Aus der Krise wachsen

Jörn Hendrik Ast, der Teil unserer Les Enfants Terribles-Community ist, erzählt in seinem aktuellen Blog-Eintrag, welche Phasen der Corona-Krise er durchlaufen ist …

Ich habe lange gebraucht um einen Coaching-Impuls zu spüren in diesen schwierigen Zeiten der Pandemie. Der Zeitpunkt war noch nicht der richtige irgendwie. Wie ich auch schon letzte Woche in der Podcastfolge #34 beschrieben habe, ich habe aktuell selber an vielem zu knabbern. Doch langsam komme ich raus aus der Schockstarre, schaffe mir neue Routinen im Home Office, gestalte meine Zoom-Konferenzen effizienter und vernetze mich mit Likeminds fast so wie vorher auch in regelmäßigen Abständen.

Es gibt ein Schaubild, was gerade im Netz geteilt wird, leider habe ich auch nach ausführlicher Suche keine Quelle finden können. Es ist die Darstellung von drei Phasen und der Frage: „Was für eine Art Mensch möchtest du sein, in Zeiten von Covid-19?“ Eine ziemliche pathetische Frage, aber es ist einiges dran. Wenn ich mich an die Erzählung der Krisenzeiten erinnere, die mir mein Großvater mitgegeben hat, geht es uns vergleichsweise ok. Auch wenn sich Krieg nicht mit der Corona-Krise vergleichen lässt, so ist doch die Frage; wie gelingt es uns mit den Einschränkungen und der Angst umzugehen, die mit der Ausbreitung eines unsichtbaren Feindes, der töten kann, verbunden ist?
Von der Panikzone ins Wachstum.
Das folgende Schaubild zeigt sehr gut, wie stark uns die eigenen Sorgen, Ängste und das ständige Kreisen der Gedanken darum beeinflussen können. Nach nun drei Wochen Social Distancing und #wirbleibenzuhause, ist es Zeit, unser Denken und Verhalten zu hinterfragen. Hier das Schaubild.

@ New Work Heroes

Die Panikzone

Zuerst finden wir uns in einer Krise in einem Zustand der aufsteigenden Angst, die sich bis zur Panik steigern kann. Bei mir war das der Schock über den abrupten Verlust meines größten Projektes und dem damit verbundenen finanziellen Schaden, der gerade bei der Ungewissheit über den Stand der aktuellen Wirtschaft, sehr unangenehm war. Bei Menschen führen diese Art von existenziellen Verlustängsten und ganz einfach die Angst zu sterben zu Hamsterkäufen, Überforderung, dem Drang alle Nachrichten zu konsumieren und vielen inneren Dialogen: „Wie soll ich das nur aushalten?“. Nach anfänglicher Panik können Menschen in dieser Zone dazu neigen, die Schuld bei anderen zu suchen und sich als Opfer wahrzunehmen: „Ich bin das Opfer, wer ist schuld daran!?“. Diese Phase gilt es schnellstmöglich hinter sich zu lassen.

Die Lernzone

Nachdem ich wirklich alle News, Talkshows und wissenschaftliche Artikel zu Pandemien und der Basisreproduktionszahl R0 gelesen hatte, konsumierte ich nur noch gezielt Nachrichten oder gar keine mehr. Die eine oder andere Ansprache und für mich als selbstständiger Unternehmer wichtig: alle Infos zur Corona-Soforthilfe. Ich fing wieder an meine Zeit sinnvoll zu nutzen, zu planen und führte meine Routinen ein wie Yoga am Morgen und gutes selbstgekochtes Essen. Menschen in der Lernzone schaffen es den Drang, nach Kontrolle aufzugeben und ein Stück weiter loszulassen. „In dieser schweren Zeit tut jeder sein Bestes.“ Dies ist ein Gedanke, der wieder Verbindung schafft untereinander. Es werden wieder neue Möglichkeiten gesehen.

Die Wachstumszone

In der letzten Zone geht es darum den neu gefundenen Mut zu nutzen und damit zu wachsen. Bei mir startete die Wachstumsphase in der letzten Woche, als die Corona-Soforthilfe auf meinem Konto einging. Ich habe eine wirkliche Erleichterung gespürt und neue Kraft und Energie gefunden weiter zu machen. Mit der spontanen Idee, Masken zu nähen für den Freundeskreis und die Familie und damit das Projekt für Berliner Obdachlose von bUm zu unterstützen, bin ich dann endgültig aus dem negativen Strudel der Panik entkommen. Menschen in der Wachstumszone übernehmen Kontrolle über ihre Gedanken und erkennen ihren eigenen Handlungsspielraum. Es geht darum kleine Schritte nach vorne zu machen und im Hier und Jetzt zu leben.

Und? Bin ich jetzt geheilt? Nie wieder Angst? Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, es wird Rückfälle geben in die unteren Zonen. Doch diese lehrreiche Erfahrung hat mich mal wieder etwas weiter gebracht, mich gestärkt und auch mit Menschen verbunden, die sich auch rausgekämpft haben. Das macht Mut, auch für bevorstehende Kämpfe. Viel Erfolg dir dabei!

