die interessiererin

karoline rütter

Ihr wird nachgesagt, dass sie schon als Kind von Beruf „Interessiererin“ werden wollte. Das hat sie geschafft: Karoline Rütter ist Strategieberaterin, aber auch Salonière, die uns dazu einlädt, einen interdisziplinären Blick auf die Welt, Kunst, Kultur – und auch Wirtschaft zu riskieren. Was wir dadurch gewinnen, erzählt sie uns in diesem Gespräch.

Liebe Karoline, gerade ist deine neue Inspiring Minds-Website online gegangen, auf der man deinen ganzen Projekten perfekt nachspüren kann. Du betreibst deinen Salon, zu dem du interessante Menschen verschiedenster Disziplinen, Kulturen und Handwerke einlädst, kuratierst Veranstaltungen an der Urania Berlin und für The School of Life. Wie kommst du zu den Themen und Menschen?

Es gibt so viele interessante Menschen und Themen, und so werden meine Ideen-Listen im Laufe der Jahre immer länger. Angeblich habe ich im Alter von drei Jahren gesagt, ich möchte Interessiererin von Beruf werden, da ich mich für so vieles interessiere. Durch diese Berufung fällt mir das Kuratieren leicht, und ich erfreue mich an den Möglichkeiten, über meinen privaten Salon hinaus auch öffentliche Veranstaltungen zu gestalten und moderieren.

Ganz konkret entdecke ich neue Menschen und Themen durch gute Gespräche mit Menschen aus meinem Netzwerk, Buch-Neuerscheinungen, Zeitungsartikel oder Veranstaltungen und Kongresse. Auch durch mittwochs.online und die Les Entfants Terribles Community erreichen mich immer wieder bereichernde Impulse für Salons oder Veranstaltungen.

Im November bietest du gemeinsam mit dem Schlafforscher Albrecht Vorster einen Workshop zum Thema Schlaf an der School of Life an. Das ist ja auch ein weites Feld, wo nimmst du jedes Mal die Energie her, dich in neue Themenfelder einzuarbeiten?

Das Leben scheint mich nicht nur mit unersättlicher Neugier und tiefem Interesse beschenkt zu haben, sondern auch mit den entsprechenden Energien, dieser Lust zu folgen und mir immer wieder Neues zu erschließen. Sehr gerne lerne ich Neues von und mit anderen Menschen und schätze das transdisziplinäre Arbeiten auch deshalb sehr.

Von Albrecht lerne ich beispielsweise immer wieder neue Aspekte des höchst vielschichtigen Themas “Schlaf” kennen und beende jeden unserer Workshops für mich mit neuen Impulsen, Gedanken und Fragen. Es ist eine schöne Lebendigkeits-Erfahrung, und die Lebendigkeit beantwortet vielleicht auch die Frage nach der Energie-Quelle. 

Ist das dieses lebenslange Lernen und denkst du, das wird zum Standard?

Für mich persönlich ist es keine Frage, bis an mein Lebensende möglichst viel Neues lernen und entdecken zu wollen. Dazu gehört für mich auch, vorhandenes Wissen und Positionen immer wieder auf der Suche nach blinden Flecken zu hinterfragen, weshalb ich es sehr bereichernd finde, mit verschiedenen Meinungen und Haltungen in Kontakt zu kommen und andere Perspektiven auf ein Thema oder eine Frage kennenlernen zu dürfen. 

Eine Welt, in der es eine Selbstverständlichkeit ist, sich immer weiter zu entwickeln, Neues kennen zu lernen und auszuprobieren, sich vielleicht auch neue Berufsfelder zu erschließen, klingt für mich sehr attraktiv. Und erfreulicher Weise ist es heute ja schon viel selbstverständlicher, sich durch lebenslanges Lernen und mögliche Neuanfänge im Laufe des Lebens immer weiter entfalten zu können.

