Das Ende einer Zeit – die Zeit nach dem Ende

Anfang des Jahres habe ich „Wir sind das Klima“ von Jonathan Safran Foer gelesen, um es an dieser Stelle zu besprechen. Ich brauchte erst einmal ein paar Wochen, um es zu verarbeiten – und jetzt stecken wir in der Corona-Krise.

Ich kann sagen, dass ich die Corona-Krise in ihrer Wucht ganz gut wegstecke, weil ich 1) zu den weniger direkt Betroffenen gehöre und 2) dieses Buch gelesen habe.

Wir stecken mit einer Krise. Nein. In DER Krise. Nicht (nur) Corona ist die Bedrohung, sondern wir Menschen mit unserem Handeln und unserer Art zu leben. Foer hat das Buch lange vor der Corona-Krise geschrieben und doch scheint mir unsere aktuelle Situation wie eine schlüssige Fortsetzung dessen, was er in seinem Buch beschreibt. Es kitzelt mich in den Fingerspitzen, das Buch als e-book nachzukaufen, um mit der Suchfunktion das Wort „Pandemie“ zu finden. Es ist sicher da, auch wenn es in dem Sachbuch vordergründig um das Klima geht. Aber wie der Titel es sagt: Das Klima sind wir. Und wir, das ist auch das Corona-Virus.

Worum geht’s?

Jonathan Safran Foer beginnt sein Buch mit einer Anekdote. Im zweiten Weltkrieg verdunkelten Haushalte in der ganzen USA ihre Wohnräume. Die Menschen schalteten abends das Licht aus – obwohl der direkte Nutzen nahezu nicht vorhanden war. Nur an der Ostküsten war es effektiv, weil die deutschen U-Boote die auslaufenden Schiffe aus den Häfen so nicht sehen konnten. Aber auch andere schalteten das Licht aus.

„Als die Amerikaner während des Zweiten Weltkrieges das Licht ausschalteten, schützten sie nicht ihre Häuser – die Verdunkelung hatte wenig praktischen Nutzen – , sondern sie schützten ihr Zuhause. Sie demonstrierten Solidarität und schützten dadurch ihre Familien und Kulturen, ihre Sicherheit und Freiheit“. (Jonathan Safran Foer)

Nicht einmal 100 Jahre später erzählt uns eine junge Frau namens Greta, dass unser Haus brennt. Die Bedrohung ist schwer zu greifen. Zwar ändert sich das Klima rapide und wer wachen Auges durch die Welt geht, der sieht die ersten (zweiten, dritten?) Folgen. Aber zumeist bemerken wir eher den Tsunami, der ganz weit weg von uns tobt. Oder die Dürre und Hitze in Australien, am Ende der Welt. Es ist schwer zu fassen, dass die Katastrophe bis zu uns reicht. Ähnlich müssen sich die Amerikaner gefühlt haben: Warum sollen wir das Licht ausmachen, wenn der Zweite Weltkrieg weit von uns entfernt ist? Aber sie haben verstanden: Es kommt auf jeden Einzelnen an. Und dieses Bild überträgt Safran Foer auf die Klimakrise.

Nun ist Safran Schriftsteller, kein Ratgeber-Autor, der nun eine Top10 der besten Hausmittel gegen den Klimawandel vorlegt. Vielmehr spricht er in diesem Buch aus seiner eigenen, persönlichen Perspektive und denkt laut nach, wie es jetzt ist, wie es bald sein wird und was wir tun müssen. Dazu liefert er Zahlen. Wie wir aktuell sehen, sind Zahlen sehr geduldig und sie können uns nicht stichfest sagen, wie die Welt morgen aussieht. Aber was Foer in seinen Ausführungen zeigt: Selbst im allerallerbesten Fall, selbst wenn wir die Kurve jetzt noch bekommen, wird sich unsere Welt – unser alltägliches Leben – ändern.

