Take a break

Pausen. Auf einem Festival für Neue Arbeit? Das ist einerseits allein deswegen interessant, weil es beim Festival ja vorrangig um Arbeit, nicht um Pausen davon gehen sollte, und zum anderen stellt sich beinahe automatisch die Frage, was mich eigentlich qualifiziert, über das Thema Pause zu sprechen.

 

Was ist das, was du wirklich, wirklich machen willst?

Ich borge mir die Frage von Frithjof Bergmann [1], um das Thema anzugehen. Hätte man mich vor 12 Monaten gefragt, was ich wirklich, wirklich machen will, ich hätte womöglich keine Antwort darauf gehabt. Habe viel ausprobiert, und konnte an vielen Stellen sicher auch sagen, was genau ich *nicht* machen wollte. Aber es ging auf das Ende des Jahres zu, zwei Wochen Weihnachtsferien standen an, Zeit, um sich zu erholen, die Batterien aufzuladen. Eine Woche zuvor fiel mir David Streleckys *Café am Rande der Welt* [2] wieder in die Hände. Im ersten Kapitel stellt er sich die Frage, wie das ständige Auspowern/Aufladen jemals in eine positive Richtung führen solle. Auspowern/Aufladen, ungefähr so ist das Muster, wenn man sich von Urlaub zu Urlaub, im Grunde ja auch von Wochenende zu Wochenende hangelt, immer mit der Hoffnung im Hinterkopf, irgendwann werde alles besser. Irgendwann, das ist, wenn man den Job findet, der wirklich, wirklich passt. Das Unternehmen, das wirklich, wirklich passt. Oder auch: wenn man mehr macht. Produktiver ist, gesünder, besser meditiert, mehr Sport macht, mehr schläft, weniger schläft, etc. Ungefähr so war es auch bei mir, das Pendel aus Auspowern/Aufladen schwang ständig, wobei es bei mir nicht so sehr auf eine schwarze Null tendierte, sondern eher im roten Bereich war. Dabei war es nicht allein der Job, der auspowerte. Es war der Job *und* alles, was ich darüber hinaus noch in mein Leben stopfte.
Ein typischer Donnerstag vor einem Jahr: Aufstehen 5 Uhr. Das ist noch nicht der schlechte Teil, das frühe Aufstehen liegt mir. Dann Morgenseiten schreiben [3], meditieren, Yoga, dann eine Stunde kreatives Schreiben. Laufen gehen, je nach dem, ob Termine anstanden, länger oder kürzer. Zurück, duschen, Haare waschen und so weiter. Danach Frühstück, lesen, lernen. Gefolgt von etwas Hausarbeit, vielleicht die Waschmaschine anstellen, die Wohnung saugen. Dann war es kurz vor 9 Uhr, 4 Stunden sind vergangen und ich musste mich beeilen, auf die Arbeit zu kommen. Letztlich ist die Erkenntnis also gar nicht so schwer: es war unterm Strich zu viel. In meinem Hinterkopf stauten sich zu viele Dinge, die in zu wenig Zeit neben den Job wollten.
Die Frage, *Was ist das, was du wirklich, wirklich machen willst?* ist für diese Situation ein hervorragender Arschtritt, vor allem dann, wenn man sie in den größeren Kontext setzt und leicht anpasst: Ist das, was du da gerade machst auch das, was du in 5, in 10, in 20 Jahren machen willst? Oder, weil David Strelecky bereits angesprochen wurde: ist das, was du da seit 10, 15 Jahren machst, das, was in deinem Museum [4] hängen soll?
Wie auch immer man es formuliert, meine Antwort darauf war eine Notbremse. Nach den Weihnachtsferien bin ich noch für ein paar Monate zurück in den Job, kündigte, und war ab Mitte April “raus”.
Der Plan: Reset, und im Laufe des Jahres darauf hinarbeiten, die Frage für mich zu beantworten.

Luxus vs. Investition

Mir ist bewusst, dass es ein großer Luxus ist, einfach so Pause machen zu können (ganz so einfach war es ohnehin nicht). Geld zur Seite zu legen, um das zu tun, aber auch einfach die Möglichkeit und Freiheit, das zu tun. Es ist ein Geschenk. Genauer gesagt: ein Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe. Denn vor meiner Tür stand vor einem Jahr niemand und hat gesagt: bitteschön, hier sind 6 Monate frei, finde mal in Ruhe heraus, was du machen willst. Ich denke, wenn wir die Frage für uns persönlich beantworten wollen, dann sollten wir auch bereit sein, zu investieren. Ob das freie Zeit ist, oder ein Coaching, oder was auch immer die Antwort für jemanden persönlich ist: hauptsache nicht hoffen, dass sich etwas von allein ändert.

