Kommt, wir erfinden ein neues Betriebssystem

Quelle: Photo by Sharon Pittaway on Unsplash

Kürzlich schickte mir eine Freundin einen Link: Freunde von ihr hatten gegründet, ein Food-Startup. Die Freunde vertreiben seit Kurzem einen Bio-Snack und sie war sehr stolz darauf. Ich schaute mich auf der Seite um und mich beschlich ein Unbehagen. Dabei sah die Seite eigentlich ganz normal aus – zwei junge Männer, beide schwarz gekleidet, hatten sich an verschiedenen Orten in Berlins Straßenbild ablichten lassen, um ihr Produkt dem geneigten potenziellen Käufer zu präsentieren.

Doch je mehr ich mich auf der Seite umsah, umso stärker nahm ich mein diffuses Unbehagen wahr. Als ich mir die Zutatenliste für den Snack ansah, stellte ich fest, dass es sehr ähnliche Produkte bereits zuhauf in Bio-Läden gibt, doch auf der gesamten Seite stand nichts davon, warum sie genau dieses Produkt entworfen hatten, was sie zum Gründen bewogen hatte und was ihre Vision ist – von Ernährung, vom miteinander Arbeiten oder von der Welt in der wir leben. Stattdessen hatte ich den Eindruck, die beiden hatten vor allem gegründet, weil sie Lust aufs Gründen hatten und wenn es nicht dieses Produkt geworden wäre, hätte es auch irgendein anderes Produkt sein können.

Und je länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir, dass mir dieses Gefühl des Unbehagens sehr vertraut war. Ich hatte es schon häufiger verspürt. Zum Beispiel auch kürzlich auf einer Veranstaltung, bei der es den ganzen Tag mit viel Tamtam und teuren Speakern um Neue Arbeit ging. Ein Vortrag reihte sich an den anderen, ein Panel ans nächste. Lauter Männer waren geladen worden, um mir ihre Sicht auf die Dinge zu erklären – von Frauen (fast) keine Spur. Auch ich als Besucherin war nicht gefragt, ich durfte nur Zuhören und am Ende der Vorträge brav klatschen. Auch hier: Großes Unbehagen. Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an, als sei es aus der Balance.

Beide Begebenheiten mögen auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, doch ich habe realisiert, dass sie für mich eng zusammengehören. Beides trägt einen Keim von etwas Positiven in sich, doch er wird nicht sprießen können, denn das Umfeld ist nicht richtig. Weil wir nicht nach dem Warum fragen: Warum gründe ich? Will ich tatsächlich etwas verändern oder nutze ich nur die Strukturen für mich? Warum organisiere ich diese Veranstaltung? Will ich wirklich einen nachhaltigen Dialog anstoßen oder geht es mir vor allem darum, mich selbst positionieren?

Je länger ich mich mit Neuer Arbeit beschäftige, umso klarer wird mir, dass wir das, was wir anstreben, einbetten müssen in eine neue Vision unserer Gesellschaft. Unsere Arbeit und damit auch unsere Unternehmen sind Teil dieser Gesellschaft und genau so sollten wir sie auch behandeln. Allzu lange haben wir uns eingebildet, dass Arbeit und Leben (unsere Freizeit) irgendwie zwei unterschiedliche Dinge sind, dass es nichts ausmacht, wenn wir gesellschaftliche Ungerechtigkeiten innerhalb von Organisationen hinnehmen. Wir dachten, dass es Sache der Unternehmenslenker ist, ob Unternehmen divers aufgestellt sind oder ob sie gerecht entlohnen und wir ihnen da nicht reinreden dürfen oder können. Doch Unternehmen sind Teil dieser Gesellschaft und wenn wir arbeiten gehen, verbringen wir viel Lebenszeit in ihnen. Was in Unternehmen passiert ist ein Spiegel dessen, was unsere Gesellschaft und unser Privatleben ausmacht.