„Wir können die Korallenriffe nicht retten. Wir können den Amazonas nicht retten. Höchstwahrscheinlich können wir auch die Küstenstädte nicht retten. Das Ausmaß des unvermeidlichen Verlusts ist fast so groß, dass alle weiteren Bemühungen aussichtlos erscheinen.“ (Jonathan Safran Foer)

Es werden auch bei der günstigsten Prognose Menschen sterben. An Hunger. An Naturkatastrophen. An Kriegen aufgrund der Güterknappheit. An Hitze. An Krankheiten.

Safran Foer ist in diesem Buch nur Mensch. Dieses Buch hat keine Pointe, denn kein Mensch auf dieser Erde hat dieses Spiel schon einmal durchgespielt und kann sagen, was es zu tun gibt. Er kann nur eigene, persönliche Schlüsse ziehen. Und sein Entschluss lautet: (Mindestens) Bis zum Abendbrot müssen wir vegan essen.

Wie kommt’s?

Safran Foer fragt sich immer wieder selbst, was wir denn als Einzelne tun können. So global, so groß ist die Herausforderung. Als Leser hofft man darauf, dass irgendwann der erlösende Satz kommt: „Wenn wir x tun, dann können wir unser Leben so weiterleben, wie es bisher ist“ Aber der Satz kommt nicht. Wir können nur Schadensbegrenzung leisten. Und das, so Safran Foers Folgerung mit Blick auf die Zahlen sagt, dass jeder einzelne etwas tun kann, indem er weniger tierische Lebensmittel zu sich nimmt.

Sein Entschluss kommt nicht von ungefähr. Er wirft einen Blick auf die Zahlen und die besagen: Auf unseren Feldern wachsen keine Lebens-Mittel. Es wächst Futter für Tiere, die wir später essen oder deren Produkte wir essen. Freilich wächst dieses Futter für Tiere, die insbesondere in der westlichen Welt gegessen werden in Ländern, wo Menschen hungern. „Um eine einzige Fleischkalorie zu produzieren, werden bis zu sechsundzwanzig Futterkalorien benötigt“, sagt er. Nicht nur nimmt das Futter der Tiere enormen Platz ein – die Nutztiere stoßen Gase aus, die klimaschädliche Emissionen erzeugen. Also: Weniger Tier macht weniger Treibhausgase, macht mehr Fläche für den Anbau von Lebensmitteln und weniger schädigende Emissionen.

Das erinnert an die jetzige Situation: Was können wir jetzt in der Corona-Krise tun, um die Zahl der Infizierten möglichst gering zu halten, #flattenthecurve und so weiter? Jeder Einzelne kann etwas tun, indem er vor allem zu Hause bleibt.

Wir haben heute einen sonnigen Sonntag, trotz Kontaktverbot zieht es jetzt viele Menschen in die Parkanlagen. Menschen bereichern sich an der Panik und verkaufen Schutzmasken und Klopapier zu horrenden Preisen. Andere prügeln sich im Supermarkt. Wir bekommen nicht mal das hin. Wie schwer wird es, eine Klimakatastrophe zu managen, die mit dem Verstand gar nicht zu fassen ist? Und die noch weiter weg von unserem eigenen kleinen Leben ist als ein Virus? Das geht auch Safran Foer so: „Leute wie ich, denen etwas daran liegen sollte, die motiviert sein und ihr Verhalten radikal ändern sollten, finden es fast unmöglich, für einen großen zukünftigen Gewinn kleine Opfer zu bringen“.

Foer ist eigentlich Vegetarier. Aber während langer Lesereisen wird er manchmal schwach und geht in den nächstbesten Burgerladen. Es ist für ihn nicht leicht.

„Wir müssen uns zwingen, vor den Spiegel zu treten, und wir müssen uns zwingen hineinzusehen. Wir müssen unentwegt mit uns selbst im Gespräch bleiben, damit wir tun, was getan werden muss“. (Jonathan Safran Foer)

Es ist dieser Tage nicht einfach, dieses Buch zu besprechen. Wie ein Stein liegt das Bewusstsein im Magen, dass wir JETZT an diesem einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit stehen. Ich möchte glauben, dass der Corona-Virus die Wende beschleunigt – und nicht davon ablenkt. Ich gehe jetzt in den Garten und pflanze hoffnungsvoll Gemüse.

 

Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima! – Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019.
336 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-462-05321-0

 


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