Work Awesome!

Quelle: Photo by Edwin Andrade on Unsplash

Von künstlicher Intelligenz bis zu data-driven Human Resources, von radikal neuen Arbeitsformen bis zum Office der Zukunft. Ein Teilnehmerbericht.

Zum zweiten Mal hatten Lars Gaede und sein Partner Felix Zeltner nach Berlin zur Work Awesome geladen. Mehr als 30 Podiumsteilnehmer und über 400 Besucher diskutierten in der Villa Elisabeth über die Zukunft der Arbeit. Wie im Vorjahr war die Konferenz ausverkauft. Das Line-up ließ interessante Podiumsdiskussionen erwarten: Otto Group und Gruner & Jahr, die sich mitten in einem Kulturwandel befinden, gewährten uns dazu Einblicke durch ihre CEOs. Unternehmen wie MaibornWolff, kleiner und jünger, haben den Wandel zu neuen Arbeitsformen schon nahezu durchlaufen. Deren Vertreter konnten dies mit ihrer praktischen Erfahrung erlebbar schildern. Dieser Wandel und was er für eine Organisation – aber auch für jeden individuell – bedeutet, war für mich der rote Faden durch den Tag.

Was ist eine wünschenswerte Zukunft der Arbeit in Deutschland?

Die Gesellschaft hat begriffen, dass die zukünftige Arbeitswelt eine andere sein wird. Aber wie kommt Europa, wie kommt Deutschland dahin und wie sieht dieses „dahin“ eigentlich aus? Diese noch unbeantworteten Fragen verunsichern die Gesellschaft so Christoph Bornschein, CEO von TLLG, einer Agentur für Digital Business. Er sieht die gesellschaftlichen Eliten in Wirtschaft und Politik in der Verantwortung darauf zu antworten und zu erklären.

Der Weg in Unternehmen zu diesem „dahin“ geht nur mit jedem einzelnen Mitarbeiter so Julia Jäkel, CEO von Gruner & Jahr. Der Kulturwandel fordert ein Loslassen und Sich-ändern von jedem einzelnen Mitarbeiter. Unabhängig von Alter, Ausbildung oder Hierarchiestufe wird dies bei Gruner & Jahr auch begriffen oder eben nicht. Letzteres verlangt nach Trennung vom Unternehmen, wenn nicht freiwillig, dann unfreiwillig.

„Pfropfen sind doof.“ Erik Podzuweit, CEO und Gründer von Scalable Capital, schilderte anschaulich die Problematik tradierter Managementhierarchien: Wie Pfropfen verstopft die jeweils darüber liegende Managementebene ein Weiterkommen des Nachwuchses – über Jahre hinweg. Denn: Einmal angekommen, gibt man den Platz nicht so schnell wieder her. Nein, wünschenswert ist diese Zukunft der Arbeit nicht.

Um mich herum wurde übrigens mit Feuereifer getwittert. Bereits nach dem ersten Panel war der Hashtag #WorkAwesome deutschlandweit der meistgenutzte. Mit fast einer Million erzielten Impressions blieb das über den Konferenztag hinweg auch so.

Ein Ausflug in die zukünftige Architektur der Arbeit

Raphael Gielgen, Head of Research & Trendscouting bei Vitra, hat uns mit seinem Work Panorama 2019 beeindruckt. Anschaulich(!) hat er uns vor Augen geführt, dass man beim Thema Arbeit weder den Ort, noch die Einrichtung, noch die Werkzeuge außer Acht lassen darf. „Das Büro als Gewächshaus, in dem der Mensch gedeihen kann“. Bestenfalls gestalten sich die einzelnen Teams ihre Büros selbst und die Unternehmenskultur bestimmt die Architektur.

Acht Themenfelder die Arbeit in unserer heutigen Wissensgesellschaft beeinflussen, spannt Raphael zu einem Panorama auf. Ich habe es mir mittlerweile auf fünf Din A3-Seiten ausgedruckt, um seine Ideen, Angebote und Lösungsansätze für dynamisches, vernetztes Arbeiten studieren zu können.

Den Link zum PDF-Download findet Ihr hier.

Der Slot von 15 Minuten für Raphael (hier wird gnadenlos geduzt) und sein Work Panorama waren eindeutig zu kurz!