Unterwegs

Um meine neue Arbeit definieren zu können, brauchte ich einen Reset. Der Plan: wandern gehen. Also weit entfernt jeglicher Komfortzonen; das Gegenteil von Stehenbleiben.

Etappe 44: Ich bei 5km/h auf dem Weg nach Langenlehsten. Der einzige Tag, an dem ich andere Wanderer traf (sonst hätte ich davon nicht mal ein Foto!)

Am 18.4. bin ich in Köln zum Hauptbahnhof gefahren, mit neuem Wanderrucksack, neuer Wanderhose, neuer Fleecejacke, und frisch imprägnierten, glänzenden Wanderschuhen. Ich kam mir vor wie ein Fake. Jeder musste sehen, dass ich da nur so tue, als ob, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte, was ich da machte. Viel wusste ich ja auch tatsächlich nicht: wie das mit dem Wandern werden wird, wie lange ich unterwegs sein würde, wie und wann und ein bisschen auch ob ich heil zurückkommen würde.
Als ich schließlich im Zug saß und meinen Wanderrucksack in die Ablage gelegt habe, drängte sich ein wichtiger Gedanke in den Vordergrund. Nicht: was habe ich wohl vergessen, was wird fehlen, sondern: “Da drin ist alles, was ich brauche.”
Und das ist ein enorm wichtiger Gedanke, wenn man die Frage beantworten will: was willst du wirklich, wirklich machen? Es gibt nichts, was andere mehr haben als ich, mehr an Zeit, Möglichkeiten oder Fähigkeiten.

Mir fehlt nichts.

Ich habe alles, was ich brauche, um mein Potential zu entfalten. Diese Affirmation begleitet mich bis heute. Und zwar egal, ob es um Gepäck oder um die Arbeit geht, die ich tun will. Es ist alles da.

Das Grüne Band wandern

Etappe 13: Querschnitt durch die ehemalige Grenze. Rechts der Kolonnenweg, in der Mitte wachsen Bäume in den ehemaligen Grenzanlagen, links begann am Wald das Gebiet der Bundesrepublik.

Ich fuhr nach Sachsen, wo ich auch herkomme. Mein Plan war, am Grünen Band wandern zu gehen, der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Der erste Wandertag war mein Geburtstag (buchstäblich).

Das Grüne Band ist ein großartiges Projekt, das vor allem der BUND [5] vorantreibt. Ich bin unzähligen Tieren begegnet, und habe Pflanzen gesehen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie in Deutschland gibt: Orchideen. Aber das war nicht der eigentliche Grund für die Wanderung am Grünen Band. Als ich über das Projekt stolperte, wusste ich einfach instinktiv, dass es genau meine Strecke war. Ich bin in der 80er Jahren in Sachsen geboren worden und lebe seit 2001 im “Westen”. Eine Hälfte hier, eine Hälfte dort. Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, die Grenze hat für mich keine Bedeutung mehr. Seit der Wanderung weiß ich: hat sie sehr wohl. Das konnte ich sehr gut an den Emotionen ablesen, die mich auf der Wanderung ereilten: von Freude und Dankbarkeit bis Trauer und Wut war alles dabei, das ganze Spektrum.
Ich denke, auf die neue Arbeit bezogen lohnt es sich, einmal einen Schritt zurück zu gehen und sich zu fragen: was beeinflusst mich, und wenn nur indirekt?

Was sind meine Automatismen, die Programme, die bei mir ablaufen?

Wie-die-Dinge-sein-sollten

Ich denke, eine der größten Blockaden, die wir uns selbst aufstellen, sind die Bilder im Kopf, wie genau etwas auszusehen und zu sein hat. Ich selbst litt unter einer jahrelangen Schreibblockade, und zwar nicht vor dem weißen Blatt Papier, sondern weil ich ein völlig unrealistisches Bild vom Schreiben hatte, das mit meinem Alltag rein gar nichts zu tun hatte. Das hat sich seit der Wanderung verändert. Ich habe in allen möglichen Situationen und Lebenslagen geschrieben, jeden Tag. Von dem Energieschub zehre ich bis heute.

Etappe 48: Warum nicht ein Auto im Vorgarten?

Was willst du wirklich, wirklich tun? Gerade wenn es etwas ist, das weit weg vom Alltag ist, lohnt es sich, kritisch auf die Bilder im Kopf zu schauen und sich zu fragen, ob sie einem nicht gerade im Weg stehen, statt ein Ziel zu sein.

Was kannst du jetzt tun?
Was ist die MVP Version*?

Angst

Zuletzt noch zu einem Thema, das mich auf der Wanderung überrascht hat. Die mit Abstand häufigste Frage, die mir jeder gestellt hat, egal ob vor, während, oder nach der Wanderung, war diese: Hattest du keine Angst?
Als ich das erste Mal gefragt wurde, habe ich ehrlich zurück gefragt: Wovor denn?

