Über Cargo-Kulte und die Frage 5mal „Warum?“

Quelle: Photo by Amy Shamblen on Unsplash

Die große Frage, die uns in Zeiten von Digitalisierung und Technologisierung, von VUCA* und ständiger Veränderung beschäftigt, ist, wie wir es schaffen, unsere Unternehmen, unsere Organisationen, am besten die ganze Wirtschaftswelt so zu gestalten, dass sie zum einen zukunftsfähig und innovativ sind/bleiben und wie wir gleichzeitig für die Menschen einen Ort schaffen, an dem sie jeden Tag gerne sind, sich im besten Fall dort entwickeln und entfalten können.

Dazu gibt es im Moment in den Unternehmen viel Bewegung, viele Fragen, viel Suche nach Antworten. Das Ganze fällt in der Regel unter den Begriff New Work.

Es ist eines der Themen im Kontext von Organisationsentwicklung. Keine Woche vergeht ohne einen neuen Podcast dazu, kein Business-Konferenz-Veranstalter, der dieses Thema (eventuell auch unter dem Label „agil“) nicht in seinem Programm hat und auch die Wirtschaftsmagazine haben es für sich entdeckt.

Es scheint ein Heilsbringer zu sein, der gleichzeitig für Innovation, für glückliche und produktive MitarbeiterInnen, natürlich für mehr Umsatz und Rendite sorgt. Viele haben das Gefühl als müsse man das jetzt machen, als löse es all unsere Probleme, die wir vor allem mit diesem ach so leidigen Thema „Führung“ haben. Und in Zeiten von Fachkräftemangel und unwilligen Millenials: Employer Branding here we come!

Das Problem ist nur, dass keiner so genau weiss, was denn dieses New Work so wirklich wirklich ist; geschweige denn, wie es wirklich wirklich geht. Bis auf den Ursprungsbegriff von Frithjof Bergmann (wir haben hier darüber berichtet) gibt es einfach keine einheitliche Definition oder ein feststehendes Konzept dafür. (Im Podcast von Joanna Breidenbach, Hanno Burmester und Bettina Rollow wird hier auch vortrefflich darüber diskutiert.)

Deshalb passiert im Moment etwas, das in die Kategorie Cargo-Kulte fällt. (Danke an der Stelle an Johannes Kleske von Third Wave für die Inspiration im Rahmen unserer Ausbildung dazu!)

Cargo-Kult ist ein wunderbarer Begriff, der alle Maßnahmen und Aktionen zusammenfasst, die sozusagen „mehr Schein als Sein“ sind. Zu Startzeiten der Digitalisierung und rund um das Thema „Innovation“ hatten wir das auch schon mal. Es werden Post its angeschafft, Krawatten abgeschafft, Wände für Co-Working-Räume eingerissen, Kicker gekauft, Innovationslabs (in Berlin!) für teuer Geld aufgebaut, Design Thinking-Kurse veranstaltet und Feelgood-Manager eingestellt. Yeah!

Der Begriff des Cargo-Kults stammt ursprünglich von Richard Feynman in Kontext von wissenschaftlicher Arbeit. Bekannt wurde er durch eine Beobachtung von Ethnologen nach dem 2. Weltkrieg, die auf Melanesien festgestellt haben, dass die Inselbewohner nach Abzug des US-Militärs u.a. hölzerne Flugzeuge und Funktürme gebaut hatten, um die Götter wohlzustimmen, damit sie ihnen weiterhin Geschenke bringen. Das hatten sie sich vom amerikanischen Militär abgeschaut, das während des Krieges ihre Inseln als Nachschub-Stationen und zur Zwischenlagerung von Materialien und Lebensmitteln genutzt hatten. Die hatten (dabei) nämlich Geschenke für die Einwohner gebracht. (Es gibt hier dazu einen kleinen Film (der zugegebenermaßen etwas deprimierend ist), der das sehr gut zeigt.)

Man tut also etwas, das man an anderer Stelle gesehen hat, und das vermeintlich für einen erstrebenswerten Erfolg sorgt.

Im Moment sehen oder hören viele Unternehmen, Führungskräfte oder HRler, dass Safaris ins Silicon Valley oder nach Berlin oder nach Israel helfen, dass Selbstorganisation ein unbedingtes Muss ist, dass Scrum dafür sorgen wird, dass alle Projekte in Time und Budget laufen.

Stimmt. Und stimmt nicht.
So einfach ist es einfach nicht.

