Smart Learning Environments

Sirkka Freigang hat als Beraterin bei Bosch Software Innovations die spannende Aufgabe, Smart Learning Services zu (weiterzu-)entwickeln. Wir haben mir ihr über den aktuellen Entwicklungsstand und die Herausforderungen und Chancen der nahen Zukunft gesprochen.

Liebe Sirkka, du bist die treibende Kraft bei Bosch Software Innovations, die für Smart Learning Environments zuständig ist. Sag uns doch zum Einstieg, was genau Smart Learning Environments sind.

Unter Smart Learning Environments versteht man intelligente und hybride Lernumgebung, die das lebenslange Lernen am Arbeitsplatz fördern. Dabei lösen sich die bekannten Brüche zwischen formalen und informellen Lernsettings auf. Es gibt fließende, also hybride Übergänge zwischen analogen und digitalen Lernformen. [1] Kurz: Es gibt Mischformen des Lernens, die weder rein analog, noch rein digital sind. Lernen und Arbeiten werden zukünftig immer weiter verschmelzen, indem z.B. durch Augmented Reality (AR) direkt am Arbeitsplatz oder auf dem Shopfloor gelernt werden kann.

Arbeitsplatzintegriertes Lernen erhält vor dem Hintergrund der Digitalisierung einen enormen Stellenwert, da zum einen neue Technologien wie IoT (Internet of Things), AR, MR (Mixed Reality), VR (Virtual Reality)das Lernen am Arbeitsplatz leichter zugänglich machen und zum anderen daher, weil rein formale Weiterbildungsangebote, die oftmals nur ein bis zweimal jährlich in Präsenz stattfinden, die Employability der Belegschaft künftig nicht mehr sicherstellen können. Wir brauchen neue Lernkonzepte wie z.B. Smart Learning Environments, die sich auf das lebenslange Lernen fokussieren und hierfür modernste Technologien am Arbeitsplatz oder in Lerngegenstände integrieren.

Das Besondere bei Smart Learning ist, dass eben nicht wie vielfach gedacht um rein digitale Lernformen geht. Es geht vielmehr darum, die digitale und analoge Lernwelt zu verbinden und aus beiden Welten etwas Neues zu innovieren. Es geht um hybrides Lernen, wo die Grenzen fließend sind und die konkreten Lernerfahrungen im Mittelpunkt stehen. Ein wichtiger Leitgedanke stammt von Paul Solarz [2]:

CREATE EXPERIENCES – NOT LESSONS

Bei Smart Learning geht es darum, auf Basis lerntheoretischer Erkenntnisse das Lernen insgesamt effektiver gestalten zu können, z.B. dadurch, dass der konkrete Bezug zur Tätigkeit am Arbeitsplatz deutlich wird. Es geht um ein strategisch verankertes und wirksames Konzept, das an die vorhandene Lern- und Unternehmenskultur anknüpft, persönliche Lernumgebungen fördert, didaktische Vielfalt gestaltet, physische wie digitale Lernräume einbindet und letztlich neue Technologien integriert. Die Technik spielt dabei eine nachgelagerte Rolle. Im Kern geht es um die Lernenden selbst.

Zusammenfassend kann man sagen, dass mit Smart Learning Environments zwei Ziele verfolgt werden:

ZIEL 1: Hybridisierung: Ein fließender Übergang zwischen digitalen und analogen Lernprozessen

ZIEL 2: Bedarfsorientiertes Wissen “on demand”: Die richtigen Informationen, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und auf die richtige Art und Weise.

Kannst du uns an einem Beispiel verdeutlichen, wie eine solche SLE ganz konkret aussehen könnte?

Die Herausforderungen zwischen Ziel 1 und Ziel 2 variieren sehr stark. Während das erste Ziel wie bereits erläutert relativ einfach mittels AR und anderer digitaler Tools in die Praxis transferiert [3] werden kann, gibt es beim zweiten Ziel datenschutzrechtliche, technische wie auch finanzielle Herausforderungen.

Um Ziel 2 zu erreichen, müssen Smart Learning Environments idealtypischer Weise kontextbezogene Informationen (via IoT) erheben [4], diese mit digitalen Lernprozessen verknüpfen und mittels AI (Artificial Intelligence) auswerten, so dass ein intelligentes Umfeld im Sinne eines digitalen Lernassistenten aktiv werden kann. Smart Learning Environments in einem derart hohen Reifegrad gibt es in dieser komplexen Form derzeit noch nicht. Es gibt zwar einzelne Elemente wie z.B. Bots, 3D und AR Lösungen sowie erste intelligente Systeme und Prototypen, die z.B. im Rahmen von Forschungsvorhaben [5] über 3 Jahre hinweg entwickelt wurden, aber es fehlt an übertragbaren I[o]T-Lösungen sowie an generalisierbaren Best-Practice Ansätzen. Das könnte sich aber in den nächsten 5-10 Jahren drastisch ändern.

