Unser poetischer Körper

Embodied Cognition ist der letzte Schrei in der Künstlichen Intelligenz-Forschung. Spätestens jetzt sollte es an der Zeit sein, dass wir auch selber unsere Körperintelligenz wiederentdecken.

Die Gegenwart ist eine mächt´ge Göttin.
Goethe, Torquato Tasso, Vers 2613 

„Ein großer Teil unserer übermäßigen, unnötigen Entäußerungen rührt von der Horrorvorstellung her, wir würden, wenn wir nicht ständig irgendwie signalisieren, dass wir existieren, auf einmal tatsächlich nicht mehr dasein.“ Ein Satz, von dem man denken könnte, dass er heute, im Zeitalter von Twitter, Instagram, LinkedIn-Posts und Co. ausgesprochen wurde. Er stammt allerdings aus dem Jahre 1993, ausgesprochen vom britischen Theaterregisseur Peter Brook.
Die digitalen Technologien scheinen etwas zu verstärken, was auch ohne sie da wäre. Ein Drang sich mitzuteilen, gehört zu werden, wahrgenommen zu werden. Und dadurch erst zu sein.

Vor kurzem las ich auf LinkedIn einen Post von einem Coach, in dem er berichtetet, dass viele seiner Klienten mit der Frage „Was will ich (eigentlich)?“ zu ihm kommen. Die meisten wollen im Zuge dieser Frage an dem „Was“ arbeiten. Dabei, so der Coach, wäre es womöglich sehr viel sinnvoller zunächst daran zu arbeiten, von welchem „Ich“ da überhaupt die Rede ist.

Doch vor diesem Schritt der Selbstwahrnehmung scheint ein Großteil der Menschen zurückzuschrecken. Womöglich aus Angst vor Schmerz, Schuld oder Scham. Hinzu kommt die Sorge, dass es auch gar nicht nur ein „Ich“ gibt, sondern dass man sich möglicherweise mit einer ganzen Vielfalt an Perspektiven auseinandersetzen muss – frei nach dem Motto: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele – und was wollen diese?“

Unsere Flucht ins Außen

Womöglich gibt es durchaus einen Zusammenhang zwischen unserem Drang der digitalen und analogen Entäußerung und unserem Nicht-nach-innen-sehen-wollen. Lieber von außen wahrgenommen und definiert werden, als uns vor uns selbst, unseren ureigenen Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten womöglich zu erschrecken.
Lieber kultivieren wir unser Einfühlungsvermögen in andere, unsere Intelligenz zum Lösen von äußeren Problemen und Fragestellungen und unsere phantasievolle Darstellung von uns und unseren Werken nach außen – Kompetenzen und Fähigkeiten, die in den vergangenen Jahren auch in Unternehmenskontexten zunehmend abgefragt wurden in Form von Empathie und Kreativität.

Die Regisseurin und Schauspielcoachin Susan Batson sieht es für einen guten Schauspieler, also einen Menschen, der sich sehr intensiv mit den menschlichen Gefühlswelten auseinander setzen muss, als zentral an, sich auch mit drei anderen „Instrumenten“ seiner selbst intensiv zu beschäftigen: der Körperlichkeit, den Emotionen und den sensorischen Fähigkeiten.

Während die Emotionen als EQ und im weiteren Verlauf gemeinsam mit der Empathie zum WeQ im Wirtschaftskontext hochgejazzt und auch im New Work Kontext als elementar betrachtet werden, sind die Körperlichkeit und sensorischen Fähigkeiten bislang noch nicht wirklich zum Zuge gekommen.

Damit ist eben auch nicht die gute alte „Körpersprache“ gemeint, wie sie in Präsentations- oder Verhandlungstrainings begutachtet wurde, sondern es geht hierbei um verkörperte Kognition. Embodied Cognition, wie der Forschungszweig in der Psychologie heißt.

Unser Körper hat über unsere Lebensdauer sehr viele Informationen über uns und unsere Umwelten gesammelt. Aufgrund unseres Bildungssystems, das sich mehr auf den Kopf (Intelligenz und ein wenig Phantasie) konzentriert und weniger auf den BQ (Wie man die Körper-/Body-Intelligenz bezeichnen könnte) und unserer gesellschaftlich immer noch recht reservierten Haltung (!) dem Körper gegenüber, haben wir nie wirklich gelernt, diese Intelligenz abzurufen.

Sinn, wie Sinne

Während allerorten von „Purpose“ und „Meaning“ gesprochen wird, sind wir nahezu blind für das eigene „Sensemaking“ eben durch die eigenen „Senses“, unsere Sinne, worauf auch der Philosoph und Linguist David Abram hinweist.
Mit unseren sensorischen Fähigkeiten sind dabei nicht allein unsere fünf Sinne gemeint, sondern eben auch das In-sich-Hineinspüren, das In-sich-Hineinhören. Gleichzeitig ist mit Körperlichkeit nicht allein die physische Präsenz und das Wahrgenommen werden unserer Körper gemeint, sondern auch wie wir unseren Körper dazu nutzen, das in uns Wahrgenommene auszudrücken.
Dabei können durchaus solch verrückte Momente entstehen, dass wir erst etwas einen körperlichen Ausdruck geben und dann wahrnehmen und verstehen. Die Wirkung erleben vor der Ursache.