Du hattest mir gesagt, dass du früher deinen Beruf und die ganzen schönen Künste immer getrennt hattest. Das geht wohl vielen so, denn wie wir wissen, kann man mit Kunst und Kultur kaum einen Blumentopf gewinnen. Jetzt bringst du das Schöne und Nützliche zusammen. Was denkst du, warum das jetzt besser klappt? Was hat sich verändert?

Ich würde es für mich gar nicht unterscheiden in das Schöne und das Nützliche: Meiner Strategieberatungs-Tätigkeit kann ich viel Schönes abgewinnen, und meine Gesprächsreihen haben hoffentlich einen Nutzen mit Blick auf gesellschaftliche Impulse. Vielleicht liegt der Unterschied eher in der Wertschätzung innerhalb unserer Gesellschaft, die der Wirtschaft einen deutlich anderen Stellenwert beimisst als der Kultur, wie sich in den vergangenen Monaten gezeigt hat. 

Für mich persönlich war nach über 20 Jahren Strategieberatungs-Tätigkeit und über zehn Jahren als Salonière die Zeit reif, diese Rollen weniger zu trennen und bewusst für alle Projekte und Aufgaben aus der Gesamtheit meiner Erfahrungen zu schöpfen – und auch aus meinem vielfältigen Netzwerk interessanter Menschen verschiedenster Disziplinen. Unter meiner Marke Inspiring Minds klammere ich all meine Tätigkeiten – von der Purpose-Beratung, UX Research oder Transformations-Begleitung über meine privaten Salons bis zur Kuration öffentlicher Gesprächsreihen und alles, was sich in der spannenden Schnittmenge meiner Rollen der Strategieberaterin und Salonière ergibt. 

Ich hoffe, das macht Schule, denn ein transdisziplinärer Blick schafft auch im Denken neue Räume. Wie bringt dich der interdisziplinäre Blick weiter?

Die Welt ist so komplex geworden, dass sich viele Fragestellungen nur noch inter- oder transdisziplinär lösen lassen. Das gilt gesellschaftlich genauso wie unternehmerisch, ist meine Erfahrung.

Je länger ich transdisziplinär arbeite, desto bewusster werde ich mir damit einhergehender Herausforderungen, da jede Disziplin im Zweifel von eigenen Denkmustern und einer eigenen Sprache geprägt ist – nicht selten unbewusst. Das erfordert Vermittlung und Moderation, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen, voneinander lernen und zusammen etwas Neues entwickeln zu können. 

Wie bringst du in der Strategieberatung deinen interdisziplinären Ansatz ein?

Zum einen schöpfe ich immer aus meinem gesamten Erfahrungswissen: Allein durch über 100 kuratierte Salons hat sich ein vielfältiger Wissensschatz aus dutzenden von Disziplinen angesammelt – z.B. Philosophie, bildende Kunst, Geschichte, Klimaforschung, Politikwissenschaften, Diplomatie, Literatur etc. 

Und wann immer es sich anbietet, beziehe ich in meine unternehmerische Beratungstätigkeit Menschen verschiedener Berufe aus meinem Inspiring Minds-Netzwerk ein – z.B. im Rahmen von Co-Creation- oder Ideation-Workshops. Denn einer der Grundsätze des Design Thinking ist Interdisziplinarität – tatsächlich erlebe ich in Unternehmen allerdings nicht sehr oft ein wirkliches disziplinübergreifendes Denken und Arbeiten, was nicht selten auch an fehlenden Kontakten zu Menschen aus unterschiedlichsten beruflichen Feldern liegt. Es braucht jemanden, der eine solche Zusammenarbeit im Sinne der zu lösenden Frage kuratiert und moderiert.

Frage: Wenn du von Co-Creation-Workshops sprichst, denke ich an Führungskräfte, die sich Mittwoch morgens in einer Halle treffen, um gemeinsam Graffiti zu sprühen. Erhelle mich doch bitte, zu welchen Themen und in welchem Rahmen du die Menschen zusammenbringst.