Meiner Meinung nach stehen wir aktuell an einem Wendepunkt, wo aus den Science-Fiction Romanen aus den 40/50er Jahren (vgl. z.B. Robby the Robot von Isaac Asimov) nach und nach Realität werden könnte.

Die Idee, dass eingebettete „Minicomputer“ oder Roboter die Menschen unauffällig in ihrem Alltag unterstützen hat viele visionäre Vorläufer, welche nicht nur aus dem Science-Fiction Genre bekannt sind. Mark Weiser [6] beispielsweise war ein US-amerikanischer Wissenschaftler (1952-1999) aus den Bereichen Informatik und Kommunikationswissenschaften, der o.a. Visionen sehr detailliert in seinem bekannten Aufsatz „The Computer for the 21st Century“ aus dem Jahr 1991 formulierte. In diesem Zusammenhang werden oft auch Begriffe wie Pervasive Computing und Ubiquitous Computing genannt, welche sich auf eine allesdurchdringende Vernetzung des Alltags durch den Einsatz intelligenter Gegenstände und auf eine allgegenwärtige Informationsverarbeitung beziehen. Mark Weiser (1991, S. 94) beschreibt dies bereits vor knapp 30 Jahren folgendermaßen:

“Specialized elements of hardware and software, connected by wires, radio waves and infrared, will be so ubiquitous that no one will notice their presence.”

Anhand eines Beispiels beschreibt Weiser, wie eine Person am Wochenende in der Zeitung einen interessanten Absatz liest und diesen mittels Kugelschreiber digitalisiert und per E-Mail ins Büro schicken lässt. Derartige Use Cases auf Basis ubiquitärer Technologie sind heute bereits umsetzbar, die darüber hinaus die oft geforderte Verbindung von informellen und formalen (Lern-)Settings fördern können.

Fazit: Die von Weiser bereits 1991 skizzierte Vision eines allumfassenden intelligenten Arbeitsplatzes ist meiner Meinung nach nicht mehr allzu weit entfernt. Man denke hier nur mal an die aktuellen Entwicklungen im Bereich der autonomen Fahrzeuge, Smart City Konzepte oder intelligente Car-Sharing Start-Ups. Viele Beispiele, die Weiser damals beschrieben hat, sind bereits heute prototypisch umsetzbar. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Smart Writing Systems, Kollaborations- Interaktions- und Visualisierungs-Applikationen, es gibt Smart Furniture, Flic Buttons, Touchables, Tangibles, 360 Grad Kamerasysteme u.v.m. und natürlich eine Vielzahl an Sensoren und Aktoren, mit denen das Umfeld im Auto, der Stadt oder die aktuelle Situation im Büro erkannt werden können. Bestenfalls in Vernetzung und Abhängigkeit gängiger Kommunikationssysteme, so dass ein digitaler Lernassistent zu einer kontinuierlichen Unterstützung im Arbeitsumfeld beitragen könnte.

Die Herausforderung besteht nun darin, gute Konzepte und sinnvolle sowie werthaltige Use Cases zu generieren. Genau darum wird es auch in unserem ersten Smart Learning Barcamp am 28.09.2019 am Bosch IoT Campus [7] in Berlin gehen. Wir müssen uns quasi eine wünschenswerte Zukunft ausdenken, damit wir diese auch gestalten können.

Wie wäre es beispielsweise, wenn zukünftig alle Mitarbeitenden in einem Unternehmen eine eigene Lernumgebung [8](PLE) hätten, die alle untereinander vernetzt wären, man kontinuierlich voneinander lernen könnte und man z.B. einen Hinweis bekäme, wenn ein Kollege/ eine Kollegin eine interessante Studie / Präsentation auf ihrem Profil abgelegt hat. Oder wenn man eine Information erhalten würde, sobald es einen relevanten neuen Hashtag auf Twitter oder dem ESN [9] gibt, der in direktem Bezug zur ausgeübten Tätigkeit als HR Expert steht, da es z.B. ein neues HR Barcamp am Wohnort gibt.

