Bist du mutig genug für Teilzeit?

Ab heute möchte ich weniger arbeiten, lautete meine Entscheidung. Ich war in mich gegangen, hatte meine bisherige berufliche Laufbahn evaluiert und mich gefragt, wie es weitergehen sollte? Ohne es zu wissen, stoß ich damit einen Prozess an, der zur Gründung von happierjobs.org führte, einer Job-Börse exklusiv für Karriere in Teilzeit.

Riaan Stipp gründete happierjobs.org.

Ich mochte meine Arbeit. Eine Tendenz zur Faulheit hatte ich auch nicht. Phasenweise glich mein Arbeitsstil sogar eher dem eines Workaholics.

Ich hatte mich einfach nur dafür entschieden, weil ich merkte, dass vieles in meinem Alltag zu kurz kam. Neben Hobbies, wünschte ich mir mehr Zeit für Freunde und Familie. Und, entgegen meines eigenen Wunschs, soll man ja auch noch Sport machen!

So begann ich meine Jobsuche mit zwei Bedingungen. Erstens, ich wollte weiterhin als Produktmanager arbeiten. Und zweitens, sollte es in Teilzeit sein. 30 Stunden pro Woche klangen gut.

Zeitgleich machte ich mich mit dem Thema Teilzeit vertraut. Allein mit meinem Wunsch danach war ich nicht. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitut Toluna von 1004 Deutschen gaben 55% der Befragten an, gerne nur vier Tage die Woche zu arbeiten, auch wenn damit ein geringeres Gehalt einherginge. Das sind nochmal sechs Prozentpunkte mehr als im Vergleich zu 2018: 49%.

Dass dieses Ergebnis auch für Menschen in der Führungsetage gilt, zeigen Boris Golfer Consulting und Professorin Erika Regnet von der Hochschule Augsburg. Ihre Befragung von mehr als 500 Fach- und Führungskräften im deutschen Raum ergab, dass zwei Drittel der jüngeren Manager unter 35 Jahren sich eine Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden wünschten.

Wichtig ist, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit nicht umbedingt zu einer Reduzierung des Outputs führt. Untersucht wurde dies beispielsweise in Neuseeland. Ein Unternehmen reduzierte seine Arbeitswoche von fünf auf vier Tage bei gleichbleibendem Gehalt. Trotz der geringeren Arbeitszeit war die Gesamtleistung des Unternehmens konstant und zeitgleich verbesserte sich das Wohlbefinden der Mitarbeiter*innen.

Ein ähnliches Beispiel findet man auch in Deutschland. So führte Lasse Rheingans den Fünf-Stunden-Tag bei seiner Agentur Digital Enabler ein. Gerade das Agenturgeschäft ist berüchtigt für fordernde Kunden, einen hohen Arbeitsdruck und viele Überstunden. Trotzdem ist der Wechsel gelungen. Wichtige Voraussetzung ist jedoch, dass alle Angestellten zu einer produktiveren Arbeitsweise beitragen.

Eigentlich wurde vor fast einhundert Jahren schon die flächendeckende 15 Stundenwoche bis 2030 prophezeit. Nicht von irgendeinem arbeitsfeindlichem Revolutionär, sondern von John Keynes, dessen Ideen noch heute in allen Wirtschaftsfakultäten gelehrt werden. Der immense technische Fortschritt würde, so meinte er, in drastisch reduzierten Arbeitszeiten resultieren.

Die Prophezeiung entstand zu einer Zeit in der Henry Ford sich entschied die Arbeitszeit von 60 auf 40 Stunden pro Woche zu reduzieren. Ein riesiger Schritt, der sich aber mit erhöhter Produktivität auch als wirtschaftlicher Erfolg erwies.

Trotzdem wird Keynes Prophezeiung wohl nicht eintreten. Der Trend hat sich sogar umgedreht. „Deutsche Arbeitnehmer arbeiten nicht weniger als vor 30 Jahren, sondern tendenziell eher mehr.“ Behauptet Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig.

