-Show fahre, um für einen Getränkegutschein neue Stand Ups auszuprobieren, ist das einfach wunderbar.

Zum Schluss hätten wir noch gerne Deine Lieblingstipps, um nicht ZU nett zu sein?

Mein Weg aus der Nettigkeitsfalle hat mir gezeigt, dass wir Netten wirklich daran arbeiten müssen, um am Ende nicht auf der Strecke zu bleiben.

Wir “zu Netten” sollten …

  • unsere Ängste identifizieren, lernen Nein zu sagen – auch wenn’s manchmal schwer fällt. Der Gedanke “Ein Nein zu anderen ist immer auch ein Ja zu sich selbst” war da für mich hilfreich

  • endlich auch die eigenen Bedürfnisse befriedigen

  • unsere Werte definieren und leben

  • unsere Stärken und Schwächen analysieren, und

  • unsere Ziele und Wünsche formulieren.

 

Natürlich versuche ich dabei weiter der nette Ingo zu bleiben. Das Überraschende: Weil ich mich heute besser verstehe kann ich meine innere Klarheit nun auch offen nach außen tragen. Für mich macht das ein wirklich harmonisches Miteinander erst möglich. Und ich versuche mir heute immer wieder klar zu machen, dass wir nur dieses eine Leben haben. Deshalb sollten wir der Verwirklichung unserer Träume nicht selbst im Weg stehen.

Vielen Dank, lieber Ingo, für das wirklich wirklich nette Interview! 🙂


Fernsehen, Podcast oder Bühne – Ingo Nommsen ist seit Jahren in der Welt des Entertainment zu Hause. Mit seiner Arbeit als Moderator erreicht er ein Millionenpublikum. Allein für das ZDF moderierte er mehr als 3000 »Volle Kanne«-Ausgaben, rund 700 »Hallo Deutschland«-Sendungen und dutzende Fernsehshows. Daneben steht er als Schauspieler vor der Kamera, unter anderem bei der Kult-Sitcom PASTEWKA, und moderiert zahlreiche Veranstaltungen.

Seit 2019 ist er Gastgeber seines eigenen Podcast. In »DIE INGO NOMMSEN SHOW« trifft er inspirierende Menschen und nimmt uns mit auf die Reise, seinen großen Traum von der eigenen Abendshow im Fernsehen wahr zu machen. Nach seiner Premiere als Stand-Up-Comedian in New York steht er mit einem Soloprogramm und eigenen Songs auf Deutschen Bühnen. “Hilfe, ich bin zu nett!” ist nach “Erfolgsmenschen” sein zweites Buch. Ingo Nommsen lebt in Düsseldorf und Berlin.

 

Mehr Buchempfehlungen findet ihr auch noch hier in unserer Bücherliste.

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