»Gemeinwohl first – ökologisches Wirtschaften ist möglich«

  • 22.05.2019
  • von christiane kuerschner
Ein Interview mit Philipp Wodara zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie als Antwort auf eine veränderte Arbeitswelt ...
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Kann das die Antwort auf den Kapitalismus sein? Wir haben mit Philipp Wodara zum Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) gesprochen, die eine ethische und ökologische Wirtschaft befürwortet.

Lieber Philipp, was genau ist “Gemeinwohl-Ökonomie” und wo kommt das her?

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist für mich eine der besten Antworten auf die Frage, wie eine transformierte, ethische und ökologische Wirtschaft aussehen könnte. Aufgrund der Dringlichkeit eines angestrebten Wandels wollen wir nicht auf die große Transformation warten. Demzufolge zeigen wir und ganz viele uns angeschlossener Unternehmen (>500 bilanzierte & >2.000 Mitgliedsunternehmen), Gemeinden und Hochschulen, dass ein nachhaltiges und soziales Wirtschaften schon heute möglich ist.
Ihren Ursprung hat die GWÖ in Österreich. Vor zehn haben sich 17 Attac-Unternehmen zusammengesetzt und sich der Frage gestellt, wie sie ihre verträgliche Art zu wirtschaften darstellen können.

Alle gängigen Nachhaltigkeitsberichte haben nicht ihrem Anspruch nach Vergleichbarkeit, Transparenz und der damit verbundenen Glaubhaftigkeit erfüllt. Ergebnis war die GWÖ-Matrix 1.0 und die erste Version des Buches von Christian Felber „Gemeinwohl Ökonomie“. Bis heute wurde und wird das Bilanzwesen demokratisch verbessert und wir erfreuen uns aktuell an der Bilanz 5.0. Ziel ist es, eine Bilanz zu entwickeln, die es ermöglicht, an die Gemeinwohl-Punktzahl Rechtsfolgen zu knüpfen, wie z.B. Begünstigung bei der Steuerzahlung, der Kreditvergabe oder dem Zugang zu öffentlichen Aufträgen. Wir haben große Fortschritte gemacht und sind auf einem sehr guten Weg.

Was genau machen Unternehmen, die Teil der GWÖ-Bewegung sind anders? 

Von den über 500 bilanzierten Unternehmen kenne ich nur einen Bruchteil und allen voran nur die Berliner und Brandenburger Unternehmen. Es ist von daher schwer zu sagen, was diese anders machen. Ich würde es mit dem großen Begriff der Achtsamkeit umschreiben. Die Unternehmen die ich kenne, sind einfach rücksichtsvoller im Umgang mit diesen Planeten sowie den Lebewesen, welche darauf leben und das auf ihre individuelle Art und Weise.

Als Beispielunternehmen werden sehr häufig VAUDE und das Märkische Landbrot genannt. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung erstellt regelmäßig eine Studie zu den besten und glaubhaftesten Nachhaltigkeitsberichten. Von allen Unternehmen in Deutschland hat VAUDE den ersten und das Märkische Landbrot den fünften Platz belegt. Das sind beeindruckende Aussagen von einem externen Institut

Doch auch innerhalb der GWÖ gibt es Bestrebungen, die Leistungen der einzelnen Organisationen noch mehr hervorzuheben. So hat beispielsweise der “Arbeitskreis Bildung” ein Best Practice-Spiel entwickelt, mit dessen Hilfe viele Unternehmen ihre guten Beispiele darstellen können und die GWÖ spielerisch erfahren werden kann. Auch ein Good Practise-Buch ist gerade in der Entwicklung.


Was sind die drei wichtigsten Werte einer Gemeinwohl-Ökonomie?

