Experimentierräume gestalten

Im Januar 2019 wurden im Rahmen der Konferenz „Wir gestalten Zukunft“ die Ergebnisse des WING-Projektes vorgestellt. WING ist die Abkürzung für „Wissensarbeit im Unternehmen der Zukunft nachhaltig gestalten“. Das Forschungsprojekt, in dem es um die Gestaltung von Veränderung in Zeiten von Digitalisierung geht, wurde vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF) seit 2014 durchgeführt; unterstützt und gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BAMS) im Rahmen der „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ (INQA).

Zu den Ergebnissen der Forschungsarbeit des WING-Projektes haben wir ein Interview mit Dr. Kira Marrs und Dr. Tobias Kämpf vom ISF München geführt.

 

Dr. Kira Marrs / Photo by ISF München, Ingo Cordes

Dr. Tobias Kämpf / Photo by ISF München, Ingo Cordes


Vor 5 Jahren haben Sie Ihr Forschungsprojekt WING gestartet. Was war der Auslöser für das Projekt? Wer war der/die Initiator*in? Und welche “Vorgaben” gab es zum Start?

Tobias Kämpf: Unsere Ausgangsüberlegung war, dass der Aufstieg des Internets einen grundlegenden Umbruch für die Wirtschaft bedeutet. Mit dem Internet ist ein global verfügbarer Informationsraum entstanden, der die Menschen völlig neu miteinander vernetzt und die Digitalisierung in der ganzen Gesellschaft rasant voran getrieben hat. Dies hat, wie wir heute wissen, die Ökonomie weltweit auf den Kopf gestellt – und zwar nicht nur mit Blick auf neue Geschäftsmodelle, sondern vor allem mit Blick auf die Arbeitswelt. Wir wollten verstehen, was dies konkret bedeutet. Wir wollten wissen, wie Unternehmen sich mit der Transformation neu erfinden, welche Folgen dieser Umbau für die Arbeit hat und wie die Menschen diesen Wandel erleben. Das war die Ausgangssituation für WING.

Kira Marrs: Man muss sehen: Auch in der Wissensarbeit waren damals schon völlig neue Trends auf dem Vormarsch: agile Methoden, Vernetzung in Communities, Arbeiten anytime – anyplace. Sie veränderten die Organisation von Arbeit, aber auch die berufliche Identität von Hochqualifizierten, die Gestalt ihres Arbeitsplatzes, ihre Work-Life-Balance, ihre Führungskultur und das Karrieresystem. Wir wussten, dass diese Entwicklung neue Möglichkeiten bietet, die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Wir wussten aber auch: Dies ist kein Selbstläufer. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit Vorreiterunternehmen auf den Weg gemacht, um diese neue Arbeitswelt aktiv mit innovativen und nachhaltigen Konzepten zu gestalten. Unser Ziel ist es, den digitalen Wandel in Unternehmen und Gesellschaft nachhaltig zu bewältigen und die Menschen in allen entscheidenden Handlungsfeldern an der Gestaltung zu beteiligen.

Wie wurde das Forschungsprojekt aufgesetzt und durchgeführt? Was waren die Bestandteile? Beschreiben Sie uns doch kurz die Rahmenbedingungen und das Vorgehen.

Tobias Kämpf: Wir haben uns auf fünf Handlungs- und Lernfelder fokussiert, die maßgeblich über die Zukunft der Arbeitswelt entscheiden: „Arbeitsorganisation und Innovation“, „Arbeitsplatz der Zukunft“, „Arbeit und Leben“, „Führung, Verantwortung und berufliche Entwicklung“ sowie „Anerkennung und Sicherheit“. Diese Felder haben wir gemeinsam mit den Beschäftigten, Führungskräften, dem Management und der Interessenvertretung von Vorreiterunternehmen wie der Robert Bosch GmbH bearbeitet. Wir haben nicht nur nach Good Practices für eine beteiligungsorientierte Gestaltung gesucht, sondern auch innovative Instrumente entwickelt, welche die Menschen dazu befähigen, die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt selbst in die Hand zu nehmen. So sind die Betrieblichen Praxislaboratorien entstanden, die mittlerweile erfolgreich in der Praxis erprobt sind und der Wirtschaft für einen breiten Einsatz zur Verfügung stehen.

Die am Projekt beteiligten Unternehmen haben Lern- und Experimentierräume eingerichtet? Wie muss man sich das genau vorstellen? Wie ist die Idee dazu entstanden? Gab es dafür Vorgaben oder Ideen von Ihrer Seite?