Klingt auch sehr cool…. Vielleicht illustriere ich Co-Creation-Workshops an konkreten Beispielen: Kürzlich habe ich Lead Users mit hoher Affinität zu neuesten technologischen Entwicklungen aus meinem Expert*innen-Panel für ein Innovations-Projekt eines internationalen Telekommunikations-Anbieters rekrutiert.

In einem gemeinsamen Workshop haben die Lead Users mit Designer*innen und Product Owners von Unternehmensseite Ideen für zukünftige Produkte und Services entwickelt. Durch die verschiedenen Perspektiven können meiner Erfahrung nach schneller sehr unterschiedliche und auch ganz neue Ideen entstehen, die für Nutzer*innen auch wirklich relevant sind.

Ein Technologie-Konzern konnte beispielsweise Innovations-Impulse von einem Pianisten aus meinem Netzwerk aufgreifen, der während der Pandemie vieles an Technik-Infrastruktur getestet hatte, um bestmöglich virtuell unterrichten zu können. Ein solcher Einblick in die Werkstatt eines Musikers war neu und sehr wertvoll für die Konzern-Vertreter*innen.

Ein weiteres konkretes Feld ist die Vermittlung von Speaker*innen für unternehmerische Programme. So habe ich gerade eine 17-jährige Fridays-For-Future-Aktivistin und Buch-Autorin für die “InterStellar Learning Journey” von TheDive zu regenerativen Business-Modellen vorgeschlagen und vermittelt. Gefragt war eine “Longterm-Thinking”-Perspektive.  

Noch eine Frage zu deiner Forderung nach Menschen, die solche interdisziplinären Kollaborationen kuratieren. Wie würde das Jobprofile eines solchen Kurators aussehen?

Leistung und Wert von Kurator*innen an Schnittstellen sind zum einen ein tiefes Verständnis für unternehmerische Fragestellungen inklusive der Umfeld-Bedingungen, Unternehmenskulturen etc. – also eine “Parkettsicherheit” in der Unternehmens- und Wirtschaftswelt.

Und idealerweise ist man genauso zuhause in vielen anderen Kontexten, wie Kultur, Wissenschaft oder Philosophie, spricht also quasi viele Sprachen. So kann man sicherstellen, die richtigen Menschen für das Bearbeiten konkreter Fragen an einen Tisch und in ein produktives Gespräch zu bringen. Empathie und Fingerspitzengefühl braucht es, damit unterschiedliche Denkstrukturen und Sprachen keine Barriere sind, sondern sich gemeinsam der Blickwinkel und Erfahrungshorizont weiten lässt und Neues entstehen kann. 

Und was können Menschen aus der Wirtschaft von Menschen aus der Kultur lernen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass prinzipiell jeder Mensch von jedem anderen Menschen etwas lernen kann. Konkret auf Wirtschaft und Kultur bezogen können Unternehmen beispielsweise eine stärkere Orientierung am Prozesshaften anhand künstlerischer Arbeitsweisen gegenüber der Ergebnis-Fokussierung lernen, die bisher in der Wirtschaft tonangebend war und durch Agilität und andere Arbeitsmethoden zunehmend abgelöst wird.

Dieser Paradigmen-Wechsel ist kein leichter, und als Organisation und als Individuum gilt es, sich die Prozess-Orientierung zunächst anzuverwandeln, einen stimmigen Zugang zu finden, vielleicht erstmal Verschiedenes auszuprobieren. Das entsprechende Erfahrungswissen aus bildender Kunst oder Musik und auch Medizin oder Naturwissenschaften kann dafür Inspiration bieten. Denn auf den zweiten Blick ist uns als Lebewesen das Prozesshafte vielleicht viel vertrauter als es im unternehmerischen Kontext in den vergangenen Jahrzehnten schien.