Ein Schauspieler lernt auf eben genau diese Impulse und spontanen Einsichten und Erkenntnisse zu achten. Es geht um genau diese Arbeit an sich selbst, von der die Theatermacherin Anne Bogart spricht, von der aber auch Joana Breitenbach und Bettina Rollow in „Inner Work“ schreiben.
Wobei ich persönlich eine andere Wortwahl vorziehen würde. Ich würde gerne davon sprechen, dass es darum geht, den eigenen poetischen Körper lesen zu lernen und ihm Raum zum Spielen zu geben.

Dabei geht es auch um die Einbeziehung sozialer Realitäten, wie es Anne Bogart nennt. Im Zeitalter medialer Fakes, Alternativer Fakten und Bubble-Realitäten in den Sozialen Medien scheint es nahezu unmöglich eine „Realität“, womöglich sogar eine Wahrheit zu finden. Noch dazu in uns selbst.
Doch vielleicht ist es ja genau das, wozu uns die wilde Medienwelt einlädt: zu einer Reise zu uns selbst. Hin zu einer Realität, die wir dort finden werden.

Eine Realität, die wir mit allen teilen, steckt in uns

Nicht von ungefähr sind in kurzen Abständen 2015 und 2017 zwei Bücher von zwei Theatermachern veröffentlicht worden, die die (auch in vielen Kommunikationstrainings für Führungskräfte aber auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Unternehmen sehr präsente) konstruktivistische Sichtweise auf die Welt herausfordern.

Das eine, von Bernd Stegemann, trägt den Titel „Lob des Realismus“, während das von Wolfgang Engler kurz und knapp „Authentizität“ heißt. Mit Ausrufezeichen dahinter. Womöglich ist es nunmehr an der Zeit die Kakophonie der digitalen Medien zumindest intervallweise oder für einen bestimmten Zeitraum hinter sich zu lassen und sich auf die Reise in die eigenen Welten zu begeben. Wie fühlt sich Authentizität für mich an? Wonach streben meine „Ichs“? Welchen Charakteren werde ich dort begegnen? Wie authentisch werde ich sie wahrnehmen? Auf welche Realität(en) werden sie mich hinweisen? Mit welchen sinnlichen Wahrnehmungen werden wir uns unseren Sinn schaffen?

Wenn ich mit meinen Coachees arbeite, beginne ich zumeist damit, dass wir uns zunächst eine gute halbe Stunde Zeit für ein Einstiegsgespräch nehmen. Daraus ergeben sich die Themen oder Fragen, um die es gehen wird und wir beginnen bereits hier eine gemeinsame Realität zu kreieren. Im Anschluss daran wärmen wir uns körperlich auf und bewegen uns gemeinsam im Raum. So schaffen wir uns unsere gemeinsame physische Realität, bekommen ein Gefühl füreinander aber auch für die Kräfte und Impulse, die zu den Themen und Fragen gehören. Manchmal kommt es hier schon zu ersten kleinen, spielerischen Sequenzen. Worte. Sätze. Gesten. Kurze Szenen.

Manchmal verlasse ich den „Bühnenbereich“ im Raum, setze mich an den Rand und beginne mit Regieanweisungen zu arbeiten. Ideen für Körperhaltungen, Bewegungen, Positionen im Raum. Verstärkungen und Abschwächungen.
Ich frage nach möglichen Sprach-Impulsen. Nach Gefühlen und wo sie im Körper verortet sind. Diese Wahrnehmungen werden dann weiter verfolgt.
Manchmal betrete ich die Szenerie wieder. Manchmal bleibe ich in der Rolle des Side-Coachs, des Regisseurs. Es kommt zu Dialogen, Monologen, teilweise auch zu minutenlanger Stille. Fragen. Wiederholungen. Zuhören. Auf beiden Seiten.
Der Coachee überrascht sich aufgrund der eigenen Spontaneität selbst mit Einsichten, Äußerungen und Gefühlen, die nach Ausdruck suchen. Der Körper spricht, die Worte folgen. Schneller getan, als gesagt.
Diese Sequenz kann eine bis anderthalb Stunden dauern. Im Anschluss daran gibt es als kurzes Closing ein Check-Out.

Wohin uns eine solche Erkundung im Idealfalle führen kann, steht für jeden Buddhisten schon im Vorfeld fest: ins Nichts. Für alle anderen dürfte diese Reise relativ ergebnisoffen sein und zumindest versuchsweise zunächst in einen poetischen Raum führen, in dem es die Verrücktheit unserer eigenen Schönheit zu erleben gibt. Es dürfte sich lohnen, unsere Körper sprechen zu lassen. Im Hier und Jetzt. Zu uns selbst. Und dann, in einem zweiten Schritt, auch wieder zu den anderen – aus der Realität heraus, die wir alle teilen.

martin

von

Hi, ich bin Martin, und enfant terrible bei LES ENFANTS TERRIBLES ;) Als leidenschaftlicher Wirtschaftsnarr, suche ich nach digitalen Wahrheiten, finde analoge Verrücktheiten und spiele, wenn es drauf ankommt, bis zum Abwinken Improvisationstheater. Für mich wurden Bücher und Geld erfunden, Kinofilme über Paten und dunkle Ritter gedreht und Berlin-Neukölln erbaut. Momentan beschäftige ich mich ausgiebig mit: NICHTS.