Ein Blick auf die GWÖ-Matrix zeigt, dass ich mich nicht auf drei Werte beschränken kann. Die Werte der GWÖ fußen auf den wichtigsten Werten aller modernen demokratischen Verfassungen. Somit muss sich jeder Bilanzierende entlang seiner Berührungsgruppen mit den Werten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, der ökologischen Nachhaltigkeit sowie Mitbestimmung und Demokratie auseinandersetzen.

Welche  praktischen Veränderungen stehen dann in den Unternehmen an, die sich ehrlich um die Durchsetzung dieser Werte bemühen? Und was erlebst du in diesen Veränderungsprozessen?

Die meisten praktischen Veränderungen können Unternehmen erfahren, wenn sie ihre Bilanz mit 4 bis 6 anderen Unternehmen, in einer sogenannten Peer-Gruppe, erstellen. Hier können sie sich mit anderen Good Practise-Beispielen vertraut machen und diese Konzepte sofort umsetzen.  
Es ist schwer, einen Punkt besonders hervorzuheben. Mit Blick auf einen gerade vorherrschenden Fachkräftemangel stellt sich heraus, dass sehr viele GWÖ-Unternehmen diesen Mangel nicht verspüren. Sie geben den Menschen, die in ihrem Unternehmen arbeiten, das starke Gefühl, einen Job mit Sinn durchzuführen. Dies ist in der oftmals sinnentleerten Welt ein Kriterium, was den erheblichen Unterschied macht.


Auch der Matrix-Bereich E1 “Menschenwürde in Bezug auf das gesellschaftliche Umfeld” hat es in sich. Hier wird nach dem Sinn des Unternehmens und der Produkte gefragt. Es ist sehr wichtig, aber auch anspruchsvoll, die ethischen Aspekte der Arbeit und des Unternehmens zu hinterfragen, um sich und den eigenen Anspruch daran zu reflektieren.

Wie groß ist die Gemeinwohl-Ökonomie-Community in Deutschland?

In Berlin haben wir fast 50 Mitgliedsunternehmen sowie etwa. 150 Privatpersonen, die Mitglied sind. Den nationalen Blick sehe ich als nicht so wichtig an. Die GWÖ-Bewegung ist eine internationale Bewegung, die sich mittlerweile in vielen Ländern dieser Erde finden lässt.

Sie umfasst ungefähr 11.000 Unterstützende, 4.000 Aktive in über 150 Regionalgruppen, 500 bilanzierte Unternehmen, 60 Gemeinden und Städte sowie 200 Hochschulen, die die Vision der GWÖ verbreiten, umsetzen und weiterentwickeln. Die Tendenz ist hierbei klar steigend.

Greta Thunberg und die Fridays for Future, ein SPD-Politiker, der die Verstaatlichung von Konzernen fordert und immer mehr Menschen, die für Biodiversität auf die Barrikaden gehen. Ist jetzt die Stunde der Veränderer und der Gemeinwohl-Ökonomie gekommen?

Ich hoffe, dass wir irgendwann in vielen Jahren zurückblicken können und sagen können: „Puh in den Jahren 2019/2020 haben wir (die Menschen) den Karren gerade nochmal aus den Dreck gezogen.“ Die GWÖ kann hierfür eine enorme Unterstützung sein und ja, die Zeit ist mehr als reif. Wobei mir es am Ende ziemlich egal ist, ob nun die GWÖ, die solidarische Ökonomie, die Postwachstumsökonomie, Donot, … den Ausschlag gegeben hat. Wichtig ist, dass es passiert. 

Menschen wie Greta und auch Kevin muss gedankt werden. Greta hat es mit ihrer Art geschafft, vielen Menschen die Augen zu öffnen und zu mobilisieren. Angeblich unpolitische Menschen (einen Eindruck, den ich schon davor nicht geteilt habe) gehen auf einmal auf die Straße und setzen sich für ihre Zukunft ein. Sie hinterfragen sich selbst, stellen sukzessive ihre Lebensweise um und regen Familie, Freunde und letztendlich auch große Teile der Gesellschaft an, es ihr gleich zu tun. Es ist herrlich mit anzusehen, mit welcher Kreativität, Begeisterung und friedlichem Umsturzwillen die Bewegung groß geworden ist und hoffentlich stetig weiterwächst. 