 

Etappe 8: Auch so sieht die ehemalige Grenze manchmal aus — andernorts ist sie vollkommen verschwunden.

Doch die Angst, nach der gefragt wird, ist nicht die Angst vor wilden Tieren (auf der oben gezeigten Etappe bin ich frühmorgens in Neustadt-Schierschnitz von einem Hund angegriffen worden, und hatte wirklich Glück, dass nichts passiert ist), vor Unfällen (am Grünen Band folgt man dem Kolonnenweg, Lochbetonplatten, in denen man ganz hervorragend umknicken kann), oder davor, sich zu verlaufen (was leider häufig vorkam, es ist eben nicht so, dass man einfach 1.400km der Grenze folgt und dann an der Ostsee ankommt). Die Angst, die gemeint ist, ist eine andere. Und sie betrifft vor allem Frauen. Rebecca Solnit spricht in Wanderlust [6] von dem Gefühl, eine Beute zu sein, die vor allem Mädchen eingeimpft wird — bis heute.
Und je öfter man gefragt wird, ob man keine Angst hat, umso wahrscheinlicher ist es, dass man anfängt, sich tatsächlich Sorgen zu machen, obwohl vorher keine da gewesen waren. Und ich denke, das gilt für das Wandern wie für die Arbeit, gerade die Neue.

Wovor denn?

Was soll uns denn passieren? Wir haben das Privileg, in einem Land voller Möglichkeiten zu leben, wie viel schöner wäre es, diese in den Mittelpunkt zu stellen?

Ankommen & weitergehen

49 Etappen, 1.335 Kilometer. Hab ich das wirklich gemacht?

Am 14.6. bin ich tatsächlich im Ostseebad Boltenhagen, dem Endpunkt der ehemaligen Grenze zwischen den deutschen Ländern, angekommen. 1.335 Kilometer, 49 Etappen zwischen 15 und 40 Kilometern. Auf meiner Wanderung hatte ich einen einzigen Tag mit einem (in Zahlen: 1) richtigen Regenschauer, so dass ich den ebenfalls neu erstandenen Poncho genau ein einziges Mal auspacken konnte. Ich bin durch beinahe alle deutschen Landschaften gelaufen, Rhön und Harz, dem Brocken, Elbe, Heide, alles war dabei. Begegnet bin ich nicht vielen, denn die Grenze ist bis heute menschenleer. Von den Eindrücken, die ich mitgenommen habe, könnte ich sicher mehrere Stunden problemlos reden. Aber eine Sache steht besonders hervor: Geschwindigkeit.

Auf der Wanderung hatte ich anfangs Probleme damit, dass es einerseits unfassbar langsam voranging, andererseits der Kilometerzähler erstaunlich schnell wuchs. Doch irgendwann kam die Erkenntnis: es ist nicht “zu” schnell oder “zu” langsam.

Es ist genau richtig.

Darüber wurde sicher schon viel geschrieben, das Gehen ist so etwas wie die natürliche Geschwindigkeit. Ich hatte nach der Wanderung Probleme, wieder in Köln anzukommen, alltägliche Dinge wie Radfahren oder die Bahn zu nehmen, fielen mir schwer. Weil das gehen einfach so viel passender war. Allein für diesen Gedanken bin ich unendlich dankbar.

Aber was ist nun mit der Sache, dem wirklich, wirklich tun wollen? Ich denke, das Zauberwort ist weder das erste noch das zweite ‘wirklich’ in der Fragestellung. Auch nicht das ‘ich’ oder das ‘machen’/’tun’. Es ist das ‘wollen’. Das ist der Startpunkt, jedenfalls war es meiner: was sind eigentlich die vielen diffusen ‘wollen’ in meinem Kopf, und ist nicht jedes einzelne davon erst einmal eine Option? Wenn ich dort anfange, dann fehlt mir nichts, dann haben andere nicht mehr als ich, dann brauche ich auch keine Angst zu haben. Und: wenn ich das Bild, wie ‘es’ auszusehen hat, selbst definiere, bin ich frei, es einfach zu machen, weil es es wirklich, wirklich will.


 

Anja Kässner ist Workshopmacherin und Digitalstrategin aus Köln. Sie hatte am 24. November 2018 die Möglichkeit, auf dem intrinsify Pathfinder Festival in Berlin zu sprechen, woraus dieser Beitrag entstand. Der Beitrag erschien zuerst hier auf medium.com 

 

*Minimum Viable Product (MVP)= der Begriff wird im agilen Management für ein Produkt benutzt, das minimal funktionsfähig ist und mit wenig Aufwand die Bedürfnisse von Kunden und dem Markt erfüllt.