Wie findet und implementiert man das richtige organisationale Betriebssystem?

„Implementieren ist Quatsch!“, so Alexander Birken, CEO der Otto Group, im darauffolgenden Panel.

Judith Muster, Partnerin bei Metaplan und Organisationssoziologin an der Uni Potsdam, betonte, dass Veränderungen mit der Frage nach dem Warum beginnen müssen. Warum macht man das Ganze eigentlich, was ist das Ziel? Ebenso ist die Analyse der informellen Organisation von enormer Wichtigkeit, um Organisationen zu verstehen und andere Betriebssysteme überhaupt einführen zu können. Ansonsten würden Organisationsformen, wie MaibornWolff sie unternimmt, nicht gelingen.

Holger Wolff, geschäftsführender Gesellschafter, sitzt unter dem Org.chart des Unternehmens, das an der Wand groß leuchtet. Es sind lauter, teils bunte, Kreise zu sehen, die Bereiche des Unternehmens präsentieren und wahllos platziert zu sein scheinen. Ein wenig wie ein getupftes Kinderbild. Es gibt kein oben, kein unten und auch keine 1:1-Beziehung zwischen den Kreisen. Es ist der Versuch, sich dem tatsächlichen Informationsfluss in Unternehmen anzunähern.

Es gibt weiterhin Führungskräfte, in jedem Kreis befindet sich eine, aber deren Rollenverständnis hat sich verändert: weg von „Command & Control“, hin zur Unterstützung der Teams und zum Ermöglichen. Was braucht Ihr, was kann ich für Euch tun, damit Ihr gut und problemlos arbeiten könnt?

Von guter Führung in Zeiten des radikalen Wandels

Dies war in meinen Augen das stärkste Panel des Tages.

Heike Bruch, Professorin für Leadership an der Uni St. Gallen, hatte zunächst mit den Ergebnissen einer Studie „Neue Arbeitswelt: Wo stehen wir?“ Stoff für die sich anschließende Diskussion geliefert. In Unternehmen löst die Transformation zu New Work in erhöhtem Maß Selbstzweifel bei den Führungskräften aus. Dieser ist um 72% höher als vor dem Wandel und stellt ein großes Problem dar. Warum? Führungskräfte managen dann mehr und führen weniger. Dieses Führen (genauer 360° Leadership) ist aber einer der Erfolgsfaktoren für den Wandel, neben einer aktiven Kulturentwicklung und den Fokus auf die richtigen Menschen – wer immer sie sind. (Den Link zu den Studien von St. Gallen gibt es übrigens hier.)

Alexander Birken hat mir mit seinen klaren Aussagen gefallen. Transformation hin zur neuen Arbeitswelt ist kein Gefallen, den die Otto Group den Mitarbeitern tut, sondern eine Notwendigkeit, um im Markt zu bestehen. Diese Transformation könne man nicht implementieren, sondern die Organisation muss befähigt werden, diese Reise zu begehen. Jede Organisationseinheit muss befähigt sein, das für sich Relevante selbst herauszufinden. Ende? Offen! Das geht nur mit Mut, Achtsamkeit und Respekt.

„Dieser Prozess ist wie eine Paartherapie. Man muss sich permanent mit sich selbst und seinen Problemen beschäftigen, erst dann können sich Lösungen entwickeln. Und das ist nun mal schmerzhaft.“ so Alexander weiter.

Ist Deutschland bereit für „New Work“?

Anhand von zehn Thesen holte Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, in seiner Blitz-Keynote vermeintlich beiläufige folgende Themen auf das Parkett:

  • Der Mensch funktioniert linear und hat Probleme mit der exponentiellen Digitalisierung.
  • Der rechtliche Rahmen ist sehr wichtig, leider hinkt die Politik hinterher.
  • Das Dilemma der unterschiedlichen Erwerbsbiografien von Mann und Frau muss gelöst werden.
  • Neue Arbeit braucht neue Bildung.

Spot on Dieter! Aber bitte ganz unbedingt schon mit der Schulbildung anfangen.