INTERVIEW ZUM THEMA

Lieber Jörn Hendrik, die Corona-Krise ist für Selbstständige vor allem eine finanzielle Krise. Die Ansage der Politik war umgehend: Wir helfen euch. Fühlst du dich aktuell ausreichend unterstützt und vor allem von wem?

Ja, durchaus. Es ist aktuell wirklich so, als hätte uns Selbstständigen jemand zugehört auf den vielen Panels und Talks bei Konferenzen zu New Work und digitalen Themen in den letzten Jahren. Das fühlt sich fast ein wenig unwirklich an. Die Corona-Hilfe war nach zwei Werktagen auf meinem Konto. Das Finanzamt hat alle Vorauszahlungen genullt, sogar rückwirkend für Q1. Und nun stehen noch weitere Maßnahmen für Kredite für Startups und junge Unternehmen an, wie ich von Unternehmerkollegen hörte. Diese schnelle Reaktion hier in Berlin zeigt, das Land und der Bund wollen helfen und setzen sich für die Interessen von Unternehmer*innen ein. Das motiviert wirklich ungemein.

War die Antragstellung so kompliziert, wie man es von Behördenvorgängen kennt?

Jein. Natürlich habe ich bundesweit befreundete Unternehmer*innen und es gab den üblichen föderalen Wahnsinn. Einige Bekannte in Mecklenburg-Vorpommern haben zum Beispiels bis heute (Stand: 8.4.2020)noch keine Zuschüsse erhalten und die Unterschiede in der Höhe der Auszahlungen sind schon deutlich. Ich hatte das Glück an dem Freitag vor zwei Wochen wirklich um kurz nach eins auf die Warteliste der IBB zu kommen und verfolgte dann mit der Nummer 14.334 das kleine grüne Männchen mit knapp 7.500 Leuten vor mir. Aber nach ca. 24h war es dann soweit und ich habe den Antrag am Samstag abgeschickt. Wenn man bedenkt, wie viele Anträge eingegangen sind und wie schnell diese gezahlt wurden, ist das ein echter Kraftakt der IBB gewesen und das wirklich in Lichtgeschwindigkeit.

Natürlich sind immer noch nicht wirklich alle Fragen zu Liquiditätsengpass, Unternehmerlohn und dem Schreckgespenst Subventionsbetrug aus der Welt. Aber wie denn auch? So einen Rettungsschirm gab es bisher noch nicht und im laufenden Geschäftsjahr, kann ich aktuell nicht absehen, wie sich die Umsätze entwickeln.

Ich kann nur von dem ausgehen, was aktueller Stand ist: nämlich Null. Da vertraue ich auf den Prozess, der kommt, auch wenn es zu Friktionen kommen könnte, die Sicherung der Liquidität war jetzt wichtiger als meine Zweifel. Und das freut auch meine Kunden und mein Freelancernetzwerk, was mitten im Sprint für neue Produkte für die New Work Heroes ist. Natürlich entwickeln wir gerade ein Online-Subscription-Programm, passt also perfekt in die Zeit.

Was denkst du, wie lange der Zuschuss reichen wird? Siehst du ihn als Geste des Wohlwollens oder als ein echtes Polster zum Durchhalten?

Die nächsten zwei Monate sind safe. Das reicht mir, um daraus Kraft zu schöpfen und neue Einnahmequellen zu generieren. Dafür bin ich selbstständig und Unternehmer. Ich habe auf dem Sprung in den Abgrund gerade wieder etwas Aufwind bekommen, um mein Flugzeug zu bauen. Die Flügel sind fast fertig, ohne den Zuschuss, hätte ich abspringen müssen.

Kannst du noch ein, zwei Recherche-Linktipps geben, für alle, die noch keinen Zuschuss beantragt haben und gut aufgearbeitete Infos benötigen?

Natürlich gern. In meinen Podcast Shownotes finden sich alle Infos, die mir geholfen haben, die ich auch im Podcast ausführlich bespreche. An dieser Stelle geht jedoch ein großes Dankeschön und ein fettes Lob raus an Catharina, Christoph, Melchior und Tobias von Kontist und der Kontist-Stiftung, die in mittlerweile mehreren Live-Stream Foren wirklich alle Fragen zu diesem Thema tiefgehend mit Experten durchgesprochen haben und weiter durchsprechen.

Dieser Beitrag erschien zuerst hier im New Work Heroes Blog. Vielen Dank fürs Teilen!
Einen weiteren Artikel von Jörn Hendrik gibt es hier und eine Podcast-Folge mit Marion über New Work Heroes und Enfants Terribles gibt es hier.


 

Credits: Gregory B. Waldis

Jörn Hendrik Ast ist Gründer der New Work Heroes GmbH und Autor mehrerer Bücher, wie dem Arbeitsbuch für Karrierehelden. Als Organisationsentwickler ist er erfahren in Methoden wie Scrum, Design Thinking und Lean Startup. Mit der Karriereheldentypologie entwickelte er ein eigenes stärkenbasiertes Modell für Teambuildings und Führungskräfteprogramme in Transitionsprojekten.