Ich finde es gut, dass wir mittlerweile eine breite Debatte über Neue Arbeit haben. Es stört mich ganz und gar nicht, dass sie ein “Trend” geworden ist oder dass sie im “Mainstream” angekommen ist. Jedem, dem es um die Sache geht, muss das freuen, denn nur so haben wir die Chance, dass sich wirklich was ändert. Doch je mehr Menschen darüber sprechen, je lauter das Rauschen wird, je mehr Strömung und Bewegung entsteht, umso dringender müssen wir innehalten und genau analysieren, was wir da eigentlich tun und warum. Umso klarer müssen wir unsere Vision entwickeln, die wie ein Kompass helfen kann, die richtige Richtung in der Fülle der möglichen Wege nicht aus den Augen zu verlieren.

Diese Welt ist so komplex, dass wir auch das Richtige aus den falschen Beweggründen heraus tun können. Wir müssen uns deshalb immer fragen: Warum tue ich, was ich tue? Wer Neue Arbeit zum Beispiel missversteht als Effizienzsteigerungsmaßnahme, hat ihren Kern nicht verstanden. Wer seine Mitarbeiter gesund erhalten möchte, weil sie dann mehr und besser und länger arbeiten können, irrt sich über den zutiefst humanen Kern dieser Ideen. Es geht eben nicht darum, unser Wirtschaftssystem auf die nächste Stufe seiner Effizienz zu hieven, sondern endlich zum Kern zurückzukehren: Zum Menschen. Zu uns.

Deshalb macht es einen Unterschied, in welchen Formaten wir auf Veranstaltungen über Neue Arbeit nachdenken oder in welcher Sprache wir über sie sprechen. Deshalb macht es einen Unterschied, aus welchen Gründen wir Ideen entwickeln und Projekte aus der Taufe heben. Und deshalb macht es auch einen Unterschied, ob unsere Gründung einfach nur ein Job für uns ist, der die Miete bezahlt, oder ob wir tatsächlich eine Vision haben, eine echte Mission. Wenn wir nicht die Logik verändern, innerhalb derer unser Handeln stattfindet, wird es nicht seine Wirkung entfalten können. Deshalb ist Neue Arbeit nicht neue Tools oder Gleitzeit oder Home Office, sondern vor allem die Haltung, mit der wir uns auf den Weg machen. Neue Arbeit ist die Leitplanken, innerhalb derer wir ausprobieren und lernen. Neue Arbeit heißt: Kommt, wir erfinden ein neues Betriebssystem. Um nichts weniger muss es uns gehen – sonst bleibt alles nur Kosmetik.

 

Mehr Texte von Inga Höltmann zu Neuer Arbeit gibt es übrigens hier auf ihrem Blog und immer hier auf Twitter.

inga

von

Hallo, ich bin Inga Höltmann und ich beschäftige mich beruflich am liebsten mit Neuer Arbeit und moderner Führung: Ich will mithelfen, eine neue Wirtschaft zu bauen. Ich bin gelernte Wirtschaftsjournalistin und habe außerdem die Accelerate Academy gegründet. Mit der Academy unterstütze ich Unternehmen, ganz neu zu lernen, was sie für den Wandel und die Digitalisierung brauchen. Privat beschäftige ich mich leidenschaftlich gern mit Ernährung und stehe so oft wie möglich in der Küche.

Kommentare (16)

  1. Pinkback: 10 Fragen an: Inga Höltmann | FlowWork.Rocks!

  2. Pinkback: Entrümpelt die Management-Mythen! | mittwochs.online

  3. Pinkback: „Jägermentalität“ ist voll von gestern | Inga Höltmann

  4. Liebe Inga,

    vielen Dank für diesen schönen Text, der sich so herrlich frisch abhebt von all den anderen, die (meist von Männern geschrieben) erklären, wie man dieses New Work „einführt“. Frithjof Bergmann liest das alles bestimmt nicht, denn das meint er nicht mit Neuer Arbeit – Neuer Kultur.

    Wie du sagst: es geht um Haltung und nicht um ein Projekt, das man innerhalb des Geschäftsjahres umsetzt – und in Zielen nach unten runterbricht. Das ist alles Alte Arbeit.