Die Zukunft des Lernens in Organisationen

Dieter Kempf hatte mit seiner Aussage zu Bildung eine Brücke zu diesem Panel gebaut. Das Thema ist natürlich zu umfassend, um es in einer halben Stunde diskutieren zu können. Und so gab uns das Podium ein paar Einblicke, wie Lernen in Unternehmen anders funktionieren kann. Bei Google etwa kommt das neu vermittelte Können zu 80% direkt vom Kollegen. Jeder „Googler“ verpflichtet sich, sein Wissen weiterzugeben. Die Mitarbeiter geben sich Quartalsziele dazu und legen die Lerninhalte selbst fest.

Eine Methodenbeispiel zeigte uns Sabine Kluge, geschäftsführende Gesellschafterin von Kluge Consulting. In atemraubenden drei Minuten hat sie „Working Out Loud“ vorgestellt, eine Arbeitsweise, die es ermöglicht, geführt voneinander lernen zu können.

Die Firma Masterplan geht den medialen Weg und produziert Lernvideos, die Unternehmen gezielt in ihren Organisationen zu vereinbarten Themen einsetzen können. Die Zufriedenheit der Kunden scheint groß, Masterplan kann den Kundenandrang derzeit kaum bewältigen. Und so nebenbei: Die Skalierbarkeit dieser Lernform ist unternehmerisch sicher interessant.

Wie man eine Firma vom Segelboot aus führt

Dieser Ausflug zu Vast Forward klang zunächst interessant. Wie wird eine Agentur geführt, während die Geschäftsleitung und -führung auf einem Segelboot die Meere bereist? Persönlich konnte ich dem Programmpunkt nicht viel abgewinnen. Warum sollte das nicht funktionieren?! Gute Selbstorganisation und dazu passende Mitarbeiter sind dabei das Grundgerüst.

Eine Frage aus dem Publikum ließ aufhorchen: Ob denn unter den Angestellten nicht Neid aufkäme, bei all den Delfinen und blauen Stränden? Eine Mitarbeiterin der Agentur stand spontan auf und beantwortete diese Frage mit einem vehementen Nein: Im Gegenteil, erst durch die Flexibilität und die Freiheit, die Vast Forward ihr bietet, kann sie als alleinerziehende Mutter einen solchen Job ausüben! Flexibilität auf allen Seiten, die auf Vertrauen und Erreichbarkeit fußt, macht dieses Arbeitsmodell möglich.

Was blieb unterm Strich hängen? „Der Wandel als Reise mit unbekanntem Ziel.“

An den Beispielen von Gruner & Jahr, der Otto Group aber auch der Hamburger Hafen und Logistik AG konnte man fast schon fühlen, unter was für einem Druck Unternehmen heute stehen; die hohe und rasant zunehmende Komplexität der Unternehmensumwelten macht es möglich. Neues Arbeiten, was auch immer individuell darunter verstanden wird, ist nicht Selbstzweck, sondern Notwendigkeit. Sie greift in alle Bereiche: Ablauf- und Aufbauorganisation, Methoden, Werkzeuge, Strategien, Architektur etc. und natürlich in die Unternehmenskultur. Ohne sie geht gar nichts, das tauchte in nahezu jedem Panel und den vielen Diskussionen auf:

Die Transformation gelingt nur mit entsprechender Kultur. Die Transformation gelingt nur inkrementell, nicht mit einem großen Wurf, weil Implementieren Quatsch ist, nicht funktioniert! Organisationen müssen zu diesem Wandel befähigt werden und dann selbst herausfinden wohin die Reise geht. Dabei ist Machen wichtig, Tüfteln muss erlaubt sein genauso wie Fehler, aus denen schnell gelernt werden muss und dazu braucht es schnelle Entscheidungen. Das Ausprobieren verlangt nicht nur Mut, sondern auch Motivation. Von beidem war heute viel zu spüren.

 

Über Tim Bakx:
Moin, ich bin Tim und gegenwärtig bei LES ENFANTS TERRIBLES auf einer „zeitenreise“ zum New Work Professional. Dabei gehe ich den Fragen nach, wie sich erfolgreiche Organisationen heute aufstellen, welchen Weg sie genommen haben und was dies für den Einzelnen bedeutet. Ich suche das Verbindende zwischen allem, mag es Schlagzeug zu spielen und nicht so, wenn der FC St. Pauli nicht gewinnt.

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