Wie wäre es, wenn man im industriellen Bereich durch IoT-basierte Lernsysteme informiert würde, warum, wie und wann eine Maschine / ein Roboter gewartet werden muss. Wenn man zudem über Augmented Reality lernen könnte, welches Update bereits erfolgt ist und welche Auswirkungen dies nun auf die Maschine sowie die Produktion hat?

Technologien wie Cloud Systeme, IoT, AR, VR, AI etc. bilden nur den Rahmen, indem wir uns zukünftig als lernende Individuen bewegen können. Es liegt an uns selbst, diese Zukunft aktiv mitzugestalten, uns einzubringen, zu diskutieren und auch kritisch zu hinterfragen. Kritik alleine reicht an dieser Stelle allerdings nicht aus, wir brauchen konstruktive Vorschläge, wie ein wertvolles Miteinander in der Zukunft aussehen kann und wir sollten wissen, welche Szenarien wir aktiv gestalten wollen und welche nicht.

Was für Kunden habt ihr? Und wie unterstützt du eure Klienten auf dem Weg zu einer solchen SLE und wie weit ist der Weg?

Wir beraten intern die Bosch-Gruppe sowie auch extern. Mit den Smart Learning Services adressieren wir überwiegend HR-Abteilungen und Weiterbildungsverantwortliche. Unsere Kunden weisen dabei ein breites Spektrum der Branchen auf. Von Industrie, Consulting, Verlagswesen bis hin zu öffentlichen Bildungsinstitutionen ist unsere Klientel sehr vielfältig.

Unsere Beratungsansätze sind dementsprechend breit angelegt, so dass wir hier sehr kundenspezifisch vorgehen können. Wir unterstützen beispielsweise in der Konzeption und Durchführung von Learning Journeys, Future Talks, Open Spaces, Merge Cube Experiences [10] oder kompletter Smart Learning Design Sprints, wo es darum geht, nicht nur einen Impuls zu setzen, sondern ein unternehmensspezifisches Smart Learning Environment zu entwickeln.

Was alle unsere Beratungs- und Workshopangebote gemeinsam haben, ist unsere wissenschaftlich fundierte und ganzheitliche Herangehensweise. Das bedeutet, dass wir ein Smart Learning Framework entwickelt haben, mit Hilfe dessen wir in der Lage sind, unterschiedliche Einflussbereiche eines Smart Learning Environments systematisch und vor allem in Wechselwirkung zueinander zu analysieren. Konkret arbeiten wir mit 30 Smart Learning Erfolgsfaktoren aus den Bereichen Unternehmenskultur, Nutzerzentrierung, Didaktik, physisches Umfeld sowie Technologie. Die einzelnen Dimensionen werden in einer bestimmten Systematik mittels Reifegradanalyse untersucht und bilden die Basis für unsere Beratungstätigkeit. Dabei sehen wir uns vor allem eher als Facilitatoren, die mit den richtigen Fragen und dem passenden Werkzeug die Kunden selbst zu Bildungsinnovationen beflügeln.

Unser Ziel ist es, den Ansatz von Smart Learning strategisch in den Unternehmen zu verankern. Hierzu bieten wir beispielsweise Strategie Workshops oder Design Sprints [11] an. Ich weise in diesem Zusammenhang auch gerne darauf hin, dass ein Design Sprint der Anfang einer Bildungsinnovation darstellt und nicht das finale Ergebnis.

In Bezug zur Frage, wie lange der Weg ist, würde ich insofern antworten, dass der Weg eigentlich nie zu Ende ist und das ist ja auch das Spannende daran, dass man auf der Reise immer neue Menschen kennenlernen, neue Technologien nutzen und neue Partnerschaften aufbauen kann. Ein Smart Learning Environment würde in diesem Sinne auch nie final fertig sein, sondern es lernt mit seinen Nutzern kontinuierlich mit und passt sich den neuen Gegebenheiten und Lernbedingungen an.

Was glaubst, welche Rolle das Lernen im beruflichen Kontext spielen wird? Und vor allem auch in Zukunft spielen wird?

Bei dieser Frage muss ich etwas schmunzeln, da es für mich als Bildungswissenschaftlerin natürlich auf der Hand liegt, dass das Lernen im beruflichen Kontext Priorität 1 hat. Vor allem im Hinblick auf die Digitalisierung und die sich verändernden Job-Profile und Skills. V:U:C:A [12] lernt man eben nicht an der Uni. Dazu gibt es ja auch etliche Debatten, ob tausende Jobs wegfallen oder eben einfach neue entstehen. Die Grundsatzfrage jedoch bleibt: Wie können wir die Employability auch langfristig sicherstellen? Und hierzu benötigen wir dringend neue Lernkonzepte wie z.B. Smart Learning Environments.