Paradoxerweise sind Unternehmen tendenziell zugleich viel, viel weiter mit Blick auf “New Work” oder den Abbau von Hierarchien. Hier könnten die überwiegend noch sehr hierarchischen, durchaus auch patriarchalischen Kulturinstitutionen viel von Unternehmen lernen, um attraktivere Arbeitsbedingungen zu bieten und innovative Produktions-Orte zu bleiben. Ideal wären also ein gegenseitiges Lernen und wechselseitige Gestaltungsimpulse.

Am Klimawandel kann man, finde ich, gut erkennen, dass es einen interdisziplinären Blick braucht, um die Situation überhaupt verstehen zu können. Ist das auch ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, diese Fragmentierung (darüber haben wir mit Thomas Klug gesprochen) aufzuheben?

Das Überwinden von Disziplinen-Grenzen würde ich insgesamt als sinnvoll, geradezu notwendig erachten, um uns weiterentwickeln zu können als Gesellschaft. Idealerweise werden Grenzen durchlässiger und das Zusammenarbeiten von Akteur*innen verschiedenster Institutionen an relevanten Projekten einfacher, wie beispielsweise im gemeinsamen Kampf gegen die Klimakatastrophe. Ich selbst weiß meine Unabhängigkeit und damit einhergehende Flexibilität sehr zu schätzen, mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Institutionen zusammenzuarbeiten: Unternehmen, Kulturinstitutionen, Universitäten, Stiftungen, Freiberufler*innen etc.

Wenn das Zusammenarbeiten auch für größere Institutionen noch niederschwelliger werden würde, um mit vereinten Kräften und Erfahrungen über Disziplinen- und Organisations-Grenzen hinweg selbstverständlich miteinander zu kollaborieren im Dienste wichtiger gesellschaftspolitischer Fragen und Missionen, würde ich es aus meinen eigenen bereichernden Erfahrungen sehr begrüßen.

Ich denke da sofort an all die bürokratischen und rechtlichen Hürden, die Organisationen daran hindert, langfristig und wirklich intensiv – also nicht nur projektbezogen – mit Freiberufler*innen zusammenzuarbeiten. Welche anderen Hürden hast du noch im Sinn?

Die Zusammenarbeit mit Freiberufler*innen ist für viele vielleicht noch am einfachsten. Ich dachte z.B. an Compliance-Regeln von Unternehmen, die manchmal zu Verunsicherung führen, in einen offenen Cross-Industry-Austausch mit Menschen aus anderen Unternehmen zu gehen – obwohl es durchaus ein Bedürfnis gibt, von- und miteinander zu lernen aufgrund ähnlicher Fragestellungen.

Manchmal ist es vielleicht auch einfach eine Hürde, noch keinen persönlichen Kontakt zu einer bestimmten Institution zu haben. Ich war anfänglich noch verwundert, wenn ich von Institutionen angefragt wurde, zu einer anderen Organisation den Kontakt zu vermitteln. Zunehmend habe ich erkannt, diese Leistung zu unterschätzen, da es mir persönlich sehr leicht fällt, auf Menschen und Institutionen zuzugehen, wenn ich Interesse an einer Zusammenarbeit habe. Daher habe ich diese Gabe gerne zu einem meiner Berufe werden lassen, um Begegnungen und Beziehungen auch für andere über verschiedene Grenzen hinweg zu stiften. 

Vielen Dank für das anregende Gespräch, liebe Karoline!


karoline rütterKaroline Rütter berät Unternehmen und Institutionen strategisch in den Feldern Marke, Innovation, User/Customer Experience und Transformation. Unter der Marke Inspiring Minds gibt sie transdisziplinäre Impulse und schöpft aus 10jähriger Erfahrung als Gastgeberin eines Salons zu relevanten Fragen aus Gesellschaft, Kultur, Philosophie oder Naturwissenschaften. Kuratorisch tätig ist sie für The School of Life Berlin und die Urania Berlin. Während ihres Studiums der Medienwissenschaften hat sie die Strategieagentur diffferent als Mitglied des Management Boards mit aufgebaut.