Die Neuentdeckung der Stille

Quelle: Photo by Kristina Flour on Unsplash

Was hört man, wenn man nichts mehr hört? Alles.

Diese Erfahrung habe ich in mir eindrücklichster Weise als junger Erwachsener auf einer Tramp-Reise mit einem Freund in Irland gemacht: In einem entlegenen Teil Donegals, des wildromantischen Nordwestens des Landes, tauchten wir bei einer Übernachtung im Freien in eine vollkommene, entrückte Stille ein, wie ich sie nicht wieder erlebt habe. Sie kam über uns in einer zum Himmel offenen Burgruine oberhalb einer weitläufigen, sandigen Bucht am Atlantik, als wir uns mit unseren Schlafsäcken zur Nacht hingelegt hatten.

Zunächst schien alles normal: das letzte Licht des Tages wich, das Meer beruhigte sich. Aber dann wurde es so still, als würde jemand den Ton abdrehen. Mit dem Licht war es genauso: es war auf einmal weg! Total silence, pitch black. Und dann raschelte es! Und nochmal! Und wurde wieder verschluckt. Aber das war kein Tier auf nächtlicher Fährte, es waren unsere Schlafsäcke, zu Klangkörpern transformiert. Jedes noch so kleine von uns erzeugte Geräusch trat hervor wie auf einer eigenen Tonspur. Das letzte Wort in diesem verblüffenden Stück hatte ein Vogel, der im Vorbeifliegen mit einem einzigen Laut diese pechschwarze Stille zerriss.

John Cage, so hörte ich neulich in einem Vortrag über Meditation und Stille, suchte einmal in einem schalltoten Raum nach absoluter Stille – und fand sie nicht, denn sein eigener Herzschlag durchtönte sie.

Äußere Stille ist das eine, innere Stille das andere. Damals in Irland hatte ich noch kein tiefes Bewusstsein von der inneren Stille, das kam erst später, auf meinem mittlerweile viele Jahre währenden Weg mit der Achtsamkeit. Heute bin ich so stille-erfahren, dass ich äußere und innere Stille nicht nur suche und finde, sondern mir Stille auch besonders auffällt, wie etwa letztens in einem von mir co-moderierten Workshop: Am Ende von zwei anstrengenden und erfolgreichen Tagen mit dreißig Beteiligten setzte der Projektleiter im Plenum zum Schlusswort an und hielt plötzlich inne. Er schaute in die Runde, lächelte, schaute zu Boden, dann wieder in die Runde, lächelte nochmal. Das dauerte zusammen vielleicht zehn Sekunden, dann bahnte sich das Lachen einzelner und schließlich der ganzen Gruppe durch die Stille und belohnte alle.

Stille, gekonnt und von Herzen eingebracht, kann unser Zusammenarbeiten, kann „New Work“ bereichern. Sie kann in Meetings oder Workshops zur Sammlung und Besinnung genutzt werden. Sie kann kreativen Raum fördern und schaffen. Sie kann in Form besonderer physischer Räume wirken, die äußere Stille bieten und innere Stille einladen.

Innere Stille stellt sich nicht automatisch durch äußere Stille ein. Das legt Doris Zölls, spirituelle Leiterin des Benediktushofs, in dem bereits erwähnten Vortrag mit dem Beispiel der Eremitin dar, die in ihrem unberührten Wald keine Stille findet, da es in ihr „laut“ ist. Das „Geschwätz“ unserer Gedanken könne leicht jede Stille übertönen, sie müssten erst „gezähmt“ werden. Ein guter Weg zu innerer Stille führt über das ruhige, genussvolle Atmen: „Einatmend genieße ich meinen Atem, ausatmend entspanne ich meinen Körper.“ Der Atem wird ruhiger, Körper und Geist werden beruhigt, die Gedanken weniger, beruhigende Stille kehrt ein.

In der Ruhe und Stille liegt die Kraft, so wäre das Sprichwort vielleicht abzuwandeln. Und was für eine Kraft darin liegen kann, schöpferische Kraft! Das ist in dem Film „Silence“ mit Adam Ondra, einem der besten Kletterer der Welt, äußerst eindrucksvoll zu sehen und zu spüren. Es geht um nichts geringeres als die Erstbegehung der schwersten Kletterroute der Welt. Diese Konzentration! Diese mentale Stärke – sicher trainiert Adam auch seinen Geist! Diese Ruhe und Stille vor dem großen Moment, dem Überwinden des entscheidenden „Crux“! Seine Verlautbarungen der Anspannung und Entspannung machen die Stille und die enorme Größe des Ortes wie auch seiner Aufgabe nur noch größer. Und wenn die Kamera schließlich das ganze Ausmaß zeigt, wirkt die Stille fast universell. Silence!

lutz

von

Hallo! Ich bin Lutz, Companion bei LES ENFANTS TERRIBLES und Gründer von GROOVIN‘ ORGANIZATION. GO inspiriert, verbindet und bewegt mit außergewöhnlich-innovativen Interventionen, bei denen Musik, Improvisation und Music Thinking eine zentrale Rolle spielen. Ich liebe die Natur, Achtsamsein und Musizieren.

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