Leider stelle ich in der Praxis oftmals fest, dass Bildung und Lernen eben nicht Priorität 1 hat, sondern eher am Ende rangiert. Das zeigt sich beispielsweise auch an den Budgets, die im Vergleich zu anderen Bereichen niedriger angesetzt sind.

Letztlich weiß jeder, dass wir dringend aktiv werden müssen, aber das setzt eben auch voraus, dass investiert wird und Budgets erhöht werden. Und zwar im wirtschaftlichen wie auch im öffentlichen Bildungsbereich.

Kannst du uns sagen, wie gutes Lernen funktioniert?

Über die Konstitution des Wissens, also wie die Menschen zu ihrem Wissen über die Welt gelangen, gibt es etliche Diskurse und epistemologische Auseinandersetzungen, die bis zu Platons Zeiten zurückreichen. Eine wirklich äußerst spannende Frage, die ich hier wohl leider nur skizzenhaft beantworten kann.

Lernen ist ein maximal komplexer, intrinsischer Vorgang, der bei jedem Individuum letztlich anders ablaufen kann. Pauschale Antworten sind hier schwierig, weil die Menschen unterschiedlich sind, sie unterschiedliche Bedürfnisse, Präferenzen und Vorerfahrungen haben und vor allem auch daher, da der Lernprozess und die kognitiven Abläufe nur bedingt beobachtet und analysiert werden können. Das ist auch der Grund dafür, dass die erziehungswissenschaftliche Wirksamkeitsforschung überschaubar ist. Man kann als Wissenschaftler nur unter sehr bestimmten Bedingungen eine Wirksamkeit überprüfen, die zudem sehr aufwändig ist. Letztlich müssen alle Faktoren eines Lernsettings inklusive individueller “Stimmungslagen” der Lernenden mit Vergleichsgruppen nachgestellt werden, um hier zu validen Erkenntnissen zu kommen. Dabei ist die Anzahl persönlicher wie externer Faktoren, die das Lernergebnis beeinflussen können sehr hoch und führt zu komplexen Herausforderungen im Hinblick auf Identifizierung und Operationalisierung der Items, die gemessen werden sollen. Und genau das wäre ja eine Bedingung für valide Erkenntnisse.

Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive wird an dieser Stelle oftmals die Lerntheorie des Konstruktivismus aufgeführt. Der konstruktivistische Ansatz geht davon aus, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen. Was jemand unter bestimmten Bedingungen lernt, hängt somit stark, jedoch nicht ausschließlich, von dem Lernenden selbst und seinen Erfahrungen ab.

Parallel dazu gibt es umfassende Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung, also aus der psychologischen Disziplin heraus, die insbesondere durch neuere Befunde im Hinblick auf die neurologische Informationsverarbeitung sehr gute Hinweise darauf liefern, wie das Lernen funktioniert und vor allem wie man “gutes, also wirksames und nachhaltiges” Lernen fördern kann, das dann eben auch zu erweiterten Handlungsmöglichkeiten in der Praxis führt. Eben diese lernförderlichen Erfolgsfaktoren aus der Literatur wurden bei der Entwicklung des oben genannten Smart Learning Frameworks destilliert und in einem Framework mit 30 Erfolgsfaktoren [13] gebündelt. Diese nun alle aufzuzählen und zu beschreiben wäre etwas zu umfangreich für diesen Beitrag.

Was man jedoch zusammenfassend sagen kann ist, dass Individuen lernen, wenn sie einen direkten Bezug zum Thema, ihrem Beruf oder ihrem Leben herstellen können, also wenn der Sinn erkennbar wird. Genau das hat mir beispielsweise in der Schule oft gefehlt, wenn ich bzw. Hoch-Tief und Wendepunkte berechnen sollte. Gelernt wird darüber hinaus, wenn man persönlich und emotional involviert ist, wenn etwas Spaß und Freude bereitet oder wenn man sich intensiv mit anderen austauschen kann.


Das Thema „Lernen“ ist dein Steckenpferd, schließlich bist du Diplom-Pädagogin und vor nicht allzu langer Zeit hast du promoviert. Verrätst du uns zu welchem Thema?

