couple of new work

Wir haben mit Iris Gavric und Matthias Renger geplaudert und herausgekommen sind spannende Einblicke in eine sich veränderte Medien- und Kulturbranche. Iris ist schon fast immer PR-Beraterin, Matthias war in seinem ersten Leben Schauspieler. Zusammen haben sie mit Arouse ihre eigene Kreativagentur in Berlin, sind echte TikTok-Stars und haben im Sommer ihren Podcast „Couple of“ gestartet. Wir sprachen mit ihnen über den Sinn von Communities, New Work in der Kreativbranche – und am Kiosk. 

Liebe Iris, lieber Matthias, in eurem Podcast geht es vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen, mal auf einer privaten Ebene, mal im beruflichen Kontext. Und immer wieder geht es um Begegnungen auf Augenhöhe, Shitmoves und Kommunikation. So würde ich das zusammenfassen. Oder wie würdet ihr euren Podcast unseren Leser*innen vorstellen?

Das ist so schon genau richtig zusammengefasst! Wobei das letzte Wort, Kommunikation, der gemeinsame Nenner für alles ist: ob in der Beziehung, im Beruf oder im allgemeinen Weltgeschehen. Es geht ja überall im Kern darum, wie wir miteinander – oder eben gegeneinander – kommunizieren. 

Der Titel “Couple Of” wird immer vom jeweiligen Folgennamen vervollständigt, also um das jeweilige Thema, über das wir sprechen; z. B. eben “Couple of Shitmoves”. Einerseits weil wir als Couple sprechen, andererseits meinen wir damit aber auch, dass wir mit Humor und Leichtigkeit auf „ein paar“ verschiedene Perspektiven und Beispiele eingehen, uns dabei gegenseitig zum Lachen bringen und auch sehr gerne Fragen oder Beiträge von ein paar anderen Menschen einbauen. 

Denn eigentlich kann ja niemand komplexen Fragen wirklich ganz gerecht werden, aber mit Raum für Witz und für ein paar unterschiedliche Denkansätze kommen wir der Sache sicher näher.

Ich finde es spannend, dass ihr mit dem Podcast und mit TikTok Creator seid und zugleich mit der Agentur Kreativ-Dienstleistungen anbietet. Würdet ihr sagen, dass solche eigenen Produktionen eine sehr authentische Möglichkeit sind, sein können, zu zeigen, nach dem Motto „Das könnt ihr, Auftraggeber, auch haben“?  

Das bringt es auch schon sehr gut auf den Punkt, ja. Schon als wir unsere Agentur Arouse gegründet haben, stand für uns fest, dass der langfristige Plan das Umsetzen unserer eigenen Ideen sein wird. Und zwar erstmal unabhängig davon, ob daraus potenzielle Aufträge entstehen. Wirklich nur, weil wir kreativ sehr stark getrieben sind.

Aber dann haben wir, vor allem mit Blick auf die Entwicklungen in der Kreativ-Branche seit 2019, diesen Plan noch entschiedener und, ja, auch mit dem Gedanken der authentischen Beispiele für unsere Arbeit in die Tat umgesetzt.

Ist diese Vermischung von Kunst und Job für euch auch eine Form zu leben?

Ja, das nimmt quasi unsere gesamte Zeit in Anspruch, wir leben davon und dann erfüllt es uns auch noch. 

Und da wir durch die Formulierung dieser Frage merken, dass wir selbst in unserer Freizeit auch ständig diese Brille der witzigen oder kreativen Erzählbarkeit der Welt auf der Nase haben, müssen wir sie ganz klar mit Ja beantworten.

Euch ist der Community-Gedanke sehr wichtig. Uns auch, weil wir als Les Enfants Terribles-Community dafür stehen, gemeinsam für ein gutes Arbeiten und nachhaltiges Wirtschaften einzutreten. Was ist euch an der Community-Idee so wichtig?

Zunächst das egoistische Motiv, dass wir uns aus der Begrenzung unserer eigenen Sicht so viel schlechter zu unserer komplexen Welt verhalten können, als wenn wir mindestens so viel anderen zuhören wie wir selbst sprechen.

Dann kommt aber ein Motiv hinzu, das für uns alle von Vorteil ist. Wir beobachten eine große Veränderung: Als wir Teenies waren, tendierte unsere Gesellschaft überwiegend zu Hedonismus und die Strahlkraft von Pop-Ikonen ging meist mit Coolness und Unantastbarkeit einher. Kommunikation war fast immer eine Einbahnstraße, Promis sprachen und sangen, die Masse der Fans hörte zu und tanzte.