Kevin Kühnert hat mit seinen Äußerungen eine Diskussion ausgelöst, die er sich so in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt haben wird. Er scheint einen Nerv getroffen zu haben. Anscheinend merken nun die, die sich angesprochen fühlen, dass in Zukunft einiges verändert werden muss. Sie haben Angst, ihre Machtstellung zu verlieren und ihr Vermögen aufzuteilen.

Und genau hier muss der Hebel angesetzt werden, sonst werden wir rückblickend auf die Jahre 2019/2020 wohl nicht mit viel Stolz schauen können. Ich hoffe sehr, dass sich viele Menschen Graswurzelbewegungen wie der GWÖ, Friday for Future, EndeGelände, Extinction Rebellion,… anschließen und mithelfen, diesen Planeten mit seiner Einmaligkeit zu erhalten.

Kritiker sagen, dass eine weitreichende Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie in ein völliges Chaos und Wirtschaftskrisen führen. Was erwiderst du ihnen?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die GWÖ oder andere Bewegungen dieser Art etwas mit der Finanzkrise zu tun hatten. Die größte weltweite Wirtschaftskrise der letzten Jahre wurde vom absoluten Turbokapitalismus und dessen unmoralischer Logik ausgelöst. Dabei haben Geldinstitute maßlos gezockt, um ihre Gewinne exorbitant zu steigern. Diese Krise endete in einem Chaos. Und wer musste dafür zahlen, um diese Krise zu überwinden? Natürlich die unbeteiligte Bevölkerung.

In kürzester Zeit wurden hunderte von Milliarden Euro Steuergelder zur Verfügung gestellt, um dieses System zu retten und stützen. Demgegenüber fehlt dieses Geld für Investitionen in die Bildung, dem Naturschutz und die Abwendung der Klimakrise. Das die GWÖ auch im Business Modell funktioniert, bestätigt eine Studie der Universität Valencia welche auf Anfrage sehr gerne übermittelt werden kann.

Wie unterstützt die GWÖ Berlin-Brandenburg interessierte Unternehmen bei der Umsetzung?

Für die Unterstützung der Unternehmen ist maßgeblich die Arbeitsgruppe der Berater*innen zuständig. In Erstgesprächen wird das Potenzial, der Nutzen und natürlich auch der Aufwand für das Unternehmen erörtert. Es werden die drei Wege zur Bilanz (Einzelaudit ohne Beratung, Einzelaudit mit Beratung sowie das oben angedeutete Peer-Gruppen-Verfahren) aufgezeigt.

Darüber hinaus vernetzen wir die Unternehmen, stehen mit unserer Expertise zur Verfügung und helfen den Bericht zu erstellen. Auch im eigenen Interesse ist es unser Bestreben, die Bekanntheit zu erhöhen. Dieses machen wir u.a. mit einer jährlichen Pressekonferenz, der Teilnahme an Demonstrationen und unserer großen Konferenz im November. Die Regionalkonferenz 2019 in Berlin-Brandenburg wird vom 29. bis 30.11.2019 stattfinden, wie auch in Mittel- und Norddeutschland. Für Interessierten findet jeden 25. im Monat der GWÖ-Schnupperabend statt, für Aktive gibt es an jedem 15. ein Plenum. Die verschiedenen AGs (Beratende, Kommunikation, Referierende, Strategie, Wissenschaft, Wirtschaftskonvent) treffen sich monatlich, es gibt immer etwas zu besprechen.



Philipp Wodara (35)ist Berliner und verfolgt die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie seit 2013. Seit 2016 ist er aktiv dabei und mittlerweile Vorstand der Gemeinwohl-Ökonomie Berlin-Brandenburg e.V. und Mitwirkender der AG Kommunikation und Berater*in.

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