Ich habe an der TU Dresden am Fachbereich Bildungstechnologie unter der Betreuung von Prof. Dr. Thomas Köhler promoviert. Als Stipendiatin war es mir möglich, im Rahmen einer Teilzeitanstellung die Dissertation nebenberuflich zu absolvieren. Für diese Möglichkeit bin ich bis heute sehr dankbar.

Thematisch bin ich der Frage nachgegangen, ob und wie man das Internet der Dinge für Lehr- und Lernprozesse in Form von intelligenten Lern- und Arbeitsräumen nutzen kann. Der Titel lautete:

Gestaltung intelligenter und hybrider Lernräume durch Anwendung des Internet der Dinge auf Lehr- und Lernprozesse. Entwicklung eines didaktisch fundierten Konzepts auf Grundlage eines interdisziplinären Diskurses. 

Das explorative Forschungsvorhaben basierte auf einer interdisziplinären Verschränkung aus Bildungswissenschaft, Informatik und Architektur. Wer mehr darüber wissen möchte, kann einiges dazu auf meinem Blog [14] nachlesen.

Was interessiert dich besonders an der Verbindung von Lernen und Digitalisierung?

Was mich an der Digitalisierung begeistert sind eigentlich 2 Dinge:

  1. Es gibt plötzlich eine Vielzahl an neuen Technologien, die das Lernen zu einem Erlebnis machen können. Das ist vor dem Hintergrund der Wirksamkeit ein spannender Aspekt. Immersives Lernen ist erst möglich, seitdem wir viele verschiedene AR, MR, VR Lösungen einsetzen können, die zudem nicht teuer sein müssen. Ein gutes Beispiel ist der Merge Cube, mit dem man seine eigene 3D Welt erschaffen kann. Dabei lernt man quasi nebenbei mit den neuen Technologien umzugehen und kann parallel dazu seinen eigenen Lerninhalt als 3D Modell entwickeln. Für Lerndesigner ist das die erste Möglichkeit, eigenen AR und VR Inhalt zu erstellen. [15] Sowas wäre vor 5 Jahren komplett undenkbar gewesen. Und die Anzahl derartiger Applikationen wird in den nächsten Jahren um ein Vielfaches ansteigen. Es wird immer bessere Lösungen zu besseren Konditionen geben. Das ist alles erst der Anfang.
  2. Die Vielzahl an Möglichkeiten ist gleichzeitig eine Herausforderung. Wir brauchen sinnvolle Konzepte und Strategien, um die Möglichkeiten auch sinnvoll und nachhaltig nutzen zu können. Was mich daran begeistert ist die Innovationskraft, die damit einhergeht. Wir können uns die Zukunft so gestalten, wie wir es wollen. Das ist einerseits beängstigend, birgt aber auch ein sehr großes Potenzial für Lehrende und Lernende, um den Bildungsbereich endlich zeitgemäß und innovativer ausrichten zu können.


Kannst du uns zum Abschluss noch einen Einblick in euer Smart Learning Toolkit geben, das du auf der LEARNTEC 2019 vorgestellt hast?

Das Motto unserer Arbeit lautet CREATE EXPERIENCES NOT LESSONS. Diesem Prinzip folgend nutzen wir unterschiedliche Arten von digitalen und analogen Tools verbunden mit dem Ziel, wirksame Lernerfahrungen zu ermöglichen. Das Smart Learning Toolkit kombiniert analoge Materialien mit digitalen Features. In diesem Zusammenhang spreche ich dann von „hybriden Lernwerkzeugen“, da physische und digitale Lernwelten verschmelzen. Wir haben beispielsweise eine multimediale Vernissage entwickelt, die dazu dient, sich selbstgesteuert mit dem Thema Smart Learning vertraut zu machen, um dann anschließend in einer Gruppenarbeit darüber zu reflektieren. Hierfür nutzen wir dann klassische Barcodes oder auch unsere Bosch AR Maker Applikation, die dann die von uns hinterlegten Zusatzinformationen (zum Beispiel Videos) auf die Plakate, Canvases, Tische etc. projiziert.

Das Smart Learning Toolkit besteht im Wesentlichen aus den folgenden Bestandteilen:

  • Hybride Vernissage
  • Bosch AR Maker APP
  • Bosch Merge Cube APP
  • Merge Cubes (auch in XXL)
  • Merge VR Brille
  • Smart Learning Escape Game (sowie weitere Spiele)
  • Smart Learning Framework
  • Smart Learning Design Canvas
  • Smart Learning Cards
  • Augmentierter Smart Learning Quick Start up Guide
  • Smart Learning Whitepaper

Parallel dazu nutzen wir aber auch andere (OER)-Tools [16] und zwar immer in Abhängigkeit dessen, was wir gerade benötigen. Das können ausdruckbare Templates, also analoge Tools sein wie z.B. die Lernkarten vom Education Innovation Lab oder die SAP Scenes, die wir gerne zur Inspiration bzw. zum Prototyping in Workshops nutzen. Natürlich gehören aber auch Dinge wie Lego Serious Play oder die Ozobots dazu. Letztlich verwenden wir gerne kreative Tools, die dazu beitragen, die Inhalte begreifbar und erlebbar zu machen.