Kira Marrs: Die betrieblichen Praxislaboratorien sind kein Konzept, das am Reißbrett entworfen wurde. Wir haben es in der Praxis entwickelt, in verschiedenen Unternehmen pilotiert und in vielen Lernschleifen weiter verfeinert. Mit diesen Laboratorien machen wir die Menschen zu Gestalterinnen und Gestaltern ihrer eigenen Arbeitswelt. Die Labs sind ein strategisches Instrument, mit dem Unternehmen den Umbruch in die digitale Arbeitswelt sozialpartnerschaftlich und gemeinsam mit den Beschäftigten gestalten können. Es gibt viele Anwendungsbeispiele von der Einführung neuer digitaler Tools über neue Formen der Arbeitsorganisation bis hin zur Entwicklung neuer Führungskonzepte. Wichtig ist: Diese Themen werden nicht von oben diktiert oder von uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgegeben, sondern von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst gesetzt und dann in selbstorganisierten agilen Pilot-Teams bearbeitet. Diese Teams haben wir in den Unternehmen initiiert und während der Pilotphase sozusagen als agile Coaches begleitet.

Sie schildern 3 Erfolgsprinzipien für eine gute Gestaltung des digitalen Wandels: die Beteiligungsorientierung (die Menschen stehen im Mittelpunkt), Agilität und Sozialpartnerschaft. Können Sie zu den 3 Punkten etwas sagen? V.a. warum sie so wichtig sind. Wo haben Sie im Projekt gute Lösungen für diese 3 Punkte gesehen?

Tobias Kämpf: Es gibt für die Bewältigung des digitalen Umbruchs keinen Masterplan. Dies gilt im Übrigen nicht nur für Unternehmen, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Die Labs arbeiten deshalb in einem agilen Setting in Sprints von 4-8 Wochen. Schritt für Schritt wird so an neuen Lösungen gearbeitet und immer wieder neu gelernt, was wirklich funktioniert. Im Zentrum der Labs stehen die Beschäftigten selbst. Sie erproben und entwickeln eigenständig in der Praxis die digitale Arbeitswelt der Zukunft. Unsere Erfahrung ist, dass die entscheidende Grundlage für eine erfolgreiche Transformation letztlich Vertrauen ist. Ein sozialpartnerschaftlich besetzter Lenkungskreis aus Management und Betriebsräten bildet deswegen die Basis für die Arbeit der Labteams. Er sorgt für Nachhaltigkeit und auch dafür, dass die Ergebnisse auch in der Fläche umgesetzt werden.

Sie sprechen davon, dass wir jetzt ein “historisches Zeitfenster” haben, in dem es darum geht vom Umbruch zum Aufbruch zu kommen. Finden Sie, wir sind v.a. in Deutschland schon “zu spät” dran, das Thema “Digitalisierung” aktiv und gut zu gestalten? Was müsste sich auf einer vielleicht größeren Ebene dazu auch verändern?

Kira Marrs: Klar ist: Die Zeit drängt. Entscheidend ist zunächst, überhaupt zu realisieren, dass wir vor einem echten Paradigmenwechsel stehen. Statt das Bestehende immer weiter zu optimieren, müssen Unternehmen heute ihre vertrauten Pfade verlassen und Neuland gestalten lernen. Anders als die Start-ups im Silicon Valley können sie damit aber nicht auf der „grünen Wiese“ beginnen. Die Unternehmen in Deutschland können oft auf eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte zurück blicken. Die größte Herausforderung für sie ist es deshalb, den Umbruch ausgehend von ihren gewachsenen Strukturen einzuleiten. Sie müssen die Belegschaften mitnehmen und die Transformation sozusagen am offenen Herzen vollziehen, also im laufenden Geschäft und unter hohem ökonomischem Druck. In diesem offenen Transformationsprozess helfen ihnen die bewährten Change-Routinen und der klassische Roll-Out einer „Reorg“ nicht weiter. Was ist unser eigener Weg? Was müssen wir bewahren. Was müssen wir grundlegend neu denken? Diesen grundlegenden Fragen müssen Unternehmen sich nun stellen.

Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, dass das WING-Projekt für Sie “ein Glücksfall” war. Warum ist das so?

Kira Marrs: Die Digitalisierung forciert einen historischen Umbruch, der nicht nur die Wirtschaft, sondern die Gesellschaft als Ganzes umfasst und den es in dieser Qualität seit der industriellen Revolution nicht mehr gegeben hat. Wir leben also in einer auch für die Wissenschaft unglaublich spannenden Zeit. WING hat uns als Soziologinnen und Soziologen und als Arbeitsforscher und Arbeitsforscherinnen die Chance gegeben über einen relativ langen Zeitraum die Neueinstellung der Wirtschaft zu begleiten.

