Dickes Fell

„Ich Chef, du nichts.“ – „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast…“ Das Prinzip „Herr und Knecht“ ist eine der prägendsten Motive, die die Menschheit seit den Anfängen formt. Es ist noch nicht lange her, dass diese stark hierarchischen Strukturen in jedem Büro und auch in Familien Normalität waren und als gegeben hingenommen wurden. Aber normal ist daran gar nichts. Das zeigt sich auch in der besonderen Beziehung zwischen Mensch und Pferd, die eine Partnerschaft auf Augenhöhe und kein Verhältnis von „Herr und Knecht“ ist. Sabina Sigl ist Pferdetherapeutin und lebt das Prinzip des Natural Horsemanship.  

Liebe Sabina, was ist Natural Horsemanship?

Natural Horsemanship ist eine Philosophie und Reitlehre, die unter anderem darauf beruht, dass nicht nur das Pferd Wesens- und Artgerecht erzogen wird, sondern auch der Mensch. Ich arbeite zur Hälfte mit dem Pferd und zur anderen Hälfte mit dem Halter, denn es ist die Partnerschaft der beiden, die essentiell ist. Es geht darum, das Team, welches Mensch und Pferd bilden, zu verbessern.  

Woher kommt diese Philosophie?

Horsemanship ist keine Modeerscheinung, sondern eine klassische Art des Pferdetrainings. Sie wurde von den alten Meistern in Spanien Portugal begründet und später Kalifornien aufgegriffen, wodurch es als Natural Horsemanship bekannt wurde.   Dort war ein Pferd das höchste Kulturgut, es wurde gefordert, gefördert und gepflegt. Das Pferd bekam in einer mehrere Jahre dauernden Ausbildung den Raum und die Zeit, sich zu entwickeln und seinen Charakter zu entfalten. Aus dieser Sicht ist Natural Horsemanship die ursprüngliche Reitlehre, die es lange vor den Strukturen und Ansprüchen des modernen Reitsports gab.  

Wie bist du aufs Pferd gekommen?

Die Liebe zu den Pferden begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Ich bin im Salzburger Land aufgewachsen, wir waren vier Geschwister und lebten auf dem Land. Ich bin als Kind immer mit dem Nachbarshund abgehauen, mein Ziel waren oft die Pferdekoppeln in der Umgebung. Ein eigenes Pferd konnten wir uns nicht leisten, dieser Traum wurde erst sehr viel später wahr. Ich war ganz vernünftig und habe nach der Schule eine Ausbildung zur Frisörin absolviert und anschließend auch zehn Jahre in dem Beruf gearbeitet. Mein erstes Pferd war eine Traberstute, die eine große Lehrerin für mich war. Das war schon hart, zu erkennen, was es eigentlich braucht, um mit einem Pferd zu kommunizieren und ihm zu zeigen, was man von ihm eigentlich will. Ein Pferd galoppiert eben nicht einfach über Stock und Stein, dafür braucht es viel Zeit und Geduld. Das war eine große Lehre. 

Und wie ging es für dich weiter?

Ich habe ganz von vorn angefangen. Ich eignete mir nach und nach Wissen an und wagte anschließend einen besonderen Schritt: Ich ging in die USA und lernte dort die Techniken einzelner Westerndisziplinen kennen. Dort war ich auf der Suche nach Menschen, die mich weiterbringen und die mich fördern. Nach dem ersten Heimweh war es dann auch eine tolle Zeit in den USA, die mich stark geprägt und selbstbewusster gemacht hat. In verschiedenen Disziplinen wie Cutting und Reining war ich auch recht erfolgreich, was für einen jungen Menschen wie mich auch toll war. Vor allem wenn man jung ist, hat man den Ehrgeiz, mehr zu erreichen und erfolgreich zu sein und wenn du in der Szene anerkannt wirst, kannst du sehr große Erfolge feiern. So bin aber auch ich ganz schnell in eine Schiene des Reitsports gekommen, in der die Siege mehr zählen als die eigentliche Beziehung zum Pferd. Ich habe gemerkt, dass ich wieder näher zum Pferd möchte und als Reiterin nicht so gern im Vordergrund stehe. Ich ging also wieder auf Anfang. Heute reite ich in der pferde-freundlichen Disziplin “Cowboy Dressage” und bilde am liebsten Jungpferde aus. Sie sind wie ein weißes Blatt Papier, körperlich und psychisch ist noch alles möglich. Es ist noch nicht viel Form da und mir macht es große Freude, den Tieren einen guten und gesunden Start ins Leben als Reitpferd zu geben.