Rein digitale Tools gehören natürlich auch dazu, wie zum Beispiel Kahoot oder Mentimeter, womit wir interaktive Sessions anleiten. Immer wichtiger werden auch Tools, die das Visualisieren unterstützen. Um Mindmaps zu erstellen gibt es viele unterschiedliche Tools, die im Team oder auch alleine verwendet werden können. Relativ neu sind virtuelle 3D Welten mit Avataren zum Brainstormen oder gemeinsamen Visualisieren.

Mein Favorit im Bereich der Visualisierung ist Easel.ly. Damit kann ich in nur fünf bis zehn Minuten eine schicke Infografik erstellen. Es gibt so viele nützliche Tools, die ich hier garnicht alle aufzählen kann. Grundsätzlich empfehle ich, Toolsammlungen von T3N, Jane Hart oder Robin Good zu sichten und sich diejenigen zu vermerken, die für einen selbst relevant sein könnten. Das kann allerdings etwas zeitaufwendig werden, allein die Toolsammlung von Robin Good enthält über 600 Tools.


Dr. Sirkka Freigang ist Beraterin bei Bosch Software Innovations und verantwortlich für die Smart Learning Services. Als Leiterin des Bereiches entwickelt sie Konzepte, die das lebenslange Lernen am Arbeitsplatz fördern. Sie berät im Rahmen von Innovationsworkshops aber auch Kunden bei der strategischen Implementierung und begleitet als Facilitator die Smart Learning Co-Creation-Prozesse. Als Herausgeberin eines Weblogs teilt sie ihre Erfahrungen über das Internet der Dinge und vernetzte Wissenswelten.

 


Anmerkungen

[1] Freigang, S., Schlenker, L., & Köhler, T. (2018). A conceptual framework for designing smart learning environments. Smart Learning Environments, 5(1), 27. https://doi.org/10.1186/s40561-018-0076-8

[2] Solarz, P. (2015). Learn like a pirate: Empower your students to collaborate, lead, and succeed. Dave Burgess Consulting, Incorporated.

[3] Weitere konkrete Beispiele, wie Smart Learning in der Praxis mit 3D Hologrammen, einer hybriden Vernissage oder interaktiven Infografiken aussehen kann, sind in einem Artikel auf LinkedIn beschrieben: https://www.linkedin.com/pulse/smart-learning-der-praxis-sirkka-freigang-1f/ 

[4] Lei, C.-U., Wan, K. & Man, K. L. (2013). Developing a Smart Learning Environment in Universities via Cyber-Physical Systems. In: Procedia Computer Science, 17, 583–585.

[5] Vgl. Projekt EEXCESS: http://eexcess.eu/

[6] Weiser, M. (1991). The Computer for the 21 st Century. Scientific American, 265(3), 94–105.

[7] Weitere Informationen zum Barcamp auf unserer Homepage: https://www.bosch-si.com/de/services/ueberblick/smart-learning/smart-learning.html?tab=2 

[8] Auf Personal Learning Environments (PLE) bauen Smart Learning Environments auf

[9] Enterprise ESN

[10] vgl. Blogpost:https://sirkkafreigang.com/2019/01/27/augmented-reality-mit-dem-merge-cube/ 

[11] Mehr Informationen zu den Smart Learning Services von Bosch Software Innovations gibt es Online: https://www.bosch-si.com/services/overview/smart-learning/smart-learning.html 

[12] VUCA Welt (Volatility, Uncertainty, Complexity & Ambiguity // Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit) 

[13] Nähere Informationen zum Framework und den 30 Erfolgsfaktoren gibt es in folgender Publikation: Freigang, S., Schlenker, L., & Köhler, T. (2018). A conceptual framework for designing smart learning environments. Smart Learning Environments, 5(1), 27. https://doi.org/10.1186/s40561-018-0076-8 

[14] https://sirkkafreigang.com/

[15] https://miniverse.io/home

[16] Open Educational Resources (OER)