    Ich hoffe, wir treffen uns mal und sprechen persönlich darüber. Das würde mich sehr freuen.

    Viele Grüße von deiner Kommplizin Gaby Feile

    • inga

      Liebe Gaby, danke für Deine Rückmeldung! Du hast so recht, es geht um unsere Haltung. Einerseits sollten Erfolge messbar sein, andererseits verleiten Zahlen uns aber doch dazu, manchmal etwas ungeduldig zu werden, wenn sich Erfolge dann doch nicht über Nacht einstellen… Auf hoffentlich bald & persönlich, Inga

  5. Pinkback: Kommt, wir erfinden ein neues Betriebssystem! – Accelerate Academy

  6. Dankeschön, sehr guter Text – entspricht auch sehr meiner Wahrnehmung!
    Ich würde ihn gerne retweeten, habe ihn aber in Deinem Blog auf der Website nicht gefunden…

    • inga

      Danke Dir, liebe Julia! Ich habe den Text vertwittert: https://twitter.com/ihoelt/status/981056398774718465
      Vielleicht hilft ihr das weiter. Lieben Gruß, Inga

    • Hallo Inga,

      ich freu mich sehr über diesen Artikel. Er trifft meines Erachtens einen richtigen und wichtigen Kern. Nämlich den, dass man sich fragen sollte, womit man eigentlich sein Leben verbringen möchte. Wenn einem das bewusst ist, kann man sich entscheiden, wie man dahin kommt. Ob durch eine Unternehmensgründung, eine Arbeitszeitverkürzung, einen Jobwechsel oder indem man einfach so weiter macht wie bisher.

      Ich selbst habe auch versucht mir diese Frage zu stellen (http://futureproofworld.com/zukunftsblick-zukunft-positiv-gestalten/). Die spannende Frage ist nun, wie man da am besten hinkommt.

      Denn was man auf der anderen Seite auch nicht vernachlässigen darf. Es muss erst die eigene Existenz gesichert werden, bevor man sich mit den eignend Wünschen beschäftigen kann. Quasi erst die Pflicht und dann die Kür. Aber auch da gibt es ja Ideen.

      Liebe Grüße,
      Gregor.

      • inga

        Ja, die ganze Debatte um Neue Arbeit darf auch keine Elitendiskussion werden, was ja oft kritisiert wird… Ich fänds toll, wenn dieses ganz neue Verständnis von Arbeit – Selbständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Freude – einfach eine ganz breite gesellschaftliche Wahrnehmung von Arbeit wird, egal wie und wo man arbeitet. Überleg mal, was das zum Beispiel für die Arbeit auf dem Bau bedeuten würde, wenn dort anders gearbeitet werden könnte… Ich kenne einen Handwerksbetrieb, die ihren Monteuren mehr Eigenverantwortung gegeben haben und das hat ganz wunderbar funktionert – die Mitarbeiter sind happier, die Arbeitsergebnisse besser und die Reklamationsquoten geringer. Liebe Grüße, Inga

  7. Hallo Inga, vielen Dank für deinen schönen Text. Auf den Punkt gebracht.
    mit „Neuen-Arbeitsgrüßen“ aus Wien
    Elisabeth, sichtart

  8. zu schnell getippt 😉 ich schicke noch ein „d“ für judith und ein „f“ für effizienzsteigerung und ein „i“ weniger für hinsicht hinterher…

  9. danke liebe inga. die frage des „why“ ist in der tat, das worum es geht. wer neue arbeit ausschließlich als mittel zur efiziensteigerung sieht, hat den kern nicht verstanden oder nicht verstehen wollen… natürlich darf und sollte das auch zu einem gesunden unternehmen führen – aber gesund in jeglicher hinischt.

    • inga

      ​Ich finde es spannend, mit welchen Adjektiven wir unsere Organisationen beschreiben. „Reif“ bzw. „Reifegrad“ ist ein wichtiges Wort dafür, aber auch „gesund“ ist wichtig – ökonomisch und menschlich gesund sollten sie sein, da hast Du recht. Danke, Inga

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