Hochsensibel? Ich?

Quelle: Photo by Emile Séguin on Unsplash

Was ist Hochsensibilität?
Was soll das?
Und was hat das mit New Work zu tun?

Schon in den 1930ern hat Eduard Schweingruber in seinem (leider vergriffenen) kleinen Buch „Der sensible Mensch – Psychologische Ratschläge zu seiner Lebensführung“ über hypersensible Menschen geschrieben. Der Begriff der Hochsensibilität geht auf die amerikanische Psychologin Elaine Aron zurück, die 1997 Ihre umfangreichen Forschungen zu dem Thema im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte. Sie und Ihr Team konnten wissenschaftlich nachweisen, daß bei einigen Menschen – den sogenannten „Highly Sensitive Persons“ (HSP) – Reize intensiver wahrgenommen und aktiver im Gehirn verarbeitet werden als bei anderen.  

Hochsensible sind hochsensibel, sie werden es nicht erst im Laufe ihres Lebens. Und gleichermaßen können sich auch nicht „abhärten“. Sie sind nicht besser und nicht schlechter als „Normal“sensible; sie sind einfach anders und müssen im Zweifel lernen damit bzw. mit sich (gut) umzugehen. Allem voran müssen sie lernen, ihre ganz eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich nicht mit jenen zu vergleichen, die weniger sensibel sind. Das Gute ist, sie haben die „Ausstattung“, die sie brauchen, um sich zu spüren. Konkret reagieren ca. 15-20% einer Gruppe deutlich früher auf Stimulation, sowohl bei Menschen als auch bei Tieren.

Was soll das?
Die Theorie, die sich schon seit Forschungen zu dem Thema durch Iwan Pawlow im letzten Jahrhundert hält, geht wie folgt: Eine Gruppe braucht zum Überleben wenige Mitglieder, die potentielle Gefahren früh wittern und viele Mitglieder, die robust genug sind, um die Gruppe zu verteidigen. Aus der Sicht der Evolution macht es also Sinn, wenige Hochsensible (20%) und viele „Normal“sensible Menschen (80%) zu haben.

Vereinfacht gesagt, stellen die Hochsensiblen also das Frühwarnsystem unserer Gesellschaft dar. Ich nenne sie die „Flimmerhärchen“. In vergangenen Gesellschaften hatten sie aus eben diesem Grund oft entsprechende Positionen – Priester, Medizinmänner/frauen, Heiler, Astrologen, Orakel, Magier, Künstler, Schriftsteller… Und auch heute noch findet man sie in „Rat-gebenden“ und kreativen Berufen.

 Und was hat das mit New Work zu tun?
Eine Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte ist, daß eben diese „Flimmerhärchen“ immer öfter in der Rolle der Rat-Suchenden zu finden sind, die erschöpft und ratlos aus dem System herausfallen. Und genau hier sehe ich eine Schnittstelle zum Thema New Work: es müssen neue Strukturen geschaffen werden, damit sich dieses vorhandene Potential entfalten kann. 

Ganz praktisch nehme ich an, daß sich im Kontext von New Work auch viele HSP engagieren. Motiviert durch die eigene, teils schmerzliche Erfahrung, zeigen sie der Gesellschaft auf, dass Gefahr im Verzug ist, wenn das bestehende System nicht transformiert wird.

Das ist toll und ehrenwert und sicherlich auch beglückend. Und dennoch gebe ich zu bedenken, daß Agilität und Flexibilität nicht mit „immer-zur-Verfügung-stehen“ verwechselt werden darf. Denn während die analoge Welt natürlichen Rhythmen (z.B. Tag/Nacht) unterliegt und klar verortet ist, ist die digitale Welt zeitlich und örtlich unbegrenzt, bzw. immer und überall „on“.  Dieser Umstand verleitet gerade die HSP dazu, zu denken, sie seien grenzenlos wo sie es nicht sind.

Ganz im Sinne der Achtsamkeit, die immer wieder in die „Erdung“ des gegenwärtigen Augenblick einlädt, gilt es auch in dieser wichtigen Aufgabe die eigenen Grenzen wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen, wahlweise sie zu ziehen und zu lernen, die Lust an der Stimulation aktiv zu begrenzen, um nicht in den Möglichkeiten der digitalen Grenzenlosigkeit zu erschöpfen.  