Wir wollen diese ganzen Aktivitäten auf keinen Fall abtun! Es ist gut, dass Unternehmen andere und vielleicht zeitgemäßere Konzepte und Methoden anwenden, Neues ausprobieren, dass sie sich umschauen, von anderen lernen, sich austauschen! Weitermachen! Aber man kann Agilität, Kollaboration und Selbstverantwortung, schon gar nicht Sinnhaftigkeit einfach von oben verordnen oder herbei-delegieren. Man muss es ernst meinen, durchdenken, hinterfragen, für sich adaptieren, wieder reflektieren, vielleicht auch nochmal umbauen und anders machen. So lange bis es passt, klappt, es alle gut für ihr Arbeiten finden. Und es macht sehr viel Sinn, das zusammen und im Austausch mit den MitarbeiterInnen zu machen – also am besten mit allen.

Anspruchsvoll? Ja und nein. Anstrengend? Ja und nein.

Wilde Maßnahmen und Hoffnung alleine nutzen leider nichts für einen tiefgreifenden Wandel. Aber genau den brauchen wir, um mit den Herausforderungen, die wir jetzt schon zu bewältigen haben, gut umzugehen. Und wir sprechen an der Stelle noch nicht von den Herausforderungen, die die Automatisierung oder Künstliche Intelligenz mit sich bringen werden.

 

Es gibt eine kleine feine Methode, die ganz nützlich dafür sein könnte, nicht dem ersten besten Buzzword aufzusitzen: man muss sich 5mal „Warum?“ fragen bevor man etwas tut. Das ist eine herrliche Erfindung aus dem Qualitätsmanagement (mehr darüber hier). Es geht darum, seine Motivation und die Sinnhaftigkeit einer Idee zu hinterfragen, vor allem die Konsequenz dieser Idee und unseres Handelns vorauszudenken. Kommen Sie sich selbst auf die Schliche. Ist das nur etwas, das auf die Schnelle hilft, erstmal gut aussieht und vor allem ein To Do aus meiner Liste streicht? Oder warum denke ich denn überhaupt, dass es helfen könnte? Und auf welche meiner Fragen ist es die Antwort?

Vielleicht ist die Grundidee des Feelgood-Managers ja gar nicht schlecht, aber welches meiner Probleme versuche ich denn damit zu lösen? Oder gäbe es vielleicht auch eine andere und individuell für uns passende Lösung? Wenn es nämlich nicht wirklich passt, wird es eher für Verwirrung oder Frustration der MitarbeiterInnen sorgen. Und das gibt es ja schon wahrlich genug.

Man muss ja dieses ganzen Begriffe, die im Moment kursieren, auch nicht gleich verteufeln, alles wieder als Buzzwords abtun und lieber schön das Alte weitermachen.

Eins ist sicher: wenn es um gutes(!) neues Arbeiten geht, dann ist das eine Haltung. Punkt. Eine, die etwas mit einer Idee von einer Arbeitswelt zu tun hat, in der zufriedene Menschen in einer nachhaltigen Unternehmenswelt arbeiten. Punkt. (Und ja, das muss irgendwie agil und kreativ sein). Und davon sind wir an vielen Stellen ganz schön weit entfernt und müssen uns so langsam mal auf den Weg machen! Ausrufezeichen!

Marc Winkelmann nennt es in seinem Interview hier „engagierte Demut“, die man für diese Veränderungen braucht. Das ist ein wirklich wirklich guter Begriff!

 

Wer das Thema Cargo-Kulte weiter vertiefen möchte, findet hier den Link zu einem Podcast von Johannes Kleske und Igor Schwarzmann von Third Wave, die sich damit schon sehr lange beschäftigen.

Sascha Lobo hat hier 2011 bereits darüber mit Bezug auf die deutsche Netzpolitik gesprochen. Und hier kommt der Link zu einem (wie immer) herrlichen re:publica-Talk von Gunter Dueck dazu.

Und von Gunter Dueck gab es im sehr empfehlenswerten Merton Magazin hier auch einen guten Artikel über die gesellschaftliche Verantwortung in digitalen Zeiten, der den Gedanken des Cargo-Kults aufgreift: „Liebe Hierbleiber, fangt endlich an, Euch zu kümmern!„.

 

*VUCA = Volatility Uncertainty Complexity Ambiquity

Kommentare (2)

  1. Schöner Beitrag, ich denke, dass die von Dir angesprochene Haltung auch helfen würde, die Scheu vor dem ersten Schritt zu nehmen. Das ein oder andere Unternehmen lässt sich mit all den coolen Slogans und Begriffen bestimmt auch verunsichern und begibt sich gar nicht erst auf eine Reise zu etwas Neuem…

    • marion

      liebe katharina, danke dir für deinen kommentar!
      ja, das glaube ich auch. wir merken in unseren workshops, dass es gut tut, wenn jede/r mal sagen kann, was er/sie unter z.b. „digitalisierung“ oder „new work“ (eigentlich) versteht. und wenn man dann gemeinsam ausformuliert, was unsere definition sein soll. und vielleicht findet man dann für sich auch noch einen neuen/anderen begriff dafür.

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