Tobias Kämpf: Empirisch betrachtet war dieses Projekt eine regelrechte Fundgrube: Wir haben hunderte von Interviews führen können – mit Führungskräften, Betriebsräten und natürlich auch den Beschäftigten. Und wir konnten dabei eine riesige Bandbreite abdecken: Wir waren in der IT-Branche, aber auch in der Automobil-, Elektro- und Maschinenbauindustrie unterwegs. Große Konzerne haben uns ihre Türen geöffnet, aber auch kleine Handwerksunternehmen oder Start-ups. Es ist ein Projekt, dass uns nachhaltig geprägt hat.

5 Jahre sind in Zeiten der Digitalisierung und VUCA-Welt ganz schön lange. Wie haben Sie diese Zeit und die Veränderungen im Rahmen Ihres Projektes erlebt? Was hat sich über die Zeit in Ihrer Wahrnehmung oder Ihrem Erleben verändert?

Kira Marrs: Wir erleben die Digitalisierung als einen tiefgreifenden disruptiven Wandel, der längst auch die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht erfasst hat. Diese Dynamik hat sich in den letzten fünf Jahren weiter verstärkt. Wir haben im Laufe dieser Zeit vor allem zwei Dinge gelernt. Zum einen geht dieser Umbruch in seiner Bedeutung über das einzelne Unternehmen hinaus und fordert die Gesellschaft insgesamt heraus, die gegenwärtig um ihren Zusammenhalt kämpft. Zum zweiten sind wir auf viel Verunsicherung und Ängste gestoßen. Wir haben erlebt wie die Menschen sich als Getriebene, als Spielball einer technischen Entwicklung fühlen, der sie mehr oder minder ausgeliefert sind. Und dies zusammen genommen bestärkt uns in der These, die eigentlich unsere gesamte Forschung bestimmt: Wir müssen diesen Umbruch nachhaltig bewältigen und gemeinsam mit den Menschen in eine neue digitale Arbeitswelt aufbrechen. Ohne diese Beteiligung wird die Transformation nicht gelingen.

Was sind Themen, an denen Sie aktuell bzw. als nächstes arbeiten? Und was finden Sie spannend oder herausfordernd daran?

Kira Marrs: Die Digitalisierung und ihre Folgen für die Gesellschaft werden uns sicherlich noch lange beschäftigten. Gerade haben wir ein neues Forschungsprojekt gestartet – #WomenDigit. Hier wollen wir an einem Positiventwurf für eine gendergerechte digitale Arbeitswelt der Zukunft gemeinsam mit Vorreiterunternehmen arbeiten. Wir sehen die Digitalisierung als Chance, um mit den alten Strukturen und Kulturen auch die alte geschlechtsspezifischen Begrenzungen aufzubrechen. Dazu wollen wir Frauen zu Gestalterinnen der digitalen Arbeitswelt machen. Dies bedeutet nicht nur, die Interessen und Perspektiven von Frauen gezielt in den Blick zu nehmen. Frauen sollen darüber hinaus zu zentralen Akteurinnen der digitalen Transformation werden. Und auch hier setzen wir auf das Konzept der Betrieblichen Praxislaboratorien.

Tobias Kämpf: Mit dem digitalen Umbruch geraten Verhältnisse und Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt in Bewegung. Dies öffnet historische Chancen für einen Perspektivwechsel. Es gilt heute, Arbeit wieder wirklich neu zu denken. Gefragt ist eine Zukunftsvision, die die Digitalisierung und die Emanzipation der Menschen neu zusammenbringt: Wie können wir die Potentiale der Digitalisierung nutzen für viel bessere Arbeitsbedingungen? Wie können wir damit Arbeitsplätze gestalten, die das Leben bereichern? Wie schaffen wir damit mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft und mehr Empowerment für die Beschäftigten? Dann ginge es bei der Digitalisierung in erster Linie gar nicht um Technik, sondern um Kommunikation, um Miteinander, um Ausprobieren, um neue Ideen, um eine bessere Welt. So könnte aus dem digitalen Umbruch ein gesellschaftlicher Aufbruch werden, der den Menschen wieder Lust auf Zukunft macht.

Vielen Dank für das Interview an Dr. Kira Marrs und Dr. Tobias Kämpf!

Weiterführende Informationen über das Projekt gibt es unter www.wing-projekt.de sowie www.inqa.de. Und hier ist ein Ordner mit Materialien zum WING-Projekt (die abschließende Präsentation und das Redemanuskript sowie das Programm der Abschluss-Konferenz).