„In unserer heutigen Medienwelt hält aber jedes Individuum ein eigenes Mikro in der Hand. Die viel zitierten Bubbles oder Echo-Kammern können total unvorhersehbare Dynamiken mit ganz realen Konsequenzen für uns alle entwickeln.“

Und unter Community verstehen wir heute nicht mehr eine Gruppe von Fans, die uns beliebig für alles feiern würden, sondern eben diese ganz unterschiedlichen Individuen, denen wir auf Augenhöhe begegnen. Natürlich nehmen wir nicht einfach naiv an, dass wir mit der ganzen Menschheit kompatibel wären – uns selbst passen ja auch nicht bedingungslos alle ins Weltbild. Aber wir legen schon immensen Wert auf eine Durchlässigkeit der Bubbles. Weil das Gegenteil uns allen insgesamt fast immer schadet und fast nie nützt.

Iris, du bist, down to earth, das Kind einer Kioskbesitzerin und deshalb die Frage an dich: Was ist für dich ein gutes Arbeiten abseits von fancy Bullshit-Bingo-Definitionen?

Ich war immer beeindruckt davon, wenn der Kiosk meiner Mama zu einer Begegnungsstätte wurde: Jugendliche offenbarten ihre Probleme, Rentner sprachen über ihre Einsamkeit, Menschen aus unterschiedlichsten Milieus mit radikalen Meinungen trafen aufeinander und irgendwann gab es doch eine Art Konsens. Ihr dürft euch das nicht wie bei Anne Will vorstellen – es war komplett niveaulos. Aber es lehrte mich schon früh, dass wir mit radikaler Empathie einen Zugang zu fast jedem Menschen finden können.

Als ich dann in der Werbebranche in Berlin durchstartete, dachte ich: da sitzen jetzt die Profis, die werden mir zeigen, wie Menschen durch gute Kommunikation zueinander finden. Aber das war nicht der Fall. Ich habe festgestellt, dass viele genau diesen Punkt nicht verstanden hatten. Zielgruppen wurden ausgewertet und es gab fast schon eine abwertende Haltung, “die Dummen” (also die Masse) aus der Gesellschaft erreichen zu müssen. Und schnell wurde mir klar: gute Arbeit hat für mich nichts mit einem Kickertisch, schönen Award-Veranstaltungen oder pompösem Essen zu tun. Sondern mit tiefgreifender Arbeit mit Menschen, die radikale Empathie für sich verinnerlicht haben und mit mir an Konzepten feilen, wie wir das in die Gesellschaft hineintragen können. 

Wenn du gerade von einer abwertenden Haltung sprichst: Ihr erzählt im Podcast aus eurem Alltag in der PR-Branche. Da wird es auch gern einmal schmutzig und es wird deutlich, dass viele Klischees eben doch wahr sind. Aber eigentlich wollen wir doch alle New Work, Agilität und mehr Empathie in der Führung – sagen alle. Seht ihr in eurem Umkreis einen echten Wandel hin zur transparenten, empathischen Zusammenarbeit?

Ja, aber langsam. Wir sprechen im Podcast auch vom unendlichen Spiel, also von Zusammenarbeit, die nicht einmalig für ein Projekt, sondern wiederholt oder fortlaufend stattfindet. Und besonders in diesen Konstellationen bewährt sich immer wieder das „tit for tat“-Prinzip aus der Spieltheorie. Nicht selten leisten sich unsere Spielpartner, um in diesem Bild zu bleiben, schon mal einen schmutzigen Move, den wir – nach unseren Möglichkeiten – nicht unbeantwortet lassen. Wenn es dann aber mit mehr Aufrichtigkeit weiter im Spiel geht, erwidern wir genau das auch wieder mit gleicher Währung.

So beobachten wir langfristig durchaus wachsendes Vertrauen und vielleicht sogar gelegentlich Transparenz, wer weiß? Ob aber sogar von Empathie die Rede sein kann, ist der schwierigste Part der Frage. Denn das ist komplett vom einzelnen Gegenüber abhängig. Und wenn es Personalwechsel beim Kunden gibt, werden sowieso die Karten immer neu gemischt. Ob es dann insgesamt einen echten Wandel zu beobachten gibt, können wir nicht richtig beantworten. Jedes Ja oder Nein fühlt sich hier wie eine Glücks- oder Pechsträhne am Roulette-Tisch an. Gebt uns für diese Frage noch ein paar Jahre.

Iris, insbesondere du hast – ich würde fast sagen klassische – Erfahrungen in der PR-Welt gemacht. Was versucht ihr, in eurer Agentur anders zu machen?

Ich hab mal im Studium einen Essay über Alexander Segert geschrieben. Er ist PR-Berater für rechte Parteien und hat selbst zwei afrikanische Kinder adoptiert. Er ist für mich das Paradebeispiel eines Kreativen bzw. Strategen, der keine Haltung besitzt und sich seiner Verantwortung für die Gesellschaft nicht bewusst ist oder sie bewusst missachtet. 

„Ich denke bei vielen Entscheidungen nach, ob ich in einen “Segert Moment” habe – bin ich jetzt verantwortungslos?“

Übergehe ich meine eigentliche Haltung zu diesem Thema?
Ich würde sagen, das ist die Stärke von Arouse. Wir gehen aufrichtig mit uns und unserem Umfeld um. Unser Ziel ist höher als Umsatz – wir wollen einen ernsthaften Einfluss auf die Gesellschaft haben. 