 

Im Vorwort des Buches von Eduard Schweingruber steht: „Es ist dem Büchlein gelungen, einer Reihe von solch sensiblen Menschen den Weg zu einer entspannteren und fruchtbareren Lebensweise zu zeigen.“. Wer sich also mit dem Thema „Hochsensibilität“ beschäftigen möchte und eventuell Wege für seinen Umgang damit sucht, kann das hier mit diesen Buchempfehlungen tun: 

Eine Anmerkung zu unseren Buchempfehlungen: wir sind sehr dafür, dass Bücher beim kleinen Buchladen um die Ecke oder auch bei Shops wie Buch7 (die mit 75% ihres Gewinns soziale Projekte unterstützen) gekauft werden. Wir benutzen hier aus praktischen Gründen Links zum Amazon-Shop, weil wir dann u.a. die Buchtitel im Rahmen des Partnerprogramms zeigen dürfen. Das heisst noch nicht, dass Ihr darüber auch bestellen müsst, aber wenn Ihr das tut, verwenden wir die Einnahmen daraus (5% auf jede Bestellung) für die Community-Arbeit von LES ENFANTS TERRIBLES.

joanna

von

Hallo! Ich bin Joanna und gehöre auch zu den ENFANTS TERRIBLES. Ich bin die Gründerin von RAUM FÜR ENTWICKLUNG, einem Reflexionsraum, in dem sich Methoden aus Coaching, Beratung und Therapie gegenseitig bereichern. Und mein Lieblingsthema ist "Wer bin ich und wie geht das?".

Kommentare (6)

  1. Liebe Joanna,

    vielen Dank für diesen Gedankenanstoß!

    Es klingt albern aber ich habe mich gleich mal „getestet“ bei http://www.hochsensibel-test.de/ und habe gespenstisch viele Parallelen gefunden. Ob nun für mich zutreffend oder nicht, ich finde den Ansatz sehr hilfreich, bewusst mit seiner Sensibilität umzugehen. Sich also besser zu verstehen, sich anderen verstehen zu geben und so Konflikte mit anderen Menschen vorzubeugen.

    • joanna

      Lieber Thomas,

      danke für Deine Rückmeldung! Zeigt sie doch, dass der Gedankenanstoß auf ein Gegenüber getroffen ist!
      Albern ist es gar nicht, den Test zu machen! Danke auch, dass Du den Link zu Verfügung gestellt hast. Meiner Erfahrung nach erkennen sich HSP auch ohne Test selbst schnell in dem Thema, aber der Test bietet eine gute Möglichkeit, eine „sachliche“ Einschätzung zu bekommen.

      Tatsächlich ist oft die größte Herausforderung als HSP zu lernen, sich selbst ernst zu nehmen. Sich nicht zu „belächeln“, bzw. die eigene Sensibilität abzuwerten. Die meisten HSP haben früh erlebt, daß ihre Eigenheiten belächelt oder auch verurteilt wurden („unser Sensibelchen“, „überempfindlich“, „anstrengend“, „hört die Flöhe husten“…), – was bei einer Verteilung von 20% zu 80% logisch ist. Selbst einem wohlgesonnen Umfeld fehlt das Verständnis für den Unterschied, auch seitens der HSP selbst. Keiner ist besser oder schlechter, einfach eben anders. Und damit gilt es umzugehen. Im besten Fall ist es für alle bereichernd.

      Viel Spaß beim bewußten Umgang, selbst-Verständnis und erkennen geben!
      Joanna

    • marion

      lieber thomas, hier auch noch ein buch, das ich dazu gelesen hatte. an manchen stellen fand ich es zugegebenermaßen etwas merkwürdig oder übertrieben, aber ganz viel darin hat mich angesprochen, und es hat mir geholfen, dinge (neu) einzuordnen. obwohl ich auch keine ahnung habe, ob ich hochsensibel bin … 🙂

      „Die Berufung für Hochsensible“ von Luca Rohleder

      • Liebe Marion, bzgl. des Buches von Luca Rohleder: es klingt für Nicht-HSPler möglicherweise merkwürdig, das kann ich nachvollziehen. Manches klingt ‚unglaublich‘, ich (und andere HSP) empfinden es jedoch – und gerade bei den ‚spooky’-Themen – als zutreffend und auch als erleichternd, dass genau diese Themen angesprochen werden. Die Kunst ist es, dies zu akzeptieren und zu nutzen! Für sich selber und für die Gesellschaft.

        • marion

          hallo elif, ja, da hast du total recht! als ich „neu“ mit diesem thema war, gab es für mich nur total viel einzusortieren und an manchen stellen eine echt überforderung. wie immer ist es bestimmt auch hier so, dass man die dinge aus so einem buch, einem austausch mit anderen herausziehen/finden muss, die für einen selbst gut und hilfreich sind.

  2. Pinkback: Thin Skin – Ballett für die Seele | mittwochs.online

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.