Du bist aber auch als große Pferdeversteherin bekannt, die sich „Problempferden“ annimmt.

Ja, häufige Probleme sind beißende, bockende und tretende Pferde. Wenn es solche Schwierigkeiten gibt, dann liegt der Ursprung des Problems aber zumeist bei dem Menschen, nicht bei dem Pferd. Das bedeutet, dass sich der Mensch ändern muss und nicht das Tier. 

In einem systematischen Training lernen dann die Halter, zu verstehen, warum auf ihre Aktion die dementsprechende Reaktion folgt. Das ist eine sehr intensive Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier, sie müssen ihre gemeinsame Sprache finden.

Dafür gibst du auch Kurse, in denen du das Reiten mit Yoga verbindest. Wie funktioniert das?

Ich verbinde dabei eben genau diesen Ansatz, dass das Pferd sich wohl fühlt und dem Halter vertraut, aber auch der Halter sich wohl fühlen muss. Der Mensch muss auf einer körperlichen und mentalen Ebene ganz bei sich sein, diese innere Haltung nimmt das Pferd auch wahr. Ist der Halter unausgeglichen, gibt er dem Pferd falsche Signale und so kommt das, was wir als Fehlverhalten des Pferdes wahrnehmen, zustande. Yoga hilft ungemein dabei, sich selbst zu spüren und in sich hineinzuhören. Diese Kraft und das Potenzial entdeckte ich, als ich nach einer schweren Erkrankung selbst mit Yoga angefangen hatte. 

In den Yoga und Reiten-Kursen, aber auch in den Horsemanship-Kursen bekommen die Teilnehmer ein besseres Verständnis dafür, was es bedeutet, das Pferd und Mensch ein Team sind. Die Teilnehmer*innen stellen sich zunehmend die Frage, welche Persönlichkeit unter dem Fell steckt und wie eine Partnerschaft auf Augenhöhe aussehen könnte. 

Das klingt nach Kommunikationsarbeit…

Ja, auf jeden Fall. Für eine gute Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd ist es sehr wichtig, ausreichend Wissen über das Pferd und seine Natur zu haben. Aber es ist wie in jeder anderen Beziehung auch wichtig, ausreichend Wissen über sich selbst zu haben. Nur dann hat man die Stärke, dem Tier seinen Freiraum zu geben und es mit allen seinen Charaktereigenschaften wertzuschätzen und wahrzunehmen.

Und ob ein Mensch achtsam ist und in seiner Mitte steht, das merkt ein Pferd in der ersten Sekunde. Es merkt, ob wir ein offenes Herz haben und das braucht es wiederum auch, um die Zeichen des Pferdes zu erkennen. Dabei ist es manchmal besser weniger zu tun, als zu viel. Das ist dann der Moment, in dem es sich entscheidet. Im englischen drückt es sich besser aus: Es ist eine Partnerschaft mit ‚unconditional love without Expectation‘. Diese Achtsamkeit gegen sich selbst und dem Tier gegenüber brauchte es schon immer, es wird nur vielen Menschen aktuell wieder bewusster. 

Was können wir als Menschen in dem Zusammensein mit Pferden lernen?

Die Arbeit mit Pferden ist auch immer ein Stück Persönlichkeitsentwicklung. Es wird klar, wie wenig es braucht, um echt zu sein und angenommen zu werden in dieser Welt. Es ist erlaubt, Fehler zu machen und man muss nicht perfekt sein, damit das Pferd einen mag. Wir können durch Horsemanship lernen, dass es gut sein kann, sich zurückzunehmen, um zu atmen, zu spüren und etwas frei aus sich heraus zu tun. Und diese Einsicht lässt sich auf die Führung in Unternehmen übertragen: Es hat nichts mit Dominanz zu tun, sondern mit dem Geben von Sicherheit. Mensch wie Tier brauchen das Gefühl: Hier bin ich sicher, hier kann ich sein. Dann haben sie den Raum, sich zu entfalten. Wenn man dieses Gefühl dem Pferd geben kann, dann wird es ein guter Partner sein und diese Philosophie lässt sich auf  alle Beziehungen übertragen.  


Sabina Sigl ist Pferdetrainerin und Yogalehrerin. Sie seit über 20 Jahren Yoga und reitet seit sie fünf Jahre alt ist – in ihrem Kurs „Yoga und Reiten“ verbindet die Österreicherin beide Passionen.

www.horsefeel.at

christiane

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