Dabei scheinen die Ergebnisse positiven Auswirkungen kürzerer Arbeitszeiten auf Angestellte sowie auf Unternehmen wissenschaftlich bewiesen zu sein. Angestellte arbeiten produktiver, kreativer, haben weniger Fehlzeiten, fühlen sich stärker mit ihrem Arbeitgeber verbunden und sind zufriedener. Diese Argumente werden sogar von Experten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgetragen.

In der Realwirtschaft kommen die Argumente jedoch nicht an. So gestaltete sich meine Job-Suche schwierig. Interesse von Unternehmen war da, aber das mit der Teilzeit mache man nicht, erklärte man mir. Ab einem gewissen Karriere Level würde die 40-Stundenwoche-Einheitsarbeitszeit von allen erwartet. Teilzeit schien auf andere Tätigkeitsfelder beschränkt zu sein.

Aus dieser enttäuschenden, aber lehrreichen Erfahrung heraus, entschied ich mich kurzerhand happierjobs.org zu gründen. Mein Ziel lautete (und lautet auch noch heute): Menschen, die gerne Karriere in Teilzeit machen möchten, mit passenden Unternehmen zusammenzubringen, die dies ihren Mitarbeiter*innen auch tatsächlich ermöglichen.

Ausgangspunkt ist nun eine Job-Börse in der ausschließlich Positionen in Teilzeit ausgeschrieben werden. Das größere Ziel dahinter ist es jedoch ein Bewusstsein für die vielen Vorteile von Teilzeit zu schaffen. Deswegen wird viel Wert auf die aktive Kommunikationsarbeit über soziale Medien gelegt.

Die positive Resonanz und die hohen Clickzahlen zeigen, das Interesse von Angestellten ist da. Hinzukommt auch, dass ich über direkte Kommunikation erfahre: Viele Menschen sind bereit ihren Arbeitgeber zu wechseln, wenn der neue ihnen eine Karriere in Teilzeit ermöglicht. Denn in ihren aktuellen Unternehmen wird Teilzeit immer noch als Karriere-Killer abgetan und behauptet, das sei nur etwas für „Minderleister“.

Das geht so weit, dass Fans von Happierjobs.org angeben, die Seite nicht zu unterstützen (z.B. durch ein „Like“ auf Facebook), da sie Konsequenzen bei aktuellen oder zukünftigen Arbeitgebern befürchten. Dies erwies sich leider als herber Rückschlag für meine Arbeit. Ich hatte erhofft, dass eine positive Resonanz zu aktiver Weiterverbreitung führen würde. Dies macht die Bekanntmachung der Plattform zu einer besonderen Herausforderung.

Ich versuche, diese Herausforderung als Motivator wahrzunehmen. Wenn Menschen fürchten müssen, ihre Karriere zu ruinieren, nur weil sie Teilzeit als eine berufliche Option anerkennen, ist dringend ein gesellschaftliches Umdenken notwendig. Ein radikales Umdenken. Dementsprechend habe ich die Mission von happierjobs.org mit „Teilzeit-Revolte“ betitelt.

Letztes Jahr ist die 40-Stundenwoche 100 Jahre alt geworden. Ich denke, ein guter Zeitpunkt, um über dieses Arbeitszeitmodell zu reflektieren. Uns selbst zu fragen, wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Die Forschung bietet uns das Wissen, jetzt fehlt nur noch der Mut.

Henry Ford oder auch Lasse Rheingans hatten den Mut drastisch die Arbeitszeit zu reduzieren und wurden dafür belohnt.

Und, bist du mutig genug?



Diesen Beitrag schrieb Riaan Stipp. Der freiberufliche Produktmanager aus Berlin, Jahrgang 1987, ist auf die Entwicklung neuer digitaler Produkte in schnellen, agilen Innovationsprozessen spezialisiert. Im vergangen Jahr hat er in seiner Freizeit happierjobs.org gegründet und ist auf dem Amazonas quer durch Südamerika gereist.