Matthias, du bist ursprünglich Schauspieler und ich frage mich, ob du aus deinem Bühnenleben eine andere Perspektive, eine andere Sicht auf das Arbeiten, ein gutes Arbeiten hast? 

Nachdem bei Probenbeginn der Text erstmals gelesen wird, und bevor man die ersten Sachen mit Körpereinsatz ausprobiert, gibt’s meistens die sogenannte Schreibtischprobe. Und in vielen Ensembles wird in diesem Stadium gemeinsam über das Warum gesprochen. Warum genau dieses Stück überhaupt genau jetzt auf die Bühne kommen soll, was es mit uns und unserer Realität zu tun hat. Je nach Regie können sich bei diesen Gesprächen alle gleichberechtigt einbringen und ganz unmittelbar Einfluss auf das Ergebnis nehmen. Wenn das gut gelingt – und das tut es im Schauspiel natürlich leider auch nicht immer –, aber wenn es denn gelingt, kann die Arbeit in die Nähe einer Utopie kommen.

„Der Einzelne geht im Ganzen auf, ohne deshalb auf Selbstentfaltung zu verzichten. So müsste Arbeit immer sein, dann wäre sie gut!“

Ich glaube, Unmittelbarkeit ist noch ein wichtiger, aber nicht ganz so übertragbarer Faktor. Sobald es keine Bühne und somit keinen unmittelbaren Kontakt zwischen Spielenden und Publikum gibt, spricht auch niemand mehr über das Warum. Zum Beispiel bei Film und Fernsehen – nur selten geht es hier ums Publikum oder um die aufrichtige Aussage, meist steht Profit im Zentrum. Gut, staatliches Theater ist halt auch subventioniert und kann sich das Risiko leisten, bei der Suche nach Anspruch auch mal zu sperrig und elitär zu geraten.

Überall hängt gutes oder schlechtes Arbeiten neben den involvierten Persönlichkeiten immer vom Verhältnis zwischen Kapitalismus und Idealismus ab. Lassen es die Bedingungen einerseits zu, sich bei der Arbeit als echter Mensch und nicht nur als ersetzbares Rädchen im Getriebe zu empfinden, aber andererseits auch, daran fair oder sogar gut zu verdienen. Wenn dieses Verhältnis unbalanciert ist, tendiert die Arbeit in Richtung Ausbeutung oder Selbstausbeutung. Das habe ich schon im Schauspiel so erlebt und erkenne da eine Allgemeingültigkeit.

Denkst du, dass sich Industrie, Finanzen und andere große Wirtschaftssektoren etwas von dem Arbeitsethos in der Kulturbranche abschauen können – oder andersherum?

Vermutlich stimmt immer, dass alle von allen lernen können. Als Schauspieler habe ich ein Umfeld erlebt, das die Werbung als, Zitat: “den Teufel”, bezeichnet hat. Und die ersten Leute aus der Werbebranche, die ich kennenlernte, haben keinen Hehl daraus gemacht, dass für sie unkommerzielle Kunst naiv und narzisstisch ist.
Und dann habe ich fast nur Gemeinsamkeiten zwischen beiden entdeckt! Im Guten wie im Schlechten. 

Aber gut, auch Werbung ist ja ebenfalls kreative Arbeit; kein Wunder, dass es hier viele Gemeinsamkeiten gibt. Mir fehlt ehrlicherweise tieferes Wissen über Industrie, Finanzen und andere große Wirtschaftssektoren, um darüber mit Überzeugung sprechen zu können. Nur so viel: In der Kulturbranche gelingen die besten und auch oft erfolgreichsten Arbeiten immer dann, wenn die wichtigen Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die sich nicht hinter Zahlen und KPIs verstecken. In der Werbung habe ich dieselbe Erfahrung gemacht. Ich wäre nicht überrascht, wenn das auch für andere Sektoren gültig ist. 

Also ein Arbeitsethos, der besonders einen Wert ins Zentrum stellt: Mut zum verkraftbaren Risiko zugunsten eines langfristigen Nutzen für uns alle. Klingt generisch, ist aber ganz konkret gemeint. Es sollte immer ums Warum gehen. Und die Antwort sollte nie Geld lauten.

Und zum Schluss die Frage: Was kommt als nächstes?

Wir haben die Erfahrung gemacht, sobald wir über unsere zukünftigen Projekte reden, kommt immer irgendwer daher und versucht sie schlechtzureden, oder gar zu intervenieren. Daher schweigen wir dazu und sagen nur: Da kommt einiges!


Iris Gavric und Matthias Renger sind ziemlich erfolgreich auf TikTok. Ihre Community wünschte sich einen Podcast und seit Juni 2021 besprechen Iris und Matthias in ihrem „Couple of“-Podcast im weiten das Themenspektrum Kommunikation, Kreativität, Beziehung und Gesellschaft. Zudem haben die beiden mit Arouse ihre eigene Kreativ-Agentur in Berlin.